Felicity Whitmore – Die Patin von New York (Buch)

Einblicke in das kriminelle New York des 19. Jahrhunderts

Mallory Taunton ist eine Nachfahrin von Georgiana und Jesse Birnbaum, die im 19. Jahrhundert als „Eltern der Waisen“ hoch angesehen waren. Die Social History Society will ihnen zu Ehren in New York ein Denkmal enthüllen, aus deren Anlass die aus England angereiste Mallory ein wertvolles Collier trägt, das sich seit Generationen im Familienbesitz befindet. Doch als sie nach der Zeremonie von Journalisten befragt wird, drängt sich ein Mann namens Kameron Geller in den Vordergrund und behauptet, dass Diamantcollier gehöre seinen Vorfahren und wäre diesen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Auftrag der Verbrecherkönigin Fredericka Mandelbaum gestohlen worden. Mallory ist empört, hat den Namen Geller noch nie gehört, allerdings ist sie nach kurzem Zögern bereit, gemeinsam mit Kameron die Wahrheit herausfinden zu wollen. Beruht ein großer Teil ihrer Familiengeschichte auf einer Lüge? Waren ihre Vorfahren enge Weggefährten einer der größten Kriminellen von New York?

Aus dem Leben der Verbrecherkönigin Fredericka Mandelbaum

Fredericka „Marm“ Mandelbaum (1825-1894) erreicht im September 1850 die Stadt New York und verlor kurz vor der Ankunft ihre Tochter Bertha. Ihr Mann Wolf verdient ein bescheidenes Geld als Hausierer, auch Fredericka will notgedrungen diesen Weg gehen, entdeckt aber bald eine lukrative Einnahmequelle. Sie kauft Kindern deren gestohlene Waren ab, sofern diese von hochwertiger Qualität sind und entlohnt die Kleinen besser als ihr irischer Konkurrent. Die Waren werden in den besseren Häusern im Stadtteil Little Germany verkauft, schon bald expandiert das Geschäft. Polizisten, Richter und Politiker werden geschmiert, Anwälte sorgen dafür, dass verhaftete Kinder umgehend freikommen. Marm kümmert sich um ihre Schützlinge und steigt in den folgenden drei Jahrzehnten zur Verbrecherkönigin New Yorks auf.

„Wissen Sie, was der Unterschied zwischen einem Dieb und einem Geschäftsmann ist, Herr Stoude?“

„Das Konto?“

„Nein. Der eine stiehlt in der Nacht und der andere am Tag.“

Hinter dem Pseudonym Felicitiy Whitmore verbirgt sich die deutsche Theaterintendantin und Autorin Indra Janorschke („Das Herrenhaus im Moor“, „Der Klang der verborgenen Räume“). In ihrem Buch „Die Patin von New York“ setzt sie der in Vergessenheit geratenen Verbrecherkönigin Fredericka „Marm“ Mandelbaum ein literarisches Denkmal. Dabei erscheint Marm zunächst als vermeintliche Wohltäterin, die aufgrund des Verlustes ihrer Tochter, jungen Waisen helfen möchte. Doch was zunächst aussieht wie ein weiblicher Robin Hood, entpuppt sich schnell als eiskalte Kriminelle, die stets den eigenen Vorteil sieht. Sie gründet eine Schule, welche von Georgiana und Jesse Birnbaum geführt wird, wobei die Kleinen vor allem lernen, wie man beispielsweise Schlösser knackt. Ein Imperium entsteht und spätestens nach einem großen Banküberfall sowie dem Diebstahl des Geller-Colliers fällt endgültig die Maske. Bemerkenswert ist zudem, dass Marm eine eigene, geheime Untergrundbahn bauen ließ, mit der sie unbeachtet von der Upper West Side zur Lower East Side fahren konnte.

Whitmore erzählt die Geschichte in zwei Zeitebenen, die sich nicht nur inhaltlich erheblich unterscheiden. Der Werdegang von Marm, beginnend mit ihrer Ankunft in Amerika bis hin zu ihrer Verhaftung, ist spannend und lesenswert, zumal eine starke Frauenfigur vorgestellt wird, die im Schatten späterer, berühmter Gangster nahezu gänzlich in Vergessenheit geriet. Das Leben der Menschen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, deren Notlagen, die sie zu kriminellen Handlungen förmlich einlädt, werden ausführlich beleuchtet, ebenso der Aufbau des kriminellen Netzwerkes von Marm. Wer sich im weitesten Sinne für organisierte Kriminalität sowie die Geschichte des Verbrechens im Allgemeinen interessiert, findet interessanten Lesestoff.

„Nennen Sie es, wie sie wollen. Immerhin sorge ich für Sicherheit. Ich kümmere mich um die, die nichts haben. Und um die, die zu viel haben.“

Der andere Erzählstrang spielt in der Gegenwart und da gibt es dann doch einige Kritikpunkte. Kameron stört besagte Zeremonie, in dem er heftige Vorwürfe und Anschuldigungen erhebt, die das bisherige Familienleben von Mallory in Frage stellen und in ein denkbar schlechtes Licht rücken. Da sollte man einen gewissen Zorn seitens Mallory erwarten, der die weitere Handlung prägt. Stattdessen landet man am nächsten Tag im Bett. Derweil tobt zuhause in England ein bitterer Sorgestreit mit Noch-Ehemann Barron um die beiden Töchter Chloe und Courtney. Weder die sich ausweitende Affäre mit Kameron, noch der Familienstreit in England haben Bezug zum historischen Plot; sieht man davon ab, dass Kameron und Mallory sich (ab und an) gemeinsam auf die Suche nach alten Unterlagen sprich Beweisen machen. Daher verflacht der in der Gegenwart spielende Plot über längere Strecken zu einer weitgehend beliebigen Geschichte.

Kurzum: Durch den historischen Erzählstrang über die titelgebende „Patin von New York“ liegt ein unterhaltender und packender Roman vor, welcher in das Verbrechen und die Zeit des 19. Jahrhunderts einführt und die Lektüre lohnt. Der in der Gegenwart spielende Teil füllt hingegen in erster Linie die Buchseiten. Hier steht das Gefühlsleben von Mallory im Vordergrund, was von – sagen wir freundlich – sehr begrenztem Interesse ist, zumal, wenn man sich entsprechend dem Buchtitel für die „Patin“ interessiert. 

  • Autorin: Felicity Whitmore
  • Titel: Die Patin von New York
  • Verlag: dtv
  • Umfang: 352 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2026
  • ISBN:  978-3-423-44960-1
  • Produktseite

Wertung: 10/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share