Interview mit Benedict Wells (Autor von „Fast genial“, „Spinner“ und „Becks letzter Sommer“)

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Benedict Wells Foto (c) Johanna FeilObwohl der heute in Barcelona lebende, in München geborene Autor erst 1984 das Licht der Welt erblickt hat, kann er mittlerweile drei Romane vorweisen. Gut, das mag nicht das Erstaunliche sein – Vielschreiber gibt es zuhauf. Es ist eher die in seinen Büchern mitschwingende Lebensweisheit, welche so sehr beeindruckt. Auch den klaren Stil, wie ihn Benedict Wells pflegt, findet man heutzutage nicht allzu häufig. So gab es viele Gründe, bei dem hoffnungsvollen Schriftsteller zwecks Interview anzuklopfen. Wells wollte eigentlich gar keine Interviews mehr geben, doch für uns machte er erfreulicherweise eine Ausnahme.

Hallo Benedict, die Glückwünsche zu Deinem zu Recht geernteten Erfolg wollen wir mal nicht weiter ausbreiten, sondern gleich ans Eingemachte gehen. Ich habe lesen dürfen, dass Du so einige Interviews mit großen Vertretern der Presse abglehnt hast – ein Selbstschutz, beispielsweise vor dem Verheiztwerden?

Das ist sicher ein Grund. Ich finde es zudem gut, wenn der Autor so unbekannt wie möglich ist, und nur die Romane und Geschichten im Vordergrund stehen. Für die schreibt man ja jahrelang, es wäre also bescheuert, wenn man dann plötzlich selbst in den Mittelpunkt drängt. Außerdem ist mir meine Privatsphäre sehr wichtig, Auflage ist nicht alles. Ich bin bei meinem Lieblingsverlag Diogenes und es gibt offenbar ein paar Menschen, die meine Bücher wirklich mögen – das ist eh schon so viel mehr, als ich mir je erträumt habe. Ansonsten freue ich mich einfach, nach der Lesereise wieder ins richtige Leben zurückzugehen. In meine WG nach Barcelona wo es keine Rolle spielt, was ich mache.

Sowieso scheint es in der Kunst, ganz egal, ob nun hinsichtlich Literatur, Musik oder was auch immer, meistens der Fall zu sein, dass steigende Popularität in der Regel mit fallender Qualität einhergeht. Was ist Deine Meinung hierzu?

Schwer zu sagen. Es gibt ja auch Künstler wie Bob Dylan, die völlig immun dagegen zu sein scheinen. Wobei Dylan sich eben nie dem Medienrummel hingegeben hat, immer einen Schritt voraus war.

Du arbeitest momentan ja an Deinem vierten Roman. Kannst, beziehungsweise möchtest Du uns einen kleinen Einblick gewähren? Was erwartet den Leser?

Das Buch handelt von drei Geschwistern, die behütet und glücklich aufwachsen, ehe ihre Eltern bei einem Unfall sterben. Die Geschich-te schildert, wie sie sich in den Jahren danach durch diesen Schicksalsschlag verändern, wie sie damit umzugehen lernen und selbst noch als Erwachsene davon beeinflusst sind, als sie selbst schon Kinder haben. Es geht aber auch viel um die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist, egal, welche Wendungen sein Leben nimmt. Vor allem aber ist es eine große Liebesgeschichte über mehrere Jahrzehnte. In dieses Buch werde ich alles werfen, was ich zur Verfügung habe, und noch mindestens zwei oder drei Jahre daran schreiben.

Danke, das hört sich ja gut an. Nun, ich weiß, die Frage haben dir bestimmt schon 90 % der Interviewer gestellt, aber: Woher beziehst Du Deine Inspirationen?

 

Benedict Wells Foto 4 (c) Johanna Feil

 

Aus schmerzvollen eigenen Erfahrungen, aus Gesprächen, Beobachtungen, Gefühlen und Erinnerungen, die sich dann zu einer vagen Geschichte verdichten – ehe es plötzlich „Klick“ macht und ich etwas Bestimmtes vor mir sehe, das ich schreiben möchte. Oft ändert sich dann aber alles noch mal im Laufe der verschiedenen Fassungen.

