Doctor Who – Staffel 9 (7 DVDs/6 Blu-rays)

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Doctor Who - Staffel 9 (Cover © polyband)Mit der neunten Staffel der „neuen“, 2005 wiederbelebten Doctor Who-Serie – also der insgesamt fünfunddreißigsten Staffel – geht die zwölfte Inkarnation des Doktors, gespielt von Peter Capaldi, in die zweite Runde. War Christopher Eccleston als neunter Doktor extrem britisch und auf eine gewisse Art das Kind im erwachsenen Mann, so wurde es mit David Tennant als Nummer zehn reichlich breitgefächert, was die unterschiedlichen Emotionen und das Verhalten betraf – von abgrundtiefem Zorn bis zu durchgeknalltem Genie, vom eigensinnigen Kindskopf bis hin zum loyalen und nahezu vernünftigen Fast-Menschen war alles dabei, sodass man nie wusste, wie der Doktor in jener Inkarnation gerade tickte. Als dann Matt Smith als elfter Doktor übernahm, pardon, reinkarnierte, wurde es, wenngleich es drei Staffeln lang auch oftmals sehr traurig und emotional wurde, erfrischend leicht, und gerade wenn man als Zuschauer eine infantile Ader hat, so zauberte ihm der schlaksige Mann mit der Tolle, dem Fez und der Fliege das Grinsen so häufig wie nie ins Gesicht.

Für einige war der Wechsel zu Peter Capaldi eine heftige Umgewöhnung, da der schottische Schauspieler zum einen deutlich älter als seine Vorgänger ist, zum anderen, weil der Doktor in Staffel acht das komplette Gegenteil von dem ist, woran man sich gerade gewöhnt hatte. Introvertiert, kauzig, etwas steif, häufig mürrisch, oftmals zynisch (ab und zu lässt entfernt „Dr. House“ grüßen) – das ist erst einmal ein kompletter Stilbruch, den es zu verdauen galt. Doch wie auch schon bei Tennant und Smith, bei denen man sich auch erst mal eine Staffel lang warmschauen musste, hat sich Capaldi in Staffel neun endlich eingegroovt und schöpft sein Potenzial nun deutlich besser aus. Nicht mehr ganz so grumpy unterwegs, findet sich in den zwölf neuen Folgen (plus Weihnachtsspecial) deutlich mehr von der zuvor eher versteckten humorigen Komponente Capaldis wieder, sodass hinsichtlich der Stimmungen wieder mehr Gleichgewicht herrscht und nicht mehr das Düstere so sehr dominiert. Die Skepsis, die bei manchen noch gehegt wurde, dürfte demnach überwiegend verflogen sein.

Zur Seite steht ihm einmal mehr Clara Oswald (Jenna Coleman), die nicht allzuviel Zeit haben wird, sich um ihren eigentlichen Job als Lehrerin zu kümmern und auch nicht so wirklich Lust auf diese Arbeit hat – denn sie sehnt sich nach den Abenteuern mit dem eigenwilligen Doktor. Doch dieses Mal läuft es etwas anders, denn man hört nicht etwa nach einer halben Folge das typische Geräusch der TARDIS, mit der Doktor und Companion anschließend durch Raum und Zeit reisen, um Dinge in Ordnung zu bringen – nebensächlicher Kram wie die mehrmalige Rettung der Erde, ein Kampf gegen die Daleks (mal wieder…) oder der Kampf gegen die eigenen Dämonen. Denn erst einmal muss sie sich auf die Suche machen. Besonders dringend wird dies, als der Himmel durch eine außerirdische Macht zufriert – denn wer außer dem Doktor weiß schon, was nun zu tun ist? Auf ihrer Suche muss sie sich mit jemandem verbünden, der der Erzfeind des Doktors ist: Dem Master (wie bereits zuletzt in Form der von Michelle Gomez dargestellten Missy; herrlich schrill und sonderbar). Und bald werden sie durch eine spektakuläre Aktion im Essex im Jahr 1138 fündig, doch der Doktor hat nach ausgiebigem Feiern etwas offenbar ebenfalls Wichtiges zu tun, denn man lässt ihn wissen, dass Davros ein letztes Gespräch mit ihm wünscht… Auf dem Plan stehen zudem einige weitere alte Bekannte sowie eine totgeglaubte Figur aus der Vergangenheit, die in „Die Invasion der Zygonen“/“Die Inversion der Zygonen“ gleich im Doppelpack auftaucht.

Doppelpack. Gutes Stichwort, denn diese neunte Staffel besteht fast komplett aus Zweiteilern, und das Ende der Staffel besteht sogar aus drei Teilen. Mit „Morpheus‘ Arme“ ist lediglich eine Einzelfolge vertreten. „Fortsetzung folgt“ zum Ende einer Folge ist demnach Standard – mal eben „zwischendurch“ Doctor Who zu schauen ist demnach unmöglich, außer man möchte sich damit über den Tag quälen, bis später zu warten, um dann endlich zu wissen, wie es weiter geht. Doch mal ehrlich: Wer schaut denn bitte nur eine Folge Doctor Who?

