Ein Familiengeheimnis belastet über Jahrzehnte

Brooklyn, New York. Es ist der 16. August 1986 als Saverio „Sav“ Franzone seine Frau Risa und den Säugling Fab mit einer Pistole bedroht. Die Pistole ist nicht geladen, Sav stark betrunken, aber diese Form der Verrohung und Bedrohung ist neu, wobei die Ehe schon lange zerrüttet ist. Sav hat ein Verhältnis mit Sandra, will mit dieser gar für immer verschwinden. Risa kann ihr Glück kaum fassen. Doch am Abend eskaliert die Situation erneut, Sav bedroht Risas Schwester Julia und als er beginnt, diese in der Küche würgt, schlägt Risa mit einer Eisenpfanne zu.
Savs bester Freund Christopher „Chooch“ Giardini wohnt mit seiner Mutter auf der anderen Straßenseite und eilt zur Hilfe, denn seit geraumer Zeit merkt er, dass Sav endgültig vom rechten Weg abgekommen ist. So schlimm war es noch nie, wie ein Einbruch jüngst bei Gilly the Gambler belegt, dem man rund sechstausend Dollar stahl. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Chooch schon lange heimlich in Risa verliebt ist, weswegen er gerne bereit ist zu helfen. Heißt konkret, dass er mit Risa und Julia im entfernt gelegenen Zweithaus seiner Eltern den Leichnam begräbt.
„Angeblich hat er was mitgehen lassen, was nicht ihm gehört, wenn ich es richtig verstanden hab. Und außerdem hat er offenbar zu Joeys Nichte ein paar unschöne Dinge gesagt.“
„Mein Gott.“
„Ja, den kann man immer gebrauchen.“
Fortan lebt man mit der Lüge, dass Sav nach dem Einbruch die Flucht ergriffen hat und dabei Frau und Kind zurückließ. Sav selber hatte zuvor in einer Kneipe namens Crisscross seinen Abschied angekündigt. Allein, Sandra glaubt der Erzählung nicht, denn er wollte sie ja mitnehmen. Das Geschehen bleibt ungeahndet, das Leben geht weiter. Bis zum 13. November 1998. Es ist Choochs einunddreißigster Geburtstag, doch die Party fällt ins Wasser, denn plötzlich steht Roberto, der ältere Bruder von Sav, bei Risa in der Tür. Sieben Jahre zuvor verließ er fluchtartig Brooklyn, nachdem er Jimmy Tomasullo erst den Tresor leerräumte und dann mit dessen Frau durchbrannte. Es scheint in der Familie zu liegen. Aber jetzt ist Roberto zurück und will Antworten. Vor allem auf die wichtigste Frage: Was geschah mit Sav?
Zwischen Hoffen und Hoffnungslosigkeit
„Heilige der Narrows Street“ ist der bereits sechste, im Polar Verlag erschienene Kriminalroman von William Boyle, der wie alle Vorgänger in Brooklyn spielt, jenem Teil von New York, in dem der Autor aufwuchs. Das Zentrum der Handlung ist der von Italienern dominierte Stadtteil, Mobster inklusive, der von der Kirche und Schule „Our Lady of Perpetual Surrender“ (Unsere Dame von der ewigen Kapitulation) und der heruntergekommenen Crisscross dominiert wird. Jedenfalls sind es die prägenden Orte der Handlung, wenn man von Risas Wohnung und vor allem deren Küche absieht.
Boyle bedient sich einer besonderen Erzählweise, denn er beschränkt sich auf wenige Tage. Zwei rund um Savs Tod 1986, Choochs Geburtstag 1991, den 13. November 1998 (einen Tag vor Julias geplanter Hochzeit) sowie dem 24. und 25. Juli 2004; zwei weitere Tage, an denen die griechisch anmutende Tragödie ihren traurigen Höhepunkt erlebt. Fab ist da inzwischen achtzehn Jahre alt und will endlich wissen, was mit seinem Vater geschah. Was in der Zeit zwischen den sechs Tagen der Erzählung passiert, erfährt man in Ansätzen rückwirkend über etliche Dialoge.
„Joey Sends hat einen gewissen Ruf.“
„Bringt er Leute um?“
„Ich weiß nur, dass er daher seinen Namen hat. Ein Sendbote des Todes.“
Es geschehen, es ist bei weitem kein Spoiler, etliche Verbrechen und Dramen in einem personell überschaubaren Umfeld, deren Figuren in ihrem Viertel gefangen sind. Das Leben spielt sich in Brooklyn innerhalb weniger Blocks ab, der Traum von der weiten Welt und sei damit nur die City von New York gemeint, bleibt für viele genau dies; ein Traum. Allein Roberto gelingt die Flucht, wonach sein Leben, so viel Konsequenz muss sein, erwartungsgemäß scheitert, weswegen er sieben Jahre später zurückkehrt. Vergessen hat ihn in Brooklyn niemand, schon gar nicht Jimmy Tomasullo, der inzwischen vollends dem Alkohol verfallen ist. Hierin sehen übrigens auffällig viele Figuren die rettende Lösung, wie beispielsweise Julia, die täglich im Crisscross einkehrt. Hier hängen die ewigen Verlierer ab oder wie Marcus Müntefering in seinem (wie immer) lesenswerten Nachwort schreibt: „Lauter in Alkohol marinierte verlorene Träume.“
Eine Sozialstudie ist „Heilige der Narrows Street“ nur bedingt, wenngleich Boyle äußerst realistisch und exakt an den Figuren entlang schreibt. Diese werden in wechselnden Perspektiven in das Zentrum des Geschehens gestellt, um den Spannungsbogen zu erhöhen. Apropos Spannung. Ein Kriminalroman ist das Werk ebenfalls nicht, jedenfalls dann nicht, wenn man die klassische Struktur von Verbrechen, Ermittlung und Aufklärung erwartet. Einen solchen Krimi wollte Boyle nie schreiben, weswegen Polizisten so gut wie nie in seinen Romanen vorkommen. Trotzdem entwickelt der Roman eine gewaltige Sogkraft, ist spannender als mancher 08/15-Mainstream-Krimi, denn man möchte natürlich wissen, wie es ausgeht, sprich, wer überlebt wie den ganzen Irrsinn? Wie Risa, Julia und Chooch über fast zwei Jahrzehnte mit der großen Lüge leben und welche mitunter tödlichen Folgen dies für zahlreiche Personen hat, davon erzählt Boyle sprachgewaltig. Große Literatur, die auch Fans „normaler“ Kriminalromane ansprechen dürfte.
Autor: William Boyle
Titel: Heilige der Narrows Street
Originaltitel: Saint Of The Narrows Street. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf. Mit einem Nachwort von Marcus Müntefering
Verlag: Polar
Umfang: 432 Seiten
Einband: Hardcover
Erschienen: Mai 2026
ISBN: 978-3-910918-48-1

Wertung: 12/15 dpt







