Tanja Raich – Schwerer als Licht (Roman)

Diesem Roman gerecht zu werden, fällt mir sehr schwer. Einerseits hatte ich enorme Probleme, dem Text von Tania Raich inhaltlich zu folgen, da es quasi so gut wie keinen nacherzählbaren Inhalt gibt, andererseits hat mich Raichs bildgewaltige Sprache unfassbar stark in ihren Bann gezogen und dieser Sog war es denn auch, der mich durch den Text getragen hat.

Am Ende frage ich mich, was ich da überhaupt gelesen habe? Eine Dystopie? Eine Parabel? Alles an dieser Geschichte ist rätselhaft.

Raich nimmt uns mit auf eine unbekannte, exotische Insel. Ein Ort, den die Autorin in sinnlichen Bildern als von überbordender Schönheit und voller Leben darstellt. Inmitten dieses Paradieses lebt eine Frau, auch sie ohne Namen, und von Beginn an ist klar: Alles an diesem Ort ist einem unaufhaltsamen Verfall anheimgegeben. Es gibt kein Entrinnen. Die Insel stirbt und mit ihr jedes Leben.

Raich wechselt zwischen Ich-Erzählerin und auktorialem Erzählen, d.h. mal erlebt man das Geschehen unmittelbar durch den Blick der Frau, mal beobachtet man sie von außen. Doch weder die eine noch die andere Perspektive erzeugen Klarheit.

Im Rückblick wird berichtet, wie sie Kontakt zu anderen Menschen hatte, ein Mann spielt eine Rolle, ein geheimnisvolles Mädchen taucht immer wieder auf. Doch die Beziehung zu anderen Personen ist problematisch. Die Frau fühlt sich bedroht, sie verschanzt sich und auch die anderen reagieren auf sie mit feindseligem Mißtrauen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Protagonistin selbst ist keine zuverlässige Erzählerin ist. Sie erklärt nichts, ihr Handeln erscheint wahnhaft. Man fragt sich: Erzeugt ihr Erzählen keinen Zusammenhang, weil sie den Verstand verliert oder verliert sie den Verstand, weil die Welt um sie herum den Zusammenhang verliert.

Raich spielt mit verschachtelter Symbolik, mit Andeutungen, mit archaischen Elementen, die sie mit sinnlichen Bildern transportiert. Vieles ist redundant. Aber auch dieser Zwang zur Wiederholung verstärkt den erzählerischen Sog.

Der Text bietet unfassbar viel Raum zur Interpretation. Geschickt entzieht er sich jeder klaren Deutung. Ist er eine Parabel auf den Klimawandel, wie in einigen Rezensionen zu lesen ist? Eine Art Urlegende, die Außenseitertum beschreibt? Die dem Urspung von Angst und Mißtrauen nachgeht? Dem Verlust menschlichen Zusammenhalts? Wer nach klaren Antworten sucht, sollte die Finger von diesem Buch lassen. Wer bereit ist, offene Fragen und unbequeme Widersprüche auzuhalten ist hier genau richtig.

  • Autorin: Tanja Raich
  • Titel: Schwerer als Licht
  • Verlag: Karl Blessing Verlag
  • Erschienen: August 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 192 Seiten
  • ISBN: 978-3896677358

Wertung: 11/15 dpt

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