44 Hörbuch- und Hörspiel-Rezensionen aus diversen Genres (Kurzrezensionen)

0
0
0
Hörbücher. Foto: privat

Über 40 Hörbücher stapelten sich auf meinem Schreibtisch. Und der muss nun endlich für Frisches geräumt werden. Freut euch auf einen riesigen Schwung (überwiegend überfälliger) Kurzrezensionen. (Foto: privat)

Wie bereits andernorts auf diesen Seiten ausführlich erklärt, kam ich aus vor allem zeitlichen und gesundheitlichen Gründen lange nicht dazu, meine Rezensionen fristgerecht oder zumindest „nur“ leicht verzögert abzuliefern. Doch wenngleich seit Mai 2016 endlich wieder einigermaßen Normalzustand herrscht und die depressiven Phasen seltener kommen als die Neuauflage des Literarischen Quartetts, ist schlichtweg zu viel liegengeblieben, um es auf regulärem Wege bewältigen zu können und endlich mal wieder in Richtung aktueller Rezensionsware aufzuschließen. Daher habe ich mich für Kurzrezensionen zu sämtlichen noch hier liegenden Titeln entschieden, die ich nach Art des Mediums nun gesammelt in jeweils einem Artikel veröffentliche. Denn eines verspreche ich jedem Kooperationspartner: Was bei uns ankommt, wird auch zu 100% rezensiert. Und das möchte ich auch zu 100% einhalten. Die Genres sind bunt gemischt, von Humor bis Krimi, von Drama bis Sachbuch, von Thriller bis Jugendbuch, von Kinderbuch bis Soap ist alles dabei. Die reguläre Artikelstruktur mit allen Details lasse ich hierbei jedoch weg und verweise in jeder Rezension direkt per Link auf die Produktseite des Titels beim jeweiligen Label.

Ihr habt zwei Möglichkeiten, euch hier durch die Rezensionen zu lesen:

1. Einfach auf die Links in der folgenden Liste (alpabetisch nach Autor geordnet) klicken, um zur entsprechenden Kurzrezension zu gelangen (von welcher aus ihr wieder an diese Stelle zurückspringen könnt oder…
2. Per Klick auf diesen Link direkt zu den willkürlich und querbeet angeordneten Rezensionen gehen und selbst scrollen und entdecken.


Science Busters – Wer nichts weiß, muss alles glauben*
Science Busters – Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln*
Science Busters – Das Universum ist eine Scheißgegend**
gelesen von den Science Busters und Harry Rowohlt (*)/Maria Hofstätter(**)

© der Hörverlag

© der Hörverlag

Den Anfang machen die Science Busters Werner Gruber, Heinz Oberhummer und Martin Puntigam, von denen bei der Hörverlag gleich drei launige, humorige und doch strunzwissenschaftliche Hörbücher (Link zu allen Produkten inkl. Buchversionen bei ‚der Hörverlag‘) erschienen sind. Die beiden österreichischen Physiker Heinz Oberhummer (leider † November 2015) und Werner Gruber bereiten mit dem ebenfalls österreichischen Kabarettisten Martin Puntigam verschiedenste wissenschaftliche Themen in äußerst witziger Form auf, wobei „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ sich überwiegend mit dem Leben von der Geburt bis zum Tod beschäftigt und hierbei Umwege in Form seltsamster Abschweifungen (Homöopathie, Nahtoderfahrungen, Homosexualität, das komplette Universum) geht. Hierbei werden Weisheiten aus Religion, Esoterik, Homöopathie und dergleichen entmystifiziert, entzaubert und mit wissenschaftlichen Tatsachen widerlegt. Das dürfte gerade so manch Strenggläubigem deftigst auf die Füße treten.

© der Hörverlag

© der Hörverlag

Den Hauptteil der Erzählungen nimmt bei diesem Hörbuch Harry Rowohlt (weilt seit Juni 2016 leider ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden) ein, der mit seiner warmen, brummigen, zauseligen und herrlich erzählonkelhaften Stimme genau den richtigen Ton trifft, während die beiden Wissenschaftler gemeinsam mit Puntigam durch witzige Frage-Antwort-Dialoge in sympatischem Wiener Schmäh bestimmte Dinge noch etwas detaillierter erklären. In „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“ finden wir dasselbe Schema mit denselben Erzählern vor, wobei hier der Fokus besonders auf die Tierwelt und ihre teils schrägen, seltsamen, absurden Eigenheiten gerichtet wird. Aber eben nicht nur. Vieles gar nur metaphorisch. Und einmal mehr Hörensagen widerlegend und mit einigen (zum Teil vernichtenden) Seitenhieben gen Religionen und anderen Formen der erklären wollenden Nichtwissenschaft.

© der Hörverlag

© der Hörverlag

Das Universum ist eine Scheißgegend“ musste dann ohne den verstorbenen Harry Rowohlt auskommen und die Linzer Schauspielerin Maria Hofstätter nahm dessen Platz ein. Sicherlich ist es schwierig, hinsichtlich Charisma und Erzählonkelhaftigkeit an Rowohlt heranzureichen, doch Hofstätter möchte diesen Anspruch offensichtlich auch gar nicht erst erfüllen. Muss sie auch nicht, denn sie weiß mit ihrem herrlich dreckigen Dialekt und der teilweise frech-spöttischen und reifen Stimme die Ironie auf eine ganz andere Weise und genau so hervorragend zu vertonen. Wie es der Name des Hörbuchs verrät, begeben sich die Sciencebusters nun (natürlich überwiegend) in die Weiten des Weltalls. Doch wer wären die Sciencebusters, wenn sie auch hier nicht abschweifen und mäandern wie echte Nerds? Ja, sämtliche drei schick aufgemachten Hörbücher bringen Wissenschaft und Humor zusammen und lassen den Hörer gleichzeitig herzhaft lachen und vieles lernen.

Wertung für alle drei Hörbücher: jeweils 13/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© cbj audio

© cbj audio

John Grisham – Theo Boone 4: Der Überfall
Gelesen von Oliver Rohrbeck

Im vierten Teil (Produktlink zum Hörbuch bei cbj audio) der Kinder/Jugendkrimireihe um den detektivgewordenen Schüler Theo Boone (mittlerweile gibt es derer sechs) wendet sich sein Freund Hardie an Theo. Denn die Stadt möchte genau dort eine Umgehungsstraße bauen, wo die Farm, auf der er mit seiner Familie lebt, liegt. Hardie verzweifelt, denn seit nunmehr rund 150 Jahren befindet sich die Farm in Familienbesitz – sie wären nicht nur ihr Zuhause los, sondern auch ihre Einnahmequelle, von der sie letztendlich leben. Theo lässt sich nicht lumpen und ist aus dem Stand investigativ unterwegs – und trifft dabei auf skrupellose Gegner aus der lokalen Politik und der Wirtschaft, die sogar vor Drohungen und Gewalt nicht zurückschrecken. Theo Boone goes Umweltkrimi? Ja. Und es ist durchaus spannend erzählt, zumal der Schüler (und auch der Hörer) hier das ein oder andere aus Natur und Wirtschaft erfährt. Dank Sprecher Oliver Rohrbeck wird der durchaus spannende Krimi sehr lebendig erzählt. Doch auch Rohrbeck selbst kann nicht über die zuweilen auftretenden Längen hinwegtäuschen, für die der Autor Grisham in „Der Überfall“ verantwortlich zeichnet und die in den vorherigen Teilen in dieser Quantität noch nicht vorhanden waren. Dies sorgt letztendlich dafür, dass sich das Hörbuch qualitativ im oberen Mittelfeld niederlässt.

Wertung: 10/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© GoyaLiT

© GoyaLiT

Eric Berg – Das Nebelhaus (ungekürzte Fassung)
Gelesen von Anneke Kim Sarnau und Jürgen Uter

Auf eine eigene Art zweigleisig fährt dieser Krimi (Produktlink zum Hörbuch bei GoyaLiT), und es dauert sehr lang, bis sich die beiden Wege treffen und einen einzelnen Pfad weiterverfolgen. Zum einen wären da die vier Freunde Timo, Philipp, Yasmin und Leonie, die sich Jahre, nachdem sie sich nach ihrem Studium aus den Augen verloren haben, gemeinsam ein Wochenende in Hiddensee planen, das desaströs endet, denn drei Tote und eine schwer verletzte Frau (die sich seitdem in komatösem Zustand befindet) krönen diesen Kurzurlaub auf seine hässlichste Weise. Zum anderen wäre da zeitlich um zwei Jahre versetzt die Journalistin Doro Kargel, die als Special für ihre Zeitung einen großen Artikel zur „Blutnacht vom Hiddensee“ schreiben soll. Sie recherchiert, befragt Betroffene, Ermittler und offenbar Wissende und trifft dabei zunehmend auf neue, undentdeckte Indizien und Spuren. Um wen es sich bei den Toten handelt, erfährt man erst ganz zum Schluss, und auch die Motive, wer was warum getan hat, bleiben lange nicht aufgeklärt. Hat Autor Eric Berg also alles richtig gemacht? Leider nicht ganz, denn wenngleich der Thriller, der gleichzeitig Drama ist, einiges an Spannung und düsterer Atmosphäre in sich birgt, ergeht sich der Autor zu häufig in allzu blumigen Formulierungen, was ein wenig an der Authentizität der Geschichte nagt – ebenso aber die Atmosphäre darunter leidet, weil man sich manchmal durchaus fragt, ob so viel um den heißen Brei herum geredet hätte werden müssen – auch was die Formulierungen betrifft, bei welchen man sich durchaus fragt, ob nicht etwa eine bekiffte Waldfee das Steuer übernommen hat. Das Sprecherpaar Sarnau/Uter hingegen liefert einen zu hundert Prozent exzellenten Job, und jeder untermauert hier seinen Ruf als Vollprofi in der Hörbuchszene.

Wertung: 10/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© der Hörverlag

© der Hörverlag

Arthur Conan Doyle – Folge 9: Die Memoiren des Sherlock Holmes
(Das Musgrave-Ritual/Die Junker von Reigate)
Gelesen von Oliver Kalkofe

Dass Oliver Kalkofe ein exzellenter Hörbuchsprecher ist, ist unter Hörbuchliebhabern schon lang kein Geheimnis mehr. Und gerade in den von Nikolaus Stingl neu übersetzten Versionen, die ein wenig mehr der heutigen Sprache angepasst sind, passt Kalkofes vielseitige Erzählstimme, gerade wenn er zwischen den Charakteren wechselt, wie der Deckel auf den Topf. So auch in den vorliegenden beiden Kriminalromanen (Produktlink zum 2CD-Hörbuch bei ‚der Hörverlag‘), die als Folge 9 mit dem Untertitel „Die Memoiren des Sherlock Holmes“ erschienen waren. Es macht unglaublich viel Spaß, diese eigentlich ollen Kamellen in so frischer Form dargeboten zu hören.  In „Das Musgrave Ritual“ wird Sherlock darum gebeten, einem Freund aus Collegezeiten zu helfen, dessen Hausmädchen und Butler auf rätselhafte Weise verschwunden waren. Und gerade Letzterer interessierte sich offenbar enorm für das Ritual der Musgrave-Familie, denn hinter den Formulierungen der Worte des Rituals scheint mehr zu stecken als vermutet. In „Die Junker von Reigate“ hingegen wollte Sherlock zur Genesung in das Dorf Reigate reisen. Einfach mal gesund werden, wieder klar kommen. Wäre durchaus möglich gewesen, wenn sich dort nicht just zu diesem Zeitpunkt ein Mord und zwei Einbrüche ereignet hätten. Das lässt wieder detektivisches Blut durch ihn fließen. Anfangs hat Holmes keinerlei Hinweise bis auf diesen einen abgerissenen Zettel…
Da diese beiden Doyle-Krimis in dessen Bibliographie auf jeden Fall (zumindest aus subjektiver Sicht) zu den packendsten zählen, macht der potenzielle Käufer dieses Doppeldeckers keinen Fehler, wenn er dafür etwas Geld auf den Verkaufstresen legt.

Wertung: 12/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Silberfisch

© Silberfisch

Sonja Kaiblinger – Verliebt in Serie #1: Rosen und Seifenblasen
Gelesen von Marie-Luise Schramm

Da die „Scary Harry“-Reihe der österreichischen Autorin wohl eine der coolsten im Kinder- und Jugendbuchsektor sein dürfte, konnte man annehmen, dass vorliegende (Hör-)buchreihe ebenfalls überzeugen kann. Es klingt bereits angenehm schräg, wie diese Buchreihe eröffnet wird (Produktlink zum Hörbuch bei Silberfisch): Abby, 14 Jahre alt, kann nur noch die Augen verdrehen, wenn sie sieht, wie sehr ihre Schwester die täglich ausgestrahlte Serie „Ashworth Park“ verehrt und dauerglotzt. So ein alberner Quatsch, und dann dieses ganze Adelsgedöns. Doch aus heiterem Himmel widerfährt ausgerechnet Abby Mysteriöses – sie landet pünktlich zur Sendezeit… bzzz… flacker… selbst mitten in der Serie und wird Teil des ganzen Liebestralalas, der Geheimniskrämerei und familiärer Intrigen. Dann verliebt sich unfassbarerweise auch noch der Beau der Serie, Julian, in Abby.
Was lustig klingt und auch von Marie-Luise Schramm sympathisch vorgetragen wird, ist es letztendlich auch, denn Abby ist nicht auf den Mund gefallen, mischt den Serienkosmos auf ihre Weise auf und macht sich beobachtend so ihre Gedanken (Windmaschinen in Wohnräumen, damit die Haare auch bei Windstille wehen, köstlich!) – ein klein wenig Medienkritik, gemischt mit Soap und Schnulze, alles in flapsig-frechem Ton – das alles ist erhellend „drüber“ (manchmal vielleicht zu sehr) und wird auch durch das genderklischeeparodierende Herzchen-Mädchen-quietschrosa-plus-Gebimse-Cover unterstrichen. Nicht nur für Teenager eine unterhaltsame Audiolektüre, die neugierig auf die folgenden (mittlerweile längst erschienenen) Teile macht.

Wertung: 11/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Random House Audio

© Random House Audio

Jean-Philippe Blondel – 6 Uhr 41
Gelesen von Andrea Sawatzki und Christian Berkel

Schweigen und doch viel erzählen. In diesem Roman (vollständige Lesung, Produktlink zum Hörbuch bei Random House Audio) schauen wir in die Köpfe zweier reifer Menschen – Philippe Leduc und Cécile. Eines Morgens, um 6:41, betritt Philippe einen Zug und setzt sich auf den freien Platz – neben Cécile. Beide waren vor rund dreißig Jahren mal ein Paar. Beide erkennen einander sofort und schweigen. Als Hörer – Christian Berkel und Andrea Sawatzki schlüpfen hervorragend in die Rollen der beiden Protagonist*innen – wird man demnach keinesfalls Zeuge eines langen Dialogs zwischen Cécile und Philippe, sondern bekommt in die Köpfe beider einen Einblick gewährt. Beide fragen sich, was sie zum jeweils anderen überhaupt sagen sollten. Und was gewesen wäre, wenn sie nie auseinander gegangen wären. Oder was sein könnte, wenn er/sie sie/ihn doch anspricht? Blondel hat hier eine Komödie erschaffen, die einen nicht zu unterschätzenden Drolligkeitsfaktor in sich birgt und durch die Erzählstimmen des Schauspielerpaars äußerst lebendig dargeboten wird. Doch so niedlich dieses „Hmmm, sprech ich sie/ihn nun an?“-Hin-und-Her auch ist, so sehr spielt es auch mit der Geduld des Zuhörers, und das muss nicht unbedingt positiv zu deuten sein.

Wertung: 10/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© GoyaLiT

© GoyaLiT

Klaus-Peter Wolf – Mord am Leuchtturm
Gelesen von Stefan Kaminski, Julia Nachtmann, Dietmar Wunder u.v.m.

Dem Rezensenten sind die Krimis aus der Feder von Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf bislang unbekannt gewesen. Auf diesem Hörbuch (Produktlink bei GoyaLiT) finden sich auf vier Stunden respektive drei CDs verteilt insgesamt fünf der in der Buchversion insgesamt 17 Fälle, namentlich „Tod am Leuchtturm“, „Die Internethexe“, „Mamis Held“,  „Sandra und Anna“ und „Der Nylonstrumpfmörder“ plus das von Ann-Kathrin Klaasen verfasste „Das mörderische Krimidinner“, wobei man für das Hörbuch hochkarätige Sprecher wie Stefan Kaminski, Claudia Michelsen, Julia Nachtmann, Bernd Stephan, Jacob Weigert und Dietmar Wunder verpflichten konnte.
Die Geschichten sind allesamt recht makaber und fies – und eigentlich auch sehr spannend aufgebaut, doch es beschleicht einen das Gefühl, dass Wolf bei seinen Kriminalromanen sehr nach Schablone agiert hat, denn meistens werden die Unholde und Bösewichte nach einer ach so überraschenden Wendung dingfest gemacht, und hinsichtlich der Persönlichkeitsprofile darf man ebenfalls große Ähnlichkeiten – oder besser Stereotypen – feststellen, so sehr Wolf auch um eine breitgefächerte Charakterpalette bemüht ist; auf die einzelnen Krimis einzugehen, würde den Rahmen der Rezension sprengen, daher sollte man die Titel, die in den meisten Fällen schon ein Wink mit dem Zaunpfahl sind, für sich sprechen lassen.
Letztendlich hat man als Hörer das Gefühl, es mit einer norddeutsch-klischeehaften Criminal Minds-Adaption zu tun zu haben – lediglich ohne die Behavioral Analysis Unit als Ermittlerteam. Auch der Klaasen-Krimi mag da nicht allzuviel retten, sodass der Hörer hier Krimikost geboten kommt, bei der man nicht groß mitdenken und grübeln muss. Man kann sich schlichtweg berieseln lassen. Nette, solide Krimikost für zwischendurch, die das Langzeitgedächtnis nicht erreichen wird. Ist eben so ein klein wenig wie Tatort oder Navy CIS schauen, während man sich nebenbei noch Notizen für die Erledigungen des nächsten Tages macht.

Wertung: 8/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Lübbe Audio

© Lübbe Audio

Ellen Jacobi – Teatime mit Tante Alwine
Gelesen von Irina Scholz

Die bald 85-jährige Alwine liebt ihren Patensohn Nils, Sie kann kann es kaum ertragen, wie der ehemalige Banker heute als Reiseleiter und alleinerziehender Vollzeitpapa des kleinen Jurek durch sein Leben eiert. Er ist doch eigentlich der richtige Kandidat dafür, das Kölner Kaffeehaus zu erben, zumal es kurz vor dem finanziellen Exitus steht und auch Alwine sich langsam Gedanken über die Zeit nach ihr machen muss. Konkurrenten haben ihrer Meinung nach keine Chance. Außerdem soll Nils endlich eine vernünftige Dame finden, die ihm eine gute Frau und seinem Sohn eine gute Ersatzmama ist.  Dafür hat sie einen Plan, der sich als äußerst knifflig erweist – und der soll durch eine Englandreise verwirklicht werden – mit einer interessanten Reisegesellschaft und Nils im Schlepptau.
Das mag sich herzig und lustig anhören und wird von der umtriebigen Sprecherin Irina Scholz auch sehr sympathisch vorgetragen, erweist sich allerdings als ein Roman, der zu gezwungen in mehreren Genres zu Hause zu sein versucht, letztendlich aber durch viel zu flaches und auch aufgesetztes Storytelling schnell an Fahrt verliert, sodass man sich mit zunehmender Spieldauer eher durch den Roman schleppt anstatt dem Ausgang der Geschichte entgegenzufiebern.
„Teatime mit Tante Alwine“ (Link zum Produkt bei Lübbe Audio) ist spürbar gut gemeint, doch die literarische Umsetzung gibt leider zu wenig her – als Drehbuch für einen lockeren Sonntagabend-Spielfilm auf einem der öffentlich-rechtlichen Kanäle wäre die Story womöglich geeigneter gewesen. Nicht aber zum konzentrierten Zuhören.

Wertung: 7/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Osterwold

© Osterwold

Andrea Sawatzki – Von Erholung war nie die Rede
Autorenlesung

„Von Erholung war nie die Rede“ (Produktlink bei Hörbuch Hamburg/Osterwold) ist der zweite Teil der Buchreihe um die Bundschuh-Familie rund um Mutter Gundula und wurde mit der Weihnachtsgeschichte „Tief durchatmen, die Familie kommt“ eröffnet. In Teil zwei wagt es Gundula, mit Schwiegermutter Susanne gen Norderney in Urlaub zu fahren. Die Frage, ob das gut gehen jann , kann man eigentlich schon gleich zu Beginn verneinen, denn bereits auf der Reise dorthin kündigt sich das erste Kataströpchen an. Zu allem Überfluss trifft Gundula dann auch noch auf ihre Frau Mama, die über großes Pech in der Liebe klagt und darunter leidet. Doch auch die Kids halten Gundula auf Trab, und so überschlagen sich die Ereignisse erwartungsgemäß. Und dann ist sie ja selbst noch eine Frau, die gerne Liebe versprüht und sich auch nach selbiger sehnt.
Ja, die von der Autorin selbst gelesene Familiengeschichte ist nicht unlustig und verleitet doch einige Male zum Schmunzeln. Doch im Gegensatz zum ersten Band bleibt die Handlung hier leider meist flach, vor allem aber leidet „Von Erholung war nie die Rede“ von der Berechenbarkeit der Figuren und der Vorhersehbarkeit der Story, sodass das Hörbuch letztendlich vor sich hinplätschert und man aufpassen muss, nicht mit seinen Gedanken abzuschweifen. Schade, denn eigentlich kann’s die Sawatzki.

Wertung: 8/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© GoyaLiT

© GoyaLiT

Mark Billingham – Die Lügen der Anderen
Gelesen von Stefan Kaminski

Es sieht fast wie der Beginn einer langen und guten Freundschaft aus, als die drei aus England stammenden Paare Sue und Ed, Dave und Marina sowie Angie und Barry in Florida aufeinandertreffen und ihren gemeinsamen Urlaub genießen. Der Pool erfrischt die sonnengeheizte Haut, man gönnt sich Drinks. Und man ist schockiert, als am letzten Abend ein dreizehnjähriges Mädchen verschwindet. Man beschließt, die Freundschaft in England weiterzuführen. Was die sechs noch nicht zu wissen scheinen: Das Mädchen wird bald tot in den floridianischen Sümpfen gefunden.
Die Paare laden einander ein, erzählen einander vieles. Von dem, was sie gemeinsam erlebt haben. Von ihren Wünschen und Träumen. Von dem, was in der Vergangenheit liegt. Man erfährt voneinander immer mehr, doch wie echt ist man in Anwesenheit der anderen? Was ist wahr und was ist Fassade? Und hat nicht jeder Geheimnisse, die er mit sich trägt? Immer mehr werden einander Zweifel gehegt, und aus der anfänglichen Freundschaft wird ein hässliches Drama. Netze der Lügen verstricken sich ineinander. Paare misstrauen Paaren, und die Paare selbst misstrauen einander zunehmend. Als sich dann der Fall eines verschwundenen Mädchens wiederholt, eskaliert alles, und auch die Polizei wird stutzig. Wer einen Whodunnit-Krimi erwartet, wird sich wundern. Zwar ist auch das Bestandteil von „Die Lügen der Anderen“ (Produktlink bei GoyaLiT), doch primär ist diese Geschichte ein knallharter Thriller psychologischer Natur. Die Dialoge und später verbalen Schlachten, die sich die sechs liefern, werden immer bösartiger, fieser, gemeiner, sodass man als Hörer einerseits entsetzt ist von den Menschen, die sich hinter ihren Masken versteckten, andererseits aber auch grinsen muss, weil dieser Thriller so abgrundtief böse ist.
Mit Stefan Kaminski hat man den perfekten Sprecher für dieses Mark Billingham-Werk gefunden, denn er weiß die Emotionen, die das halbe Dutzend Protagonisten verspürt, äußerst überzeugend zu vertonen. Ein astreines und überraschendes Gesamtpaket also für jene, die bei Thrillern eine hochwertige psychologische Komponente erwarten.

Wertung: 15/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Random House Audio

© Random House Audio

Wladimir Kaminer – Coole Eltern leben länger
Auswahl, Autorenlesung

Mit diesem (Hör-)Buch begibt sich Wladimir Kaminer auf dieselben Pfade, die auch Jan Weiler mit „Das Pubertier“ und „Im Reich der Pubertiere“ betreten hat (was nicht verwerflich ist), und der Ansatz ist im Grunde auch ein ähnlicher. Er erzählt in der „Salve Papa“-Fortsetzung über die Irrungen und Wirrungen seiner Kinder, wundert und echauffiert sich über ihre Modeentgleisungen, fragt sich selbst nach dem Sinn von Facebookpartys, sinniert über Handyflats und schüttelt den Kopf über die manchmal doch sehr seltsamen Anwandlungen, die heranwachsende haben. Als Vater befindet sich der Erzähler in einer ambivalenten Situation, denn einerseits möchte er durchaus, dass aus seinem Nachwuchs gerade Bäumchen werden, doch andererseits sollen sie doch auch einfach nur erwachsen werden.
Die Erzählungen sind sehr launig und unterhaltsam geschildert und mit der typisch kaminerschen Ironie gewürzt. Was den Genuss allerdings erheblich erschwert, ist der doch extreme russische Akzent des Autors, der nach einer Weile doch sehr anstrengend wird. Es ist zwar durchaus löblich, dass der Verfasser durch seine Nähe zu den Erzählungen gern auch selbst das Mikrofon übernehmen möchte, aber so charmant ein Akzent manchmal auch sein kann (Saša Stanišić als Beispiel, der ja auch einen starken solchen aufweist), so sehr nimmt er „Coole Eltern leben länger“ (Link zur Produktseite bei Random House Audio) hier doch ein wenig die Leichtigkeit.

