Kinder-Hörtürchen – 4 im Überall: Der Weihnachtskalender zum Lauschen

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Cover © Kinder HörtürchenAls Grundlage: Eine originelle, schöne und herzerwärmende Idee

Verteilt auf zwei CDs wird im dritten Hörtürchen (das erste für Kinder!) eine verrückte Geschichte von vier Kids erzählt, die ein weihnachtliches Abenteuer erleben, und zwar in 24 Kapiteln, bei welchen man jeweils am Ende des Kapitels freundlich dazu aufgefordert wird, nun die Stop-Taste zu drücken und anschließend mit einem lieben Abschiedsgruß in den Schlaf verabschiedet wird. Passend dazu befinden sich im Innern dieses liebevoll aufgemachten und hübsch illustrierten Digipaks die dazu passenden Türchen, welche man aufklappen kann. Tut man dies, findet sich zum einen der Kapitelname auf der Türinnenseite, und hinter der Tür bekommt man eine zum Kapitel passende Illustration zu sehen. Vorfreude, 24 Tage lang bis Heiligabend sind also garantiert? Denn das klingt alles fürwahr hoffnungsvoll, vor allem in Verbindung mit der angekündigten wilden Erzählung in Hörspielform, die die Neugieriginnen und Neugierigen erwarten wird.

„4 im Überall“? Was ist das für 1 Titel? – Worum es geht

Der Titel erklärt sich recht einfach: Die freche Flo (die eigentlich Florentina heißt), der vorwitzige Max und der sehr belesene Laurenz (von allen nur „Laumeier“ genannt), allesamt Internatsschüler*innen, besuchen ihre Freundin JoJo in der Weihnachtsferienzeit in den Alpen. Die vier verbringen erst einmal, nachdem sie sich ausgiebig miteinander aufeinander gefreut haben, draußen im Schnee wilde und spaßige Minuten, als sie unerwartet einen sonderbaren Ring finden. Der bringt sie zu einem mysteriösen Portal. Neugierig, wie die Mädchen und Jungen sind, übertreten sie die Schwelle – und eine Reise ins ganz spezielle Weltall, das Überall, beginnt. Dort bereisen sie zusammen mit dem Außerirdischen Spork diverse Planeten, auf welchen gerade emsig Weihnachtsvorbereitungen stattfinden. Wer also wissen möchte (selbstverständlich ironisch gemeint), wie man im Weltall tankt, Christbaumkugeln und Schneeflocken hergestellt werden, Weihnachtslieder entstehen, Weihnachtsmänner ausgebildet werden oder das mit den Geschenken organisiert wird, soll nun ganz Ohr sein, zumal die vier dort zahlreiche neue Freunde kennen lernen werden.

Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren vs. die Sache mit der Ironie, dem Vokabular und dem Feingefühl

Konzipiert ist dieses Hörspiel laut Presseinformation vor allem für Kinder zwischen fünf und zehn Jahren und für Junggebliebene – beworben wird es unter anderem mit folgendem Satz: »„4 im Überall“ ist eine fantastische Reise durch das Weltall und die Phantasie.“« Womit gleich der erste und auch gravierendste Kritikpunkt ins Spiel kommt, denn leider funktioniert das Hörbuch für die Altersklasse der Kinder kaum bis gar nicht. Zum einen ist die ironische Abgedrehtheit von „4 im Überall“ gerade für die jüngeren Kinder nicht als solche erkennbar, sodass das ein oder andere Kind die Erzählungen und Erklärungen in seiner Naivität und ob seines noch mangelnden Abstraktionsvermögens durchaus für bare Münze nehmen könnte und man als Elternteil in Erklärungsnot gelangt. Es empfiehlt sich also gerade bei den Kleineren, die diese Mixtur aus Fiktion und Ironie noch nicht wirklich verstehen (können), sie vorzuwarnen, dass da selbstverständlich totaler (lustiger) Quatsch erzählt wird.

Sicherlich sind die allseits bekannten Geschichten rund um Weihnachten, die Kindern allerorts erzählt werden, auch ausgedacht. Doch „4 im Überall“ ist ein Sammelsurium der Absurditäten und weist in vielen Momenten eine gewisse Unsensibilität auf. Das Kind wird förmlich überrollt, ja nahezu veralbert – wenngleich man den Machern dieses Hörspiels eine solche Intention selbstverständlich nicht unterstellen möchte. Kindergeschichten müssen zweifellos nicht immer einen pädagogischen Auftrag erfüllen, aber hier wird schlichtweg zu häufig über das Ziel hinausgeschossen.

