David Foster Wallace & Mark Costello – Signifying Rappers. Warum Rap, den Sie hassen, nicht Ihren Vorstellungen entspricht, sondern scheißinteressant ist und wenn anstößig, dann bei dem, was heute so abgeht, von nützlicher Anstößigkeit (Buch)

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DFW & Costello - Signifying Rappers Cover © Kiepenheuer & WitschEs war abzusehen, dass nach David Foster Wallace‘ Tod im Jahr 2008 zahlreiche seiner alten Texte irgendwann das Licht der Welt erblicken würden. So etwas bringt einen als interessierter Wallace-Leser immer wieder in die Situation des inneren Zwiespalts. Denn einerseits kann man Nahestehenden und Verlagen schmutzige Geldmacherei vorwerfen – Profit durch posthumen Aufstieg des Autors in die Riege der Ikonen für die Ewigkeit -, andererseits lechzt und giert man als DFW-a-holic stets nach einer weiteren Dosis Text.

Einer dieser Texte findet sich nun im gemeinsam mit einem sehr guten Freund seit Schultagen, Mark Costello (Autor von „The Murphy Stories“), entstandenen Essay aus dem Jahr 1990 wieder. In „Signifying Rappers“ analysierten die beiden die damals gerade auch kommerziell extrem erfolgreiche Rap-Szene bis aufs Skelett. Und wie der ausschweifende Untertitel bereits andeutet, ist dieses neu aufgelegte, nun auch in deutscher Sprache erhältliche Buch auch für jene interessant, die mit Rap rein gar nichts anfangen können oder gar eine aversive Haltung gegen dieses vor spalterischem Potential berstende, breitgefächerte Genre hegen. Ebenso sei es, so die Buchrückseite in etwa, ein Buch für Musikliebhaber und eben für Wallace-Zeilenvertilger. Was das Ganze bestens auf den Punkt bringt.

Nach einem zuweilen emotionalen Vorwort Costellos aus dem Jahr 2013 spielen sich Costello und Wallace in dieser dreiteiligen Abhandlung (deren Titel an den Schoolly D-Song „Signifying Rapper“, in welchem der legendäre „Kashmir“-Gitarrenriff von Led Zeppelin das musikalische Fundament bildet, angelehnt ist) die Bälle zu, strukturiert in mit M. (wie Mark) und D. (wie David) überschrifteten, eigenwillig alphanumerisch sortierten Kapiteln. Sowohl die gesellschaftlichen Hintergründe, der Rassismus (auch von schwarzer Seite aus) als auch die Musik selbst in all ihren technischen Details werden beleuchtet, und hier gelang dem Autorenduo eine explosive Mischung aus empathisch gefütterter Neugier, Spekulationen, Thesen (sinngemäß: »Wie ’schwarz‘ ist denn eigentlich dann die ‚weiße‘ Rockmusik, wo doch der Blues, auf welchem Rock zu großen Teilen basiert, ein ’schwarze‘ Musikgenre war und großteilig noch ist?«) – doch statt eines trockenen literarischen Vortrags darf sich der Leser auf ein mehr als lebendig zu lesendes Panoptikum der seit langem im Mainstream angekommenen Musikrichtung (damals mit oft selbst gebasteltem, gern auch geklautem Equipment quasi auf der Straße performt und einerseits die negativen Dinge verarbeitend, andererseits Spaß an dem, was man tut, signalisierend – im über zwanzig Jahre lang existenten Heute allerdings auch, ironisch oder ernst gemeint, Dekadenz, Hedonismus und Megalomanie markierend) freuen.