Wertung: 9/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Hörbuch Hamburg

© Hörbuch Hamburg

Daniel Glattauer – Geschenkt
Gelesen von Heikko Deutschmann

Im Grunde ist Gerold Plassek ein Loser. Er arbeitet bei einer Wiener Gratiszeitung als Journalist, und neuerdings betreut er in seinem Büro den vierzehnjährigen Manuel, mit welchem er anfangs überhaupt nicht umzugehen weiß. Da Manuel selbst auch nicht viel von Plassek hält, zumal der in seiner Lethargie nicht allzuviel Fleiß an den Tag legt. Außerdem ist Plassek dem Alkohol alles andere als abgeneigt, und so lebt er vorbildlich das Leben eines leidlich erfolgreichen Nichtsnutzes. Bis zu dem Moment kurz nach der Veröffentlichung seines Zeitungsartikels über ein überfülltes Obdachlosenheim. Denn dort erfreut ein anonymer Spender mit einem beachtlichen Batzen Geld die Gemüter. Und das war nicht die einzige Aktion des Spenders, denn weitere solcher guten Taten ereignen sich sehr bald.
Manuel, dessen Mutter außerhalb Deutschlands beruflich tätig ist, weiß noch nicht, dass Gerold sein Erzeuger ist. Nach anfänglicher Ablehnung beginnt er, Gerold immer mehr zu mögen und zu respektieren, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht. Gerold selbst erlangt durch die schleichende Bekanntheit seiner Person durch die Arbeit für die Zeitung und die erfreulichen Ereignisse, über die es zu berichten gilt, Selbstvertrauen.“Geschenkt“ (Produktlink bei Hörbuch Hamburg) basiert auf einer wahren Begebenheit, und die Art, wie Glattauer daraus eine Geschichte gestrickt hat, weiß von der ersten Minute an zu bezaubern. Einen Teil davon trägt auch Sprecher Heikko Deutschmann zu dieser Tatsache bei. Einerseits ist die Erzählung nüchtern und trocken bis genervt-flapsig, wobei die ein oder andere blumige, vergleichende Formulierung für lautes Lachen sorgt, andererseits weiß sie durch viel Gefühl und Herzlichkeit ein wohliges Gefühl im Brustkorb zu erzeugen. Einfach gesagt: Eine schlichtweg schöne Geschichte.

Wertung: 13/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Edition Tiamat

© Edition Tiamat

Klaus Bittermann – Möbel zuhause, aber kein Geld für Alkohol
Live-Lesung mit Klaus Bittermann und Harry Rowohlt

Nein, ein Hörbuch (Produktseite bei Edition Tiamat)  ist das nicht wirklich. Vielmehr ist diese auf zwei CDs gepresste Live-Lesung, zu der Klaus Bittermann die verblichene Literaturlegende Harry Rowohlt (möge er in Frieden ruhen) einlud, ein kleines Sammelsurium von Auszügen aus den beiden Büchern „Alles schick in Kreuzberg“ und „Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol“, in denen Bittermann humorig auf die Eigenarten und Absurditäten Berlins und seiner Bezirke eingeht. Doch Rowohlt liest nicht einfach gemeinsam mit Klaus Bittermann. Nein, er verliert sich in Unterhaltungen mit ihm, er schweift ab, merkt an und plaudert selbst aus dem Nähkästchen.
Man kommt sich vor, als säße man in einem großen Wohnzimmer, schmackhafte Spirituosen vor und in sich, und lausche den beiden. Man schüttelt den Kopf. Lacht. Versinkt vor Fremdscham im imaginären Boden. Man hat schlichtweg Spaß daran, wie die beiden sich die Bälle zuspielen (und Rowohlt mit den Bällen auch noch Kabinettstückchen darbietet). Köstlich bei alledem: Die Ironie, der Sarkasmus und der manchmal bitterböse Zynismus.

Wertung: 13/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Random House Audio

© Random House Audio

Shane Kuhn – Töte deinen Chef
Gelesen von Marius Clarén und Nana Spier

Mit 25 gehört man zum alten Eisen. Zumindest, wenn man Auftragskiller ist. Doch John Lago ist nicht einfach irgendein Auftragskiller. Er ist ein Vollprofi und gehört zur créme de la créme seiner Zunft. Doch dieser Auftrag soll sein letzter für seine „Personalagentur“ sein – diese Agentur sorgt dafür, dass ihre Auftragskiller in Firmen Jobs als Praktikanten antreten, so unbemerkt und bestens getarnt Informationen sammeln und letztendlich dann ihre Arbeit machen können. Letzte Station: Anwaltskanzlei. Eine der besten in Manhattan. Und er ist nah dran, die Zielperson zu eliminieren. Doch da steht urplötzlich auch noch ein Antagonist auf dem Plan. Oder besser gesagt: Eine Antagonistin – die wunderschöne FBI-Agentin Alice soll genau diese Zielperson hinter Gitter bringen. Shit.
Die Situation könnte skurriler kaum sein, und diese Skurrilität, gepaart mit viel Humor, rotzigen Sprüchen, deftigen Dialogen, zieht sich auch durch den kompletten, weit über neun Stunden langen Krimi. Es amüsiert ungemein, wie sich die Hauptfiguren verhalten, und auch die Situationen, in die vor allem John gerät, verleiten zu fremdschamschwangerem Grinsen. Und weil ein normaler Krimi noch nicht genug ist, haben auch noch die CIA, die Mafia sowie die Hormone ein Wörtchen mitzureden.
Die beiden Sprecher*innen verleihen „Töte deinen Chef“ (Link zum Produkt bei Random House Audio) eine erfrischende Spritzigkeit und lesen diese lustige Story mit viel Hingabe, vor allem aber recht zackig, sodass das Tempo der Geschichte unterstrichen und nicht gebremst wird. Fast kann man sagen, dass „Töte deinen Chef“ erst durch die Hörbuchwerdung seine wahre Natur entwickelt. Liebt man humorvolle Gangster- und Killergeschichten und mag es auch mal derb und makaber, führt an diesem Hörbuch kein Weg vorbei!

Wertung: 14/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Hoffmann & Campe

© Hoffmann & Campe

Christopher Morley – Das Haus der vergessenen Bücher
Gelesen von Armin Hauser

Die US-amerikanische Originalversion dieses Romans (OT: „The Haunted Bookshop“) ist nun schon fast ein Jahrhundert alt und erblickt nun als liebevoll von Armin Hauser gelesene Hörbuchversion das Licht der Welt (Link zum Buch bei Hoffmann und Campe; Hörbuch von Hoffmann und Campe Audio offenbar nicht mehr verfügbar). Der kettenrauchende Buchhändler Roger Mifflin liebt die Literatur mit jeder Faser seines Körpers. Im 1919er New York betreibt der schrullige Mann ein Antiquariat. Er zieht sein Ding unbeirrt durch, und die einzige Person, die ihm offenbar etwas sagen darf, ist seine Ehefrau, die vor Energie, vor allem aber vor Autorität nur so sprüht. Eines Tages kreuzt Arey Gilbert von der Grey Matter Agency bei ihm auf. Der möchte Mifflin unter die Arme greifen und dessen Geschäft nach vorn bringen, zum Beispiel, indem er ihn zu Werbemaßnahmen animiert. Doch Mifflin möchte nichts ändern. Überraschenderweise verstehen sich die beiden trotzdem immer besser, und irgendwann steht Gilbert täglich auf der Matte. Doch er kommt nicht nur wegen Mifflin in den Buchladen, sondern auch wegen Titania Chapman, die neuerdings als Aushilfe dort arbeitet. Was als nerdige Geschichte mit Herz beginnt, artet im weiteren Verlauf allerdings in eine Mixtur aus fiesem Krimi, Spionagegeschichte, Intrigen und diversen anderen Gemeinheiten. Bis hierhin: Wunderbar. Doch man muss es wohl der Entstehungszeit ankreiden, dass das Buch sehr traditionell und hinsichtlich der Geschlechterrollen doch sehr klischeehaft besetzt ist, denn gerade aus heutiger Warte wirken manche Rollenverteilungen mehr als obsolet. Ist man dazu in der Lage, so etwas auszublenden, funktioniert das Hörbuch wunderbar. Ist man es nicht und ist hinsichtlich Genderklischees sensibilisiert, sendet es Störsignale gen Hörer. So sehr „Das Haus der vergessenen Bücher“ auch eine Ode an die Literatur – an gute Literatur – sein mag.

Wertung: 10/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Hörbuch Hamburg

© Hörbuch Hamburg

Max Goldt – Schade um die schöne Verschwendung!
Autorenlesung

Bei der 2014 erschienenen Doppel-CD (Link zum Produkt beiHhörbuch Hamburg; inklusive Trackliste) handelt es sich um eine Art „Best of“ des 1958 geborenen, hoch geschätzten Satirikers, Autors und Musikers, dessen Biblio- und Diskographie mittlerweile einen beachtlichen Umfang erreicht hat. Die 16 Texte entspringen unterschiedlichen Schaffensphasen, was auch die klanglichen Unterschiede der einzelnen Tracks erklärt. Wiederaufwärmung oller Kamellen? Warum nicht, gerade für Einsteiger?
Und was soll man sagen über diesen polarisierenden Wortjongleur, den man nur lieben oder hassen kann? Aus alltäglichen Themen extrahiert er das Absurde, aus gesellschaftlichen das Lächerliche, aus seltsamen noch Seltsameres, manchmal auch alles vermischt, und hierbei ist es natürlich Goldts feines Gespür für Sprache, die den Texten ihren ureigenen Zauber verleiht. Er filettiert, er analysiert, er zerteilt alles mit seinem zerebralen Skalpell. Er verliert sich in merkwürdigen Abschweifungen und redet zuweilen sympathisch-snobby bis erwärmend-arrogant daher, dass es eine Freude ist. Sucht man nach Fehlern, findet man diese bestenfalls in der schwankenden und manchmal gar bescheidenen Audioqualität. Da hätte sich Goldt vielleicht mal die Zeit nehmen dürfen, die Texte noch einmal neu einzulesen, um die Homogenität aktueller Hörbuchstandards zu gewährleisten.

Wertung: 11/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© der Hörverlag

© der Hörverlag

Jamie Thomson – Dark Lord – …ich kann auch anders!!
Gelesen von Jens Wawrczeck

Nach den ersten beiden zum Schreien komischen und durch Sprecher Jens Wawrczeck nahe am Wahnsinn gelesenen „Dark Lord“-Geschichten waren die Erwartungen an das Finale der Trilogie verständlicherweise hoch, aber eins vorweg: Mit dem dritten Band (Produktlink beim ‚der Hörverlag‘), der den Untertitel „…ich kann auch anders!!“ trägt, werden diese ein wenig enttäuscht, da dem Autor wohl die kreative Puste ausging und er – das verrät nicht zu viel – den Dreiteiler überhastet beendet.
Dabei hat die Story Potenzial: Dirk Lloyd a.k.a. Dark Lord und seine beiden besten Freunde Christopher und Suus haben den Weg auf die Erde wieder gefunden, doch leider auch der Edle Ritter Rufino (von dem Suus ja ganz schön angetan ist) sowie der Dämon Gargon. Doch damit nicht genug, denn der weiße Zauberer mit dem furchterregenden Namen Hasdruban treibt ebenfalls sein Unwesen auf der Erde! Genauer gesagt auf der Schule der drei Freunde, denn er entpuppt sich als Schulleiter derselben. Und natürlich hat er nur ein Ziel: Dark Lord auszuknocken. Auf die Hilfe seiner Freunde kann er nicht zählen, denn die… GRÜNDEN MIT RUFINO UND GARGON EINE BAND? Was zum…?
Ja, man hätte unglaublich viel aus dem Trilogieende herausholen können, doch stattdessen droht sogar der Protagonist immer blasser zu werden, und bei manchen Nebenfiguren hat man das Gefühl, dass Thomson sie lediglich, weil sie schon mal da sind, durch den Rest der Geschichte schleift. Sicher, unterhaltsam ist „…ich kann auch anders!!“ schon, aber im Vergleich zu den viel frecheren ersten Teilen fällt dieser hier deutlich ab. Schade.