Es wird nicht besser mit den Langweilerfragen, ich höre das Gähnen bis hier her: Bei vielen Autoren fließt ja immer wieder etwas von der eigenen Person mit in die Geschichten. Wie viel Wells findet man in den Figuren wieder?

Bewusst gar nicht so viel, aber es gibt sicher eine unsichtbare Schnittmenge aller Bücher, etwa Einsamkeit oder die Überwindung davon, die Sehnsucht, sich seine Träume zu erfüllen, und immer mehr: Vater werden. Im Hintergrund stets auch die Angst vor dem Tod, und was man ihr entgegensetzen kann. Das sind Dinge, die mich beschäftigen und die einfließen.

Ein Markenzeichen Deiner Schreiberei ist ja das Rohe und Unverfälschte. Kommt das denn auf natürliche Weise aus Dir heraus oder bemühst Du Dich um einen bestimmten Stil?

Foto Wells 2 @ Johanna FeilIch bin siebenundzwanzig, arbeite natürlich nach wie vor an meinem Stil und möchte mich gerade da noch sehr verbessern. Bei „Fast genial“ fand ich es zudem wichtig, die Geschichte so leicht werden zu lassen wie nur möglich. An sich sind es ja schwere Themen, die suizidgefährdete Mutter, die bittere Liebesgeschichte, die Aussichtslosigkeit eines Außenseiters, die Frage nach der eigenen Herkunft et cetera. Die Aufgabe beim Schreiben war es dann, das alles nicht auf sperrigen 700 Seiten zu verteilen, sondern auf der Hälfte. Ich habe alles dafür getan, dass es eine spannende Geschichte ist, die man gern liest, mit einer einfachen, schlichten Sprache, die ich bei den Amerikanern so liebe.

Was ich mich ja immer frage, ist, wie Autoren auf die Namen einzelner Figuren kommen. Wie ist das bei Dir?

Unterschiedlich. Manchmal habe ich den Namen sofort, wie bei „Rauli Kantas“ oder „Robert Beck“ aus „Becks letzter Sommer“. Manchmal überlege ich noch rum, wie bei „Grover“ aus „Fast genial“ oder den drei Hauptfiguren aus dem neuen Buch. Ich wusste, dass sie aus Frankreich stammen, aber lange nicht, wie die Geschwister mit Nachnamen heißen. Irgendwann habe ich dann wieder „Mein Name ist Nobody“ gesehen, mit Terence Hill. Da gibt es die Figur Jack Beauregard, gespielt von Henry Fonda. Und als ich das sah, dachte ich: „Beauregard“ ist eigentlich ein ziemlich guter Name, den nehme ich. Und so heißen die Geschwister nun im neuen Buch.

Machen wir einen Schwenk nach Berlin. Wie kommt es, dass es so viele dorthin zieht? Wenn ich mir überlege, wie viele frühere Bekannte und Schulfreunde, besonders die künstlerisch ambitionierten, heute dort wohnen…

Berlin hat einfach eine spezielle, kreative Atmosphäre, und es ist immer noch unglaublich billig. Ich bin aus diesen Gründen 2003 dort hingezogen, und für mich war es einfach wie ein Neustart, ich konnte alles hinter mir lassen. Ich habe tagsüber gejobbt und nachts und am Wochenende geschrieben. Es war großartig, denn ich war frei, auch wenn ich damals in einer Bruchbude mit Dusche in der Küche gelandet bin, die ich sofort in meinem ersten Buch „Spinner“ (welches jedoch erst ein Jahr nach „Becks letzter Sommer“ veröffentlicht wurde – Anm. d. Red.) beschrieben habe. Mir hat es in Berlin jedenfalls sehr gut gefallen, aber nach fünf Jahren dort, vor allem fünf eiskalten Wintern, wollte ich einfach mal was Neues.

Sobald Kunst vermarktet wird, wird sie ja auch zum Produkt. In wie weit lassen sich Idealismus und das Verkaufenmüssen Deiner Werke miteinander vereinbaren? 

Das ist wirklich ein schwieriger Punkt. Ich versuche ja, meine Bücher zu verkaufen, ohne mich dabei selbst zu verkaufen. Also sage ich eben fast alles ab, vor allem Talkshow-Anfragen aus dem Fernsehen oder größere Interviews. Es gibt nur ganz wenige, gut überlegte Ausnahmen wie damals der Beitrag im ZDF-„heute journal“.

