The Punisher (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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the-punisher-coverEs sollte noch mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis Marvel in Blockbusterregionen vorstoßen würde. In den Achtzigern und beginnenden Neunzigern stapelte man tiefer, obwohl am Drehbuch von “Captain America” immerhin Lawrence Block mitwirkte. Doch der fähige Schöpfer von Bernie Rhodenbarr und Matt Scudder musste auf dem Regiestuhl mit Albert Pyun vorlieb nehmen, dessen Filme meist ein Fundus für Menschen sind, die es schätzen, wenn jemand mit Pauken und Trompeten scheitert.  Produziert von Menahem Golan (ohne Globus) und in der Hauptrolle besetzt mit Matt Salinger (muss leider ohne Wikipedia-Eintrag auskommen), wurde der Film direkt und nahezu unbemerkt für den Heimkinomarkt vermarktet.

Bereits ein Jahr zuvor, 1989, erlebte Frank Castle, der Punisher, in Gestalt eines dunkelhaarigen und äußerst fahlgesichtigen  Dolph Lundgren, seine erste Auferstehung auf der Kinoleinwand.  Immerhin lief er tatsächlich in Filmtheatern, wenn auch in Deutschland um allzu ruppige Auswüchse gekürzt und trotzdem auf den Index gesetzt.

the-punisher-3859108-lMittlerweile wurde die Indizierung gestrichen und Koch Media bringt den ab 16 Jahren freigegebenen Film als Steelbook-Edition heraus. Bestehend aus der Blu Ray, die die Kino- und die Unrated-Fassung des Films  enthält sowie einer DVD mit einem vierundneunzigminütigen Workprint.  Zur Rezension lag nur die Blu Ray vor.  Kino- und Unrated-Version unterscheiden sich marginal um wenige Sekunden. Genaue Infos zu den Schnitten finden sich auf der empfehlenswerten Schnittberichte.com-Seite. Immer einen Besuch wert.

Nach der höchst eigenwilligen, brutalen und wilden Cop-Zombie-Action-Farce “Dead Heat”, mit Treat Williams und Vincent Price,  ist “The Punisher” die zweite und bislang letzte Regiearbeit des ansonsten vielbeschäftigten, honorigen Schnittmeisters Mark Goldblatt. Zu schade eigentlich, denn beide Filme bieten ungehobeltes, düsteres 80er-Jahre Aktionskino, bei dem mit einem Budget hantiert wurde, das bei heutigen Marvel-Produktionen vermutlich gerade mal fürs Catering ausgegeben wird.

Die Grundstory des Punishers ist bekannt: Frau und Kinder des Cops Frank Castle werden umgebracht. Castle überlebt den Anschlag, wird aber für tot gehalten und beginnt fortan von der Kanalisation aus, einen Schuld- und Strafe-Feldzug gegen die Unterwelt zu führen. Während die Exposition in der Verfilmung aus dem Jahr 2004 eine gute halbe Stunde in Anspruch nimmt, fliegt Castles Familie in der Erstvariante binnen Sekunden in die Luft und fertig ist der Pfad zur Rache, der 125 Verbrechern in fünf Jahren den Garaus machen wird – bevor die Filmhandlung einsetzt.    

Othe-punisher-1989-dolph-lundgren-doorway-firen Screen geht es als erstes dem Mafioso Dino Moretti an den Kragen, der für den Tod von Castles Familie verantwortlich ist. Nach verkürzter Haft schreitet er aus dem Gerichtsgebäude direkt in seine Nobelvilla zum Feiern. Wenige Minuten später sind seine Bodyguards tot, ihm ist mit einem Messer in der Brust nicht mehr nach einer Party zumute, und die Villa fliegt in einem bunten Feuerball in die Luft. Der Punisher zeigt sich kurz und verschwindet wieder in den Abwasserkanälen, wo er ein neues Zuhause gefunden hat.

Ein paar innige Gespräche mit Gott später (Schuld, Vergeltung, Sünden, Strafe) ist Castle auf dem Weg, einen großen Drogendeal zu vereiteln. Doch da ist die Yakuza vor, die dank des Punishers tätiger Mithilfe ein Machtvakuum in der Stadt vermutet und expandieren möchte. Don Franco und seine ehrenlose Gesellschaft sind davon wenig begeistert und leisten Widerstand. Geschwächt und dezimiert, den Gegner sträflich unterschätzend, werden die Mafiosi-Reihen merklich gelichtet und schließlich die Kinder der führenden Mafiagrößen entfthe-punisher-a0bf9f30fb0509a7b89f1c1cc6e40788ührt. Was zum beherzten und letalen Eingreifen den Punishers führt. Der sogar kurzzeitig mit Gianni Franco zusammenarbeitet, um dessen Sohn aus der Gewalt der Yakuza-Queen Lady Tanaka zu befreien. Ob das wohl gelingen wird?

