
Seit ihrer Kindheit träumt Joan Goodwin von den Sternen. 1980, mittlerweile Professorin für Astrophysik, wagt sie den Schritt ihres Lebens und bewirbt sich als eine der ersten Frauen für das Space-Shuttle-Programm der NASA. Dort trainiert sie nicht nur für ihren ersten Flug ins All, sondern findet auch eine Liebe, die zwar so mächtig ist wie ihre Liebe zu den Sternen, die aber dennoch nicht sein darf.
Mit Büchern wie „Die sieben Männer der Evelyn Hugo“ und „Carrie Soto is back“ landete Taylor Jenkins Reid in den vergangenen Jahren einen Bestseller nach dem anderen; „Daisy Jones and The Six“, eine Hommage an Fleetwood Mac, wurde sogar mit hochkarätiger Besetzung als Serie verfilmt. Auch literaturaffine Kritiker und vor allem die reichweitenstarken Buchcommunities auf Instagram und TikTok zeigen sich stets begeistert.
Die besondere Macht, die ihre Bücher auf die Leser hat, bleibt dabei jedoch immer ein wenig Reids Geheimnis:
Ist es ihre stets hochinteressante Auswahl der Handlungsstätten (Hollywood der Sechziger, Rockband in den Siebzigern)?
Ihre spannende, aber nicht reißerische Erzählweise, die es kaum möglich macht, das Buch zur Seite zu legen?
Die ausdrucksstark-schöne, aber niemals kitschige Spracharchitektur?
Oder das Gesamtbild aus all diesen Aspekten?
Was es auch sein mag, unbestreitbar klar ist, dass Taylor Jenkins Reid mit „Atmosphere“ wieder ein Clou gelungen ist.
Indem er mit einem Unglück, angelehnt an die Challenger-Katastrophe 1986, beginnt, gelingt es dem Roman gleich von Anfang an, seine Leser zu fesseln. Folgend wird rückblickend von den Jahren zuvor erzählt: Von Joans Werdegang zur NASA, den Freundschaften, die sie schließt, dem Widerstand, gegen den sie ankämpfen muss, und von dem Erblühen einer ganz besonderen Liebe.
Wie nicht selten in Reids Büchern baut sich diese langsam auf und interessant ist hier vor allem, wie Joan erst sehr spät etwas klar wird, was man als Leser beinahe schon seit der ersten Begegnung zwischen ihr und ihrer großen Liebe weiß.
Dies macht eine ganz besondere Spannung aus, da so nicht nur auf den Moment hin gefiebert werden kann, in dem es „endlich so weit ist“, sondern auch auf den Moment, in dem Joan endlich bewusst wird, wer sie wirklich ist. Und dies betrifft nicht nur ihre Liebe, sondern auch andere Aspekte ihres Seins.
Denn Joan Goodwin ist zwar einerseits eine zurückhaltende, eher introvertierte Persönlichkeit, die dennoch oft genug den Mut aufbringt, für sich und andere einzustehen. Gelingt ihr letzteres fast problemlos, ist es eine besondere Faszination, sie zu dem Augenblick zu begleiten, als sie endlich für sich selbst einstehen kann. Dies erweckt fast den Zauber einer Coming-of-Age-Geschichte und verdeutlicht, dass es schlicht egal ist, wie alt man ist; Potenzial zum Wachsen ist immer da.
„Weißt du, was der Unterschied zwischen Tapferkeit und Mut ist?
[…]
Tapferkeit bedeutet, keine Angst vor etwas zu haben, vor dem andere Angst haben. Mut bedeutet, Angst zu haben, aber stark genug zu sein, es trotzdem zu tun.“
Joan steht aber nicht nur für die Emanzipation einer einzelnen Person, sondern auch sinnbildlich für die einer ganzen Gesellschaft. Nicht nur technisch brachte die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts große Entwicklungen, auch in anderen Bereichen brachte sie Fortschritte. Dargestellt wird dies von fast allen Figuren, die zwar alle in einem Buch versammelt ein wenig erdrückend wirken mögen, jedoch notwendig sind, um Gesellschaftsaspekte zu skizzieren, die nicht nur damals in den Achtziger Jahren die Köpfe vieler beherrschten.
Da ist zum Beispiel Joans Schwester Barbara, die ihren Wert vor allem in ihrer Wirkung auf Männer bemisst und sich, so unterlegen sie sich ihrer Schwester auch sonst fühlen mag, gerne darauf berufen kann, dass Joan wohl nie die echte Liebe eines Mannes erfahren wird; im Gegensatz zu ihr, die keine Probleme hat, ihre Tochter für den vermeintlich richtigen Mann zu verlassen.
Da sind die Männer innerhalb der NASA, die ihre Unsicherheit bezüglich Frauen mit logischem Verstand mit unangenehmen Kommentaren zu überdecken versuchen.
Und Lydia, eine Kollegin Joans, die glaubt, indem sie andere Frauen permanent kritisiert, niedermacht und herzhaft über die wenig lustigen, viel mehr übergriffigen Witze lacht, sich den Respekt der männlichen Kollegen zu verdienen.
Und in all diesen verschiedenen Charakterschichten, über die man sich zuweilen amüsieren, ärgern oder wieder entdecken kann, offenbart sich vielleicht der geheime Zauber, der Reids Bücher ausmacht: Es gelingt ihr, Menschen in ihren düstersten, ehrlichsten, aber auch schönen Facetten abzubilden.
„Atmosphere“ erzählt nicht nur von der Verschiebung der Schwerkraft zwischen den Welten, sondern auch von der in unseren Köpfen.
Das Buch macht Mut, sich seinen Ängsten zu stellen, seine Träume zu verfolgen und sich der unendlichen Macht des Universums anzuvertrauen. Und es macht Hoffnung; Hoffnung auf die Zukunft und darauf, dass es sich lohnen kann, weit zu reisen, um letztlich sich selbst und so viel mehr zu finden.
„Ich kreiste zweihundert Meilen über der Erde, und alles, was ich wollte, war nach Hause zu kommen und dich zu sehen. […] Verstehst du, dass du für jemanden alles bist, was auf diesem gesamten Planeten von Bedeutung ist?“
Cover © Ullstein Taschenbuch

Wertung: 13/15 dpt
Autor: Taylor Jenkins Reid
Titel: Atmosphere
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Erschienen: 03/2026
Einband: Broschur
Seiten: 416
ISBN: 978-3-548-07471-9
Sonstige Informationen:







