Botho Strauß & Heinz Strunk – Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger (Hörbuch, gelesen von Heinz Strunk)

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Heinz Strunk liest Botho Strauß - Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger (Cover © ROOFmusic/tacheles!)Ist man als Leser mit empfindlichen emotionalen Antennen ausgestattet, so hat man es höchstwahrscheinlich schon selbst erlebt: Man greift zu einem Buch, liest kurz rein, wird von dem Geschriebenen umgehauen, es ergreift einen derart, dass selbst die Tränendrüsen von temporärer Inkontinenz ereilt werden. Man sitzt da und ist überwältigt. Ist geplättet. Ist angefixt. Möchte alles, restlos alles von dem Verfasser des Geschriebenen lesen, oftmals auch deswegen, weil man sich und seine Gedanken dort in einem Maß wiederfindet, wie man es nicht erwartet hätte.

So erging es Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“, „Junge rettet Freund aus Teich“, „Fleckenteufel“) Anfang der Achtziger bei Strauß‘  1981er Werk „Paare, Passanten“, als er auf Seite 55 die „Botschaft eines Kambodschaners an seine Frau, bevor er von der Khmer hingerichtet wurde“ las – zwanzig Zeilen trafen ihn »mit einer Wucht, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Ich hatte nicht geahnt, dass es so etwas gibt. Und nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, stand fest, dass ich fortan alles von Botho Strauß lesen würde. Es geschieht wohl nicht oft, dass ein Leser auf einen Autor trifft, bei dem er sich so umfassend wiederfindet und der ihn so tief berührt, wie Literatur es überhaupt nur vermag, aber eben das ist mir mit Botho Strauß passiert.«

Der 1944 in Naumburg geborene Dramatiker und Schriftsteller Strauß, der neben zahlreichen Essays seit 1972 solche Werke wie „Die Hypochonder“, „Groß und klein“, „Molières Misanthrop“, „Sieben Türen“, „Ithaka“, „Beginnlosigkeit“, „Der Untenstehende auf Zehenspitzen“ und jüngst „Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit“ verfasst hat – insgesamt kann er über sechzig Theaterstücke, Essays, Kurzgeschichten und Romane aufweisen -, ist, so Strunk, »der Autor meines Lebens.«

Fürwahr nerdig: Über die Jahre hat Heinz Strunk, bereits lange bevor er selbst als Autor aktiv wurde, seine Lieblingspassagen aus Strauß‘ Werken der letzten rund vierzig Jahre zusammengetragen – eigentlich eher für sich selbst, ohne Motiv. Saß mit Schere und Klebestift bewaffnet da und ordnete die Textfragmente immer wieder neu, um eventuell sogar etwas zusammenzusortieren, das in sich selbst wieder ein Ganzes ergibt. Irgendwann trug er diese Collagensammlung gen Copyshop, und von da an entwickelte alles eine Eigendynamik, bis er 2008 mit der Konstellation zufrieden war, einige Exemplare für ausgewählte Freunde binden ließ und sich schließlich wenige Jahre später an seinen Verleger Alexander Fest (rowohlt) wendete. Der zeigte sich von diesem anthologischen Sammelsurium straußscher Fragmente offenbar so begeistert, dass er Kontakt zu Strauß und dessen Verleger herstellte – Strauß wiederum war hellauf begeistert und meinte seinerseits, so prangt es auch auf der Rückseite der Doppel-CD: »Es ist ein Glück für mich, einen klugen Autor zum Leser zu haben.«

Dass diese Sache, die von einer hingabevollen, sammelwutgelenkten Idee für den Eigengebrauch in ein wahrhaftig großes Projekt ausgeartet ist, eine Herzensangelegenheit der innigsten Art ist, spürt man bereits bei der Auswahl der tatsächlich sehr tief gehenden Exzerpte, die unglaublich viel Lebensweisheit und Gefühl in sich tragen und zuweilen humoresk, zuweilen melancholisch und traurig, aber stets von einer hohen Intelligenz, auch in emotionaler Hinsicht, sind. Hier Metaphern, dort Phantastereien, hier Sarkasmus, dort Skurrilität, latenter Wahnsinn, Depression – und am Ende ein Querschnitt durch das Wesen des homo sapiens. Und obwohl es sich bei diesen insgesamt auf 71 Tracks verteilten 109 Minuten um ein Puzzle aus dreizehn Strauß-Werken handelt und die Länge der einzelnen Tracks von 15 Sekunden bis fünf Minuten variiert, wirkt „Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger“ nicht etwa wie ein literarisches Wimmelbild, sondern stets wie aus einem Guss, nicht zuletzt deshalb, weil Strunk sie mit einer deutlich vernehmbaren emotionalen Bindung vorträgt und somit die Intensität der Worte noch einmal verstärkt.

Des weiteren fällt nach der Audiolektüre dieses Tonträgers eines ganz besonders auf, nämlich, wie viel Strauß in die strunkschen Werke eingeflossen zu sein scheint, denn dessen eigene Romane tragen nicht selten eine ähnliche Melancholie in sich, und auch die gesamte Atmosphäre lässt sich speziell in den nachdenklichen und philosophischen Passagen doch sehr mit der aus dem hier wiedergegebenen Strauß-Konvolut vergleichen.

Letztendlich gelingt es Heinz Strunk mit „Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger“, diejenigen auf Botho Strauß neugierig werden zu lassen, die mit dessen Lektüre kaum oder überhaupt nicht vertraut sind. Doch auch jene, die sich seine Werke einverleibt haben, dürfen sich auf Strunks ganz eigene Perspektive auf und seine ganz eigene Art des Umgangs mit der Literatur der lebenden Legende freuen.

Eine spannende Sache, durch und durch.

Cover © ROOF Music/tacheles!

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Botho Strauß & Heinz Strunk – Der zurüc…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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