Matthias Brodowy – Bis es euch gefällt (Kabarett, Live-2CD)

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Matthias Brodowy - Bis es euch gefällt (Liveprogramm, 2CD) Cover © ROOF RecordsEs gibt Situationen, in denen man sich fragen muss: »Warum hab ich von dem/der/denen noch nie etwas mitbekommen?« – und eine solche Situation ereignete sich, als der Verfasser dieser Zeilen über den Namen des Hannoveraner Kabarettisten und Chansonniers Matthias Brodowy stolperte. Doch manchmal ist es einfach so: Man hat jahrelang etwas verpasst und ist schlichtweg froh, es dann doch noch irgendwie entdeckt zu haben. Seit mehr als zwei Jahrzehnten entert der Träger des Deutschen Kleinkunstpreises 2013 in der Rubrik Chanson/Lied/Musik nun bereits die Bühnen, seit 1997 tut er dies solo. Bei „Bis es euch gefällt“ handelt es sich allerdings keinesfalls um ein eigenständiges Programm, sondern um eine Art „Best of“ aus siebeneinhalb solchen, aus welchen der „Chief Director Of A High Level Bullshit“ (zu Deutsch: „Vertreter für gehobenen Blödsinn“) am 23. Januar 2013 im TAK Hannover für diese Aufzeichnung gut zwei Stunden lang seine Vielseitigkeit demonstrierte.

Sobald man sich an die etwas unterkühlte Art des heuer vor einundvierzig Jahren Geborenen gewöhnt hat, ist man bereits gefangen von seiner dann doch recht herzlichen und warmherzigen Aufführung, in welcher er mit feinsinniger Ironie, gerne auch hämisch-boshaft, dann aber wieder positiv-melancholisch ein weites thematisches Feld abdeckt. Da wird selbstironisch das eigene Übergewicht und die mangelnde Selbstbeherrschung auf die Schippe genommen (nicht, ohne vorher mit selbiger Schippe noch ein paar Leckereien in sich zu schaufeln), liebenswerte Hommagen an die Heimatstadt („Stadt mit Keks“) und an die Ferne („Feuerland“) zum Besten gegeben, mit Sprache gespielt und jongliert, vom ersten eigenen Schlüpperkauf berichtet – oder aber schmunzelnd an die Geschmäcker und televosionären Auswüchse und Werbespots der Siebziger und teilweise auch Achtziger erinnert: »Oh, Tilly, schauen Sie sich mal meine Spülhände an!« (Palmolive-Werbespot).

Dann reitet Brodowy herrlich frech auf der musikalischen Veranlagung des eher einfach gestrickten Durchschnittsdeutschen herum, indem er wunderbar billige Quart-Intervalle, wie sie in der Mainstream-Volksmusik und im Mainstream-Schlager Standard sind, in ein Liedchen packt, welches eine weitere Mustereigenschaft des Durchschnittsdeutschen präsentiert: „Jammer Jammer“. Inklusive „Vorjammern“. Dann wieder wird über Wurst philosophiert, über den ganz besonderen Einsatz von Staubfängern, die man irgendwann mal zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Auch peinliche Situationen werden hier und dort geschildert, und es ist recht amüsant zu hören, wie sich das Publikum manchmal mitschämt – und das leicht beschämte Lachen steckt an, denn auch die Mundwinkel des Rezensenten entwickelten ihr Eigenleben und trotzten der Schwerkraft.

Selbst für das ein oder andere Sinnfreie ist sich Matthias Brodowy nie zu schade, und so weiß der Zuschauer/-hörer nie so genau, welche Richtung der teilweise musikfrei als Quasi-Stand-Upper agierende, dann wieder am Klavier sitzende und singende Künstler als nächstes einschlägt, und das macht seine Darbietung zu einer spannend-unterhaltsamen Angelegenheit, deren eigenwilligem Charme zu entziehen beinahe unmöglich ist.

Wenn man sich einen anfänglichen Überblick über das Tun des Hannoveraners verschaffen möchte, eignet sich dieses Potpourri aus vergangenen Programmen hervorragend, doch auch wenn man als langjähriger Fan Brodowys komödiantisch-kabarettistische Kunst Revue passieren zu lassen wünscht, führt kein Weg an dieser Doppel-CD vorbei.

Cover © ROOF Records

 

  • Tracklist: 

    CD1:

    • Nordlicht
    • Begrüßung
    • Tapeten, Tilly und TV
    • Himmel und Hölle
    • Ufos über Berlin
    • Staubfänger
    • Shortsstory
    • Übergewicht
    • Don Sarotti
    • Arie von der allerletzten Praline
    • Königsberger Klopse
    • Feuerland
    • Fäkalmafia
    • Mittelspurfahrer
    • Albtraum

    CD2:

    • Lied von der erbarmungslosen Bescheidenheit
    • Dicke Damen
    • Sprache
    • Eisdealer
    • Vorjammern
    • Jammer Jammer
    • Mortaldella
    • Revoluzzer
    • Mittendrin
    • Frühstücksbuffet
    • Irgendwann
    • Stadt mit Keks

 

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Matthias Brodowy – Bis es euch gefällt (K…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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