Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern (Westernhelden #1) (Spielfilm, 1 Blu-ray + 1 DVD)

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„Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ („Sugar Colt“) ist ein ungewöhnlicher Italo-Western. Steht in seinem Mittelpunkt doch keine Rachegeschichte sondern eine actionbetone Kriminalermittlung. Die Hauptfigur Rocco (im Original Sugar Colt), dargestellt vom US-Mimen Jack Betts, dem man für seinen Italienaufenthalt das knalligere Pseudonym Hunt Powers verlieh, ist ein ehemaliger Pinkerton-Detektiv, der angeheuert wird, hundert verschwundene Soldaten der Unions-Armee zu finden.

Der Aufhänger ist einigermaßen abstrus: Nach der Entführung des halben Bataillons vergeht ein Jahr, ehe Lösegeldforderungen an die Verwandten der gefangen gehaltenen Männer geschickt werden. Rocco, der sich mittlerweile Tom Cooper nennt, gibt seinem ehemaligen Chef zwar zunächst eine Abfuhr, doch wird er aktiv, als dieser auf offener Straße erschossen wird. Als Dr. Cooper begibt er sich ins Wüstenkaff Snake Valley, das irgendwie mit dem spurlosen Verschwinden der Männer in Verbindung steht.

Im örtlichen Saloon trifft er auf die hilfsbereite Besitzerin und deren Nichte Josefina, dargestellt von der bezaubernden Soledad Miranda, später unter dem Namen Susan(n) Korda eine der wichtigsten Jess Franco-Musen, bevor sie viel zu früh bei einem Autounfall mit 27 Jahren starb (auf dem Weg zu einer Vertragsverhandlung mit dem Produzenten Artur „Atze“ Brauner). Leider begegnet ihm auch ein großer Haufen wilder Gesellen, die ihm umgehend ans Leder wollen. Leicht lädiert behält Rocco in seiner Rolle als schusseliger Arzt die Oberhand und beginnt mit seinen Ermittlungen.

Die unweigerlich über das bereits bekannte Empfangskomitee zu den Drahtziehern der Entführung führen: Colonel Haberbrook, der ehemalige Leiter des ersten Suchteams, samt seines schurkischen Handlangers Yonker. Nach gut der Hälfte des Films zeigt Rocco sein wahres (zweites) Gesicht und lässt die bösen Buben Blei schmecken, bis es zum großen Showdown auf Haberbrooks Ranch kommt. Mit einem eigenwilligen letzten Schießen, das aber einen konsequenten Abschluss darstellt.

„Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ ist ein eleganter Film, der mit leichter Hand eine düstere Atmosphäre schafft, die er und sein Held mit viel Witz aufmischen. Nein, „Sugar Colt“ ist kein Spaßwestern wie sie später Mode werden sollten, er nimmt sein Thema ernst, die Schlägereien sind blutig und schmerzhaft, die Schießereien tödlich. Als „James Bond des Wilden Westens“ wurde Rocco gerne beworben und ganz falsch ist das nicht. Jack Betts, dessen Physiognomie deutlich vom Django/Fremder ohne Namen-Standard des Italo-Westerns abweicht, verleiht seinem Rocco sarkastische Würde und gibt auch als trotteliger Dr. Tom Cooper eine gute Figur ab. Mit seiner amüsierten Arroganz, die auf dem berechtigten Wissen basiert, in allen Belangen seinen Gegnern überlegen zu sein, ist Sean Connerys 007-Darstellung gar nicht fern.

