
Francois Truffaut hat seinen ersten Film „Sie küssten und sie schlugen ihn“ erfolgreich abgedreht und in Cannes den Preis als bester Regisseur bekommen, Claude Chabrol hat bereits mehrfache Langfilmerfahrung. Bloß Jean-Luc Godard, wie seine beiden Freunde Filmkritiker bei André Bazins „Cahiers du cinéma“ (der Kaderschmiede der Nouvelle Vague), hat es bislang erst auf einen Kurzfilm (mit Truffaut als Co-Regisseur) gebracht. Höchste Zeit, dass sich etwas daran ändert, ist der agile Godard doch überzeugt von seinen Fähigkeiten als Regisseur.
Bald ergibt sich die Gelegenheit einen Drehbuchentwurf von Francois Truffaut (den Godard gründlich überarbeitet) zu verfilmen. Bedingung: Ökonomische Drehweise mit wenigen Drehtagen, möglichst keine Spezialeffekte, wenig Nebenrollen und Statisten.

Jean-Luc Godards Freund Jean-Paul Belmondo ist, alleine aus Loyalität, schnell an Bord, die populäre Jean Seberg (hat mit Otto Preminger gedreht) ist schwerer zu überzeugen, doch irgendwie gelingt es dem umtriebigen Godard, sie zu becircen und mitzuspielen. Damit ist der Fokus gesetzt. Im erweiterten Umfeld finden sich unter anderem Roger Hanin, Jean Pierre Melville (statt Roberto Rosselini – beides die großen Ahnen der Nouvelle Vague) und Godard selbst ein. Kameramann ist der hervorragende Glücksfall Raoul Coutard, der seinen Regisseur lange begleiten wird, als Berater werden Claude Chabrol und Francois Truffaut aufgeführt.
Die Dreharbeiten verlaufen chaotisch, es gibt kurze Drehtage, wenn Godard sich nicht inspiriert fühlt, mitunter fallen sie ganz aus. Das führt zu Stress mit Produzenten-Freund Georges de Beauregard, während die Guerilla Aktionen mit hand- und versteckter Kamera Skeptisch aufgenommen werden. Immerhin kosten so die Statisten nichts und reagieren „natürlich“ auf Belmondos und Sebergs Interaktionen.
Jean-Paul Belmondo glaubt irgendwann, dass er nach „Außer Atem“ keine Arbeit mehr finden wird, Jean Seberg bereut ihre Teilnahme mehrmals und würde am liebsten aussteigen, nur der alerte Sonnenbrillenträger Jean-Luc Godard ist felsenfest davon überzeugt, ein Meisterwerk zu drehen. Am Ende wird er Recht behalten.

Jean-Paul Belmondo wird durch den Film zum Star, über Jean Seberg heißt es im Spiegel-Nachruf: „Der Nouvelle-Vague-Klassiker wird zum Höhepunkt ihrer internationalen Filmkarriere“. Premingers „Bonjour Tristesse“, zwar als Vorläufer der Nouvelle Vague gehandelt, bleibt dagegen eher eine Marginalie.
Trotz aller Widrigkeiten ist der Film nach zwanzig Drehtagen fertig – und zu lang. Godard schneidet ihn auf knapp 90 Minuten hinunter, kümmert sich dabei nicht ums Regelwerk, und macht Jump Cuts und asynchron geschnittene Dialoge salonfähig.
Der experimentelle Film, der dem Film Noir, besonders aber Humphrey Bogart und Jean-Piere Melville, seinen Tribut zollt, wird ein Riesenerfolg und schreibt (Film)geschichte.
Von diesen Dreharbeiten handelt Richard Linklaters „Nouvelle Vague“. Linklater porträtiert seine Hauptfiguren mit Stil, Kenntnis und Charme. Die stimmige Besetzung hilft dabei. Guillaume Marbeck ist als Jean-Luc Godard stimmig besetzt, Aubry Dullin sieht Jean-Paul Belmondo erstaunlich ähnlich und bringt viel von dessen Hoppla-jetzt-komme-ich-Mentalität mit, die bezaubernde Zoey Deutch spielt die verletzliche wie burschikose Jean Seberg mit natürlicher Eleganz.

Am Rande gibt es ganze Tafelbilder mit Repräsentanten des französischen Kinos, mit Einblendungen versehen, damit dem Publikum niemand entgeht. Unter anderem bekommen Francois Truffaut, Claude Chabrol, Suzanne Schiffman, Jean-Pierre Melville, Roberto Rosselini, Juliette Greco und Produzent Georges de Beauregard etwas mehr Screentime als die ansonsten eher vorbeiflanierenden üblichen Verdächtigen.
„Nouvelle Vague“ ist eine Liebeserklärung ans Kino, an ein Kino, das es so kaum mehr gibt. Kritiker, die zu Filmemachern werden, die zwischen Spleen und Vision hin und her vagabundieren, die Enthusiasmus und milde Wahnsinn praktizieren, zwischen Können und zufallsgebunden Entscheidungen taumeln und das Quäntchen Glück besitzen, das Chaos, Kreativität und Wandeln am (finanziellen) Abgrund zu Erfolgsgeschichten und nicht Desastern werden lässt. Auch, weil die Filme auf ein entsprechendes und wohleingestimmtes Publikum trafen.
Richard Linklater setzt das Ganze in atmosphärische Schwarzweißbilder um und verzichtet – mit Ausnahme von Zoey Deutch – auf bekannte (Hollywood)-Größen. Das tut dem Film gut, gibt ihm eine ansprechende Lakonik, die perfekt zum Sujet passt und vermeidet, dass die vielen filmtheoretischen Ausflüge zur bloßen Lehrstunde werden.
„Nouvelle Vague“ ist ein mit viel Liebe inszenierter Film, der auch ohne Nostalgiefaktor zeigt, warum Filme, Kunst und das Filmemachen so wichtig sind. Gerade in dieser Zeit, in der tumbe Toren Kunst und Kultur am liebsten in Klump hauen würden.

Cover+ Bilder © Plaion Pictures
- Titel: Nouvelle Vague
- Originaltitel: Nouvelle Vague
- Produktionsland und -jahr: Frankreich 2025
- Genre: Drama, Historie, Arthouse, Komödie
- Erschienen: 6/2026
- Label: Plaion Pictures
- Spielzeit: 102 Minuten auf 1 BD
102 Minuten auf 1 DVD - Darsteller: Zoey Deutch
Guillaume Marbeck
Aubry Dullin
Matthieu Penchinat
Adrien Rouyard
Alix Bénézech
Jade Phan-Gia
Bruno Dreyfürst
Tom Novembre
Antoine Besson
Jodie Ruth-Forest
Laurent Mothe - Regie: Richard Linklater
- Drehbuch: Richard Linklater, Holly Gent, Laetitia Masson,
Michèle Pétin, Vincent Palmo Jr. - Kamera: David Chambille
- Schnitt:
Catherine Schwartz - Extras: Trailer, Trailershow
- Technische Details (DVD)
- Video:
1.37:1 - Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch,
Dolby Digital 5.1 - Untertitel: Deutsch
- Video:
- Technische Details (Blu-Ray)
- Video: 1.37:1
- Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch, Dolby Digital 5.1
- Untertitel: Deutsch
- FSK: 12
- Sonstige Informationen:
Produktinformation

Wertung: 13/15 dpt