Wertung: 9/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Lübbe Audio

© Lübbe Audio

Ralf Schmitz – Schmitz‘ Häuschen
Autorenlesung

Interessant. Erschienen die Vorgänger „Schmitz‘ Katze“ (sehr unterhaltsame und vom comedytreibenden Autor sehr lebendig vorgelesene Erzählungen von seiner Katze und ihren Eigenheiten) sowie „Schmitz‘ Mama“ (selbiges mit seiner Mutter) noch beim argon hörbuch-Verlag, verschlägt es Schmitz mit „Schmitz‘ Häuschen“ (Produktlink beim Label) in Richtung Lübbe beziehungsweise Lübbe Audio. Möglicherweise hatte der Vorgängerverlag schon so eine Vorahnung, aber die dritte Ausgabe aus dem Universum des kleinen, quirligen Mannes zeigt genau das, was bei ihm auf Bühnenebene auch geschieht: Wenn man immer dasselbe macht, nur als neue Version, dann nutzt sich das ab. Und so erweist sich dieses Hörbuch, in welchem er sich überwiegend über die Missgeschicke und die Unfähigkeit der Handwerker, die bei ihm zu Hause umbauen, aufregt, echauffiert und lustig macht (ja, natürlich (!) ist das alles genau so (!!) passiert, ist klar…), als ein lauer Aufguss eines Erfolgsrezeptes, lediglich in anderem Gewand: Umbau, Renovierung und dergleichen. Diese Selbstkopie hat schon viele Autoren und in diesem Fall Comedians das Erfolgsgenick gebrochen. Wenn der 1974 geborene Leverkusener clever ist, bricht er genau jetzt zu neuen Ufern auf. Denn mehr als ein paar Schmunzler sind hier kaum drin.

Wertung: 7/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Lübbe Audio

© Lübbe Audio

Sebastian Fitzek – Amokspiel
(Hörspiel, mit Vera Teltz, Timo Niesner, Simon Jäger uvm.)

Eines gleich zu Beginn dieser Rezension: Bei diesem ungekürzten, wiederaufgelegten Hörspiel des Bestseller-Krimiautors Sebastian Fitzek (Link zum Produkt auf der Labelwebsite), dessen Buchvorlage bei Droemer-Knaur erschien, wurde in technischer Hinsicht alles perfekt umgesetzt. Exzellente Sprecher wie Simon Jäger, Vera Teltz und Timmo Niesner sowie die perfekte Geräuschkulisse und das perfekte Maß an Dramaturgie sorgen nicht zuletzt auch durch die Inszenierung der Ohrkanus-Preisträgerin Johanna Steiner dafür, dass man als Hörer dranbleiben möchte – wenn die sehr auf USA-Thrillerkost getrimmte Handlung nicht wäre, die in deutschem Umfeld nicht so recht funktionieren will. In diesem Krimi befindet sich Ira Samin, Kriminalpsychologin, am Rande der Lebenslust und hat sich vorgenommen, ihren Selbstmord nun endlich durchzuziehen. Doch der Selbstmord muss warten, denn die Arbeit ruft. Und bei der muss sie ganze psychologische Arbeit leisten, denn ein brandgefährlicher Psychopath hat einen Berliner Radiosender unter seine Fittrche genommen und übernimmt das Senden selbst. Er startet das sogenannte Amokspiel und ruft in der Sendung per Zufallsprinzip Nummern an. Bei jedem Anrufer, der eine spezielle Parole nicht nennen kann, stirbt eine der Geiseln – so will er die Behörden dazu zwingen, seine verloren geglaubte Verlobte ins Studio zu holen. Was er allerdings nicht weiß: Sie lebt überhaupt nicht mehr. Findet Ira einen Draht zu diesem Wahnsinnigen? Das fragen sich auch die Millionen an Zuhörern, die Zeuge dieses grausamen Spiels werden…
Letztendlich will und verbrät Fitzek einfach zu viel, vor allem die Actionelemente wirken deplatziert. Oftmals kommt ein Flair á la „’24‘ für Arme“ oder „die autobahnfreie und psychologische Version von ‚Alarm für Cobra 11′“ auf. Und das sorgt für unfreiwillige Komik – „Amokspiel“ wirkt ähnlich wie so manches deutsches Remake erfolgreicher Produktionen aus den USA oder England, die alla fine an ihren eigenen Ansprüchen scheitern.

Wertung: 7/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Silberfisch

© Silberfisch

Michael Ende – Der satanarchaeolügenialkohöllische Wunschpunsch
Gelesen von Christoph Maria Herbst

Groß Worte über diesen modernen Klassiker aus der Feder des „Die unendliche Geschichte“-Autors Michael Ende zu verlieren, das ist eigentlich so sinnvoll wie Wasser zu befeuchten oder Löcher in Käse zu bohren, dennoch – zitieren wir hier einfach mal die Beschreibung der beim Thienemann-Verlag erschienenen Buchausgabe: »Silvester. Der geheime Zauberrat Beelzebub Irrwitzer und seine Tante, die Geldhexe Tyrannja Vamperl, haben ein Problem: Sie haben ihr Jahressoll an bösen Taten noch lange nicht erfüllt, und es ist im wahrsten Sinne des Wortes fünf vor zwölf! Nur ein besonders gemeiner Plan kann ihnen jetzt noch helfen, den Rückstand aufzuholen.« … wobei man nicht vergessen sollte, zu erwähnen, auf wie vielen gesellschaftlichen, politischen und gar medialen Metaebenen dieses Werk durch seine Anspielungen funktioniert.
Und man kann eigentlich alle bisherigen audiovisuellen Interpretationen und Hörspiele im Vergleich zu dieser in der Pfeife rauchen, denn diese Lesung, für die der als Sprecher sehr gefragte Schauspieler und Comedian Christoph Maria Herbst anlässlich des zum Erscheinungsdatum des Hörbuches 25-jährigen Geburtstags des Wunschpunschs verpflichtet wurde (Produktbseite bei Silberfisch/Hörbuch Hamburg), sticht alles Dagewesene aus. Denn Herbst macht aus seiner Lesung durch die vielen Stimmen, die er den unterschiedlichen Charakteren schenkt, selbst nahezu ein Hörspiel daraus und ist dabei voll in seinem Element – er agiert teilweise völlig überzogen, und genau das passt hervorragend zu der selbst überzogenen Geschichte. Mit mehr Hingabe und Liebe kann man ein Hörbuch kaum lesen – und man merkt richtig, dass sich Herbst wie ein kleiner Junge freut. Macht (im Wortsinn) wahnsinnigen Spaß.

Wertung: 15/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© argon

© argon

Moritz Netenjakob – Mit Kant-Zitaten zum Orgasmus
Autorenlesung

Mit „Macho Man“ und „Der Boss“ machte sich Netenjakob einen Namen im Kosmos der Comedy-Romane, und auch wenn der Humor der geistigen Elite der Sorte „Unter Pispers ist NICHTS lustig!“ wohl eher wie eine Beleidigung vorkommt, so kann man sagen, dass er hinsichtlich Slapstickfaktor und Situationskomik vieles richtig gemacht hat. Es sind halt Kulturclash-Comedyromane mit direktem Humor, ohne Umwege. Muss auch mal sein.
Mit „Mit Kant-Zitaten zum Orgasmus“ (Produktseite beim Label) geht er jedoch einen anderen Weg, denn in diesem (Hör-)buch nimmt er sich den Deutschen mit all ihren Eigenheiten an. Okay, nicht vollständig, denn hier und da kommt besagter Daniel aus den eingangs erwähnten Romanen in Form retrospektiver Kapitel ebenfalls wieder zum Zuge. Ansonsten nimmt sich Netenjakob als analytischer Beobachter mit viel satirischem Humor, immer wieder in Absurditäten abschweifend, Themen wie gesellschaftliche Rollen, Erotik, DIN-Normen, die deutsche Unterhaltungslandschaft, Emanzipation, Geschichtsunterricht, Literatur, Feminismus, Pubertät, Ordnungssinn, Faschismus und Antifaschismus, Kulturunterschiede, Urlaub und Heimat oder etwa Märchen an und zeichnet ein zwar übertriebenes, aber im Kern realistisches Bild des Deutschen – und zwar auf einem Niveau, das den etablierten Kabarettisten in nichts nachsteht und auch den erwähnten Comedy-Verschmähern beweisen dürfte, dass Netenjakob auch ganz anders kann.

Wertung: 12/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© argon

© argon

Shari Shattuck – Tage wie Salz und Zucker
Gelesen von Muriel Baumeister

Man könnte sie als Prototyp der grauen Maus beschreiben. Ellen findet sich mit ihrer Unsichtbarkeit ab. Sie hat eine Menge Kilogramm zu viel auf den Knochen, hat ein entstelltes Gesicht. Warum also nicht einfach nicht wahrgenommen werden? Es ist für sie schon ganz in Ordnung, einfach möglichst wenig mit Menschen zu tun zu haben. Nachts im Supermarkt zu putzen ist für sie der ideale Job. Anstatt soziale Kontakte zu knüpfen, beobachtet sie ihre Umgebung und macht sich eifrig Notizen über all die Menschen. Oder schläft. Oder isst. Doch Ellens Leben ändert sich schlagartig, als sie auf die sozial völlig angstfreie, lebensfrohe, blinde Violinistin Temerity trifft und sie vor zwei Taschendieben retttet. Während all die Menschen da draußen nur Ellens Hülle sehen, nimmt Temerity Ellen völlig anders wahr. Sie sieht nämlich den Menschen hinter der für sie unsichtbaren Fassade. Temerity lädt sie zum Dank zum Essen ein, und so wird der Grundstein zu einer wunderbaren Freundschaft gelegt. Gemeinsam wollen sie nun in Notsituationen eingreifen und versuchen, Glücksfeen, Schutzengel und Wohltäter zu sein – doch das sorgt nicht nur für Freude bei denen, denen sonst Unrecht geschehen wäre, sondern auch für jede Menge Chaos.
Die Geschichte fängt traurig und lakonisch an, und man merkt, wie die Sonne die grauen Wolken immer mehr verdrängt – dabei wird einem warm ums Herz, und bei den Dingern, die die beiden drehen, muss man häufig auf den Pause-Knopf drücken und erst mal fertig lachen. Gerade die Erzählstimme von Schauspielerin Muriel Baumeister, welche einen herrlich sarkastischen Ton an den Tag legt, passt hier perfekt – man könnte sich kaum eine bessere Sprecherin vorstellen. Doch im weiteren Verlauf scheint Autorin Shattuck dann doch etwas zu viel auf einmal zu wollen, denn mit zunehmender Erzähldauer wird es einfach ‚too much‘, und als dann auch noch das erzählerische „Liebes-Bonusbonbon“ ausgepackt wird, muss der Rezensent ob des Kitsches dann doch mal energisch die Augen verdrehen.
Sieht man über die letzten beiden subjektiven Kritikpunkte hinweg, hat man aber ein schönes melancholisch-lustiges und teilweise abgedrehtes Hörbuch vorliegen, bei dem man sich gut eine Verfilmung vorstellen kann. Aber bitte nicht Melissa McCarthy als Ellen – das würde alles kaputt machen.

Wertung: 10/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Osterwold

© Osterwold

Klüpfel/Kobr – Grimmbart
Gelesen von Christian Berkel und den Autoren

Eigentlich wollte Kommissar Kluftiger einfach auch mal alle Fünfe gerade sein lassen, doch als sein persönlicher Voldemort, nämlich Langhammer, ihn zu einer nächtlichen Fahrt zum Bad Grönenbacher Schloss überredet, damit er dort mal schaut, ob alles in Ordnung ist, steht er mit beiden Beinen schon wieder mitten in der Arbeit. Denn dort angekommen, findet er die sonderbar drapierte Leiche der Frau des Barons vor. Kluftinger fragt sich vieles. Zum Beispiel, weshalb der Baron selbst sich immer wieder in den „schlosseigenen Märchenwald“ verzieht. Oder ob der Mord interfamiliärer Natur ist. Wie gewohnt hat der Kommissar da so seine ganz eigenen Methoden, Licht ins Dunkel zu bringen.
Familie ist auch das Thema, das Kluftingers Privatleben derzeit beherrscht, denn er bekommt Besuch aus Japan. Denn Kluftingers Junior beabsichtigt, seine Freundin Yumiko nun endlich zu heiraten, und die Hochzeitsfeier ist nun doch wirklich die beste Gelegenheit, mal einander kennenzulernen. Der Kulturenclash ist vorprogrammiert – und ausgerechnet Langhammer ist es, der Kluftinger Peinlichkeiten zu ersparen versucht.
Die Autoren lesen – zusammen mit Erzähler Christian Berkel – dieses Hörbuch lässig und cool, und gerade Klüpfels und Kobrs dialektschwangere Sprache geben dem mittlerweile achten Krimi aus der Reihe sein ganz besonderes lokales Flair. Doch wie bei zahlreichen deutschen Krimis mit starken Charakteren fällt auf, wie sehr diese mit der Zeit zu einem Abziehbild ihrer selbst werden, und auch die Geschichten selbst werden aufgrund des ähnlichen Strickmusters immer vorhersehbarer. Da das Hörbuch (Produktseite beim Label) mit über 15 Stunden Spielzeit nicht gerade kurz ist, tun sich hierdurch zahlreiche Längen auf, sodass man sich letztendlich beinahe durch dieses überraschungsarme Werk kämpfen muss. Ganz nett zum Nebenbeihören, aber nicht tief genug, um darin zu versinken.

