Zarah – Wilde Jahre – Staffel 1 (Serie, 2 DVD)

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Das ZDF ist ein wahrer Luxus-Sender mit kompetenten Programm-Verantwortlichen. Dort kann man es sich erlauben, eine eigene Serie von einigem Format zu produzieren, um sie an ein mittelmäßiges Komödienprodukt zu koppeln. Anschließend reibt man sich verwundert die Äugelein, weil eine in den Siebzigern angesiedelte Serie, die dem steinigen und turbulenten Weg einer feministischen Autorin und Journalistin durch eine von Männern geprägte Medienwelt folgt, nicht die gleiche Zielgruppe anspricht, die sich das „Pubertier“ antut. Obwohl ein Großteil der Thematik, gerade angesichts der #metoo-Debatte – erschreckend aktuell ist. Flugs wird „Zarah – Wilde Jahre“ ins Nachtprogramm verschoben und zu zivileren Zeiten auf ZDF-Neo präsentiert. Was zwar das wesentlich bessere und ansehbare Zweite ist, aber leider nicht so viele Zuschauer erreicht wie das schnarchnasige Hauptprogramm.

Zwischen Myriaden von Provinzkrimis und Inga Lindström/Rosamunde Pilcher-Verfilmungen hat eine hochwertige Serie mit zeitgeschichtlichem Hintergrund, visuell bestechend, durch die Bank treffend besetzt und gespielt und mit einem passenden, kommentierenden Soundtrack, einen schweren Stand. Statt ein Vorzeigeobjekt entstehen zu lassen, verschleißt man „Zarah –Wilde Jahre“ zum Abschiebeprodukt. Die vielen offenen Fragen, die am Ende der sechsten und letzten Folge bleiben, werden wahrscheinlich nie beantwortet werden, da eine zweite Staffel kaum stattfinden wird. So verschleudert das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Ressourcen und treibt die Zuschauer in die auffangfreudigen Arme diverser Streaming-Dienste. Es ist nicht gewagt zu behaupten, dass „Zarah“ bei einem ambitionierten Video On Demand-Sender pfleglicher behandelt und besser aufgenommen worden wäre. Sehr bedauerlich dies.Zurück auf Anfang: 1973 nimmt die erfolgreiche feministische Autorin Zarah Wolf (Vorbilder u.a. Alice Schwarzer, Wibke Bruns und Peggy Parnass; hervorragend in allen Facetten dargestellt von Claudia Eisinger) das Angebot des Verlegers Frederik Olsen wahr, bei seiner Zeitschrift „Relevant“ – offensichtlich eine fiktive Mixtur aus „Konkret“ und vor allem „Stern“- als stellvertretende Chefredakteurin einzusteigen. Sie betritt unwillkommen ein Minenfeld, in dem Fortschritt, kritisches Bewusstsein und ein bisschen Radikalität hofiert werden, doch intern altbekannte Machtstrukturen, Geschlechterbilder und ein johlender Machismo herr(!)schen. Zarahs nassforsche Art, ihr Selbstbewusstsein und im Negativen ihre Penetranz stoßen auf wenig Gegenliebe in der Redaktion. Dass sie nicht gleich nach der ersten Ausgabe mit ihrer Beteiligung gefeuert wird, liegt alleine daran, dass sie tatsächlich erfolgreich ist, mit ihrer Mischung aus Provokation, Sendungsbewusstsein und intellektueller Durchdringung.

Das „Blatt“ (wer errät, welche Zeitung damit verhohnepiepelt wird, darf sich einen Flutschfinger gönnen) ernennt Zarah zum liebsten Hassobjekt („Deutschlands grausamste Emanze! Zarah Wolf – Für eine gute Story geht sie über Babyleichen“), insbesondere, nachdem sie den schweren journalistischen Fauxpas begangen hat, eine Gruppe abtreibungswilliger Frauen in einem Bus nach Holland zu begleiten und teilweise eigenhändig durch eine Gruppe zudringlicher Abtreibungs-Gegner zu kutschieren. Die Co-Existenz als resolutes Mitglied einer engagierten Frauengruppe und der Journalistin mit Anspruch und Kodex kommt sich auch im weiteren Verlauf mehr als einmal ins Gehege.

„Zarah – Wilde Jahre“ erlaubt sich den Luxus, seine Hauptfigur nicht als durchweg sympathisch zu zeichnen. Zarah ist klug, selbstbewusst und verletzlich, aber auch arrogant, voreilig und kopflos kompromisslos, wenn es um ihre eigenen Belange geht. So übersieht sie in ihrer gedankenlosen Ichbezogenheit vollkommen die Krebserkrankung ihrer Mutter, obwohl die Anzeichen offensichtlich sind. Als sie es erkennt, trifft es sie schockartig. Empathie und egoistische Rücksichtslosigkeit sind gleichermaßen ausgeprägt.

