Streichelzoos, halbe Menschen, Anmaßungen und die Glaskugel. Ein Kommentar.

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Streichelzoo

Bild: privat

Vor wenigen Tagen monierte der umtriebige, äußerst schreibwütige Journalist, Literaturkritiker und Blogger Stefan Mesch in einem Interview mit der dpa, dass es ihm in der Literaturblogszene oft zu kuschelig zuginge und er sich weniger Empfehlungen, dafür aber mehr Warnungen wünsche. Die meisten Blogger/innnen seien zu positiv und zu respektvoll (Artikel dazu z.B. hier) – und mit diesem Kommentar trifft Mesch einen wunden Punkt der literaturbloggenden Szene. Sogar mehr, als er möglicherweise beabsichtigt hatte.

Denn Teile der Bloggerszene sind im Extremfall nicht nur Opfer (»Da sitzen sechs tolle Leute und arbeiten umsonst«, säßen aber »bei solchen Aktionen zu oft nur am Katzentisch«, ebenfalls im verlinkten Artikel zu lesen und sehr gern überall zitiert), sondern auch unbewusst Täter.

Der professionelle Anspruch und der Schuss ins eigene Bein

Denn wenngleich zahlreiche Vertreter des Gegenteiligen existieren, welche reichlich kritische Rezensionen oder gar Verrisse auf ihren Plattformen veröffentlichen (sofern das Buch es aus ihrer Sicht verdient hat), so ist der Grundtenor aus den virtuellen Mündern der Blogger/innen in der Tat fast ausschließlich positiver Natur. Hier und dort Kleinigkeiten zu kritisieren beschert vielen bereits Magenschmerzen aufgrund eines schlechten Gewissens. Oder man bringt das Kriterium Zeit ins Spiel, auf das später noch eingegangen wird.
Mit diesem Verhalten schießt sich ebenjener Teil der Literaturbloggerszene direkt ins Bein und erweist der gesamten Szene einen Bärendienst. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten: Die meisten dieser rein empfehlenden Blogs sind ein Grund dafür, weswegen Literaturblogs pauschal und zu Lasten derer, die das komplette Meinungsspektrum abdecken, noch immer belächelt werden – vor allem von Seiten der „Professionellen“, aus den Reihen des… nein, wir nennen dieses böse französische „F-Wort“ jetzt nicht.

Sobald Literaturbloggende einen professionellen Anspruch an sich selbst hegen, fällt ihnen mehr denn je zuvor das Privileg zu, ein subjektiv empfunden schlechtes/schwaches/dysfunktionales Buch kritisieren und im Extremfall auch verreißen zu dürfen. Und dieses Privileg verpflichtet sogar. Es gibt keinen wirklichen Grund, negative Eindrücke zu verschweigen. Sie zu verschweigen ist, wenn man sich mit seinen Leseeindrücken auch via Plattform an die Öffentlichkeit wendet, böse gesagt gar eine Form der Informationsvorenthaltung. Denn letztendlich fehlt etwas.
Die bloglesenden Menschen möchten nämlich nicht nur wissen, welche Bücher den Blogger/innen gefallen, sondern auch, welche für sie überhaupt nicht oder nur schlecht funktionierten. Das ist zweifellos – selbstverständlich! – eine Frage des Geschmacks, wenn man mal die „technische“ Komponente (Stil, Struktur, Fehlerquote uvm.) außen vor lässt, aber Blogger/innen haben für all die Schilderungen ihrer positiven wie negativen Eindrücke eine Allzweckwaffe parat, nämlich die Begründung. Wenn die Leser/innen des Blogs erfahren, warum das Buch gefiel oder nicht gefiel, funktioniert oder nicht funktioniert hat, werden sie jede Meinung zu schätzen wissen. Es wird nicht nur »Oh ja, was für ein wunderbares Buch, du hast ja soooo recht!« in den Kommentaren zu lesen sein – es könnten vielleicht sogar ernsthafte Diskussionen über ein Buch entstehen. Denn: Negative Meinungen sind oftmals interessanter als so manch einer denken mag. Kritik bedeutet nicht nur Meinungsäußerung, sondern auch Austausch.

