soundnerds – Die Musikkolumne #2: Als der Synthie dem Beat das Laufen lehrte: Heute – Breitwandravesound

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Die von Chris ins Leben gerufene Kolumne kommt mir sehr gelegen, um den Ruf, der dem Techno vorauseilt, etwas aufzuwerten, da ich im zum Beispiel im erweiterten Bekanntenkreis immer noch zu hören bekomme, dass das keine Musik ist. Ich möchte euch zeigen, dass es neben Scooter, Guetta (bäks), Robin Schulz und anderen EDM- Verbrechern, eine Vielzahl andere Künstler im elektronischen Bereich gibt. Solche, die nie im Radio laufen. Die es wert sind, ein zweites Mal hinzuhören und diese euch vorzustellen.

Ja, ja, ich weiß. Jetzt kommt sicher der Vorwurf, dass Techno, egal, ob im Radio oder im angesagten Underground, stumpfe, monotone Musik sei. Umpf, Umpf und so. Diesem Argument kann ich meist nichts entgegensetzen, habe ich auch meine festgefahrenen Meinungen über z.B. Rockmusik im Allgemeinen. Schaut man jedoch hinter die Bassfassade, erblickt man bei manchen der Klangklötzchenverschieber doch erstaunlich vielschichtige Musik, auf die ich nun in unregelmäßigen Abständen in dieser Kolumne aufmerksam machen möchte. Auf alte Hasen und auf neue Hüpfer. Doch zuerst ein kleiner persönlicher Exkurs, wie mich diese Musik überhaupt in Beschlag nehmen konnte.
 
Drehen wir das Rad der Zeit mal auf 1992/1993, als ich anfing, bewusst Musik zu hören und gewisse Genres für mich zu entdecken. Es war die Zeit, als der Eurodance anfing, groß aufzuspielen. 2Unlimited, Culture Beat, Das Omen und Scooter sollten vielleicht noch ein Begriff sein. Doch unter diesem Deckmantel, welches damals ebenfalls nur Radiogedudel war, gab es parallel eine florierende Technoszene, die mir aber zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Begriff war (diese sollte ich erst 20 Jahre später entdecken, und bin immer noch dabei). Zurück zum Radiogedudel. Damit fing es bei mir an. ‚Mr. Vain‘ oder ‚Hyper, Hyper‘ hörte ich damals hoch und runter, bis es mir zu den Ohren raus kam. Ab und zu mischten  sich noch andere Sachen ein, aber im Prinzip ging es allgemein in Richtung elektronische Klänge. Ein paar Jährchen gingen ins Land, bis 1996 die Hymne der Mayday, die im damaligen Jahr unter dem Namen ‚Sonic Empire‘ ins Land schalmeite, auf Platz 1 der deutschen Charts landete (damals war das noch was wert). Mit diesem Hit, der sich übrigens auch heute noch hören lassen kann, war es um mich geschehen, ich stieg immer weiter in die Materie ein und interessierte mich für Künstler wie Ravers Nature, RMB, Westbam, DJ Hell, Sven Väth und andere, damals und teilweise auch heue noch bekannte DJs beziehungsweise Liveacts. Die Musik war anders. Sie war schnell, sie war hart und transportierte etwas, das mir auch heute noch Gänsehaut beschert. Besonders RMB hatten es mir angetan. Mit den Singles ‚Spring‘ und ‚Reality‘ und dem im Jahr 1998 erschienen Album ‚Widescreen‘ wurde der wilde Ravesound in kontrolliertere Bahnen gelenkt. Waren die beiden Singles noch Ravenummern erster Güte, die die Massen zum Ausrasten brachten, glänzten sie auf dem Album auch mit weniger schnellen Tracks. Da mich dieses Album in meinem Hörverhalten als eines der ersten geprägt hat, möchte ich es euch bei meiner Premiere im Rahmen dieser Kolumne vorstellen.
 
