Historischer Mystery-Krimi aus dem Münsterland
Charlotte Jäger kann an ihrer Schule in Hamm nicht länger bleiben, nachdem ihr Direktor sexuelle Dienste einfordert. Das Angebot von Herrn von Wegbergen kommt gerade recht. Für seinen Sohn Albrecht sucht er eine Erzieherin, die nach den Schulstunden mit ihm Zeit verbringt. Die Stelle wird ausgezeichnet bezahlt und Charlotte soll Teil des Haushalts auf Gut Valarin werden. Ein großzügiges Zimmer und hochwertige Kleidung, sowie Mahlzeiten mit der Familie sind inbegriffen. Ihr neuer Chef gibt sich sehr freundlich, seine Ehefrau reserviert und der Sohn Albrecht aggressiv. Albrecht vermisst seine ältere Schwester Violetta, die ohne Abschied verschwand und Charlotte sieht ihr zum Verwechseln ähnlich.
Merkwürdige Erscheinungen begegnen der jungen Frau: einsame Gestalten im Dunkeln, Gesichter im Garten, Geräusche aus Gebäudeteilen, die unbewohnt sind. Ihr Vorgesetzter verbietet ihr, in bestimmte Räume und den Garten zu gehen. Er deutet an, dass Charlotte ihren Verstand verliert. Hat Herr von Wegbergen vielleicht recht? Die Begegnung mit seinem Neffen, Karl Friedrich Freiherr von Andersson gibt ihr neuen Mut, denn er glaubt, dass Charlotte weiß, wovon sie redet. Können Charlotte und Karl die Geheimnisse auf Gut Valarin aufdecken?
Ein wenig Gothic-Novel, ein wenig Krimi und Romantik
„Das Gutshaus im Nebel“ spielt im Jahr 1882 im Münsterland. Die industrielle Revolution findet vornehmlich im Ruhrgebiet statt, in Münster hingegen dominieren Handel und Handwerk, im Umland die Landwirtschaft. Noch heute sieht man rund um Münster herrschaftliche Gutshäuser. Gut erhalten und als Touristenattraktion gepflegt ist zum Beispiel die Wasserburg Hülshoff bei Havixbeck, das Geburtshaus der berühmten Dichterin Annette von Droste Hülshoff. In dieses Ambiente versetzte die Autorin Katja Angenent eine Geschichte, die der Sherlock-Holmes Story „The Copper Beeches“ nachempfunden ist.
Ein einsames Gutshaus wird zum Schauplatz einer Gruselgeschichte und eines Krimis um den zwielichtigen Hausherren Erich von Wegbergen. Angenent beschreibt einen düsteren Schauplatz mit leidlich gut erhaltenen und maroden Gebäudeteilen, hermetisch abgeriegelt von Zäunen und einem Wassergraben, bewacht von scharfen Kampfhunden.
Geheimnisse um Violetta und Herrn von Wegbergen
Zwei Geheimnisse treiben die wissbegierige Erzieherin um. Einerseits das Geheimnis um Albrechts Schwester und Herrn von Wegbergens Stieftochter Violetta, die spurlos verschwand. Was geschah mit ihr? Warum wird von Charlotte erwartet, Violettas Kleider zu tragen? Von Beginn an schwingt Unbehagen mit, wann auch immer es um Albrechts Schwester geht. Vor allem wie Violettas Verschwinden und Charlottes Rolle miteinander verknüpft sind, ist ein prekäres Geheimnis, dass die Autorin psychologisch clever einbringt. Des Weiteren verwandelt sich der großzügige Hausherr in einen boshaften Despoten, der Charlottes Freiheit einschränkt und sie schließlich offen und aggressiv bedroht. Was ist seine Geschichte und warum hat er sie auf das Gut geholt?
