Lara Taveirne – Mein Bruder Wolf (Buch)

Cover "Mein Bruder Wolf" von Lara Taveirne
Cover: Eichborn

Eines Tages verlässt der 18-jährige Wolf sein Studentenzimmer und reist nach Lappland, um sich umzubringen. Der Familie schreibt er zuvor, dass er erst mal nicht erreichbar sei. Mehrere Monate hoffen sie auf ein Lebenszeichen von ihm: „Du kamst jeden Tag aufs Neue nicht zurück. Niemand von uns kann sich daran erinnern, wie wir es durch diese Zeit geschafft haben.“ Schließlich – nachdem der Schnee geschmolzen ist – wird seine Leiche im Wald gefunden und die Familie benachrichtigt. Lara Taveirne schreibt in ihrem Roman „Mein Bruder Wolf“ ihre eigene Geschichte, denn auch ihr Bruder verschwand. Was macht das mit einer Familie, in der das Kind oder der Bruder nicht mehr zurückkehrt, freiwillig aus dem Leben getreten ist? Lara Taveirnes Ich-Erzählerin erinnert sich Jahre später fragmentarisch und assoziativ, wechselt zwischen Kindheitserinnerungen, direkter Trauerphase, Auszügen aus Wolfs während seiner Reise geschriebenen Tagebuch und dem, was auch noch Jahre später im trauerverarbeitenden Schreibprozess geschieht.

Was an der Geschichte auf Tatsachen basiert und welche Teile schriftstellerischer Kreativität angehören, lässt sich nicht trennen. Deutlich wird aber jederzeit, dass hier jemand mit Gefühl und mit emotionaler Beteiligung schreibt. Der furchtbare Moment, in dem die Erzählerin die Nachricht vom Auffinden ihres Bruders erhält und sie das schluchzende Weinen des Vaters zunächst für glückliches Lachen hält. Die Verzweiflung des Vaters, der sich wie die gesamte Familie immer wieder fragt: „Wie sehr die Leute auch auf uns einreden, das unterschwellige Schuldgefühl wuchert weiter. Wie kann ich nicht bemerkt haben, dass mein jüngster Sohn nach und nach verschwand?“ Schließlich die Reise der Erzählerin, auf der sie nach Schweden reist, um an der Stelle zu stehen, an der ihr Bruder gefunden wurde. Dazwischen immer wieder glückliche Erinnerungen aus der Kindheit, die eine liebevolle Beziehung zum jüngeren Bruder zeigt.

Dein Tod hatte einen Riss verursacht, eine Bruchlinie quer durch unsere Leben, wodurch unser unversehrtes Selbst für immer unerreichbar auf der anderen Seite lag.S. 29

„Mein Bruder Wolf“ ist wie ein poetisches Puzzle aufgebaut, bewegt sich zeitlich vor und zurück, mäandert von Erinnerung zu Erinnerung. Dadurch entsteht ein sehr gutes Bild von Trauer und Trauerprozess. Auch Abschweifendes fließt ein, vom Besuch des Anne Frank-Hauses in der Kindheit geht es zu Anne Franks Vater, vom Tod des Großvaters ist die Rede und von Tante Jenny, die durch eine Sprung im Freibad verunglückte und starb – oder starb sie doch am Blinddarmdurchbruch? Vieles bleibt vage, Erlebtes ist und bleibt subjektiv, Geschichten verändern sich im Laufe des Lebens, und auch die Erzählerin traut manchmal den eigenen Erinnerungen und Versionen ihrer Erzählung nicht.

Zu Beginn dieses Buches habe ich hochmütig behauptet, dich zurückschreiben zu wollen. „Ich möchte dich zurückschreiben. Antworten auf den Abschiedsbrief, den wir nicht bekommen haben, weil der Versuch in Schnipseln in deinem Mülleimer gelandet war.“ Mittlerweile bin ich hintergekommen, dass das unmöglich ist, dass ich dich auf so viele Arten verloren habe, dass ich nur darüber hinweg schreiben kann. Über die Spalten und Löcher, in die du gerutscht bist.S. 220

Was allerdings – und vielleicht ist das das deutlichste Zeichen dafür, dass es eine autobiographische und keine fiktional konstruierte Geschichte ist – vollkommen offenbleibt, ist der Beweggrund des 18-jährigen Wolfs, sein Leben zu beenden. Der Entschluss, zu den Nordlichtern zu reisen und dort zu sterben, wird weder erklärt noch ist er für Außenstehende nachzuvollziehen. Wolf hat während der Reise ein Tagebuch geschrieben, wirkt vollkommen in sich ruhend, beinahe fröhlich, erreicht den Norden Schwedens, wandert in den Wald und legt sich dort zum Sterben in den Schnee. Sein Tagebuch – verfasst in einem Moleskin mit dem in Tipp-Ex vermerkten Titel „Meine letzte Reise“ – bindet er zuvor sorgfältig und geschützt an seine Brust, ganz eindeutig ist es als Vermächtnis, als Nachricht an seine Familie, gedacht.

Fazit:

Lara Taveirnes Roman „Mein Bruder Wolf“ ist eine gefühlvolle, sehr authentische Verarbeitung eines Trauerprozesses. Assoziativ und poetisch sind die Lesenden sehr nah an der Protagonistin, die ihren Bruder verliert und sich ihn schreibend in Erinnerung halten möchte. Der Roman ist weniger eine Geschichte mit stringentem Ablauf, sondern vielmehr ein Mosaik aus Erinnerungen und Schriftstücken. Auf diese Form muss man sich einlassen und erhält dafür einen emotionalen und ehrlichen Roman.

Wertung: 12/15 dpt

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