Wertung: 9/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© GoyaLiT

© GoyaLiT

Lars Simon – Kaimankacke
Gelesen von Holger Dexne

Torsten Bretschneider hat die Nase voll vom verregneten Schweden und seinem geerbten Haus. Die Deadline, zu der er seinen neuen Roman fertiggestellt haben muss, scheint aus der Zukunft auf ihn zuzurasen, doch er selbst, unzufrieden mit allem, leidet unter einer heftigen Schreibblockade. Irgendwann lässt er sich dann doch von seinem Vater, der selbst mit seiner Freundin Renate (durchgeknallt und leicht esoterisch) und dem stets dauerbekifft wirkenden Rainer sowie Bjørn gerade eine gute Zeit in der Karibik hat, dazu breitschlagen, ebenfalls in den warmen Süden zu fahren. Vielleicht gelingt ihm das Schreiben dann ja wieder? Doch schon zu Beginn der Reise wird Torsten gleich mit den ersten Problemen konfrontiert – und als er dann dort angekommen ist, wird es keinesfalls besser, zumal ihn der rektale Auswurf einer sehr seltenen Kaimanart in die Bredouille bringt. Statt Erholung also Katastrophe in der Karibik – und er mittendrin.
Fallen wir mit der Tür ins Haus: Bei „Kaimankacke“ (Produktlink bei GoyaLiT) wurde offenbar versucht, das Erfolgsrezept des Erstlings „Elchscheiße“ zu wiederholen. Wir nehmen einen Titel, bestehend aus Tier und Exkrement, und basteln eine Geschichte, die noch verrückter ist (und die mit dem hiernach erschienenen „Rentierköttel“ dann auch in den dritten Teil ging), ohne dass die Figuren ihren Charakter verlieren; Diese Charakterfestigung wird leider so sehr praktiziert, dass die Protagonisten (besonders Rainer) in ihren eigenen Klischees ertrinken – und während die Gags bei „Elchscheiße“ noch saßen, wirken sie in Teil zwei dieser Reihe mehrmals so erzwungen und teilweise so flach, dass es schwerfällt, bis zum Ende des Hörbuchs durchzuhalten – da konnte selbst Holger Dexne als sehr variabler und unterhaltsamer Sprecher nicht viel retten. Schade.

Wertung: 8/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Lübbe Audio

© Lübbe Audio

Sebastian Fitzek – Passagier 23
Gelesen von Simon Jäger

Und noch ein Fitzek. In „Passagier 23“ (Produktseite bei Lübbe Audio) übt er sich zur Abwechslung mal in einem Psychothriller, in welchem sich das Meiste um den Polizeipsychologen Martin Schwartz dreht, welcher vor einem halben Jahrzehnt bei einer Kreuzfahrt mit der „Sultan of the Seas“ sowohl seinen Sohn als auch seine Frau verloren hat – auf welche Art und Weise, blieb ungeklärt. Schwartz ist seitdem ein gebrochener Mann, der sich mit gefährlichen Undercover-Jobs über Wasser hält und selbstzerstörerisch agiert. Doch eines Tages, als er gerade bei einem Einsatz ist, ruft ihn von ebenjenem Kreuzfahrtschiff eine merkwürdige, sich Thrillerautorin schimpfende, ältere Frau an, die zu wissen meint, was sich damals ereignet hatte. Widerwillig und mit viel Überwindung macht Schwartz sich auf den Weg zum Schiff. Dort angekommen, trifft ihn kurze Zeit später der Schlag, denn ein ebenfalls auf dem Schiff verschwundenes Mädchen ist auf einmal wieder da. Doch er ist nicht schockiert von dem Mädchen, sondern von dem Teddybären seines Sohnes, an den sie sich kuschelt.
Bis hierhin mag das einiges an Spannung verheißen, nicht wahr? Doch die Ernüchterung macht sich sehr bald breit, denn mit dem von Simon Jäger immerhin großartig gelesenen „Passagier 23“ liefert der Autor nicht nur Reißbrettware ab, sondern auch mangelhafte. Zum einen nutzt er teilweise ein Vokabular, das zu bemüht und gestelzt ist und somit die Atmosphäre der beabsichtigt bedrohlichen Situationen ins Lächerliche zieht. Auch ist die Story selbst zu künstlich zusammengezimmert. Hölzerne und unbeholfene Dialoge sowie ein „Hauptsache noch krasser als krass“-Flair tun ihr Übriges, um „Passagier 23“ vollends ungenießbar werden zu lassen, zumal sich Fitzek hier und dort wohl zu sehr von Horror-Thriller-Blockbustern inspirieren ließ. Das wäre okay, wenn es eine liebevolle Hommage wäre, aber in diesem Werk wirkt eine dilettantische Verwurstung solcher Inspirationen (größter gemeinsamer Nenner: „Das Schweigen der Lämmer“) fast schon wie eine Beleidigung des Originals. Ein Hörbuch von der Qualität einer durchschnittlichen SAT.1-Filmfilm-Produktion – furchtbar!

Wertung: 4/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Lübbe Audio

© Lübbe Audio

Ethan Cross – Ich bin die Angst
Gelesen von Thomas Balou Martin

Im November 2016 geht diese Reihe bereits in Runde vier, doch der Rezensent hatte aus den in der Einführung genannten Gründen erst vor kurzer Zeit die Audiolektüre des zweiten Thrillers aus der Shepherd-Reihe beenden können. In diesem treibt ein sonderbarer Massenmörder namens „Anarchist“ (in seinen mordfreien Momenten ein vorbildlicher Papa und Ehemann) in Chicago ein brutales Spiel, denn zuerst lässt er seine Opfer bluten. Dann sollen sie ihm in die Augen sehen, während er ihr Blut trinkt. Anschließend lässt er sie in Flammen aufgehen. Offenbar kann nur einer diesen Irren stoppen: Marcus Williams, aktiv für die Shepherd Organization. Bald gerät der jedoch an seine Grenzen und benötigt Hilfe. Dass die ausgerechnet von seinem wahnsinnigen, brutalen und totgeglaubten Widersacher und Serienmörder Francis Ackerman junior kommen könnte, stellt Marcus, selbst auch nicht gerade zimperlich, vor die Wahl. Zieht er das Ding lieber alleine durch oder geht er eine Allianz mit dem Bösen ein? Bekämpft er das Feuer mit noch mehr Feuer?
Die Befürchtung, dass Cross hier versucht, den Erstling mit einer Extremisierung aller Extreme zu übertreffen, bewahrheitet sich bereits auf der ersten Disc des 436 Minuten langen Hörbuchs, welches sich im weiteren Verlauf zieht wie geschmolzener Gouda auf einer fetttriefenden Pizza. Denn während bei „Ich bin die Nacht“ noch die ein oder andere unerwartete Wendung eintrat, rattert „Ich bin die Angst“ extrem vorhersehbar daher, und auch hinsichtlich der Figuren stagniert diese Buchreihe bereits im zweiten Teil. Die psychologische Finesse weicht mehr Action und in diesem Fall somit die Komplexität und das packende Verwirrspiel der Plumpheit und Geradlinigkeit, sodass dem Rezensenten die Lust auf weitere Teile erst einmal vergangen ist. So sehr Thomas Balou Martin mit seiner bärig-brummigen, manchmal fast psychopathischen Stimme sich auch ins Zeug legt, „Ich bin die Angst“ (Produktseite bei Lübbe Audio) überzeugend rüberzubringen: Die Schwächen dieses zweiten Bandes lassen sich damit nicht kaschieren.

Wertung: 6/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Lübbe Audio

© Lübbe Audio

Becky Masterman – Bis du tot bist
Gelesen von Sabina Godec

Zwar handelt es sich hier um den zweiten Teil der mit „Der stille Sammler“ eröffneten Thrillerreihe, doch aufgrund der nur dünnen Verbindung zum Vorgänger lässt sich „Bis du tot bist“ (Produktseite bei Lübbe Audio) als eigenständige Geschichte problemlos hören. Zitieren wir ausnahmsweise mal den Klappentext, denn der reißt den Inhalt ausnahmsweise perfekt an: »Unter der Sonne Arizonas erhitzt der rätselhafte Tod eines Teenagers die Gemüter. Brigid Quinn, FBI-Agentin a.D., glaubt nicht an einen Unfall. Während sie immer tiefer in die Geschichte hineingezogen wird, leidet sie selbst plötzlich unter rätselhaften Symptomen. Dazu kommt die Sorge um ihre Nichte Gemma, deren morbides Interesse am Tod ungesunde Züge trägt. Als eine weitere Leiche gefunden wird, keimt in Brigid ein schrecklicher Verdacht …«
Ganz anders als Teil eins dominiert hier weniger die Action, und auch der eigentliche, doch sehr derbe Kriminalfall steht nicht so sehr im Vordergrund, denn parallel wird deutlich mehr von Brigid Quinn erzählt, sodass man die Protagonistin besser kennen lernt und besser versteht, wann sie warum wie agiert. Auch ist die Spannung (im positiven Sinn) nicht so ganz extrem – es geht in „Bis du tot bist“ um einiges ruhiger zu. Fast kann man sagen, dass sich die erzählerische Explosion hier eher schleichend ankündigt, dafür aber letztendlich um einiges heftiger ausfällt. Mehr Reibeisen als Samthandschuh ist die Sprache, die dieser Thriller spricht, und das spielt der Sprecherin Sabina Godec ganz gut in die Hände. „Bis du tot bist“ hat Ecken und Kanten und seinen ganz eigenen Groove, und wenn man sich auf diese Kombination einlässt, wird man mit einem mehr als soliden Gesamtpaket belohnt.

Wertung: 11/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© der Hörverlag

© der Hörverlag

Francis Durbridge – Paul Temple und der Fall Gregory
Hörspiel, gelesen von Bastian Pastewka, Kai Magnus Sting u.a.

„Mit den besten Empfehlungen von Mr Gregory“, geschrieben auf einen Zettel, den er bei den getöteten jungen Fraen hinterlässt. Das ist die einzige Spur, die auf den unbekannten, selbigen Namen tragenden Serienmörder, hinweist. Doch die Polizei tappt im Dunkeln und gerät an ihre Grenzen – und konsultiert den auch als Krimiautor bekannten Privatdetektiv Paul Temple, der stets seine modische Frau helfend zur Seite hat. Doch die Jagd nach diesem Gregory erweist sich als schwierig und auch als brandgefährlich, denn der unbekannte Mörder führt Temple an der Nase herum.
Die Paul Temple-Hörspielreihe geht mit „Der Fall Gregory“ (Produktlink bei ‚der Hörverlag‚) in die siebte Runde, und für diesen Teil war man mutig, denn die Auswahl der Sprecher unterscheidet sich doch sehr deutlich von der der Vorgänger. Hier geben sich Comedian Bastian Pastewka (Hauptsprecher), Kai Magnus Sting (Kabarettist), Alexis Kara (als Dennis Knossalla in der ‚heute-Show‘ bekannt) sowie die Schauspielerinnen Janina Sachau und Inga Busch die Ehre. Das Besondere an dieser Folge der von Francis Durbridge geschriebenen Krimis, die als Radioserie hierzulande in den 50er und 60er Jahren sehr erfolgreich war, ist die, dass das „Gregory“-Original seit dem Jahr 1949 als verschollen galt. Es war schlichtweg aus den Archiven verschwunden, und erst vor wenigen Jahren wurde ein Textfragment davon gefunden. Pastewka und Konsorten haben sich zusammengetan, um gemeinsam daraus unter der Regie von Leonhard Koppelmann ein sehr interessantes Hörerlebnis zu zimmern und mit Arrangements von Mike Herting und der originalen Hans Jönsson-Musik aufzupeppen. Dass dies ein explosiver Mix ist, ist zu erwarten, zumal der herrlich heterogene Sprecherhaufen mit viel Leidenschaft zu Werke geht und die herlich schrullige Musik perfekt dazu passt. Doch die besondere Würze entsteht erst durch einen entscheidenden „Störfaktor“, denn immer wieder unterbrechen die fünf ihr Audiotheaterstück, um zu diskutieren, zu besprechen, ja sich sogar zu streiten. Und das birgt eine Komik in sich, die erfrischend ist. Sicherlich irritiert das, gerade, weil man ja irgendwie am Ball bleiben möchte – doch das Chaos nimmt hier derart charmant seinen Lauf, dass Dauerschmunzeln garantiert ist. Mutig, witzig, anders.

Wertung: 13/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Random House Audio

© Random House Audio

Adriana Altaras – Doitscha
Gelesen von Adriana Altaras, Gustav Peter Wöhler, Katja Riemann, Bodo Primus uvm.