Weg mit den Samthandschuhen! Raus aus dem Streichelzoo!
(oder: Incomplete bloggers)

Es geht nicht um vorsätzliche Verrisse und Warnungen. Wohl niemand, außer er hat sadistische oder masochistische Neigungen im literarischen Sinn, möchte den Status des Schlächters innehaben und bewusst ausschließlich zu verreißende Lektüre auswählen. Vielmehr geht es um Antizipation. Man geht als (bloggende/r) Leser/in mit Erwartungen an ein Buch heran, und diese Erwartungen werden entweder erfüllt (worüber man dann schreiben sollte) oder sie werden eben nicht erfüllt (worüber man dann ebenso schreiben sollte). Das stärkt letztendlich auch das Profil der Bloggenden, es trägt zu einer zusätzlichen Identifikationsebene bei. Man lernt Blogger/innen und ihre Vorlieben/Aversionen genauer kennen, weiß die Ansprüche und Kriterien besser einzuschätzen und findet sich als potentieller (Nicht-)Leser des Buches in den Texten wieder. Oder wird gar erst recht neugierig auf das kritisierte Buch.

Doch es bewirkt noch viel mehr: Es macht das Blog und die Person dahinter „vollständig“. Und es sorgt letztendlich auch dafür, dass man für voll genommen wird, weil man eben auch Literaturkritik in ihrer Gänze übt. Seid keine halben Menschen! Denn: Verhält sich die Bloggerszene wie eine Allianz der Streichelzoobetreiber, so wird sie auch weiterhin als Streichelzoobetreiberallianz wahrgenommen werden.

Aber… warum sollte ich denn so viel Lebenszeit mit schlechten Büchern verschwenden?
(oder: Igitt, in der Vorspeise sind Oliven, die mag ich nicht! Ich storniere das komplette Menü!)

Ein beachtlicher Teil der Blogger/innen äußert den Einwand, dass mit dem Schreiben negativer Rezensionen Zeit für „gute“ Bücher verloren ginge. Doch wenn man sich Tage mit einem Buch beschäftigt und das Buch reflektiert hat, so muss doch noch wenigstens eine halbe Stunde bis Stunde Zeit dafür sein, wenigstens einen kurzen, knackigen, kritischen Text online zu stellen. Es muss nicht etwa episch ausgebreitet werden. Mich als Leser interessiert: Was war da los? Warum gefiel der Person das Buch nicht? Blogger/in X und Y lobten das Buch in höchsten Tönen, aber welches Problem hat Blogger/in Z damit? Erfahre ich das nicht, bleibt Enttäuschung zurück. Und ich als unbefriedigter Blogleser.

Doch hiermit tut sich ein weiteres Geschwür der Kritikerszene auf. Ich sage bewusst „Kritikerszene“ und auch „Geschwür“, denn selbst im Fernsehen existiert Letzteres, nämlich: Bücher lediglich anzulesen, in die Ecke zu pfeffern und… schlecht zu finden. Das Hauptargument sinngemäß: »Warum sollte ich so viel Lebenszeit verschwenden? Die ist mir für schlechte Literatur zu schade!«

Schon wieder.

Was erlaube Kritiker?! (frei nach Trappatoni)
(oder: Die Glaskugel)

Nun stellt sich die Frage: Wie kann man etwas als „schlecht“ klassifizieren, wenn man ein solch großes Buchstabengeflecht wie ein Buch gerade mal zu einem Bruchteil konsumiert hat? Wie kann man bereits am Anfang erkennen, dass ein Buch langweilig, mies, übertrieben, miserabel lektoriert, schlecht geplottet oder auf irgend eine andere Weise qualitativ minderwertig oder für den Kritiker dysfunktional ist? Wie kann man es sich erlauben, über etwas zu urteilen, das man nur zu einem winzigen Teil kennt?

Diverse Blogger/innen erzählen, dass sie das Buch nach zehn, zwanzig, dreißig Seiten abgebrochen haben, manche setzen sich 100 Seiten als Obergrenze, und selbst sehr bekannte Vertreter wie die ansonsten (als Nicht-Literaturkritikerin!) von mir sehr geschätzte Christine Westermann ließ in einem Interview verlauten, dass sie einem Buch gerade mal 30 Seiten gibt, um zu entscheiden, ob es gut oder schlecht ist.

Wo gibt es diese Glaskugel zu kaufen, die diese Kritiker offenbar besitzen?