Ähnlich ist es um (fast) alle anderen Protagonisten bestellt. Schwarzweiß-Zeichnungen werden weitgehend vermieden, im Verlauf der wenigen Folgen entwickeln die Charaktere Tiefe und zeigen Facetten, die man ihnen bei ihrer Einführung nicht zugetraut hätte. Lediglich das RAF-Pärchen Jutta Belitz und Stefan Berger kommt in seiner floskel- wie berserkerhaften Attitüde arg flach daher, ebenso die zweite Reihe der aufgebrachten Beteiligten aus Zarahs Frauengruppe, die einer Pardon-Karikatur entschlüpft scheinen. Doch das ist dem komprimierten Serienformat geschuldet. Die Autoren ziehen sich zwar achtbar aus der Affäre, doch Schwächen weist „Zarah – Wilde Jahre“ unübersehbar auf.

In dem Bemühen, ein möglichst umfangreiches Kaleidoskop der Siebziger zu zeigen, wird viel zu viel auf die Hauptfigur Zarah abgewälzt. Ob Nazi-Vergangenheit im Elternhaus (was allerdings auf unerwartete Art aufgebrochen, gleichzeitig aber nicht repariert wird), der Kampf um Gleichberechtigung und Erfolg im Beruf, gleichgeschlechtliche Liebe, das Ringen um die Reformation des Paragraphen 218: Alles wird auf Zarah fokussiert. Und dann ist auch noch die zickige RAF-Terroristin eine alte Schulfreundin. Hier hätte sich ein Split auf mehrere Personen empfohlen. Ist bei einem auf sechs Folgen angelegten Format aber kaum möglich. Dafür hätte es die in den USA üblichen 18 – 22 Folgen gebraucht. Die MAD MEN haben es vorgemacht. Lediglich der (unvermeidliche) DDR-Spionage-Strang läuft zumindest teilweise abseits von Zarah ab. Rettet ihr aber den Hals…

Insgesamt ist Zarah hochunterhaltsam, satirische und dramatische Momente gehen eine gelungene Verbindung ein, das Zeitkolorit ist fein getroffen, die Einbeziehung realer Personen (F.J. Strauß, Charles Bukowski, Helmut Schmidt, Rolf Dieter Brinkman uvm.) und Ereignisse aus Politik und Kultur ist stimmig, Vergröberungen und dem Format geschuldete Überzeichnungen sind lässlich. Der begleitende Soundtrack zeugt vom Wissen um die Populärkultur der Siebziger. In der TAZ wurde bemängelt, dass zu viele Songs der Sechziger gespielt würden. Doch hier zeigt sich, dass das Autorengespann gut aufgepasst und recherchiert hat: Viele Partys der Früh- bis Mittsiebziger waren reichlich bestückt mit der Musik der Sechziger. Man möge sich nur einmal die legendären „Mal Sondocks Sparkassen-Hits“-Kompilationen anschauen und- hören. Dort begegnen wir „Lola“ (gut, knapp 1970) am „Eve Of Destruction“ „In The Year 2525“, während Tommy James & The Shondells die lange Version von „Crimson And Clover“ wimmern. Und was ging über sieben Minuten Engtanz-Stehblues zu „Hey Jude“? Na gut, „Stairway To Heaven“ – aber das ist dann von 1971. Die Swingin‘ Sixties waren noch sehr präsent in den Siebzigern. Zarahs musikalische Begleitung trifft den Ton der Zeit. Vieles vom Inhalt auch.

Bedauerlich, dass wir nicht mehr erfahren werden, wer Zarahs leiblicher Vater wirklich ist, ob der sich dem Delirium entgegen trinkende Chefredakteur wieder auf die Beine kommt, was aus der untergetauchten Terroristin wird und wie lange es Zarah in der intellektuellen aber schwanzgesteuerten „Relevant“-Redaktion noch aushält. Denn ihre ehrgeizigen Unternehmungen Chefredakteurin zu werden, scheinen erst einmal ausgebremst. Zu Beginn zeichnete sich diffus ab, dass vielleicht die Gründung einer eigenen Zeitung eine Möglichkeit sein könnte, feministische Inhalte mit Nachdruck unters Lesevolk zu bringen. Um es mit Joachim Ringelnatz zu sagen: „Möwe“, ick hör dir trapsen.

Doch so bleibt leider nur: Zarah 1 vs. ZDF 0.

Cover & Szenenfotos © edel:Motion/Glücksstern

  • Titel: Zarah – Wilde Jahre
  • Staffel: 1
  • Episoden: 6
  • Produktionsland und -jahr: Deutschland, 2017
  • Genre:
    Dramedy/Zeitgeschichte
  • Erschienen: 27.10.2017
  • Label: edel Motion
  • Spielzeit:
    ca. 270 Minuten auf 2 DVDs
  • Darsteller:
    Claudia Eisinger
    Torben Liebrecht
    Svenja Jung
    Uwe Preuss
    Ole Puppe
    Jörn Hentschel
    Milena Dreißig
    Theresa Underberg
    Martin Horn
    Leon Ullrich
  • Regie:
    Richard Huber
  • Drehbuch: Eva und Volker A. Zahn
  • Kamera:
    Robert Berghoff
  • Musik: 
    Joachim Dürbeck (5 Folgen)
    René Dohmen (1 Folge)
  • Extras: Entfallene Szenen, Trailershow
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9 – 1.77:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, (Dolby Digital 2.0)
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    ZDF-Infoseite

Wertung: 11/15 Emma-Ausgaben


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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