In der Produktbeschreibung (bei Random House Audio; Produktlink) prangt groß der Quasi-Slogan »Leidenschaftlich, mitreißend, witzig – ein faszinierendes Porträt jüdischen Lebens in Deutschland.« und trifft damit eigentlich bereits so ziemlich genau ins Schwarze. Wenn man so möchte, kann man das (Hör-)Buch als eine fiktionalisierte Autobiographie einordnen, in der die Theaterregisseurin und Schauspielerin Adriana Altaras einen Blick in ihr Umfeld (Bekannte, Familie…) gewährt.
Sie selbst ist Jüdin, ihr Mann ein waschechter Westfale, und ihr gemeinsamer Sohn David, mitten in der Pubertät, wäre viel lieber Israeli. Ein echter. Inklusive Zugehörigkeit zur israelischen Armee. David zieht seinen Erzeuger gern mit dem Spruch „Ey, Doitscha!“ auf, was dem so gar nicht behagt. Aus verschiedenen Perspektiven, dargestellt durch entsprechend zahlreiche Sprecher inklusive Altaras selbst, wird in knackig-kurzen Kapiteln ihr Kosmos vorgestellt, wobei unter anderem sie selbst, ihr Mann, ihre Söhne, ja sogar die Therapeutin zum Zuge respektive zu Wort kommen, ebenso Davids Patenonkel. Diese multiperspektivische Erzählweise mit Fokus auf David und ein klein wenig auf Mama Adriana, sorgt für viel Dynamik. Man erfährt viel über das Leben der Juden im modernen Deutschland, und dabei wird der Hörer abwechselnd in lustige, melancholische, herzerwärmende, traurige, ernste und gern auch schräge Regionen geschubst. Man erfährt neben der Gegenwart außerdem viel über die Vergangenheit, sodass die Geschichte auch einen nicht zu unterschätzenden Lehrfaktor vorweisen kann. Und gerade als – ja, das klingt jetzt furchtbar blöd – Nicht-Jude ist es unheimlich interessant, dass einem hier eine Tür geöffnet wird, durch die man eintreten und sich umschauen kann. Und die Mentalität dieser Menschengruppe besser versteht. „Doitscha“ ist ein Hörbuch voller Herzlichkeit, das einen wie ein warmer Kokon umhüllt.

Wertung: 13/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Schall & Wahn + Random House Audio

© Schall & Wahn + Random House Audio

Thomas Krüger – Entenblues
Gelesen von Dietmar Bär

Nachdem Erwin Düsedieker den ersten Fall „Erwin, Mord & Ente“ gelöst hatte, war er froh, endlich wieder sein Leben genießen zu dürfen. Seine Badewanne ist sein Heiligtum, und mit seinen Laufenten Lothar und Lisbeth latscht er tagtäglich über die Felder und unterhält sich mit ihnen. Nach wie vor wird der Sohn des ehemaligen Dorfpolizisten von den Menschen in Bramschebeck belächelt. Er, durchaus sehr einfach gestrickt und reichlich verschroben, gilt als der sonderbare Dorfdepp, doch eigentlich müssten die Leute doch wissen, dass er es war, der der Polizei damals stets einen Schritt voraus war.
Nun bekommt er selbst mit den Hütern des Gesetzes Probleme, denn ihm wird nachgesagt, dass er im Waffenlager Geld gefunden und es sich unter den Nagel gerissen habe. Als dann in seinem Gartenteich obendrein eine übel zugerichtete Leiche liegt, befindet er sich vollends in der Patsche: Verdacht auf Unterschlagung und Mord. Wie kommt der unschuldige Erwin da wieder raus? Und Erwins größte Sorge: Wer passt auf seine beiden Enten auf?
Wie bereits im ersten Erwin-Düsedieker-Band bekommen wir hier einen spannenden, mal ruhigen, mal turbulenten Krimi mit viel Dorfflair geboten, der eine wunderbare Tragikomik in sich birgt. Denn so sehr man manchmal auch herzhaft lachen muss, so sehr tut einem Erwin auch leid, weil er ja nicht nur ein zu Unrecht Verdächtiger ist, sondern auch ein Opfer der bösartigen Gesellschaft. Die einfache Herzlichkeit und herzliche Einfachheit dieses Mannes verleiht ihm einen beachtlichen Drolligkeitsfaktor, sodass man kaum anders kann, als ihn ins Herz zu schließen. Schauspieler Dietmar Bär weiß die Geschichte mit seiner bärig-sanften Stimme sehr angenehm zu erzählen und schenkt Erwin Düsedieker zudem eine Stimme, die perfekt zu dessen Wesen passt. „Entenblues“ bedeutet: Spannung, Witz und Herz im Gesamtpaket.

Wertung: 12/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Random House Audio

© Random House Audio

Mini-Chef – Schlafen könnt ihr, wenn ich groß bin – Eltern erfolgreich erziehen
Gelesen von Carolin Kebekus

Die Mutter und Social-Media-Besessene Bunmi Laditan versetzt sich als Erfahrene und „Leidende“ in diesem Buch, welches von Comedienne Carolin Kebekus witzig und amüsant-überzogen gelesen wird, in die Denkwelt des Kleinkindes. Was geht in ihm vor, wenn es sich auf den Boden wirft. Wieso mag es keine Bananenfäden und Staubsauger? Warum spricht es noch nicht im Gegensatz zu anderen? Und was passt ihm bitteschön nicht an seinem heißgeliebten Lieblingsessen? Warum hasst es ungebetenen Augenkontakt, Mittagsschlaf, Hosen? Und warum mag es nur rote Getränke? All diese Fragen beantwortet Mini-Chef, der auch für alles eine plausible Erklärung hat. Mini-Chef ist der Prototyp des Hedonismus und zeigt das auch. Und erklärt nebenbei, wie Eltern richtig erziehen. Richtig aus seiner Sicht natürlich.
Das (Hör-)-Buch (Produkt-Link bei argon hörbuch) wurde bewusst anarchisch und im „Ihr macht das was ich will, ich mach schließlich auch, was ich will“-Ton geschrieben, von oben herab, gierig, maßlos und eigenwillig – und das dürfte natürlich manch zartbeseitetem Elternteil ganz schön auf den Schlips treten. Doch es geht nicht um Pedagogical Correctness oder dergleichen, sondern um die zuweilen schonungslose Art und das schonungslose Wesen, das ein Kind in diesem Alter noch haben kann, bis es irgendwann das Miteinander begreift. „Schlafen könnt ihr, wenn ich groß bin…“ ist ein zwar ein Fünkchen Wahrheit in sich bergender, ansonsten aber absolut übertriebener und vor allem augenzwinkernder kleinkindlicher Blick in den kleinkindlichen Kosmos. Darf man nicht ernst nehmen, aber darüber lachen. Wenn auch manchmal gequält und „Mhm… meins war/ist genau so…“ denkend.

Wertung: 11/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Random House Audio

© Random House Audio

Stephen King – Mr. Mercedes
Gelesen von David Nathan

„Mr. Mercedes“ (Produktlink bei Random House Audio) ist der erste Teil von Stephen Kings neuer Bill Hodges-Reihe und eröffnet mit Wahnsinn, denn ein offenbar völlig durchgedrehter Irgendjemand donnert mit einem Zweitonner, einem Mercedes SL 500, in einen Pulk aus arbeitssuchenden Menschen, die vor der Stadthalle einer dem Bankrott nahen US-amerikanischen Kleinstadt im Mittlerwen Westen zwecks einer Jobbörse auf ihre Chance warten. Zahlreiche dieser Menschen sterben, einige sind schwer verletzt. Der Mörder wird nie gefasst – lediglich der Wagen, auf dessen Beifahrersitz eine Clownsmaske liegt, taucht irgendwann auf. Noch spöttischer als die Clownsmaske ist die Tatsache, dass das Lenkrad mit einem Smiley versehen wurde.
Viele Monate Später: Ermittler Bill Hodges, der auf den Fall angesetzt war, ist mittlerweile pensioniert, doch noch immer beschäftigt ihn der Fall. Diese Bestie darf auf keinen Fall frei auf diesem Erdball wandeln. Es wurmt ihn, frisst ihn auf, und letztendlich wandert Hodges auf dem Grat zwischen Leben und Suizid.
Eines Tages erhält der Ex-Detective  einen Brief, in welchem der Schreiber behauptet, er habe diese Gräueltat begangen – und er werde bald eine noch viel schlimmere, grausamere begehen. Dem pensionierten Detective ist klar, dass er gar keine andere Wahl hat, als Jagd auf diesen Psychopathen zu machen. So greift er zu unkonventionellen Mitteln und holt sich so manch dubiose Gestalt ins Boot. Doch wie kommt er dem raffinierten Mann, der immer schon um die nächste Ecke gedacht hat, auf die Spur?

Die Vorfreude auf einen aufregenden, nervenzerreißenden Krimi mit Thriller-Flair ist groß.  Doch Kings Erzählstil ist in diesem ersten Band äußerst unbefriedigend bis frustrierend, denn die Story wird eindeutig zu langsam erzählt, und nach vielen Worten in immerhin sechzehneinhalb Stunden macht sich Ernüchterung breit, denn der eigentliche Kult-Autor ergeht sich in zu vielen beschreibenden Details, sodass man nahezu jeden Kieselstein, jede Haarsträhne und jede Faser der Tapete bald mit Namen kennt. Es ist zwar erfrischend, dass King den Humorfaktor in diesem Werk deutlich erhöht, und auch das Setting ist interessant, ebenso erfährt man sehr präzise durch den Blick in die Köpfe der Protagonisten, wie sie ticken. doch viele stereotype Charaktere und die künstlich in die Länge gezogene Handlung schmälern den Genuss ungemein. Letztendlich bleibt „Mr. Mercedes“ unspektakulär und überraschungsarm, und so bekommt der Hörer kaum mehr als solide Kost geboten. Solide Kost, die von David Nathan perfekt gelesen wurde, aber inhaltlich eben kaum ernsthaft zu packen mag. „Okayes“ Popcorn-Kino ohne Bild.

Wertung: 9/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© ROOFmusic

© ROOFmusic

Verena Güntner – Es bringen
Gelesen von Frederick Lau

Wer sich mit Unsympathen als Protagonisten schwer tut, der wird sich auch mit „Es bringen“ (Produktseite bei ROOFmusic/tacheles!) schwer tun, denn der sechzehnjährige Luis, irgendwo in Süddeutschland lebend, ist ein Musterbeispiel des selbstherrlichen, draufgängerischen Arschlochs. Er selbst hält sich für einen Bringer, er – Zitat Beschreibungstext – »ist der Trainer und er ist die Manschaft“. Bei den Fickwetten mit seiner Gang (ja, in der Geschichte wird diese Vokabel genau so verwendet), mit der er ansonsten hauptsächlich sinnloses Nichtstun und Saufen (zum Netto ist’s ja nicht weit) praktiziert, geht er meistens als glücklicher Gewinner vom Feld. Doch besonders gern besorgt er es Jenny, und er ist völlig überzeugt davon, dass er bei ihr der absolute King ist. Jede Bewegung seiner Lenden: perfekt.
Respekt hat er lediglich vor seiner einen promiskuitiven Lebenswandel zelebrierenden Mutter, und daneben ist bestenfalls Gangchef Milan (auf dessen Mutter Luis völlig abfährt) jemand, der Luis halbwegs Paroli bieten kann. Doch irgendwo, tief in ihm, ist ein junger Mann mit Emotionen und einem sanften Gemüt, der sich selbst erst richtig kennen lernen muss. Wenn er bei einer seiner heimlichen Aktionen zum Pony namens Nutella geht, geht ihm beim Streicheln des Tieres das Herz auf. Doch kaum hat er diesen Moment der Wärme genossen, kehrt er wieder als Meister aller Flachwichser zurück zu alten Mustern.
Sein Status als Bringer scheint unzerstörbar zu sein. Er weiß stets, was zu tun ist, um „es zu bringen“.
Plötzlich jedoch bricht die Welt über ihm ereignisbedingt zusammen, und bald muss er begreifen, dass eben genau dieser Bringerstatus völlig wertlos ist, wenn der Zug seines Lebens dramatisch entgleist. Nun stellt sich die Frage, ob Luis durch seine neue Situation lernt. Ein besserer Mensch wird. Überhaupt erst mal sich selbst kennen lernt.
Wie aus den obigen Zeilen unschwer zu erkennen ist, ist die Sprache, die die Autorin für diesen Roman gewählt hat, sehr ungehobelt, voller Kraftausdrücke, schonungslos, ohne Filter direkt ins Gesicht des Hörers gespuckt. Das mag so manchen abschrecken, aber es passt perfekt auf die Geschichte und ihre Figuren – eine entschärfte Sprache wäre ihr nicht zuträglich gewesen. Frederick Lau hat für dieses Hörbuch den Zuschlag bekommen und fängt die Atmosphäre des fürwahr unbequemen Romans beeindruckend ein – gerade wenn er das Fenster in Luis‘ Seele öffnet und man als Hörer Einblick in dessen Gedankenwelt erhält, ist man dem Protagonisten besonders nah. Die raue, irgendwo noch kurz nach dem Stimmbruch hängengebliebene Stimme des gefragten Schauspielers ist wie geschaffen für die zentrale Romanfigur.
Ein optimales Rundumprodukt also, besonders für jene, die Kost abseits der glattgeleckten Geschichten und des happy-end-orientierten „Alles ist am Anfang so böse und doof, und am Ende ist alles wieder gut“-Allerleis zu schätzen wissen.

