
Nur mal angenommen, man könnte in seiner eigenen Vergangenheit anrufen? Würde man es machen? Und was würde in einem selbst auslösen? Vidar ist Lehrer und von seiner Schule suspendiert, nachdem es einen Zwischenfall mit einem Schüler gab. Der 45-jährige Ich-Erzähler ins Alex Schulmans „Jetzt beginnt das Leben“ kann sich nur daran erinnern, dass er bei einer Prügelei zwischen zwei Schülern eingegriffen hat – wie es dann zur Anzeige gegen ihn wegen Körperverletzung gekommen und was genau geschehen ist, ist aus seinem Gedächtnis gelöscht. Jetzt sitzt er zu Hause, kramt in alten gelagerten Kartons mit Sachen seines verstorbenen Vaters und findet dessen Notizbuch mit der Telefonnummer des alten Sommerhauses der Familie. Erinnerung von Sommerurlauben mit der Familie kommen auf, und dann wählt Vidar die längst vergessene Telefonnummer.
Immer wieder ruft Vidar zu unterschiedlichen Tageszeiten im Sommerhaus an und merkt schließlich, dass er jedes Mal am 17. Juni 1986 anruft. Mal geht der Vater ans Telefon, mal die Mutter, mal seine Schwester Tora und schließlich spricht er mit seinem achtjährigen Selbst. Zunächst ist es nur Neugierde und Nostalgie, die Vidar in der Vergangenheit anrufen lassen, doch dann entwickelt er eine Obsession, diesen einen Tag vor 37 Jahren zu rekonstruieren, denn er spürt, dass damals etwas geschehen ist.
In der Gegenwart versucht Vidar herauszufinden, was in der Schule geschehen ist und bedrängt immer wieder – trotz polizeilichem Verbot – den Jungen, der ihn angezeigt hat. In der Vergangenheit versucht er, seinem jungen Ich Mut zuzusprechen und das Selbstbewusstsein zu geben, das diesem fehlt. Stück für Stück entdeckt er durch geschickte Fragen am Telefon, wie dysfunktional die eigene Familie war. Eine Mutter, die trinkt und ihren kleinen Sohn mal liebt und mal kalt auf Abstand hält. Ein Vater, der zwar liebevoll mit ihm umgeht, ihn aber nicht in Schutz nimmt und die Kinder immer wieder mit der Mutter alleine im Sommerhaus zurücklässt. Eine Schwester, die sich aus allem zurückzieht.
Wer die bisherigen Bücher von Alex Schulman kennt, kennt auch seine Familiengeschichte, die er autobiographisch in seinen Werken verarbeitet. Dieses Mal hat er diese Familiengeschichte genutzt, um einen Roman mit einem ungewöhnlichen Gedankenspiel zu schreiben. Umso weiter die Handlung fortschreitet – sowohl in der Vergangenheit am 17. Juni als auch in der Gegenwart – desto deutlicher wird, dass hier zwei Ereignisse über die Jahrzehnte hinweg miteinander verbunden sind. Es ist schwer, über „Jetzt beginnt das Leben“ zu schreiben, ohne zu spoilern. Deshalb kurz und knapp gesagt: Was Vidar in der Kindheit erlebt hat, hat Auswirkungen in seiner Gegenwart. Die Prägung als kleiner Junge kann der erwachsene Mann heute nicht mehr nachträglich verändern, aber er kann sich selbst besser verstehen.
Fazit:
Mit „Jetzt beginnt das Leben“ hat Alex Schulman ein ungewöhnliches Konstrukt gesponnen, in dem die Hauptfigur mit sich selbst in der Vergangenheit telefoniert. Vielleicht gibt es ein wenig einen Durchhänger, wenn man schon selbst versteht, um was es geht – und nur der Ich-Erzähler noch immer seine Vergangenheit verdrängt. Aber der Roman ist so dicht mit präzisen und gefühlvollen Formulierungen, so schön und einfach zugleich geschrieben, dass er emotional bis zum Ende trägt und ein echter Pageturner ist. Übrig bleibt die Frage: Würde ich mit meinem jüngeren Ich in der Vergangenheit sprechen wollen?
- Autor: Alex Schulman
- Titel: Jetzt beginnt das Leben
- Originaltitel: 17. Juni 2026
- Übersetzerin: Hanna Granz
- Verlag: dtv
- Erschienen: 08/2026
- Einband: Hardcover
- Seiten: 352
- ISBN: 978-3-423-28579-7
- Rezension zu „Jetzt beginnt das Leben“ von Alex Schulman bei NDR Kultur
- Webseite des dtv.Verlags zu Alex Schulman

Wertung: 15/15 dpt