“Der Punisher” bietet handgemachte Bluteffekte und Action. Gemessen an den heutigen, schnell geschnittenen  Effektfeuerwerken läuft die bleihaltige Rachemär stoisch und ausgedehnt, hat am Rande der Betulichkeit ab. Martial Arts-Kämpfe und Dauerbeschuss sind strapaziös, und die Anstrengung sieht man den Akteuren an. Gerade Dolph Lundgrens Blässe lässt vermuten, dass er direkt aus “Dead Heat” untot in den “Punisher” gefallen ist.

the-punisher-1989-louis-gossett-jr-nancy-everhardDialoge sind auf ein Informationsminimum reduziert, lediglich der reimende Punisher-Sidekick Shake und Castles Ex-Partner Jake Berkowitz dürfen mehr als nötig sagen, was Louis Gossett Jr. weidlich für exaltierte Showeinlagen nutzt. Eine weitere Oscar-Nominierung sprang aber nicht dafür raus. Lundgren spielt als schwarzgekleideter Racheengel, mit ebenso gefärbtem Haupthaar, mit lässiger Überzeugungskraft. Der Verzicht auf den stilisierten Totenkopf auf seinen Klamotten, wird von Regisseur Goldblatt mittlerweile als Fehler betrachtet. Er würde dies digital gerne ändern und das Punisher-Symbol, das im fertigen Film nur auf Messerknäufen zu finden ist, auf Lundgrens T-Shirts ergänzen.

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Gewagt, und eigentlich recht ulkig, die Rolle des infamen Mafiosi mit einem Holländer zu besetzen. Doch Jeroen Krabbé kann das, er sorgt für angespannte Ruhe im aufgeregten Miteinander seiner Gangster-Kollegen. Dass bei den the-punisher-1016799_4gegnerischen Yakuza zwei starke Frauen bestimmend sind, ist eine Mischung aus Gleichberechtigung und Angstfantasie. Aber solange der Punisher zwei gesunde Hände hat, kommt ihm keine mörderische Frau ins Haus, auch wenn ihn weibliche Schlagkraft vorm Showdown in arge Bedrängnis und auf die Streckbank bringt. Nicht umsonst kann er sich dank einer losen Mutter befreien und an seiner statt einen Folterknecht auf die Folter spannen. Bizarres Detail am Rand: Mitsamt roten Pumps dorthin drapiert. Sollte Shake Toto sein, Lady Tanaka die böse Hexe des Westens und spielt der Film in Kansas?   So viele Interpretationsmöglichkeiten, Dorothy.

“The Punisher” ist eine Comic-Verfilmung als B-Movie und als solche funktioniert sie besser als manch hochdotierter, seelenloser Blockbuster. Es geht ruppig zu, mit schnörkelloser Rücksichtslosigkeit werden die unglaublichen Konflikte, ohne viel Wert auf Erklärungen zu legen, ausgetragen. Am Ende steht eine Warnung: Bleib‘ ein lieber Junge und werde nicht so wie der böse Papa, sonst steht eines Tages der Punisher vor deiner Tür. Funktioniert besser als mit der Nikolaus-Rute zu drohen.

the-punisher-6fa1515da9d8f31717b30c6b9ace96a2Spannend an einem Film wie “The Punisher” ist natürlich auch, zu sehen, wie sich Wert- und Deutungsmaßstäbe verändern. Der Bodycount ist zwar hoch, und die gnadenlos überzeichnete Selbstjustiztendenz unverhohlen zu erkennen (eigentlich klar bei der Grundlage), doch der Blutzoll ist gegenüber dem heutzutage in einer durchschnittlichen Krimi- ,Fantasy- oder gar Horrorserie im TV gezeigten, weit geringer. Wer vom finsteren Treiben des Punishers auf die Realität schließt, hat eh ein Wahrnehmungsdefizit. Und dies gilt bereits für die Entstehungszeit des Films.  Der in einer Szene weit in die Zukunft zeigt.

Sitzt doch Stan Lee während seines üblichen Cameos  in einem Bus, den der Punisher kapert. Genau in solch einem Gefährt findet sich Lee auch 2016 in “Dr. Strange” wieder. Der Unterschied: 1989 torkelt er abgerissen gekleidet und betrunken mit einer papierumwickelten Pulle auf die Straße hinaus,  siebenundzwanzig Jahre später liest er in gepflegten Klamotten eine Luxusausgabe von Aldous Huxleys “Doors Of Perception”. Besser kann man kaum erklären, was den Unterschied zwischen damals und heute ausmacht. Spaß bereiten beide Filme.

Aus des Punishers Nachtgebet:

“Seit Jahren frage ich dich schon [Mister Gott], warum sind die Unschuldigen tot und die Schuldigen am Leben? Wo bleibt die Gerechtigkeit, die Bestrafung?”

“In fünfzehn Minuten ist der zweite Knopf dran.”
“Und dann?”
“Dann ist Weltuntergang!”

 

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Cover & Szenenfotos  © Koch Media

  • Titel: The Punisher
  • Originaltitel: The Punisher
  • Produktionsland und -jahr: Australien, 1989
  • Genre: Action, Comic-verfilmung
  • Erschienen: 08.09.2016
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
     
    94 Minuten auf DVD
     
    89 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller: 
    Dolph Lundgren
    Jeroen Krabbé
    Louis Gossett Jr.
    Nancy Everhard
    Barry Otto
    Kim Miyori
  • Regie: Mark Goldblatt
  • Musik: Dennis Dreith
  • Kamera: Ian Baker
  • Drehbuch: Boaz Yakin    
  • Extras:
    Gag Reel
    Trailer, Teaser
    Trailershow

  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1.85:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    : Deutsch, Englisch, DTS-HD Master Audio 2.0/DVD: Dolby Digital 2.0
    Untertitel: 
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink Blu-Ray/DVD
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 10/15 Punishments Of Luxury


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman “Mitternachtsblues” (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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The Punisher (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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