Wertung: 13/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© argon

© argon

Marion Brasch – Wunderlich fährt nach Norden
Gelesen von Stefan Kaminski

Als der einfache und bescheiden lebende Herr Wunderlich, ohnehin nicht von Glück gesegnet, gleich am Anfang der Geschichte von seiner Liebe Marie verlassen wird, wird er zum „unglücklichsten Menschen, den er kennt“ (der selbstmitleidige Wunderlich über den selbstmitleidigen Wunderlich). Sein Leben ist ein blankes Existieren. Vor sich hin treiben. In den Tag hinein leben. In den ereignisarmen Tag. Leben: Doof. Alkohol: Toll. Doch da plingt eines Tages urplötzlich eine SMS auf seinem Handy auf: Absender: Anonym. Inhalt: »Guck nach vorn.«
Wunderlich, Mann mit Hut, wundert sich. Immer wieder erreichen ihn weitere Nachrichten. Die Person hinter der anonymen Nummer weiß offenbar viel über ihn. Und auch über den Nachbarn, inklusive Vorhersage. Wunderlich hält das nicht allzu lang für einen Spuk – im Gegenteil, er arrangiert sich mit der Tatsache, dass dieser unbekannte SMS-Schreiber derzeit sein Begleiter bleiben wird. Er, so gar nicht der Reiselustige, lässt sich von diesem Anonymen letztendlich sogar dazu überreden, auf Reisen zu gehen. Nach Norden zu fahren. Und auf dieser Reise wird er Sonderbares (oder Wunderliches) erleben. Sonderbare (wunderliche) Menschen kennen lernen. Viele Dinge lassen sich nicht erklären. Sie passieren einfach. Und sie passieren ihm. Werden mal klar, mal kryptisch von Autorin Marion Brasch beschrieben. Vor allem aber lernt der eigenwillige Wunderlich sich in diesem Buch selbst ganz neu kennen und wird sogar mit seinem alten Ich konfrontiert. Es ist zu schön, um es nicht zu zitieren: »Auf seiner Fahrt wird Wunderlich zum Abenteurer. Doch vor allem entdeckt er, was er vergessen wollte, und findet, was er nicht gesucht hat.«
Der Ton in diesem (Hör-)Buch ist simpel und leicht, flapsig, arbeitet mit vielen Metaphern, die sich durch die schlichten (im Sinne von schwurbelfreien) Worte schlängeln und gleichermaßen anspruchsvoll, das Hörbuch saugt einen auf und stößt ihn weg – und diese Schizophrenie des Geschriebenen spiegelt sich auch in der Geschichte selbst wider, denn die lässt den Hörer gleichermaßen in Melancholie wie auch in Freude baden, todtraurige Momente wechseln sich mit skurrilen und sonderbaren oder urkomischen Situationen ab, und ganz nebenbei weiß Brasch mit den Erwartungen des Rezensierenden Rezipienten (oder rezipierenden Rezensenten) zu spielen. Und das lässt diesen Roman zu einem der stärksten der 10er Jahre werden. „Wunderlich fährt nach Norden“ (Produktlink bei argon hörbuch) wurde zudem in der Hörbuchversion vom viel geschätzten Stefan Kaminski gelesen und erhält hierdurch ein erzählerisches Stimmspektrum, das beeindruckt.

Wertung: 15/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Hoffmann & Campe

© Hoffmann & Campe

Dom Callaghan – Blutiger Winter
Gelesen von Gordon Piedesack

Zuerst einmal überrascht das für den Mitteleuropäer und auch für den Autor doch ungewöhnliche, nahezu exotische Setting, denn Dom Callaghan entführt den Leser – oder in diesem Fall Hörer – nach Kirgisistan, wo es im Süden im Sommer weit über 40°C heiß werden kann, das Thermometer im Norden des zentralasiatischen Staates im Winter aber locker auf fast -20°C fällt. Im Norden, wo auch die Hauptstadt Bischkek liegt und Inspektor Akyl Bourbaew seinen Job macht.
Im ersten Teil der 2016 bereits mit dem zweiten Teil „Tödlicher Frühling“ fortgesetzte Borubaew-Reihe muss der Ermittler einen grausamen Fund machen: Eine junge weibliche Leiche, die später als Tochter des Staatssicherheitsministers identifiziert wird, liegt im Schnee, grausam zugerichtet, die Gebärmutter freigelegt – und ein Fötus in selbiger. Wie sich später herausstellt, war es nicht ihr eigenes werdendes Kind. Der Inspektor kann viel ab, er lässt so manches an sich abprallen. Aber eins weiß er: Den kranken Menschen, der diese Tat begangen hat, den holt er sich. Und er geht dabei seinen ureigenen Weg – der gepflastert ist von Blut, Gewalt, noch mehr Blut und noch mehr Gewalt, durch ein Geflecht aus Korruption, Intrigen, Mafia, Politik, Geheimdiensten – stets in höchster Lebensgefahr und ständig brutalsten Situationen ausgesetzt.
Der Ton dieses Werkes ist äußerst derb, Szenen werden ohne Filter geschildert, und so dürfte „Blutiger Winter“ (Produktseite bei Hofmann und Campe) den Freund regulärer Krimis doch sehr vor den Kopf stoßen, denn oftmals geht diese heftige Geschichte nicht nur aufgrund seiner Atmosphäre gen Hardboiled und Roman noir und ist demnach eher etwas für die, denen es nicht heftig, brutal und krass genug sein kann – und Sprecher Gordon Piedesack kommt da genau recht, denn der weiß mit seiner perfekt passenden, mürrisch anmutenden Stimme, die sich in den richtigen Momenten gar menschlich entwickeln kann, genau den Ton zu treffen.
Dem Rezensenten war es, obwohl die Story selbst angenehm komplex und nur oberflächlich gesehen einfach gestrickt ist, dann aber doch ein wenig „too much“, aber nicht, weil es abstoßend oder abschreckend wirkt, sondern schlichtweg zu gewollt krass. Zu aufgesetzt brutal. Manchmal scheint dem Briten Callaghan, der heute in Dubai lebt, zu sehr der Gaul durchgeganen zu sein, und das hat einen ermüdenden Effekt, der das literarische Gesamtbild ein wenig zerstört. Dennoch: Mehr als solide.

Wertung: 10/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© ROOFmusic

© ROOFmusic

Chantal Louis – Ommas Glück
Gelesen von Gerburg Jahnke

Es war so unfassbar traurig und entwürdigend, wie die demente Edeltraut Karczewski, die Großmutter der Autorin Chantal Louis, im Altenheim vor sich hin vegetierte – und eines war das beste, was man für sie tun konnte: Sie dort rausholen – und sie zu sechs anderen dementen Seniorinnen und Senioren in eine WG in Wanne-Eickel zu bringen. Das wäre für „Omma“, wie sie liebevoll genannt wird, früher undenkbar gewesen. Alles, nur nicht so etwas! Und nun, mit 83 Jahren…
In dieser biographischen Erzählung, die von Kabarettistin Gerburg Jahnke (von 1985 bis 2005 auch eine Hälfte des Kabarettduos Missfits) sehr angenehm, warm und mit viel charmantem Witz – eben typisch Jahnke – gelesen wird, wird gezeigt, dass diese Art der Altenbetreuung eine gute Alternative für das Verbringen seines Lebensabends ist, denn in der WG, sie sie in Deutschland langsam aber sicher auf dem Vormarsch sind, nehmen die Betreuer*innen die sieben alten Menschen ernst, respektieren sie, sorgen sich reizend um sie. Angehörige packen hier und dort mit an, sowohl beim Haushalt als auch beim Renovieren, und selbst um Speis und Trank wird sich gekümmert.
Das tragische Thema Demenz ist in „Ommas Glück“ (Produktseite bei ROOFmusic/tacheles!) logischerweise omnipräsent, auch die vielen Probleme, Hindernisse, die Starrköpfigkeit der Behörden – doch das Zwischenmenschliche ist herrlich herzerwärmend: Was die alten Leutchen manchmal miteinander erleben, lässt einen als Hörer doch desöfteren schmunzeln, weil manche Situationen einfach urkomisch sind – oftmals nicht, „obwohl“ sie kein Kurzzeitgedächtnis haben, sondern „weil“. Dann wieder werden die Äuglein feucht vor Rührung, weil manches einfach so herzallerliebst und zuckersüß ist.
Vielschichtig, mit viel Hingabe und mit sowohl emotionaler als auch erzählerischer Tiefe bekommen wir hier etwas mehr als fünf Stunden einen Einblick in den Lebensabend von „Omma“ Edeltraud und ihren Mitbewohner*innen geboten, aber auch in die Gedankenwelt der Autorin, der man anmerkt, welch große Herzensangelegenheit das Thema Demenz-WG für sie ist – und dass diese Form der Altenbetreuung zukunftsfähig ist.

Wertung: 12/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© ROOFmusic

© ROOFmusic

Heinz Strunk – Heinz Strunk gibt das Strunk-Prinzip
Autorenlesung

Sicherlich kann man dem Musiker, Entertainer, Schauspieler und Autor Heinz Strunk bezüglich dieses Werkes Recycling vorwerfen, denn bei den auf zwei CDs dargebotenen Texten handelt es sich um seine satirischen Ratgeber-Kolumnen, die er zuvor für das Titanic-Magazin geschrieben hat und die er in diversen Lesungen auch akustisch zum Besten gab. Wer die Titanic nicht oder nur selten liest, zieht demnach eher einen Nutzen aus diesem Doppeldecker. Sicher, bei den kauzig-krakeligen Zeichnungen mussten Abstriche gemacht werden, doch ein Teil davon wurde immerhin im Booklet verewigt, in welchem Strunk noch ein wenig darüber erzählt, wie es zum „Strunk-Prinzip“ kam. Im Vergleich zum 240-seitigen, bei rowohlt erscheienen Buch wurde für das Hörbuch (Produktseite bei ROOFmusic) noch einiges weggekürzt, andererseits  ist man nach den 2:45 Stunden sowieso erst einmal außer Atem. Völlig erledigt.
In diesem Pseudo-Ratgeber für alle Lebenslagen redet „Heinzer“ nämlich oftmals einen derart gequirlten Unfug, dass es eine helle Freude ist. Mit seinem typisch fischköppigen Halbdialekt und seinem charmanten Markenzeichen, dem unverkennbaren Lispeln, trägt er die meist um die vier- bis fünfminütigen Exposés mit solchen Namen wie „Literatur – und aus Lauten werden Worte“, „Religion – von Buddha bis Bhagwan“, „Die Landbevölkerung – zwischen Traktor und Realität“, „Bodymodification – Ein Irrweg im Faktenkorsett“ oder „Senioren – Generation ohne Zukunft?“ vor und ist sich nicht zu schade, mit zahlreichen Neologismen und sehr speziellen Anglizismen um sich zu werfen. Sicherlich, hier und dort (Stichwort Motivationsguru Jürgen Höller) holt er sich mitunter mal hörbar Inspiration. Aber was ist ein Künstler ohne Inspiration? Und was spricht gegen die ein oder andere Hommage?
Jeder Strunk-Liebhaber MUSS sie einfach ausprobieren, diese „Steps of Success“, zumindest gedanklich, denn wenngleich sie Quatsch mit Soße sind (so auch der Untertitel des Titels „Psychologie“), so sehr verbessern sie letztendlich doch das Leben des Hörers. Nämlich, indem dieser mit gravitationstrotzenden Mundwinkeln und reichlich blubberndem Soßenquatsch im Gedächtnis durch die Gegend wandelt, weil er eine gepflegte Portion Gemütserhellung serviert bekommen hat.

