Daniel Suarez – Daemon: Die Welt ist nur ein Spiel/Darknet (Buch, Dilogie)

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Daniel Suarez - Daemon/Darknet (Buch-Dilogie)

Der Hype um “Daemon” und “Darknet” war in der Tat beachtlich, und nicht wenigen entlockte die massive Werbung eher eine Antihaltung – so auch seitens des Verfassers dieser Zeilen. Eines Tages landete dennoch völlig unerwartet “Darknet”, der zweite Teil dieser Dilogie, im Briefkasten – und so musste logischerweise auch Teil eins, nämlich “Daemon”, herbeigeschafft werden. Es war eine weise Entscheidung, die eigene Abwehr für diesen insgesamt über tausendseitigen Doppeldecker außer Funktion zu setzen, denn die Lektüre lohnt sich. Da die beiden Bücher nahtlos ineinander übergehen, wäre es unsinnig, separate Rezensionen zu verfassen, denn sie sind insgesamt gesehen eine Einheit.

Das Computergenie Matthew Sobol, einer der reichsten Männer des Silicon Valley, muss anhand einer schweren, unheilbaren Krankheit bald mit seinem Tod rechnen. Er wird großartige Computerspiele als Erbe hinterlassen, doch sein größtes Vermächtnis ist der Daemon (Disk and Execution Monitor), eine Art Computervirus beziehungsweise Trojaner, welcher sich global bereits auf unzähligen Rechnern eingenistet hat, zu Sobols Lebzeiten inaktiv bleibt und genau zum Zeitpunkt des Todes, festgestellt durch ein Nachrichtenportale auslesendes Botscript, aktiviert wird.

In Zeiten der Digitalisierung und globalen Vernetzung hat sich dieses auf künstlicher Intelligenz basierende, stets lernende Programm innerhalb kürzester Zeit in sämtliche Ebenen eingeklinkt: In Sicherheitsbehörden, in die Wirtschaft, in die Politik, in das Nachrichtensystem, in Firmennetzwerke. Und so demonstriert der mit unfassbarem Wissen und technischen Möglichkeiten gesegnete Sobol, dass er, obwohl nicht mehr unter den Lebenden weilend, die volle Kontrolle über die Welt erlangen und behalten kann. Echtzeitprojektionen in virtueller Umgebung, digitale Abfrageroutinen via Telefon und irrsinnige Audio- und Videoinnovationen sind da nur ein Teil des Nullen- und Einsen-Wahnsinns.

Zu Beginn fast unbemerkt, nimmt der Daemon Einfluss auf das Leben zahlloser Menschen. Karrieren werden zerstört, Kriminalakten umgeschrieben, Firmen werden infiltriert und zahlreiche Individuen werden zu Werkzeugen dieser Software, zu sogenannten Daemon-Agenten. Wird man gegen dieses sich in gigantischem Tempo neu aufbauende System aktiv, so sind die Folgen für die Widerständler meist blutiger, häufig tödlicher Natur – gesteuert von den Programmroutinen Sobols, die auf heuristische Merkmale reagieren. In einem schier aussichtslosen Szenario mutiert der Planet Erde zu einer gigantischen Game-Map, in der nur jene, die sich unterordnen, auch eine Überlebenschance haben werden.

Auf die einzelnen, zahlreich vorhandenen Protagonisten einzugehen, würde den textlichen Rahmen einer Rezension vollends sprengen, daher nur so viel: Viele Mit-dem-Strom-Schwimmer werden zum Machtinstrument Sobols, andere wiederum wollen den Spieß umdrehen und eine Infiltrierung des infiltrierten Systems herbeiführen, manche wollen den Daemon gar für ihre eigene Macht instrumentalisieren, doch ein nicht unwesentlicher Teil der Menschheit sehnt sich einfach nur noch nach einer wieder normalen Welt. Doch hier stellt sich die Frage: War das bisherige Politik- und Wirtschaftssystem “normal”? Ist die neue Weltordnung wirklich böse oder hat sie doch ihre guten Seiten? Was ist der Sinn hinter diesem Daemon?

Der US-amerikanische Autor Suarez, selbst Softwareentwickler, liefert faszinierende Einblicke in die Brutalität, in die Technik, in die Möglichkeiten der Bits und Bytes, die Ausübung und den Missbrauch von Macht – und all das wird extrem detailliert und mit vielen Fachbegriffen geschildert. Hierbei wird dem Leser viel Denkstoff, aber umso mehr Action geboten und oftmals überrollt der Schriftsteller den Beobachter mit fast schon zu viel Knallbummpeng – kurz bevor das Fass überläuft, kommt jedoch der nötige Dreh in die Storyline, sodass sich Durchhalten auszahlt.

Interessant und schockierend bei der ganzen Sache ist, wie sehr diese extremen, Szenarien der Realität ähneln – und wie schnell ein Wahnsinniger so etwas in die Tat umsetzen könnte, wenn er nur wollte. Lediglich der SciFi-Faktor wurde etwas hochgeschraubt, aber sonst? Da kann es einem durchaus kalt den Rücken hinunter laufen…

Cover © rororo

  • Autor: Daniel Suarez
  • Titel: Daemon: Die Welt ist nur ein Spiel/Darknet
  • Originaltitel: Daemon/Freedom™
  • Übersetzer: Cornelia Holfelder-von der Tann
  • Verlag: rororo
  • Erschienen: 2010/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 640/480
  • ISBN: 978-3-499-25643-1/978-3-499-25244-0

Wertung: 11/15 dpt

(Rezension erschien ursprünglich in noisyNeighbours #34 und wurde für booknerds.de vom Verfasser überarbeitet. Vielen Dank an dieser Stelle für die Gestattung der Artikelübernahme!)

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris’ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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