Doctor Who - Staffel 9 (Pic © polyband)Während „Morpheus‘ Arme“ mit einigen „Matrix“- und „Spademan“-Referenzen aufwartet (und leider zu einer der schwächeren Folgen der Staffel zählt), finden sich in „Das Schattenquartier“ ein paar nerdige Querverweise zu „Zurück in die Zukunft“ und „Star Wars“. Doch damit nicht genug der Parallelen, denn die Zygonen-Doppelfolge hat einen schwer religiösen Bezug, während das ursprünglich von Steven Moffat als Hörspielskript gedachte „Die Angst des Doktors“ (OT: „Heaven Sent“) seine Fühler in Richtung einiger Literaturklassiker (unter anderem „Das Hirtenbüblein“ der Gebrüder Grimm) ausstreckt. Ohnehin ist letztgenannte Episode wohl eine der außergewöhnlichsten und stärksten aller Zeiten – der Doktor führt in dieser fast einstündigen, nahezu psychotischen Episode einen (inneren) Monolog und durchleidet Qualen der besonderen Art. Die Art und Weise, wie all das von Capaldi inszeniert wird, hat nahezu Shakespeare-Format und könnte ohne Probleme auch auf einer großen Theaterbühne dargeboten werden. Fürwahr atemberaubend.

Doch um es mit River Songs Worten zu sagen: Ginge man auf die einzelnen (Doppel-/Tripel-)Folgen nun noch intensiver ein, wäre das gleichzusetzen mit Spoilerei – und jedem Whovian (oder denen, die noch selbige werden wollen) würde man damit großes Leid zufügen. Es wäre unverantwortlich, diese Armen, sich dadurch vor seelisch unfassbaren Schmerzen auf dem Boden windenden Menschen ihrem Elend zu überlassen.

Auffällig ist in den zwölf Folgen (wir lassen das Weihnachtsspecial „Besuch bei River Song“, im Original „The Husbands Of River Song“, mal außen vor, denn hier überwiegt die alberne Komponente logischerweise), dass die Vielschichtigkeit der Serie sich deutlich anders äußert. Denn einerseits erleben wir den Capaldi-Doktor zwar deutlich humorvoller und offener, in gewisser Form gar wieder exzentrischer, andererseits besitzen die meisten Storys einen deutlich höheren Horrorfaktor. Selten war „Doctor Who“ derart furchteinflößend, creepy und scary – ab und zu musste doch noch mal ein prüfender Blick auf die DVD-Box vorgenommen werden, ob da wirklich „nur“ ein FSK 12-Sticker aufgeklebt wurde.

Auch scheint es so, dass in vorliegender Staffel etwas sparsamer mit den Sets umgegangen wurde. Nicht, was die Qualität der jeweiligen Kulissen betrifft, sondern eher, dass es nicht so viele Szenenwechsel wie gewohnt gibt – denn oftmals sind die Folgen auf nur wenige Schauplätze reduziert – ein wildes Hin und Her wie in den turbulentesten Smith- und Tennant-Episoden findet man hier nur selten. Fast kann man sagen, dass die einzelnen Storys fokussierter sind, und das unterstreicht den ruhigeren Unterton der Capaldi-Ära doch sehr.

Doctor Who - Staffel 9 (Pic © polyband)Ein wenig verstörend mag das Verhältnis des aktuellen Doktors zu seinem weiblichen Companion sein, denn Nummer zwölf besitzt durch seine nach wie vor eigenbrötlerische Art, seinen hohen Intellekt und seine scheinbare Distanz zum Leben an sich eine gewisse Unnahbarkeit, und man wird nicht allzu schlau daraus, wie viel ihm Clara Oswald als Mensch bedeutet. Denn manchmal könnte man glauben, sie sei ihm nahezu gleichgültig, dann jedoch könnte man glauben, sie sei für ihn so etwas wie eine Tochter. Ob dies dem Zuschauer missfällt oder ob gerade das dafür sorgt, dass auch auf dieser Ebene Veränderung und eine andere Spannung stattfindet, sei dahingestellt.

Denn letztendlich ist „Doctor Who“ eine Serie, die von Veränderung lebt. Eine Serie, die wie ein gigantischer Karton voller Überraschungseier ist, da man nie weiß, ob in der gelben Kapsel etwas Bekanntes vorzufinden ist oder etwas komplett anderes. Fatal wäre es, wenn sich diese BBC-Serie irgendwann auf einen Standard einpendeln würde, die Doktoren ein Abziehbild ihrer jeweiligen Vorgänger wären, stets zwischen Mitte 30 und Mitte 40 Jahre alt und immer ähnlich, und ebenso furchtbar wäre es, wenn die Companions immer in den Mittzwanzigern wären und Gefühle für den Doktor hegten. Denn diese Stereotypisierung wäre der kreative Tod dieser Serie. Da sollte man – rein subjektiv gesehen, wie alles in diesem Text – als Zuschauer durchaus auch mal in den sauren Apfel beißen und ein paar Staffeln lang eine Inkarnation des Doktors begleiten, die ihm vielleicht nicht so ganz zusagt, denn irgendwann, ein paar Staffeln später, steht schon das nächste Gesicht vor der Kamera. Und dann ist sowieso wieder alles anders.