Doch das Stirnrunzeln hat noch kein Ende. Gründe dafür gibt es noch einige:

Zum Einen findet sich in dieser abgedrehten Story oftmals Vokabular, bei welchem bezweifelt werden darf, dass gerade das durchschnittliche Kind aus den jüngeren schätzungsweise 50% des des empfohlenen Altersspektrums all diese Worte versteht – ebenso sind manche Sätze deutlich zu komplex für ebenjene Kids. Und damit sind nicht nur die wissenschaftlichen Ausführungen gemeint, die „Laumeier“ Laurenz stets zum Besten gibt.

Zum anderen gibt es hier und dort Szenen, die für die Zartbesaiteteren unter den Kindern eventuell eher weniger einschlaffördernd sind – beispielsweise Frau Schneelkes neuer bester Freund Schnargl, der gegen Ende des Hörspiels auftaucht.

„Total dufte! Voll krass! Übelst abgefahren!“ – oder?

Hinzu kommt – wenngleich die Produktion inklusive der Geräuschkulisse absolut professionell ist und auch die Umsetzung der musikalischen Einlagen mehr als akzeptabel ist -, dass „4 im Überall“ in vielerlei Hinsicht zu gewollt erscheint. Es beschleicht den Rezensenten oftmals das Gefühl, dass hier versucht wurde, sowohl den Abgefahrenheits- als auch den Coolness-Faktor möglichst hoch zu halten, und das wirkt letztendlich extrem aufgesetzt. Ebenso werden leider viele Klischees bedient: Die freche Flo hat freche blonde Zöpfe, Schlauberger Laurenz ist der einzige Brillenträger und natürlich Bücherwurm, und Max ist ein cooler Mützenträger mit strubbeligem Haar, lässigen Gesten und losem Mundwerk. Auch machen die Sprecher*innen selbst, die gleich mehrere Rollen übernehmen, keine allzu gute Figur, denn die Stimmen wirken an vielen Stellen gekünstelt und nicht besonders professionell artikuliert, auch hinsichtlich Dramaturgie und Betonung. Auch durch offenhörliche Mundartspuren einzelner Sprecher*innen ergibt sich ein unrundes Bild.

Fazit

Zusammenfassend darf man konstatieren, dass das Team hier zu viel wollte und sich letztendlich nicht überzeugend genug dabei schlug, diesen selbst gesetzten Ansprüchen auch gerecht zu werden. Da wurde dann letztendlich zu viel mit dem Holzhammer in Form geklopft. Auch rauscht dieses Hörspiel bezüglich der Altersempfehlung so sehr an der Zielgruppe vorbei wie Spork, Flo, Jojo, Laurenz und Max in ihrem Raumschiff an den Planeten, die sie gerade (noch) nicht besuchen.

  • Autoren:
    Katharina Brutscher
    Miriam Hensel
    Andi Pooch
    Barni Söhnel
  • Titel: Kinder Hörtürchen – 4 im Überall. Der Weihnachtskalender zum Lauschen
  • Teil/Band der Reihe: Teil 3 der Hörtürchen-Reihe
  • Label: Kinder Hörtürchen (im Vertrieb bei Rough Trade)
  • Erschienen: November 2017
  • Illustrationen:
    Vincent Teran Bockhardt
  • Sprecher: 
    Katharina Brutscher (Jojo, Glubschi, Elsbeth Schneelke)
    Miriam Hensel (Flo, Gisela Schneelke, Frau Claus)
    Andi Pooch (Max, Herr Hentemann)
    Barni Söhnel (Laurenz, Erzähler, Spork, C-Dur, Tankwart, Oktopus, Schnargl)
  • Musik:
    Barni Söhnel
  • Spielzeit: 100 Minuten auf 2 CDs
  • ISBN:
  • Sonstige Informationen:
    Hörspiel
    Website zum Hörspiel mit Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 6/15 dpt

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 In Mannheim geboren, in der Pampa vor Kassel lebend. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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