Berni Mayer – Black Mandel (Buch)


Berni Mayer - Black MandelNicht einmal ein Jahr nach dem Debüt “Mandels Büro” stellt der in Berlin lebende Niederbayer Berni Mayer, der seine Finger hier und dort im einflussreichen musikjournalistischen Bereich im Spiel hatte und auch musikalisch auf einigen Hochzeiten tanzt, seinen zweiten Kriminalroman “Black Mandel” in die virtuellen und realen Verkaufsregale. Das stilsichere Cover lässt bereits erahnen, wohin die Reise geht, und dies bestätigt sich, wenn man sich den Klappen- und den Buchrückentext zu Gemüte führt.

Sigi Singer und Max Mandel sind zwei ehemalige Musikjournalisten, die von Mandels Onkel Hans eine Detektei geerbt haben und sich dort nach ihrem ersten Fall erst einmal mit Langeweile konfrontiert sehen. Hierbei gehen sie sich mächtig auf die Makrone, und es treibt Singer beinahe in den Wahnsinn, wie Mandel seiner Blues-Affinität nachgeht – vor allem ostdeutsche Kraftblues-Acts haben es ihm angetan. Derweil ist Mandel angenervt von Singers ewiger Telefoniererei mit dessen hysterischer Freundin. “Lange geht das nicht mehr gut mit uns” heißt es in dieser Lektüre mehrfach, und dieser Gedanke kommt beim Lesen häufig auf. Dank ihres ehemaligen Berufs sind sie noch immer im ein oder anderen E-Mail-Verteiler eingetragen, und eines Tages springt den beiden eine Mail der besonderen Art auf den Bildschirm: Eine Einladung, die ins norwegische Bergen führt. Die Black-Metal-Legende Dark Reich, die sich Mitte der Neunziger aufgelöst hat, hat sich wieder reformiert und möchte erneut ein Ausrufezeichen in der Szene setzen, und hierzu gehört auch ein Reunionkonzert. Darin sehen Mandel und Singer nach anfänglicher Skepsis die Gelegenheit, der ländlichen Einöde zu entkommen, und so machen sie sich den Spaß, sich das geplante Spektakel anzutun. Ab nach Bergen, ab in das Land der Fjorde.

Doch anstatt dem Konzert beizuwohnen, versumpfen die beiden in einem beachtlichen Besäufnis und versäumen dadurch das Event, wegen welchem sie die (Tor)tour gen Norden überhaupt auf sich genommen hatten. Dafür findet sich das Ermittlerduo mitten in der “Battle Of Black Metal” wieder, und die längst totgeglaubten Grabenkämpfe der zwei Black-Metal-Lager, die schon in den Neunzigern die Szene zwiespalteten, flammen wieder auf. Satanisten, Extremisten, alte Hasen und junge Möchtegerns, “echte” Rebellen und Effekthascher, Kirchenanzünder und Intellektuelle bekriegen sich. Doch wo steckt auf einmal Baalberith, Dark Reichs Sänger? Die beiden Helden aus Bayern nutzen die Chance und gehen ihrer investigativen Ader nach. Baalberith muss gefunden werden, und ebenso muss ans Tageslicht, weswegen er verschwunden ist. Und ob er überhaupt noch lebt! Doch damit reiten sich die beiden immer tiefer in den Schlamassel, was letztendlich auch ihre Freundschaft stark strapaziert. Was führt die extreme Band Utgang im Schilde? Welche Rolle spielen die Bands Død, Godfuck und deren Oberhaupt Aksel “King Therion” Raske? Der Weg zum Ziel führt an widerwärtigen Mahlzeiten, abgedrehten Persönlichkeiten, homosexuellen Zahnärzten und Milliarden von Regentropfen vorbei – oder besser mitten hindurch – und das verlangt Sigi und Max einiges an Kraft ab.

