Marcus O’Dair – Different Every Time – The Authorised Biography Of Robert Wyatt (Buch)

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Marcus-oDair-DifferentEverytime-TheAuthorisedBiographyofRobertWyatt Cover © Serpent's TailDas sagt und schreibt man oft so leichthin: Charismatisch. Ausnahmekünstler. Gänsehautstimme. Genial. Für Letzteres sollte man wirklich immer ins Phrasenhausschwein blechen müssen. Alles andere aber trifft nach des Rezensenten bescheid’ner Überzeugung auf Robert Wyatt wirklich und in höchstem Umfange zu. Dementsprechend groß war die Neugier auf eine Monographie-Würdigung des Soft Machine– und Matching Mole-Mitbegründers und einflussreichen Galionsfigur der britischen Canterbury-Szene. Wyatt war neben tausend anderen Dingen auch notorischer Trunkenbold (später Abstinenzler) und Fremdgänger (später sehr ernsthafter Ehemann), ein berühmter Rollstuhlfahrer, ein Spitzen-Schlagzeuger und -Sänger und nicht zuletzt ein äußerst unbequemer Linker und glühender Apartheid-Gegner.

Der Autor der Biografie, Marcus O’Dair ist selbst Musiker (Grasscut), Musikjournalist und Dozent an der Middlesex University London und als solcher ideal qualifiziert für diese Herausforderung.

Das Ergebnis ist schlicht die beste Biographie, die unsereinem bislang auf den Nachttisch oder daneben geraten ist – die Sorte, nach deren Lektüre man tatsächlich das Gefühl hat, den Beschriebenen selbst getroffen und ihn persönlich kennengelernt zu haben – und tatsächlich sogar das bislang gelungenste Musikfachbuch überhaupt.

Das Rundum-Vergnügen beginnt bereits mit der haptischen Anmutung des wuchtigen Bandes, der erlesenen Typographie (Minon u. Pisak) und nicht zuletzt dem exzellent und sehr persönlich einführenden Vorwort des britischen Schriftstellers Jonathan Coe. Sodann lernen wir den ebenfalls höchst individuellen Ton von Marcus O’Dair kennen, unserem Reiseführer durch die nächsten knapp 500 Seiten. Hier hat nicht einfach nur jemand einen Routinejob ergattert und versucht, zweieinhalb lieblos geführte Telefoninterviews auf Buchformat auszuwalzen: O’Dair erweist sich als intimer Kenner von Robert Wyatt und seiner auf diesen Seiten kaum weniger prominenten späteren Frau Alfreda „Alfie“ Benge. Wir gewinnen Eindrücke der unter anderem aufgrund der MS-Erkrankung des Vaters nicht ganz unproblematischen Kindheit des Wunschkindes Robert und lernen beispielsweise Lewis Carroll (siehe auch unten) und Edward Lear als frühe Einflüsse kennen. Das Leiden des Vaters bedingt übrigens auch den Umzug der Familie nach Lydden, Kent, „ten miles from Canterbury“, wo alsbald Hugh Hopper, Mike Ratledge, Dave Sinclair (S. 26) oder Daevid Allen (S. 31) die Bühne betreten – und Musikgeschichte geschrieben wird… Zunächst mit den Wilde Flowers, die noch allesamt über einen Amp spielen (S. 50) und aufgrund ihrer Haarlänge schon vor ihrem ersten Auftritt aus einem Pub verwiesen wurden.

Die „Soft Machine“ nimmt Gestalt an (S. 56); der Bandname geht übrigens auf einen Romantitel von William Burroughs zurück, wo er sich auf den menschlichen Körper bezieht. Ein zeitweilig auch Jimi Hendrix vertretendes Management führt dazu, dass Robert für ‚Stone Free‘ Hintergrundgesang aufnimmt – und dass die Karriere der Softs etwas mehr Fahrt aufzunehmen beginnt.

Wir erleben ihren ersten Gig ohne Gitarrist Larry Nowlin – ein Verlust, der durch ein Motorrad auf der Bühne und ein von Yoko Ono angeführtes Happening aber mehr als aufgewogen wird. Es folgt Daevids Exodus aus der Band (aber nie aus Roberts Leben). Wir schreiben inzwischen das Jahr 1967, in dem Nick Mason neidlos konstatiert, dass die Softs bessere Musiker als Pink Floyd waren. Und in dem ihr Management sie als Support für Jimi Hendrix auf USA-Tour schickt!