Doch trotz der Schatten in den Gängen, Gestalten im Garten und dem immer bedrohlicheren Verhalten des Hausherrn kommen wenige echte Gänsehautmomente auf, weil es einfach an pointierten Wendungen fehlt. Stattdessen verliert sich die Geschichte in viele Begegnungen und Szenen, die die Handlung nicht voranbringen. Die schroffen Begegnungen mit dem Hausdiener helfen Charlotte schließlich, den Hintergrund zu verstehen, sie ziehen sich jedoch zäh durch die Geschichte.
Eine dieser begleitenden Geschichten ist die Romanze zwischen Charlotte und Karl-Friedrich. Sie bietet durchaus Esprit und witzige Dialoge, denn die beiden begegnen sich auf Augenhöhe, trotz ihres unterschiedlichen sozialen Status. Ohne eine sinnvolle Rolle auszufüllen, treten zwei Schwestern auf, Wilhelmina und Pauline. Sie bringen Eifersucht in die sich entwickelnde Liebe, was albern und überflüssig wirkt.
Als interessanter erweist sich die Entwicklung des Herrn von Wegbergen, der nach dem Deutsch-Französischen Krieg in finanzielle Schwierigkeiten geriet. So schlüssig sein Werdegang hergeleitet wurde, so wenig überzeugen von Wegbergens Aktionen im Gutshaus im Jahr 1882. Was er tut, wirkt konstruiert und unverhältnismäßig aufwendig. Es erscheint unglaubwürdig, dass seine Ehefrau oder das Personal nichts von seinen Machenschaften bemerken.
Finale zufallsgesteuert und insgesamt sprachlich ausbaufähig
Das Finale löst zwar alle Rätsel und offenen Fragen um „Das Gutshaus im Nebel“ auf, jedoch nicht als ein Resultat kluger Ermittlungen, sondern zufallsgesteuert. Das ist schade, weil Charlotte eine Reihe von Beobachtungen kombiniert und kluge Schlussfolgerungen gezogen hat. Am Ende ist es dann doch ein zufälliges Zusammentreffen, dass die Rätsel um Violetta und Herrn von Wegbergen auflöst. Auf der Leipziger Buchmesse sprach ich mit Katja Angenent in der Blogger-Lounge beim Speed-Dating über ihr Buch. Sie erzählte, dass sie über eine clevere Detektivin in einem historisch, münsterländischen Setting schreiben wollte. Das ist der Autorin gelungen, jedoch hätte Charlotte gern unabhängiger agieren dürfen. Am Ende sind dann doch die Unterstützung und Zuneigung eines Freiherrn von Andersson nötig, um den Fall zu lösen.
Erzählt ist die Geschichte aus Charlottes Ich-Perspektive. Die Sprache liest sich bisweilen holprig, auch weil sie sich nicht zwischen moderner und zeitgenössischer Sprache entscheiden kann. Auf Seite 123 fangen kurz hintereinander drei Sätze mit „Da“ an: „Da hörte es auf“, „Da war es wieder.“, „Da war es wieder“, – ein anschauliches, aber nicht das einzige Beispiel, in dem die Sprache einfach und langweilig wirkt. Hier hätte ein aufmerksameres Lektorat Abhilfe schaffen dürfen.
Fazit
„Das Gutshaus im Nebel“ ist ein historischer Mystery-Krimi mit Licht und Schatten. Die Autorin hat die Story aus „The Copper Beeches“ plausibel in ein münsterländisches Setting im ausgehenden 19. Jahrhundert übertragen und einige spannende Mysterien beschrieben. Jedoch stellt sich gruseliges Unbehagen beim Lesen nur zeitweilig ein und die Lösungen der Geheimnisse auf Gut Valarin wirken wenig ausgereift.
- Autorin: Katja Angenent
- Titel: Das Gutshaus im Nebel
- Verlag: emons Verlag
- Erschienen: 02/2026
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 416
- ISBN: 978-3-7408-2789-2
- Sonstige Informationen:
- Produktseite beim Verlag

Wertung: 8/15 dpt