Es beginnt eine Verkettung von Absurditäten, Gruseligkeiten, Skurrilitäten und Lächerlichkeiten, und Berni Mayer gelingt es hierbei hervorragend, dem Leser erst einen Schauer über den Rücken laufen zu lassen, bloß damit er kurz darauf wieder laut auflachen muss. Statt Slapstickaneinanderreihungen bekommt man allerdings intelligent gesetzte Pointen aufgetischt, und oftmals ist die Subtilität der Joker in diesem unterhaltsamen Spiel. Besonders die Tatsache, wie entwaffnend der Autor aufzeigt, dass auch bitterböse, frostbitten evil Black Metaller nur Menschen sind, ist ein wertvolles Gut und sorgt für viel Unterhaltung, denn welcher echte Rebell würde von sich aus zugeben, dass er mit Papa und seinen beiden deutschen Freunden am Tisch sitzt und Leckereien (oder das genaue Gegenteil) verputzt? Oder lässt ein schwarz-weiß geschminktes Raubein tatsächlich von Mutti ausrichten, dass er heute nicht zur Bandprobe erscheinen kann?

Hinzu kommt das mühelos ins kalte Norwegen transportierte Lokalkolorit der beiden, die sich in ihrer Ungleichheit aufführen und anstellen wie die größten Trottel, ihnen ihre Unnachgiebigkeit allerdings immer wieder Recht gibt. Auf der Buchrückseite wird eine Pressestimme zitiert, die besagt, dass die Mandel-Reihe viel Helmuth-Dietl-Flair besitzt (Stichwort “Kir Royal”), doch das kann man nur bedingt stehen lassen, denn ebenso erinnert das Ganze hinsichtlich der Atmosphäre an Oliver Uschmanns “Hartmut und ich”-Reihe sowie an diverse unterhaltsame Vorabendkrimis aus Bayern und Österreich, wie sie regelmäßig im Vorabend auf ARD und ZDF ausgestrahlt werden. Alpiner Charme im Jetzt, ein Duo der Gegensätze mit zahlreichen Reibungspunkten, Genialität und Tollpatschigkeit im Gleichschritt, all das kombiniert mit einem “Clash Of The Cultures”.

Weitere Eigenschaften, mit denen Mayer punktet, sind einerseits das musikalische Insiderwissen, das gerade dem musik- und insbesondere metalinteressierten Bücherwurm ein Grinsen ins Antlitz meißeln wird, andererseits der schrullige Schreibstil, der aus der Egoperspektive Singers erzählt. So wird Mandel nicht einfach nur Mandel genannt, sondern “der Mandel”, und Mandels Schuhe werden zu “dem Mandel seine Schuhe”, und während dies in anderen Büchern ein orthographischer und grammatikalischer Graus sein mag, gehört es hier schlichtweg zum Charme des Romans – es verleiht den ganzen sehr stark skizzierten und konturierten Personen erst ihr vollständiges Ich. Beinahe hat man das Gefühl, “der Singer” säße bei einer Flasche Wein in des Lesers Wohnzimmer und erzähle ihm bis tief in die Nacht detailgenau das in Norwegen Erlebte. Kombiniert mit vielen intelligenten Gedankengängen und rhetorischer Gewandtheit entsteht eine edle Mischung aus Comedy, Philosophie und Kriminalroman.

Was mit “Mandels Büro” wohl hervorragend startete (noch kennt der Verfasser dieser Zeilen jenen Erstling nicht) , nimmt mit “Black Mandel” erst richtig Fahrt auf und ist demnach nicht gut für das Herz der Ungeduldigen, denn Pageturner haben mitunter die Eigenschaft, dass es den die Buchstaben verschlingenden Konsumenten nach mehr dürsten lässt. Mayers Plan, sodenn er einen solchen hat, geht also auf. Unterstellen wir ihm das einfach mal.

Cover © Heyne Hardcore

 

  • Autor: Berni Mayer
  • Titel: Black Mandel
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 11/2012
  • Seiten: 384
  • Einband: Paperback
  • ISBN: 978-3-453-40952-1
  • Sonstige Informationen: Teil 2 der “Mandel”-Reihe

 

 

Wertung: 12/15 dpt


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