Das Knabbern an der Kruste

Gerade auf den folgenden Seiten, manchmal gar erst zum Ende hin, kann sich ein Buch entwickeln, entfalten, es können sich die überraschendsten Wendungen ereignen. Es gibt so unglaublich viele Bücher, bei denen man sich hunderte von Seiten lang fragt: »Was soll das nun? Was ist das für ein Mist? Was hat sich der Autor denn dabei gedacht? Will der mich veräppeln?« – und nach den beispielsweise letzten fünfzig bis hundert Seiten ist man von demselben Buch schlichtweg begeistert. Das ist letztendlich die Belohnung dafür, sich mit dem Buch auseinandergesetzt zu haben.
Eine Meinung über ein nicht zu Ende gelesenes Buch in Form von „gut“ oder „schlecht“ zu äußern, ist anmaßend. Zudem sorgen solcherlei vorgreifende Meinungsäußerungen (sprich: vom Anfang auf den Rest zu schließen) dafür, dass die Speckschicht der Oberflächlichkeit noch dicker wird. Denn Literatur ist nicht einfach etwas, bei dem man nur mal an der Kruste knabbert. Literatur lebt davon, sich auf sie einzulassen.

Das Nichtweiterlesen eines Buches damit zu begründen, man habe keine Zeit für schlechte Literatur oder wolle eben keine wertvolle Lebenszeit vergeuden, ist (oder wirkt zumindest wie) eine egoistische Haltung. Es ist eine Form des Hedonismus im literarischen Sinne. Doch: Wenn man Kritiker/in sein möchte, genügt es eben nicht, nur im Schönen zu baden.

Schwenken wir mal kurz in Richtung Musik: Wie viele Bands und Künstler gibt es, von denen man nur einen Song mal zufällig gehört hat und der einem nicht gefiel? Und dann hört man sich irgendwann das komplette Album an und denkt sich: »Mensch, das ist ja ein großartiges Album. Okay, den Song überspringe ich immer, der gefällt mir immer noch nicht, aber der Rest ist ja wunderbar!«
Queen sind schließlich auch nicht nur „We will rock you“, Guns N‘ Roses sind nicht nur „November Rain“, David Bowie ist nicht nur „Let’s Dance“ und „China Girl“. Literatur und Musik sind Formen der Kunst, und Kunst hat immer mehr zu sagen als ein kleiner Splitter derselben. Kunst ist das Gesamtwerk. Sie lebt vom Eintauchen – nicht davon, nur mal mit der Zehenspitze kurz hineinzutitschen.

Sowieso: Literaturkritik ist weit mehr als das Unterteilen in Güteklassen; Letzteres ist bestenfalls ein Teil  davon, und das auch in lediglich subjektiver Form. Denn Literaturkritik ist, wie ein Kommentator auf Facebook zum Thema sehr treffend formulierte, vor allem eines: Verstehen. Literaturkritik ist auch Erklären. Nicht unbedingt den Inhalt des Buches, sondern, warum das Buch für den Kritiker aus welchen Gründen auch immer funktioniert oder nicht. Und lassen wir uns nicht beirren: Objektive Kritiken gibt es nicht. Diese nennt man Bedienungsanleitungen. Denn ganz gleich, wie sachlich oder objektiv intendiert der Text ist, so sehr werden sämtliche objektive Ansätze ad absurdum geführt, sobald auch nur ein wertendes Adjektiv geschrieben oder eine individuelle Wahrnehmung geäußert wurde. Kritiken sind subjektive Textkonstrukte, basierend auf individuellen Ansprüchen des Kritikers unter Hinzunahme des Geschmacks, des Wissens, der Abwägung von Erwartung und Erfüllung und zahlreicher anderer meinungsbildender Faktoren.

Kritik in der Identitätskrise?

Kritik ist Yin und Yang. Sie kann nur weiterleben, wenn man ihr nicht eine ihrer Kerneigenschaften amputiert. Denn dann ist sie keine Kritik mehr, sondern ein identitätsloses, schwammiges Etwas, das vorrangig den Marketingabteilungen nützt, um Absatz zu generieren.  Es darf bezweifelt werden, dass Literaturbloggende wirklich Teil einer solchen Maschinerie sein oder werden möchten. Wenn sie es nicht schon sind.

 

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 In Mannheim geboren, in der Pampa vor Kassel lebend. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Streichelzoos, halbe Menschen, Anmaßungen und d…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 7 min
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