soundnerds #3: Als der Synthie den Beat das Laufen lehrte – Heute: Naturklänge aus dem Westerwald (oder: Wie der Uhu der Waldameise den Beat vorgibt)

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Heute widme ich die „soundnerds“-Kolumne und meine eigene Serie darin dem König der Vertonung von Naturklängen und deren Überführung in die elektronische Musik: Dominik Eulberg. Ich möchte euch sein Schaffen im Allgemeinen vorstellen und sein bisher letztes Album „Diorama“ im Speziellen, welches ich für eines der besten Alben halte, die je im elektronischen Tanzmusiksektor veröffentlicht wurden.

Die Natur im Soundgewand

Bionik - Cover © CocoonKurz nach der Jahrtausendwende kam ein Künstler an die Mischpulte und in die Anlagen der Technobegeisterten, der sich durch außergewöhnliche Titelgebungen („Klangteppichverleger Wolle“, „Björn Borkenkäfer“) und auch ein außergewöhnliches Hobby von all den anderen Techno- DJs und Liveacts abhob und es heute immer noch macht. Die Titel sind in Deutsch gehalten und enthalten konsistent vom ersten Tage an einen Bezug zur Natur, den er meist auch klangtechnisch umsetzt. Sei es Froschgequake oder Vogelgezwitscher, all das verarbeitet er in seinen Tracks. Und findet sich kein Ton, so lässt er sich von seltsamen Naturereignissen inspirieren und setzt sie stimmig in Töne um. Bei den meisten Tracks lernt man immer etwas dazu, denn zu fast jedem Titel gibt es einen kleinen Begleittext, der das Vertonte erklärt. Sein Hobby, welches Hand in Hand mit seiner Musik geht, ist die Ornithologie (Vogelbeobachtung oder Vogelkunde), was er auch gelernt hat. Ich stelle mir das immer wieder gern vor, wie Dominik, wenn er Inspiration für neues Material braucht, einfach in den Wald geht, Vögel beobachtet, dabei zur Ruhe kommt und neue Kraft tankt für seine Auftritte und Produktionen tankt. Wahrscheinlich ist alles nur halb so romantisch, aber alleine die Vorstellung zählt doch, oder?

Der ravende Ornithologe

Schmetterlings HommageDieser Herr Eulberg also schoss 2003 mit einem Album, welches viele aufhorchen ließ, durch die Decke. Das Album hieß „Flora und Fauna“ und zeigte damals schon die Richtung auf, die er bis heute weiter verfolgt und perfektioniert hat. In diesem Album steckt weniger Techno, als man im ersten Moment denken mag, wenn man dieses Album zum ersten Mal hört. Da sind Ambientstücke („Der Sonnenuntergang am schilfumsäumten Bergsee“) ebenso vertreten, wie verspulte Minimaltracks („Die Invasion der Taschenkrebse“, „Brenzlich, brenzlich dachte der Feuersalamander“). Man spürt sofort, dass da jemand mit voller Begeisterung am Werk war und sein Wissen über die Natur durch die Musik transportieren wollte. Auch wenn manch einer dieser Titel heute schon angestaubt klingen mag, so ist doch das Potential zu vernehmen, welches Dominik Eulberg in den Jahren danach offenbaren wird. Danach folgten unzählige Single- Veröffentlichungen, die in alle Stilrichtungen mäanderten, Minimal, Trance und Techno verzeichnet man dabei am meisten und bei manchen der Tracks ist alles auf einmal vertreten. Auch als Remixer tritt er immer öfter in Erscheinung und seine Tracks werden ebenfalls prominent remixt.

Bionik  - Cover © CocoonSein zweites Album veröffentlicht Eulberg bei Sven Väths Label „Cocoon“. Doch was als großer Wurf geplant war, ging leider in die Hose. Er zeigte zwar mit „Bionik“ einmal mehr seine Tugenden, Natur und Technik miteinander in Einklang zu bringen, doch etwas, was den Vorgänger ausgemacht hat, fehlte. Die gewisse Prise Inspiration. Dieses Album wurde zwiegespalten aufgenommen in seiner Rezeption und Umsetzung und auch ich persönlich konnte diesem Album nicht viel abgewinnen, außer, dass sich ein paar der Tracks sehr gut in einen Mix einbetten ließen. Doch der Gesamteindruck war eher mau, und ich war kurz davor Dominik Eulberg in Vergessenheit geraten zu lassen. Doch noch im selben Jahr brachte er eine Sammlung älterer Tracks und Vinylveröffentlichungen auf CD heraus, quasi ein Best of seines bisherigen Schaffens. Mit seinen „Heimischen Gefilden“ hatte er mich sofort wieder an der Angel. Auf diesem Album oder dieser Retrospektive ist alles versammelt, was Eulbergs Musik bis dato ausmachte – Technogefeuer („Björn Borkenkäfer“), Minimalgespule („Klangteppichverleger Wolle“) und Trance in Eleganz („Adler“). Dazu spricht Dominik noch zwischen den einzelnen Tracks zu einigen Tierarten, nennt deren Charakteristika und welche Geräusche sie machen. Allein mit welcher Lässigkeit er das rüberbringt, ringt mir immer noch Respekt ab, und man lernt auch noch etwas dabei. Als Abschluss dieses Albums versammelt er alle Tiere zum Westerwälder Chor und zeigt auf, wie er aus Natur Techno erschafft (leider habe ich zu diesem Track nichts Offizielles zum Verlinken gefunden, weder YouTube noch Spotify haben da weitergeholfen. Sucht ihn bei YouTube selbst und hört ihn euch an, Aufbau eines Tracks in Perfektion – Highlight: die Rohrdommel).