Neben den ordentlichen Darstellerleistungen, okay, in den Kleinstrollen wird ein wenig Schindluder getrieben und der innere Mops zum Tanzen aufs Glatteis geschickt, überzeugt der Film durch seine Souveränität und heitere Gelassenheit. Franco Giraldi erzeugt keine übertriebene Hektik, verzichtet auf Holzhammerkomik und schmetterndes Pathos. Das bereits verhindert wird durch Luis Enríquez Bacalovs kommentierenden Soundtrack, der das Geschehen nicht dramatisch überhöht, sondern stilvoll karikiert. Passt zur Komik des Films, die eher hintergründig Einsatz findet. Einer der offensivsten und besten Witze des Films gehört zur Einführung des Hauptdarstellers. Rocco/Tom Cooper bringt nämlich wehrhaften Frauen das Schießen bei. Vor dem Etablissement, in dem er seine Trainertätigkeit ausführt, prangt ein Schild mit der Aufschrift: „Academy For The Spiritual Defense Of Womens Rights – Prof. Tom Cooper.“ Geradezu zeitlos treffend.

In komödiantischen Belangen ist „Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ der „Sabata“-Reihe von Gianfranco Parolini recht ähnlich, wobei Rocco so smart und schlau vorgeht wie Lee Van Cleefs Sabata, aber nicht auf ein ähnliches Übermaß an Gimmicks zurückgreifen muss, sondern sich seine Umgebung und passende Gelegenheiten zunutze macht. Dadurch bleibt der Film geerdeter und ist nicht auf technisches Equipment angewiesen.

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen bleiben davon unangetastet. Spaßprügeleien finden, mit einer kleinen Ausnahme, nicht statt, Schläge schmerzen und ein Kampf auf Leben und Tod ist eine schweißtreibende Angelegenheit. Und Waffen töten. Hier passt „Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ ins Italo-Western-Schema. Das Maschinengewehr wird zwar diesmal von den Bösen eingesetzt, aber Rocco findet schon Mittel und Wege sich nicht nur dieser Massenvernichtungswaffe sondern auch zahlreicher weiterer Gegner zu entledigen.

Ausstattung und Qualität der vorliegenden Version sind Koch Media wieder ausgezeichnet gelungen. In den Bonusfeatures finden sich ein vierzigminütiges Interview mit einem aufgeräumten Jack Betts, ein kürzeres Gespräch mit Regisseur Franco Giraldi und eine Analyse des Filmhistorikers Fabio Melelli. Auf der Audiospur gibt es beide deutsche Synchronisationen, die nassforsche, aber immer noch dezente westdeutsche und die zurückhaltendere, aber auch antiseptischere aus der DDR. Die zudem leider zahlreiche Passagen nur im italienischen Originalton enthält.

„Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“ ist eine sympathische und erfreuliche Veröffentlichung, ein Highlight von eigenem Gestus aus der zweiten Reihe empfehlenswerter Italo-Western.

Cover & Szenenfotos  © Koch Media

  • Titel: Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern
  • Originaltitel: Sugar Colt
  • Produktionsland und -jahr: Italien, Spanien 1967
  • Genre: Western, Krimi, Action, Komödie
  • Erschienen: 06.04.2017
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
     
    100 Minuten auf Blu-Ray
      
    97 Minuten auf DVD
  • Darsteller: 
    Hunt Powers
    Soledad Miranda
  • Regie:
    Franco Giraldi
  • Musik:
    Luis Enríquez Bacalov
  • Kamera: 
    Alejandro Ulloa Jr.
  • Drehbuch:
    Giuseppe Mangione
    Franco Giraldi
    Augusto Finocchi
    Fernando Di Leo
    Sandro Continenza
  • Schnitt:
    Ruggero Mastroianni
  • Extras:
    Deutscher Trailer, Italienischer Trailer
    Interview mit Darsteller Jack Betts (ca. 39 Min.)
    Featurette „Suggar Franco“ mit Regisseur Franco Giraldi (ca. 14 Min.)
    Featurette „Rocco der Rächer“ mit Filmhistoriker Fabio Melelli (ca. 11 Min.)
    Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2.35:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    : Deutsch PCM 2.0 (Mono) = BRD-Synchronfassung „Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern“, Deutsch PCM (Mono) = DDR-Synchronfassung „Kavallerie in Not“
    Englisch PCM 2.0 (Mono), Italienisch PCM 2.0 (Mono)
  • Untertitel:  D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink Blu-Ray/DVD
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 Colts im Rückspiegel

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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