Ganz gleich, ob locker-flockiger 80er-Breakdance-Rap, Hardcore Rap beziehungsweise Gangsta Rap (dessen Gründervater wohl eben genannter Schoolly D sein dürfte, nicht etwa Ice-T und Konsorten), Hispano-Rap, Rap von Weißen, Crossover, souliger Rap oder ebensolcher Rap, der zweifellos auf die Top 40 (und später auch auf die europäischen Charts) ausgerichtet war – überall finden Wallace und Costello kleine Hinweise, leiten her und leiten ab, stellen Querverweise innerhalb des Rap-Szenekerns und Stück für Stück auch außerhalb dessen her und nehmen den Leser so an die Hand, führen ihn durch ihren selbst wahrgenommenen Wald der Musik mit ihren groovigen Beats und dem rhythmischen Sprechgesang, den teils komplexen Reimstrukturen mit all ihren Phrasierungen und Verschiebungen, mit ihrer teils wortwitzigen, innerhalb dessen aber auch mit schonungslos derbem Vokabular versehenen Dichtkunst – ja, Rapper sind die Dichter der Neuzeit -, mit all ihren inhaltlichen charakteristischen Merkmalen. Von Beweihräucherungen der Künstler untereinander, ihrem Zusammenhalt über Egodarstellung oder systemkritischen oder gnadenlos -verachtenden Lyrics sowie ungeschönten Sex- und Gewaltszenarien bis hin zu verbal dargestellter Kriminalität – nicht selten zogen die Texte Skandale, Eklats und Kontroversen mit sich, welche mitunter vor Gericht landeten. Auch der Einfluss des Reggae oder des Soul (Stichwort: James Brown) auf den Rap spielt im Buch eine wichtige Rolle. Ebenso interessant ist es zu lesen, wie das Sampling, welches eine der Grundingredienzen des Rap ist, von den Künstlern aufgenommen wurde – denn letztendlich ist die nicht genehmigte Wiedergabe und Verwendung von Fremdmaterial, ganz gleich, ob kurz, fragmentär oder sich über einige Takte ziehend, ein Verstoß gegen das Urheberrecht. Aber wie sollte man als Künstler respektive Bestohlener damit umgehen? Wird man persifliert, ist es eine Hommage, oder ist es schlichtweg geistiger Diebstahl?

Innerhalb der Jahre bis zur Entstehung des Werkes erlebte der seinerseits subversive Rap eine Eigendynamik, die auch den Plattenfirmenbossen nicht entging, und das Potential, das die Musik in sich barg, sorgte dafür, dass die Musik auch grenzübergreifend immer erfolgreicher wurde. Einige Künstler aus der Musik der rhytmischen Rhetorik profitierten fortan nicht nur finanziell, denn Rap wurde mehr und mehr salonfähig, er kam in der Gesellschaft an, vor allem aber auch zunehmend bei den weißen Kids. Doch hinsichtlich Reichweite wurde der Rap gerade in der Post-Reagan-Ära erneut zu einer polarisierenden Angelegenheit der anderen Art: Wo beginnt der Sellout? Und wo hört die Loyalität zur eigenen Szene auf? „Darf“ ein Weißer die Musik der Schwarzen überhaupt hören oder gar performen?

Während Costello etwas eingängiger schrieb, war Wallace bereits damals hinsichtlich Schreibstil eine ganz eigene Marke – denn die verschachtelten, gern überlangen Texte strotzten selbst in seinen jungen Jahren von Fachtermini, exotischen Fremdwörtern und gar Neologismen. Das ist fürwahr nicht einfach zu verdauen – war es bei DFW ohnehin nie! -, doch sobald man sich im lektüretechnischen Sinn akklimatisiert hat, die Antennen in die aufnahmefähigste Lage justiert hat, beginnt der geistige Input zu wirken. In Summe ergänzen sich Wallace und Costello in „Signifying Rappers“ bestens, denn trotz der verbalen Beladenheit und des Informationsgehalts ist der 194-seitige Hauptteil (die rund dreißig folgenden Seiten werden von Danksagungen, Quellenangaben und einem Glossar gefüllt) angenehm unhektisch zu lesen.

Im Grunde bringt es ein Wort aus dem Untertitel des Buches direkt auf den Punkt, was „Signifying Rappers“ ausmacht, nämlich: Scheißinteressant.

Cover © Kiepenheuer & Witsch

  • Autor: David Foster Wallace & Mark Costello
  • Titel: Signifying Rappers. Warum Rap, den Sie hassen, nicht Ihren Vorstellungen entspricht, sondern scheißinteressant ist und wenn anstößig, dann bei dem, was heute so abgeht, von nützlicher Anstößigkeit
  • Originaltitel: Signifying Rappers
  • Übersetzer: Maria Hummitzsch & Ulrich Blumenbach
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Facebook)
  • Erschienen: 06.11.14
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 240
  • ISBN:  978-3-462-04702-8
  • Sonstige Informationen:
    Playlist der in diesem Essay abgehandelten Songs
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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David Foster Wallace & Mark Costello –…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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