soundnerds – Die Musikkolumne #1: Popp-Musik part one

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Der Name „soundnerds“ erklärt sich eigentlich von selbst. Er ist ein naheliegender Kunstbegriff, eine Verschmelzung aus „Sound“ und unserem Magazinnamen „booknerds“ in seiner konsequenten Kleinschreibung. Zwar werden wir in Zukunft auch mehr reguläre Musikrezensionen veröffentlichen, aber nicht immer möchte man stur nach Bewertungsschema über Musik sprechen. So dachte ich mir: Warum nicht eine Kolumne starten, in der diverse Redakteure in unregelmäßigen Abständen über Musik schwadronieren? Tipps, Grausiges, Entdeckungen, Nerdiges – einfach querbeet, genreunabhängig, formunabhängig. Jeder, wie er mag – und eben ganz ohne Rezensionskontext.

#1: Popp-Musik part one – 15 Bandempfehlungen quer durch die Genres.

Gern mache ich den Anfang und präsentiere hier die Musik, die in den letzten Monaten favorisiert bei mir lief und läuft. Wer mich kennt, weiß zwar, dass ich a) sehr gern die härteren, lauteren Klänge höre, aber auch, dass ich b) sehr viel kreuz und quer höre. In meinem ersten Teil der Kolumne geht es dementsprechend bunt zu.

Hinweis: Da sehr viele Player und YouTube-Videos in diesem Beitrag eingebettet sind, kann es ein klein wenig dauern, bis der Artikel fertig geladen hat.

1: Moron Police

Wie man saftige Gitarren und unwiderstehliches Pop-Appeal miteinander verquickt.

Auf diese norwegische Band kam ich über deren Landsmänner Major Parkinson, die ich in dieser Kolumne nachfolgend noch vorstellen werde. Moron Police haben bis dato zwei Alben veröffentlicht, nämlich „The Propaganda Machine“ und das aktuelle Werk „Defenders of the Small Yard“. Ersteres Album ist mir bislang noch nicht geläufig, doch das letztgenannte Werk lässt auf eine kreative Band mit Songwritingtalent schließen – an Eingängigkeit ist das Schaffen des Quartetts jedenfalls schwer zu überbieten. Im Grunde könnte man sagen: Moron Police haben das Beste aus den letzten Jahrzehnten der eingängigen Popmusik mit punkigen, rockigen, funkigen und auch metallischen Klängen kombiniert, und zwar mit den wohl (im positiven Sinne) klebrigsten Refrains, die man schreiben kann. Noch etwas Verrücktheit dazu, und fertig ist der explosive Cocktail der Sorte „Gitarrenpop mal anders“. Hier könnt ihr das Album streamen:

2: Major Parkinson

Noch so eine stilistische Wundertüte. Von den Fifties bis in die Jetztzeit. Die traurigen Clowns. Die lustigen Depressiven. Die Band mit den Endlosmelodien.

Eben schon erwähnt, wäre es ein Unding, diese Band nun außen vor zu lassen. Diese norwegische Band um Sänger Jon Ivar Kollbotn schickt den Hörer in den ‚emotional roller coaster‘, denn der Mix, den diese Kapelle darbietet, birgt vor allem eines in sich: Schizophrenie. Major Parkinson ist eine Band der Gegensätze. Eine tongewordene multiple Persönlichkeit. Sie vermengt Zirkusmusik, Punk, Rock aus den 50s und 60s, wilde Klänge à la Gogol Bordello mit dunklen Klängen, die gerade hinsichtlich Atmosphäre (seltener hinsichtlich des Stils) sehr stark in Richtung Johnny Cash, Leonard Cohen und besonders Tom Waits gehen. Doch manchmal kommt einem die Klangakrobatik der Skandinavier auch russisch oder französisch vor. Orientalische Klänge? Dissonanzen? Alles kein Problem. Allerdings sind sämtliche (bislang drei) Alben sehr unterschiedlich. Kennste eins, kennste eben nicht alle.