Widescreen Cover VorderseiteRMB, das ist das Kürzel für Rolf Maier-Bode, der auch heute noch als Solokünstler Eigenproduktionen auflegt und zusätzlich in der Werbung unterwegs ist und dort seine Soundspielereien hinterlegt. Unter dem Kürzel RMB hat er mit Farid Gharadjedaghi die Musik bis Anfang der Nuller Jahre produziert, ehe sie sich auf künstlerischer und privater Ebene zerstritten und getrennte Wege gingen. Angefangen haben beide Anfang der Neunziger mit knallhartem Rave-Sound, der sich heute eher lustig anhört, für damalige Verhältnisse aber sehr dem Zeitgeist entsprach. Dem folgten viele Veröffentlichungen bei unterschiedlichen Labels, ehe sie bei Low Spirit (bei dem Westbam seine Finger mit im Spiel hatte) ihr Zuhause fanden. 1995 haben die beiden dort ihr erstes gemeinsames Album veröffentlicht. Mit ‚This world is yours‘ stiegen sie sogar in die deutschen Albumcharts relativ weit oben ein (Platz 19, 10 Wochen in den Charts – Quelle: Wikipedia). Natürlich nutzte es ihnen zusätzlich, dass sich eine breitere Öffentlichkeit damals für die elektronische Musik und ihre abseitigen Untergenres interessierte. Diese Musik war auf einmal der heiße Scheiß, die letztendlich 1998 auch in 1,5 Millionen Besuchern auf der Love Parade gipfelte. Doch auch von der rein musikalischen Seite war es nicht von der Hand zu weisen, dass die zwei mit den damaligen Mitteln ihr Handwerk verstanden. Schon in diesem Album steckten jede Menge Filmzitate und zeigten zusätzlich zur Musik ihre Leidenschaft für das Medium Film. Beflügelt durch den Erfolg schossen RMB mit ‚Experience‘, ‚Spring‘ und ‚Reality‘ noch drei weitere Hits in die Charts, bevor schlussendlich 1998 ihr zweites Album ‚Widescreen‘ erschien, welches dem Medium Film allein im Titel Tribut zollt. Und auch inhaltlich klang nun alles reifer und vielschichtiger als beim Erstling, und manche Klangcollagen würden manchem Film gut zu Gesicht stehen.
Widescreen Cover Rückseite Waren bei This World is Yours ausschließlich Rave-Tracks dabei, die ohne Zusammenhang auf die LP gepresst waren, verschmelzen die Stücke auf Widescreen durch einzelne Soundschnipsel, Zitate oder Ineinanderfließen der Tracks zu einem großen organischen Etwas, welches eine Art Geschichte erzählt, um am Ende wortwörtlich mit einem großen Rums abzuschließen. Dieses Album war im Ganzen betrachtet so komplett anders im Vergleich zu den Happy-Rave-Nummern, die damals wie Pilze aus dem Kraut schossen, dass ich beim ersten anhören noch irritiert schaute, doch mit jedem erneuten Hörgenuss wusste ich, dass dieses Album mich ein langes Stück begleiten wird – ich hatte mein erstes Lieblingsalbum gefunden. Ich höre es auch heute noch gerne an, auch wenn ich zugeben muss, dass es nach fast 20 Jahren nicht mehr ganz zeitgemäß klingt. Doch welche Punkte sind es, die dieses Album für mich und sicher auch viele andere so faszinierend gemacht hat?