Diorama - Cover © Traum SchallplattenDann kam im Jahr 2011 das Album „Diorama“, und seitdem kaufe ich alle seine Tracks ungehört, denn er macht mit diesem Album alles richtig, was er beim Vorgänger „Bionik“ (eigentlich) falsch gemacht hat und hat zu diesem Zeitpunkt die perfekte Ausdrucksweise gefunden, wie er seine Naturanliegen an den Hörer bringen will. Abwechslungsreich gestaltet, guter Aufbau der Tracks, vielfältig, detailliert, klar im Klang und, was heute nicht unbedingt selbstverständlich ist, richtig gut abgemischt. Alles Dinge, die einem beim Hören der einzelnen Tracks immer wieder auffallen. Von diesem Album bekomme ich selbst 6 Jahre nach seinem Erscheinen nicht genug. Bei Titeln wie „Islandmuschel 400“, „Teddy Tausendtod“, „Neunauge“ und „Die drei Million Musketiere“ will man allein schon bei den Titeln wissen, was sich dahinter verbirgt. Sogar ein Klassikstück, welches den Hörer aus dem Album führt, ist mit dabei („Metamorphose“). Auf diesem Album arbeitet Dominik viel mit dem Stilelement Hall, was den Tracks eine gewisse Tragik verleiht, teilweise machen sie mich als Hörer ein bisschen wehmütig. Zum Beispiel, wenn sich bei „Islandmuschel 400“ langsam die Melodie aus dem Beat herausschält und seine ganze eigene Tiefe offenbart, überkommen mich regelmäßig Gefühle der Traurigkeit und Freude gleichermaßen, deren Mischung ich selbst nach sechs Jahren immer noch nicht ganz fassen kann. Oder „Teddy Tausendtod“, dessen Grundgedanke allein schon irre klingt, vertont er so schräg, dass ich jedes Mal einen Grinsanfall bekomme, wenn ich diesen Track höre (Anmerkung am Rande: Ich finde sogar, dass der Remix von Stephan Bodzin den Tick mehr Crazyness aus diesem Titel herausholt). Dieses Album lege ich immer wieder gerne in den Player, denn es ist in meinen Augen zeitlos, extrem hochwertig produziert und stimmig abgemischt. 

Danach kamen viele EPs nach, aber leider noch kein neues Album. Doch ich deutete ja schon an, dass ich blind zugreife, wenn neue Tracks kommen, und so ist zum Beispiel auch bei seinem neuesten Streich ein Titel enthalten, der alles zusammenfasst, was Dominik Eulbergs Schaffen ausgemacht hat. In „Taubenblut“ mischt er all das zusammen, was die elektronische Musik zu bieten hat und verwebt es zu einem Stück, welches auf dem Dancefloor ein Kracher ist, sich aber auch gut zum Genießen eignet. Da wechseln sich ruhige Momente mit denen der vollkommenen Ekstase ab. Dort, wo man meint, jetzt treibt er es zu bunt, bekommt er gerade noch die Kurve und mischt nichts weiter hinzu, sodass es genau richtig klingt, nur um dann wieder in vollkommene Ruhe abzufallen. Alle Elemente, von der Bassline bis zu den eingebauten Hi-Hats, wirken harmonisch miteinander und die einsetzende Melodie erzeugt bei mir Gänsehaut. Wenn es von ihm ein neues Album geben sollte, dann bitte in dieser Art der Perfektion. Für mich persönlich einer der besten Technotracks der letzten Jahre.
Diesmal gebe ich euch den nur die Internetseite von Dominik Eulberg als Link an. Die Musik besorge ich selbst, denn ich habe mich seit Ewigkeiten mal wieder ans Mischpult gestellt und meine persönlichen Favoriten von Dominik Eulberg für euch zu einem Mix verabeitet. Seit bitte nachsichtig, da es das erste Mal seit knapp zwei Jahren ist, dass ich einen Mix erstelle (auch wenn es digital gemixt ist) und wünsche euch viel Spaß damit.

Internetseite von Dominik Eulberg

P.S.: Das mit dem Mixen hat zeitlich doch nicht ganz hingehauen, und bevor dieser Beitrag als Entwurfsleiche im Keller verschwindet, lasse ich ihn lieber erst einmal frei, und wenn ich mal Zeit dafür gefunden habe, mische ich euch ein paar der Titel zusammen, was dann auch in etwa der folgenden Spotifyplaylist entsprechen wird. Die Playlist ist ohne Wertung erstellt und beinhaltet damit so ungefähr meine Favoriten von Eulberg, wobei die Remixe, die Dominik für andere angefertigt hat, dabei nicht mit enthalten sind. Viel Spaß beim Durchhören.

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Über den Autor

Marc Richter

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„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“ (Stephen King „Der Mann in Schwarz“) – wenn ich sage, dass ich von Kindesbeinen an lese, dann ist das sicher verklärt durch Erzählungen der Eltern/Großeltern oder auch das schwache Langzeitgedächtnis. Vielmehr war ich ein Lesemuffel, nicht anders lässt sich erklären, warum ich lieber Lustige Taschenbücher statt richtige Bücher gelesen habe.
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von Marc Richter Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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