Hatufim – In der Hand des Feindes – Staffel 1 (TV-Serie, 3DVD)

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Hatufim Staffel 1 (3DVD) DVD Cover © Universal Pictures / Panorama Entertainment Auf dem Cover prangt es bereits überdeutlich, und auch Kennern der Serie „Homeland“ dürfte es bereits bekannt gewesen sein, dass die Vorlage für ebenjene Serie „Hatufim – In der Hand des Feindes“ (Originaltitel: „חטופים“, zu Deutsch.: „Die Entführten“) ist. Die Nähe der beiden Serien zueinander und deren ähnlicher Verlauf der Geschichte erklärt sich schnell, denn sowohl in vorliegender Serie als auch „Homeland“ hatte der israelische Regisseur und Drehbuchautor Gideon Raff seine Finger im Spiel. Bei der US-Serie zählte er zu einem der ausführenden Produzenten, bei „Hatufim“ zeichnet er gar für Idee, Drehbuch und Regie verantwortlich.

Statt Irak und USA sind hier Libanon und Israel die Schauplätze. Siebzehn Jahre lang wurden die israelischen Soldaten Uri Zach, Nimrod Klein und Amiel Ben-Horin von der Hisbollah gefangen gehalten. Sie gehörten einer Einheit an, welche auf einer geheimen Mission im Libanon unterwegs war. Erst 2008, nach vielen Jahren der Verhandlung, endet der Kampf um die Freilassung der Soldaten erfolgreich, indem ein Gefangenenaustausch vorgenommen wird. Uri und Nimrod kehren endlich wieder zurück, doch Amiels Frau wartet vergeblich auf ihren Mann, denn der gilt als in Gefangenschaft verstorben. Sie versucht diesen Verlust anfangs dadurch zu verarbeiten, indem sie sich Amiel leibhaftig vorstellt und mit ihm spricht.

Der abrupte Wechsel von einem Leben voller seelischer und körperlicher Qualen zurück in die „heile Welt“ ist für die beiden Überlebenden kaum zu bewältigen. Die mehr als eineinhalb Jahrzehnte haben nicht nur auf der Haut zahlreiche deutlich sichtbare Narben hinterlassen – die Verletzungen, die ihre Psyche hat erleiden müssen, weist ungleich  tiefere Schnitte auf, und die Schäden erscheinen/sind teilweise irreparabel. Jahre der Grausamkeit haben Nimrods und Uris Wesen einschneidend verändert.

Das bekommen auch die Familien der beiden zu spüren, denn eine wartende Frau kann sich angesichts der Ungewissheit, ob ihr Mann jemals zurückkehrt, nicht für den Rest ihres Lebens in Enthaltsamkeit und Liebesverzicht üben, und auch Kinder, die ihren Vater nie gesehen haben, wissen nicht so recht mit diesem fremden Menschen, der auf einmal bei ihnen lebt, umzugehen und begegnen ihrem Erzeuger mit Ablehnung. Traumata und Entfremdung liegen wie ein Pesthauch permanent in der Luft.

Immer wieder werden die als Volkshelden gefeierten Rückkehrer psychiatrisch begutachtet, um zu prüfen, ob sie sich politisch haben manipulieren lassen und ob sie etwa ein Geheimnis hüten, und gerade hinsichtlich letzterer These fühlen sich die Befragenden durch den ein oder anderen Widerspruch in den Aussagen der beiden bestärkt, noch tiefer nachzubohren.

Man sieht: Im Gegensatz zu „Homeland“ wird hier nicht nur das Schicksal eines Protagonisten, sondern das von zweien geschildert, was der Serie durch die Diversität Nimrods und Uris einige Blickwinkel mehr ermöglicht. Wie auch bei „Homeland“ wird immer wieder mit harten Schnitten zwischen aktuellen Szenen, Geheimdienstoperationen und Flashbacks aus der Vergangenheit, die in erschreckenden Bildern demonstriert werden, hin und her geschaltet, wobei die Folterszenen hier stellenweise noch drastischer und schonungsloser dargestellt sind. Doch im Gegensatz zur US-Serie wird nicht so intensiv auf Verschwörung und drohende Attentate eingegangen, sondern der Fokus deutlich mehr auf die Resozialisierung der ehemaligen Gefangenen gerichtet.

Doch damit nicht genug der Vergleiche, denn die sind letztendlich praktisch unvermeidbar. Auffällig ist nämlich, dass „Hatufim“ um einiges sachlicher und nüchterner als „Homeland“ daherkommt und so etwas wie der USA- und Militär-Pomp sowie Patriotismus nicht stattfinden. Alles ist deutlich unhysterischer, leiser, ruhiger und vor allem langsamer, wodurch die psychologische Komponente noch stärker in den Vordergrund rückt – vor allem wirkt diese Serie durch die Trockenheit, die noch negativere Grundstimmung, die enorme Ruhe und das extremere Grau um ein Vielfaches be- und erdrückender sowie beängstigender, was auf den Zuschauer im falschen Moment recht deprimierend wirken kann.

Inhaltlich liegt „Hatufim“ jedoch deutlich näher an der Realität, die Darsteller sind allesamt absolute Meister der Schauspielkunst, geben zu hundert Prozent glaubwürdige Figuren ab und müssen sich hinter den US-Akteuren zu keiner Zeit verstecken, und jede Episode bekommt genau so viel Zeit spendiert, wie sie benötigt (die kürzeste Folge ist nur einundvierzig Minuten lang, die längste ganze zwanzig Minuten länger!), und das bringt diese Produktion qualitativ auf Augenhöhe mit dem Quasi-US-Remake.

Ein wenig störend ist die teilweise holprige deutsche Synchronisation (Nachrichtensprecherin!) sowie die durch die hebräische Schrift an Gebäuden, auf Transparenten und Plakaten sowie in Zeitungen für das Verständnis notwendigen deutschen Untertitel, denn die gelbe, schmale Schrift lässt sich gerade auf kleineren Fernsehgeräten nur schwer lesen. Das sind jedoch „Fehler“, für die man die Erschaffer der Originalfassung nicht verantwortlich machen kann.

Cover und Packshots © Universal Pictures Home Entertainment/Panorama Entertainment

 

  • Titel: Hatufim – In der Hand des Feindes
  • Englischer Titel: Prisoners Of War
  • Originaltitel: חטופים (dt.: „Die Entführten“)
  • Produktionsland und -jahr: Israel, 2009
  • Genre:
    Drama, Krieg, Thriller
  • Erschienen: 08.08.2013
  • Label: Panorama Entertainment/Universal Pictures
  • Spielzeit:
    ca. 493 Minuten auf 3 DVDs
  • Episoden: 10 (zwischen 41 und 61 Minuten lang)
  • Darsteller:
    Yaël Abecassis
    Yoram Toledano
    Mili Avital
    Ishai Golan
    Adi Ezroni
    Assi Cohen
    Guy Selnik
    Yael Eitan
    und viele mehr
  • Regie: Gideon Raff, Liat Benasuly
  • Drehbuch: Gideon Raff
  • Extras: keine
  • Technische Details (DVD):
    Video: 16:9, 1,85:1
    Audio:
    Deutsch, Hebräisch (2.0 DD)
    Untertitel:
    Deutsch
  • FSK: 16

 

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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