  • Das Album ist vielseitig, es wird nie langweilig. Uptempotracks wechseln sich mit Rave- , House- und Technospielereien ab. Mal hört man dreimal hintereinander denselben Titel (Everything), aber in unterschiedlichen Variationen, die aufeinander aufbauen. An einer anderen Stelle wird ein Track aus Schnipseln des vorherigen und des kommenden aufgebaut und bildet dabei etwas gänzlich Neues (Rhythm Desease).
  • Die einzelnen Filmzitate oder Soundschnipsel aus Filmen, die bis 1998 im Kino waren und in die Titel eingearbeitet werden. So sind zum Beispiel Robert deNiro aus Heat, Morgan Freeman aus ‚Sieben‘, Jean Reno aus ‚Leon – Der Profi‘ und noch ein paar mehr zu hören. Verschiedene Samples aus den ‚Filmen 2001- Odysee im Weltraum‘ oder eben auch ‚Sieben‘ oder ‚Leon-Der Profi‘ sind ebenfalls zu hören. Wie habe ich mich jedesmal gefreut, wenn ich einen dieser Schnipsel erkannte. Besonders der Übergang von ‚Madmans Legend‘ zu ‚Shadows‘, der aus 2001 stammt, löste bei mir Verzückung aus, als ich ihn Jahre später beim Anschauen des Films erkannte (kleine Anmerkung am Rande: im Video von ‚Shadows‘ kommt der schwarze Monolith aus 2001 vor und die Querverbindung zum Film ist hergestellt).
  • Kontinuität: Bis dato wurden einzelne Tracks auf ein Album gelegt, ohne Mix, ohne erkenntliche Pausenfüller. Auf ‚Widescreen‘ war das, jedenfalls für mich, etwas vollkommen Neues. Und es geht auch um das Wie. Wie die Lücken gefüllt werden. Diese werden nicht einfach gefüllt, sondern es werden Brücken zwischen den einzelnen Tracks gebaut.
  • Das Brechen der Erwartungshaltung: Die Musik klang stellenweise neu, frischer, anders. Manchmal sogar so neu, dass ich damals damit nichts anfangen konnte, bestenfalls irritiert war. So zum Beispiel beim Titel ‚Anyway‘, der eine Art Bindeglied zwischen dem ersten und dem etwas konsistenteren zweiten Part des Albums darstellt. Dieser Track war mir damals zu minimalistisch und zu langsam, empfand ihn irgendwie als schlecht und langweilig. Doch er schraubt sich trotz dessen in die Gehörgänge, und vor allem die Trommelschläge bekommt man da schwer wieder raus. Wie schon bei der Vielseitigkeit, kann auch unter diesem Punkt angebracht werden, dass RMB mit einigen Titeln den Hörer überraschen. Sogar eine kleine Rap-Nummer mit elektronischer Klanguntermalung ist auf dem Album enthalten.
  • Viel drin, aber nicht überladen oder immer wieder ein neues Hörerlebnis: Das Album lief seit seinem Erscheinen, besonders zu Beginn, in schwerer Rotation in meinen Anlagen und ich wurde ihm nicht überdrüssig. Woran lag das? Einfach an dem Punkt, dass so viel in diese Stücke eingebaut war, dass man bei jedem Anhören neue Soundschnipsel oder Spielereien entdeckte. Mancher mag nun einwenden, dass alles dann nur noch überladen hätte sein müssen. Das war es mitnichten. Das Gesamtkonstrukt aller Tracks war sehr gut auf alle enthaltenene Elemente abgestimmt, so dass sich dieser Effekt der Überladung nicht einzustellen vermochte.

 

Nun habe ich euch mit Text zu meinem ersten Techno- oder Ravealbum überschüttet und, wie es sich für eine Soundkolumne eigentlich gehört, keinen einzigen Track vorgestellt. Das möchte ich an dieser Stelle nach- und ihr könnt euch von meiner Fanschreiberei erholen. Das komplette Album hinterlege ich euch als Spotify- Playlist. Einzelne Tracks, die ich auf YouTube gefunden habe, schließen sich an diese Playlist an. Viel Spaß beim Durchhören, zurückerinnern oder neu entdecken.

 

Und als besonderes Schmankerl zum Abschluss dieses Beitrags gibt es noch den in meinen Augen besten Track der beiden, die als B-Seite zur Spring-Maxi heraus kam und weniger Beachtung geschenkt bekam. Für mich selbst heute noch ein Gänsehauttrack.

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Über den Autor

Marc Richter

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„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“ (Stephen King „Der Mann in Schwarz“) – wenn ich sage, dass ich von Kindesbeinen an lese, dann ist das sicher verklärt durch Erzählungen der Eltern/Großeltern oder auch das schwache Langzeitgedächtnis. Vielmehr war ich ein Lesemuffel, nicht anders lässt sich erklären, warum ich lieber Lustige Taschenbücher statt richtige Bücher gelesen habe.
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von Marc Richter Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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