Lost Places, Geheimdienste und eine rechte Wehrsportgruppe

Gerhard Beckmann, ehemaliger Abteilungsleiter im Bereich Organisierte Kriminalität beim LKA Berlin genießt seinen unfreiwilligen, vorzeitigen Ruhestand auf Sardinien, wo er zu einer Angeltour aufbricht. Vor Capo Coda Cavallo sorgt eine größere Ansammlung von Möwen für seine Aufmerksamkeit, wenig später entdeckt er ein Schlauchboot und die Leiche eines jungen Mannes, an der sich die Vögel schon reich genährt haben. Eigentlich ein Fall für die Guardia Costiera, doch Beckmann ruft seinen Freund Lorenzo Farini, Maresciallo der Carabinieri in Porto San Paolo an und bringt wenig später das Schlauchboot an Land. Von dort geht dieses zur Zentrale in Olbia, wo die Reste des Leichnams untersucht werden sollen. Dabei will Colonello Riccardo DeMontis den Fall möglichst lange geheim halten, schließlich sind zahlreiche Touristen auf der Insel.
Beckmann, den der übel zugerichtete Leichnam an einen alten, ungelösten Fall aus früheren Zeiten zurückdenken lässt, hört sich ebenfalls um und kann so die Identität des Toten ermitteln. Es handelt sich um Ronald Holter, einen Deutschen, der wie Beckmann aus Berlin stammt. Auf einem Fotochip, den Beckmann am Strand fand und der vermutlich Holter gehörte, finden sich Bilder mit Ausschnitten von einer Militäranlage. Aber warum fotografierte Holter eine Anlage in militärischem Sperrgebiet?
„Sie Vögel haben mein Geschäft vernichtet. Da ist nicht mehr viel zu obduzieren.“
An einem Lost Place auf dem Gipfel des Monte Limbara findet Beckmann in einer seit langem stillgelegten US-Funkstation Spuren, die darauf hindeuten, dass sich hier kürzlich Personen aufgehalten haben. Holters Freunde in Berlin, die sich investigativen Netzwerkrecherchen verschrieben haben, bringen Beckmann zudem auf die Spur einer rechten Wehrsportgruppe, die in Sardinien Übungen veranstaltete. Während der italienische Verfassungsschutz in Person von Maggiore Claudia Cardoso die Ermittlungen offiziell übernimmt, kommt Beckmann den Wehrsportlern zu nahe.
Abschluss der Beckmann-Trilogie?
Nach „Verdeckte Spuren“ und „Die Chinesin“ ist der vorliegende dritte Fall für Dr. Gerhard Beckmann womöglich sein letzter, zumindest ist die Reihe einst als Trilogie angekündigt worden. Da allerdings, kleiner Spoiler, alle relevanten Figuren am Ende des Romans noch leben, wäre ein weiterer Fall zumindest denkbar. Es wäre auch zu wünschen, denn die Serie sticht wohltuend aus dem üblichen Einheitsbrei heraus.
„Wissen Sie, die Sarden sagen, die einen schütteln den Baum und es regnet Orangen, die anderen schütteln den Baum und es regnet Vogelscheiße. Also hören Sie bitte auf, den Baum zu schütteln.“ „Aber wenn niemand mehr schüttelt, gibt es auch keine Orangen.“
Einmal mehr trifft der Leser auf den eigenwilligen Ruheständler, der es doch nicht so ganz lassen kann. Er gerät in seiner neuen Heimat immer wieder in verworrene Fälle, die er an der Seite seines Freundes Farini lösen will. Und natürlich an der Seite der gut aussehenden Claudia Cardoso, die bereits bekannt ist. Eine Liaison zwischen Beckmann und der deutlich jüngeren Cardoso gibt es nicht, dafür kommen andere, selbstredend ebenfalls sehr attraktive Frauen ins Spiel. In „Die Chinesin“ war es eine Ärztin, in „Der Mann vom Boot“ ist es die Inhaberin einer Werft. Es wird nicht nur ermittelt, sondern auch geliebt sowie gut gegessen und getrunken, wobei Beckmann dem Alkohol entkommen konnte. Lust auf Meeresfrüchte in allen denkbaren Variationen bekommt man dennoch.
Neben der sardischen Küche ist die Insel, die unter anderem für ihre unzähligen Nuraghen, denkwürdige Steinruinen aus der Bronzezeit, bekannt ist, der heimliche Star des Romans. Gleichwohl ist die Beckmann-Reihe weit mehr als passende Urlaubslektüre, denn Jochen Brunow schreibt ebenso spannend wie anspruchsvoll. Wie angesprochen geht es um militärische Anlagen, eine rechte Wehrsportgruppe sowie investigative Internetfreaks. Zahlreiche Behörden auf deutscher und italienischer Seite (Verfassungsschutz, Geheimdienst, Abschirmdienst) werden ebenso genannt wie Begriffe aus der Computerwelt. Ein Glossar wäre mitunter hilfreich gewesen.
„Unser erstes großes Ding war der Cum-Ex-Skandal. Da konnten wir sehr früh ein paar Banken Probleme bereiten. War mir ein Vergnügen.“
„Der Mann vom Meer“ ist abwechslungsreiche Krimiunterhaltung, garniert mit viel sardischer Landesgeschichte und ein wenig Action, so dass keine Langeweile aufkommt. Das angesichts des Mitwirkens meist im Hintergrund operierender Dienste einiges im Ungefähren bleibt, versteht sich dabei von selbst.
- Autor: Jochen Brunow
- Titel: Der Mann vom Meer
- Verlag: ars vivendi
- Umfang: 320 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: April 2026
- ISBN: 978-3-7472-0748-2
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Wertung: 12/15 dpt