Und die Veränderung schreitet voran, denn in Staffel 10 …

…wird der Doktor einen neuen Companion zur Seite haben, weil Jenna Coleman zum Ende der neunten Staffel aussteigt. Wer ihr(e) Nachfolger(in) wird, ist zum Zeitpunkt dieser Rezension noch unklar.

Außerdem gibt der derzeitige Showrunner Steven Moffat seinen Posten nach der zehnten Staffel an Chris Chibnall („Life On Mars“, „Torchwood“, „Broadchurch“) ab, und wer weiß, ob nach der zehnten Staffel (die dritte mit Capaldi, voraussichtlich 2017 zu sehen) nicht wieder eine neue Inkarnation des Doktors ansteht.

polyband hat auch dieses Mal nicht mit Extras gegeizt, und so finden sich – passend über die sieben DVDs beziehungsweise sechs Blaustrahlscheiben – rund fünfeinhalb Stunden Bonusmaterial, auch solches, das sehr hilfreich für das Verständnis so mancher Episoden sein wird. Neben zahlreichen Audiokommentaren und Deleted Scenes gibt es einige Interviews zu sehen, unter anderem interviewt kein Geringerer als Wil Wheaton („The Big Bang Theory“, „Eureka“, „Leverage“, „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ und viele mehr) die beiden Hauptdarsteller Capaldi und Coleman, ferner gibt es einen TARDIS-Setbesuch zu bestaunen, reichlich Behind the Scenes-Stoff zu sehen, und neben einem Rückblick auf Staffel acht darf man sich sowohl auf ein Prequel als auch einen Prolog zur neunten Staffel freuen. Und das ist noch lang nicht alles. Das Nerd-Herz wird also nach allen Regeln der Kunst verwöhnt, sodass die Box der neunten Staffel, gewandet in eine Softbox, welches von einer schicken O-Card ummantelt wird, absolut wertig ist.

„Doctor Who“ bedeutet stets eine Reise ins Ungewisse, und diese fünfunddreißigste beziehungsweise neunte Zwischenstation macht lediglich neugierig auf das, was in der (normalweltlichen) Zukunft geschehen wird. Denn für jeden Faden, der wieder aufgegriffen wird, werden ein paar andere Fadenenden liegengelassen, die Spielraum für Neues lassen. Und so weiß man nie, ob alte Bekannte wieder auftauchen oder nicht. Ungewissheit ist eine der Komponenten, die der Serie als charakteristische Eigenschaft dienen – und sie so spannend machen.

Cover & Pics ©polyband/BBC

  • Titel: Doctor Who
  • Originaltitel: Doctor Who
  • Produktionsland und -jahr: GB, 2015
  • Genre:
    Science-Fiction, Drama
  • Erschienen: 18.03.2016
  • Label: polyband
  • Spielzeit:
    625 Minuten auf 7 DVDs + 330 Minuten Bonus
    625 Minuten auf 6 Blu-Rays + 330 Minuten Bonus
  • Darsteller:
    Peter Capaldi
    Jenna Coleman
    Michelle Gomez
    Maisie Williams
    Ingrid Oliver
    und viele, viele mehr
  • Crew: 
    Steven Moffat
    Brian Minchin
    Nikki Wilson
    Peter Bennet
    Derek Ritchie
    uvm.
  • Extras:
    Interviews mit Peter & Jenna, geführt von Wil Wheaton
    Parviz Khosrawi: Exklusiver TARDIS-Setbesuch/Requisite in den BBC-Studios, Cardiff
    Staffel 8 Rückblick
    Prolog
    Staffel 9 Prequel: The Doctor’s Meditation
    Audiokommentare
    Behind The Scenes
    Deleted Scenes
    2015 San Diego Comic-Con Panel
    Writing Who
    Dalek Devotion
    The Fan Show’s Finest
    Clara’s Journey
    The Adventures Of River Song
    Sublime Online
    Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16×9 anamorph (1,78:1)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB (DD 5.1)
    Untertitel:
    D, GB
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    16×9 anamorph (1,78:1) Full HD
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB (DD 5.1)
    Untertitel:
    D, GB
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite DVD
    Produktseite Blu-ray
    Erwerbsmöglichkeiten jenseits amazon, Thalia & Co.

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Doctor Who – Staffel 9 (7 DVDs/6 Blu-rays)…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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