Das Schlagzeugspiel des damals typischerweise mit nacktem Oberkörper auftretenden Robert beschreibt der Henry Cow-Drummer Chris Cutler wie folgt: »Robert seemed to be thinking in terms of riffs and melodies. Of course he established rhythms, but the ground was melodic, and that’s moderately unusual in drummers, especially in rock. Instead of boring the opants off you by hitting everything as hard an das fast as possible and winding up making dents in his cymbals, he’d either do nothing at all, or play with his fingers, or just play one drum- or a cymbal or his rims. Always something different« (S. 92).

So faszinierend wie bestürzend ist die Beschreibung der Sessions, bei denen alle drei aktuellen Soft Maschinisten den von seiner Band fallen gelassenen Syd Barrett bei den Aufnahmen für sein Album „Madcap Laughs“ unterstützen: Der Barde erscheint mit verschmierter Haar- und Barttracht voller zerkrümelter Mandrax-Tabletten. Gefragt, in welcher Tonart gespielt werde, lautet Syds Antwort nur „Yeah“.

Die Softs verlieren Brian Hopper und wachsen qua Bläsersektion zum Septett (S. 116), dessen Lautstärke nur mit Gehörschutz zu ertragen war (S. 117). ‚Moon In June‘ entsteht – und markiert das Ende der „alten SM“ (S. 123) – die von ihm gegründete Band setzt Robert sein Drumhöckerchen vor die Tür, ein Trauma, das ihn zeitlebens begleiten wird und das er selbst manchmal als einschneidender als den betrunkenen Unfall bzw. Fenstersturz im Juni 1973 bezeichnet (S. 232), nach dem er gelähmt auf den Rollstuhl angewiesen bleibt (S. 186). Vorher noch betreten beispielsweise Paul Bley, Gary Burton, Terje Rypdal, Jean-Luc Ponty und nicht zuletzt Alfie die Szenerie (S. 162).

Richard Branson holt Robert zu Virgin Records, die gerade mit Mike Oldfield durch die Decke gehen (S. 209). Und Robert ist später auch der erste und einzige, der Bransons Imperium freiwillig wieder verlässt (S. 235).

Es folgt noch so viel – unter anderem Nervenzusammenbruch und Depression, ein lampenfiebriger Robert, der von David Gilmour auf die Bühne der Royal Albert Hall gelockt wird, der – unter anderem durch Alfies Ultimatum motiviert – dem Alkohol abschwört… Dies auch nur als Andeutungen dafür, welch packenden Lesestoff diese Biographie birgt. Zu ihren zahlreichen Schönheiten gehören neben der detailreichen und dennoch packenden Erzählweise (»The way Robert recalls it«) und wunderbaren Fotos auch der das Buch abrundende Apparat: eine umfassende Discographie, ein endlich auch mal das Web berücksichtigendes ‚Further Reading‘ („Wyatt Online“), Quellenangaben (O’Dair hat sein Material aus Interviews mit knapp einhundert Menschen geschöpft) und Index.

Besser kann man so ein Buch wohl kaum machen.

Von der Künstlerin Alfie und Robert signiertes Ex Libris

Von der Künstlerin Alfie und Robert signiertes Ex Libris

P.S.: Die zur Rezension erhaltene Ausgabe wird zum kostbaren Kleinod durch ein von Robert und Alfie signiertes Ex Libris mit Dondestan-Motiv, das dem Buch vorangestellt ist. So ergibt sich hier tatsächlich mal eine Einheit aus formaler und inhaltlicher Ästhetik. Die den Album-Covern zugrunde liegenden Werke Alfies können übrigens als limitierte, nummerierte und signierte Drucke in der Hypergallery.com erworben werden – unter folgendem Deep Link (Alfreda Benge) . Es sind derzeit folgende Motive erhältlich: „Dondestan“, „Shleep“, „Comicopera“, „Rock Bottom“ sowie „Ruth Is Stranger Than Richard“.

P.P.S.: In der gleichen Reihe ist auch ein Alfie-Motiv zu „Alice In Wonderland“ erhältlich, passend zum 150-jährigen Jubiläum des Klassikers von Charles Lutwidge Dodgson aka Lewis Carroll.

Cover © Serpent’s Tail

Wertung: 15/15 dpt


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Klaus‘ Nerd-Schreibtisch

Wer bist Du und was machst Du hier überhaupt?
Bin der, der hier hockt und sich grad schwer tut, zu erklären, was er hier überhaupt macht. ;-)

Wie wurdest du zum booknerd?
Das anzugeben, fällt erheblich leichter: Symptome der Booknerdismus-Deformation hatten sich früh gezeigt (in zartestem Alter den – erheblichen! – Buchbestand der Eltern einmal quergelesen).

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von Klaus Reckert Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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