Wertung: 14/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Lübbe Audio

© Lübbe Audio

Philipp Möller – Isch hab Geisterblitz
Gelesen von Christian Ulmen

Nach „Isch geh Schulhof“ (einer oftmals fälschlicherweise als Comedy-Story verstandenen Nacherzählung des an einer Schule mit Jugendlichen und Lehrern Erlebten) und „Bin isch Freak, oda was?!“ (ebenfalls fälschlicherweise als Comedy-Story verstandene Nacherzählung der nachschulischen Erlebnisse, in denen Möller darüber philosophiert, wo denn nun die Grenze zwischen Freak und Nicht-Freak verläuft und er sich fragt, wie viel Freak eigentlich in ihm selbst steckt) dürfte auch diese Story fälschlicherweise als Comedy misinterpretiert werden, was nicht zuletzt auch an der comichaften Covergestaltung liegen dürfte.
Klar, auch im dritten Werk des Diplompädagogen finden sich zahlreiche, sehr komische Situationen, die nicht zuletzt durch Sprecher Christian Ulmen noch einmal einen Push bekommen – vor allem, wenn er als Khalim spricht, auf den wir gleich eingehen -, aber ebenfalls schwingt wie in den beiden Vorgängerwerken auch hier ein nicht zu unterschätzender trauriger, sozial- und (bildung-)systemkritischer Ton mit.
Khalim, der bereits aus „… Schulhof“ und „… Freak …“ bekannt ist, ist mittlerweile 16 Jahre alt, und durch seine soziale Ausgrenzung und Ghettoisierung sowie die fürwahr suboptimale Konditionierung ist er nicht gerade der Musterteenager. Sein Schulabschluss ist in Gefahr, und die ratlosen Lehrer seiner Ex-Schule wissen nur einen Ausweg: Möller als Nachhilfelehrer ins Boot zu holen. Der ist schockiert, was aus Khalim mittlerweile geworden ist, nämlich ein Taugenichts, der sich nicht nur mit dem Lernstoff schwer tut, sondern auch mit der Sprache, wobei eher der Ton („Na, du Hure, s’los!“ als Begrüßung für seine Mitschülerinnen) als die Aussprache („Sch’eiße Khalim“ auf die Frage, wie sein Name ist) das Problem ist. Erheblicher Handlungsbedarf besteht auch hinsichtlich seines Sozialverhaltens, und nicht selten fühlt sich Khalim in seinem Handeln derart missverstanden, dass er einfach austickt. Philipp Möller möchte sich nicht auf die Lösung der schulischen Probleme seines alten neuen Schützlings beschränken, sondern beschließt, aus dem durch sein Umfeld missratenen jungen Mann einen jungen Mann zu formen, der sich auch benehmen und artikulieren kann – doch nicht nur das, denn er möchte Khalim etwas mit auf den Weg geben, was er nie hatte: Perspektive.
„Isch hab Geisterblitz“ (Produktseite bei Lübbe Audio) ist, wenn man so möchte, auch eine Fallstudie dessen, wie verloren junge Menschen manchmal sein können und der Gesellschaft entgleiten, wenn man sie ihrem Schicksal überlässt und ihr Verhalten lediglich kritisiert, aber nie hinterfragt. Wieviel dieser Erzählung hinzugedichtet wurde, um sie für den Leser/Hörer auch interessant zu halten, bleibt im Unklaren, doch letztendlich wird auch in diesem (Hör-)Buch die trockene Sachbuch-Ebene gemieden und stattdessen sehr leicht konsumierbar und menschlich verpackt. Die 262 Minuten Hörbuch lassen einen letztendlich nachdenklich zurück, allerdings auch schmunzelnd und mit einem kleinen Bisschen Hoffnung.

Wertung: 13/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Der Audio Verlag

© Der Audio Verlag

Renate Bergmann – Das bisschen Hüfte, meine Güte
Gelesen von Marie Gruber

Mittlerweile geht die Reihe um Twitter-Oma Renate Bergmann (auch auf Facebook), eine von Torsten Rode geschaffene Kunstfigur (was man ja eigentlich gar nicht wahr haben möchte) inklusive der für Ende 2016 geplanten Veröffentlichung in Runde sechs – der Rezensent konnte dies leider noch nicht aufholen, denn erst einmal wollte „Das bisschen Hüfte, meine Güte“ (Produktlink bei Der Audio Verlag) gehört werden. Nach dem Konsum unzähliger Flaschen Korn und dem Verschleiß von vier Ehemännern ist die 82-jährige Frau Bergmann, geborene Strelemann, kein junger Hüpfer mehr, und da die Hüfte Ärger macht, muss die Berlinerin ins Krankenhaus und anschließend in die Reha, oder in Frau Bergmanns Jargon: Kur. Und zwar in brandenburgische Wandlitz. Dort wird sie so einige Erlebnisse machen – allerdings die anderen Patienten mit ihr ebenso. Und so widerfährt der alten Dame so einiges Skurriles, und sie eckt mit ihrer speziellen Art immer wieder an.
Überwiegend auf ihren unterhaltsamen Tweets basierend, in denen die stolze Besitzerin eines „Tomatentelefons“ (welche Marke könnte sich dahinter nur verstecken?) natürlich auch einiges von ihrer Nachbarin, der Meisner, ihren Erlebnissen mit Freundin Ilse und ihrem Mann Kurt (und ihrem Koyota), ihrer Tochter, ihrem Enkel und zahlreichen anderen Menschen aus ihrem Umfeld erzählt und auch stets – wenn es denn geht – für Ordnung und Sauberkeit sorgt, wurde hier erneut ein Roman erschaffen, der schlichtweg Spaß macht und erwartungsgemäß (liebevoll) mit vielen Klischees spielt. Wie auch in den sozialen Netzwerken spricht Renate Bergmann ihre Leser direkt an (»Wissen Se…«), sodass man sich stets als guter Bekannter fühlt, dem sie sich mit allem anvertraut. Dank Marie Gruber, die zwar in Wuppertal geboren ist, aber schon ein ganzes Weilchen in Berlin lebt und somit die leichte Berliner Schnauze der Bergmann wunderbar akustisch adaptiert, funktioniert der wunderbare Unfug auch in diesem zweiten Teil hervorragend als Hörbuch, sodass 4 1/4 Stunden gute Unterhaltung in Form einfachen und nah am bürgerlichen Leben gebauten Humors garantiert sind. Dass der Überraschungseffekt nach der ersten Veröffentlichung logischerweise verpufft ist, weiß man, was auf einen zukommt. Aber das ist durchweg sympathisch.

Wertung: 11/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© Diogenes

© Diogenes

Benedict Wells – Becks letzter Sommer
Gelesen von Christian Ulmen

Ein paar Jahre zurück liegt Benedict Wells‘ Romandebüt „Becks letzter Sommer“ (Rezension) – 2008 erschien dieser. Wells sprang im Dreieck vor Freude, als bekannt wurde, dass sein in unserem ersten Interview erwähnter Wunschkandidat Christian Ulmen in der 2015 erschienenen Romanverfilmung den Zuschlag für die Rolle des Beck erhalten hat. Selbst in unserem zweiten Interview im Februar 2016 konnte Wells sein Glück noch nicht fassen. Anlässlich dieser Verfilmung entschied man beim Diogenes Verlag, ebenjenen Herrn Ulmen ins Studio zu schicken, um das Buch in Hörbuchform zu bringen, und dieses mit all seinen Stimmungsfarben auch akustisch zu vertonen, wobei er auch den litauischen Akzent Rauli Kantas‘ hervorragend wiedergibt, wie man ihn sich bereits im Buch vorstellte.
Ebenjener Rauli ist auch einer der Protagonisten dieses Romans. Der Siebzehnjährige ist in seiner Klasse einer der typischen Ausßenseiter. Beck, ein Musiker, der als einst gescheiterter Musiker und mal wieder Liebeskranker durch sein höhepunktarmes Leben gleitet, ist an der Schule Raulis Musiklehrer. Als Beck das außergewöhnliche Talent des Jungen an der E-Gitarre entdeckt, knallen ihm sämtliche Synapsen durch. Was für ein Gitarrengott!
Fortan wird die Schule für beide immer unwichtiger – und ein Plan reift: Der Lehrer möchte diesem jungen Mann den Weg zu einer wunderbaren Karriere ebnen und so selbst wieder in die Welt der Musik zurückkehren. Rauli Kantas als sein Schützling, und er als Manager und weißgottwas sonst noch. Doch beide haben so ihre eigene kleine Leiche im Keller. Zusammen mit dem köstlich bekloppten Deutschafrikaner Charlie beginnt eine Reise von München über Osteuropa bis in die Türkei, mit viel Hoffnung im Kofferraum. Was den Hörer hier letztendlich erwartet, ist eine Art Roadtrip, der tragisch und lustig, aber auch verrückt und doch so normal ist. Und zeigt, dass das Leben kaum steuerbar ist. Als unsichtbarer Beifahrer auf einem freien Autositz: Der Hörer, der sich fühlt, als sei er mittendrin. „Becks letzter Sommer“ – als Buch grandios, als Hörbuch (Produktseite bei Diogenes) noch besser.

Wertung: 14/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© der Hörverlag

© der Hörverlag

Jan Weiler – Im Reich der Pubertiere
Autorenlesung, live

Nachdem die Tochter in „Das Pubertier“ bereits mitten in der Pubertät gelandet ist, zieht auch der Sohn nach und entert das Reich der Pubertiere. Und Papa darf feststellen, dass der männliche Nachwuchs sich in seinen Grundzügen zwar ebenfalls merkwürdig verhält, aber anders. Denn während Miss Teenietochter eher die lautstarke Dauernörglerin ist oder zu undefinierbaren Selbstgesprächen neigt, spricht das Bruderherz nahezu nichts. Kommunikation? Och nö. Körperpflege? Kein Bock. Ja, zocken geht immer. Aber erst nach ausgedehntem Ausschlafen. Lüften wird überbewertet, und das Putzen, Entmüllen und Aufräumen soll sich mal schön selbst erledigen. Und das mit der Körperpflege hat auch Zeit. Diese Zeit braucht man als werdender Mann doch für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Außerdem kostet das alles ja viel zu viel Energie.
Jan Weiler ist in seiner Live-Lesung wieder in Hochform, erzählt lebhaft und wunderbar genervt, mit sarkastischem Wortlaut und angenehm überspitzt formulierten Schilderungen, und das bringt nicht nur das auf der Doppel-CD (Produktseite bei „der Hörverlag„) hörbare Publikum zum Lachen, sondern auch den Verfasser dieser Zeilen, der selbst einmal in diesem Alter war und ebenfalls zwei Pubertiere hält und hier und dort grinsend und wissend nicken muss. Humor muss nicht immer hochanspruchsvoll sein – er darf gern auch mal mitten aus dem Leben sein, und diesen Bereich bedient Jan Weiler schlichtweg kompetent.

Wertung: 11/15 dpt

Zur Übersicht ↑


© WortArt

© WortArt

Wiglaf Droste – Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv
Autorenlesung

In Buchform wurde dieses Werk bereits vor einiger Zeit besprochen. Verwundert fischte der Rezensent einige Monate später die Hörbuchversion (Produktseite bei WortArt/Random House Audio) aus dem Briefkasten, bislang noch nie einen Ton aus der Kehle Drostes gehört habend. Bei der Lektüre war auf imaginärer Basis stets giftig-gnomiges Keifen die Vermutung, und umso größer war die Verwunderung, dass der Mann mit der scharfen Zunge eine doch gar weiche, sanfte Stimme hat, aber eine, bei der man den leisen Zorn, die leise Verachtung und die leise Wut heraushört. Doch Droste erumpiert nicht. Er bleibt seiner zynismus- und sarkasmusschwangeren Ruhe treu, und diese gefährliche Zurückhaltung in der Stimme hat eine vergleichbare Wirkung wie das Leisewerden als Elternteil, sodass der Nachwuchs oder die Nachwüchsin weiß: „Oh, oh. Nun ist aber jemand wirklich sauer auf mich“.
Anglizismen werden filettiert, Euphemismen demaskiert, manche Auswüchse technischer Neuerungen in ihrer Sinnlosigkeit entlarvt, Neologismen und abstruse Wortgeschöpfe kreiert, übt Kritik am Marketinggequatsche, an der Gesellschaft, an billigen Weinen und Facebook, zieht Parallelen zwischen Tütensuppen und religiösen Symbolen, spuckt der Dummheit und dem Mitläufertum ins Haar, doch gelegentlich wagt er sich auch in die Gefilde der Sinnfreiheit. Hier und dort schmettert er seine Texte dann auch mal in Liedform. Droste liebt es, in sämtlichen Lebenslagen zu nörgeln, und sein Vokabular macht dabei wilde Zickzacksprünge zwischen hochintelligenten Formulierungen und heftigen Verbalattacken, zwischen aggressivem und subtilem Wortgift. Selbst wenn man nicht in allen einundfünfzig Punkten/Kapiteln mit ihm d’accord gehen mag, weiß „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv“ zu überzeugen. Auch und besonders im Audioformat.

Wertung: 11/15 dpt

Zur Übersicht ↑

Print Friendly, PDF & Email
0
0

Über den Autor

Chris Popp

0
0

Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
∇ mehr über Chris Popp/Kontakt

Print Friendly, PDF & Email
0
0

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar
wpDiscuz

44 Hörbuch- und Hörspiel-Rezensionen aus diver…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 58 min
0