 

Bibliographie: Benedict Wells

 

Oder für uns, was eine äußerst feine Sache ist. Aber wieder back to the books. Ist denn schon eine Übersetzung Deiner Bücher in andere Sprachen geplant?

Ja, unter anderem ins Schwedische, Spanische, Koreanische oder Litauische. Ein Traum wäre natürlich Englisch, auch wenn das wohl zu unrealistisch ist.

Ich kann mir Deine Werke auch sehr gut als Hörbücher vorstellen. Und Du?

Ich fände das toll, nur ist der Hörbuchmarkt momentan alles andere als lebendig, so dass es vorerst wohl leider kein Hörbuch geben wird.

Benedict Wells Foto (c) Johanna FeilSchade. Und wie würde es sich mit Verfilmungen verhalten? Gerade in Deutschland stelle ich mir dieses Unterfangen sehr schwierig vor, wenn man sich mal so die meisten Kinofilme anschaut, die von hier stammen. Aber auch die Fernsehproduktionen sind nicht gerade das Gelbe vom Ei… von Privatsendern wie Sat.1 und RTL wollen wir erst gar nicht reden, aber auch die öffentlich-recht-lichen Sender sind in der Regel stehengeblieben. Auch dürfte das Finden brauchbarer Schauspieler, die man zudem nicht in jedem zweiten Streifen zu sehen bekommt, schwierig sein…

Manchmal lief bei mir in den letzten Jahren alles wie im Märchen, dazu gehört auch, dass sowohl „Becks letzter Sommer“ als auch „Fast genial“ fürs Kino verfilmt werden sollen. Wie es aussieht, wird Christian Ulmen den Beck spielen, das war immer mein absoluter Wunsch, und „Fast genial“ ist zwar eine deutsche Produktion, wird aber in Englisch in Amerika gedreht. Da spielen dann auf jeden Fall eher unbekannte Schauspieler mit. Aber das alles glaube ich auch erst, wenn ich es sehe.

Lustigerweise schwebte mir die Figur eines Christian Ulmen auch vor Augen, als ich „Becks letzter Sommer“ las… die digitale Form des Buches etabliert sich ja immer mehr. Was hältst Du eigentlich davon? Ich stelle mir gerade vor, wie ich in der Straßenbahn sitze, und an einer spannenden Stelle gibt der Akku seinen Geist auf… Oder der Reader stürzt ab. Oder es regnet…

Ich bin überhaupt kein Fan von e-books, habe in meinem Vertrag auch eine Klausel, dass es keine bei mir gibt. Ich liebe die jahrhundertealte Tradition des gedruckten Buchs, das man in die Hand nehmen kann, den Geruch der Seiten, das Umblättern. Ein mehrmals gelesenes, geliebtes Buch ist wie ein alter Freund, ein e-book nur eine Datei.

Ich habe irgendwo auch gelesen, dass Du mal mit der Indie-Band Darts Of Pleasure unterwegs warst, das aber zeitlich nicht mehr vereinbar war. Existiert die Band eigentlich noch, beziehungsweise juckt es Dich musikalisch denn in den Fingern?

Nein, das ist ja auch ewig her. Ich habe zudem kein Instrument richtig beherrscht, sondern nur getextet und ziemlich schlecht gesungen. Kurz: ich war wirklich zu untalentiert. Die anderen machen aber noch Musik, und die sind teilweise richtig gut. Ich überlege zwar manchmal, noch mal Klavier zu lernen oder mit Freunden was Elektronisches auf die Beine zu stellen, aber dann nur zum Spaß.

Okay, Benedict – allerbesten Dank für das ausführliche Interview. Abschließend drei heiße Tipps von dir, Musik, Film, Buch.

Film: „Beginners“.
Buch: „Adams Erbe“ von Astrid Rosenfeld.
Musik: Wer die Band Arcade Fire schon kennt: „Kings & Queens“ von Jamie T.

Das Interview führte Chris Popp

Alle Fotos oben: © Johanna Feil
Foto unten: Privat

 

Benedict Wells Foto (c) privat

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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