Das erste Album „Major Parkinson“…

… ist noch etwas kantiger und etwas wilder ausgerichtet, und die hektisch-lauten, unkontrollierten System Of A Down-Anleihen sind noch etwas stärker vertreten, aber bereits bei diesem Erstling war klar, dass die Band ein unglaubliches Potenzial besitzt. Besonders packend sind hierbei die manchmal über acht oder mehr Takte hinweg laufenden, nahezu ausufernden Melodien – etwas, was man sowohl in der Rock- als auch in der Popmusik in diesem Maße kaum gehört haben dürfte. Und schon in ihren Anfängen wusste die Band mit unterschiedlichsten Emotionen umzugehen und diese zu vertonen. Erst sind Major Parkinson noch albern, dann wieder todtraurig. Und dazwischen immer wieder diese Ironie…

Das zweite Album „Songs From A Solitary Home“…

…hingegen reizt die Extreme noch etwas weiter aus. Ein Song wie „Adville“ betört erst mit Klavierklängen, einer immensen Düsternis und Jons vordergründiger, brummiger Stimme, bevor das Stück letztendlich zwar das ruhige Tempo hält, aber derart erumpiert, dass man nach Luft schnappen muss. Dem gegenüber stehen Stücke wie das mit Tubaklängen beginnende „Simone“, das mit seinem Drive und seiner gelegentlichen Albernheit die sonnige Seite der Band zeigt. Wechselstimmungen gibt es dann bei „The Age of Paranoia“, das mit lockerem Boogie-Rhythmus startet, bevor es dann in progressive Gefilde geht und letztendlich depressiv-anabolische Oompa-Loompas das Kommando übernehmen. Bewegungsimpulse gen Hüfte werden hingegen durch „Teenage Mannequins“ ausgesendet, denn das surfrockende 50s- und 60-Flair geht sofort ins Blut, sodass man beim energiegeladenen Refrain nur noch wild auf dem Sofa herumspringen möchte. Im Grunde haben Major Parkinson die Essenz des Debüts mit noch mehr songwriterischer Finesse,  noch mehr unwiderstehlicher Melodiosität plus noch mehr Variabilität versetzt. Ein Album wie ein Ü-Ei.

Ein kleiner Stilbruch ereignete sich dann mit …

… „Twilight Cinema“, welches um einiges kompakter und düsterer ausgefallen ist und auch verstärkt progressive Songarrangements und Elemente aufweist. Bereits das pulsierende „Impermanence“ zeigt ein ganz anderes Gesicht der Band, denn dieses Accelerated-Post Rock-meets-Shoegaze-Element man so noch nicht von den Jungs gehört – auch das Intro „Skeleton Sangria“ ist deutlich anders – düster, und erst gegen Ende macht sich eine beschwingte Note bemerkbar, wenn auch zurückhaltend. Und in den weiteren Songs wird sarkastisch gewalzert, mit skandinavischer Romantik verzaubert oder nordische Schwermut zelebriert – lediglich der abschließende Titelsong zeigt dann noch die „alten“ Major Parkinson, denn jener Song hätte so auch auf einem der beiden Vorgänger zu finden sein können. Und dass die Herrschaften es auch konsequent progressiv und episch können, zeigen sie mit „The Wheelbarrow“, dem wohl ernsthaftesten und dramatischsten und – ja – epischsten Song, den sie jemals komponiert haben. Ist man die Vorgängeralben gewöhnt, ist man natürlich gewissermaßen auf ein weiteres freaky Album geeicht, sodass man durchaus enttäuscht sein könnte, dass die Norweger nicht ein weiteres Stilfeuerwerk zünden, sondern unerwartet sperrig agieren. Doch nach etwas Gewöhnungszeit entpuppt sich „Twilight Cinema“ als eine kleine musikalische Schatzkiste.

Ein Blick auf die Bandcamp-Seite lohnt sich, denn dort gibt es neben sämtlichen Alben auch ein paar Non-Album-Tracks zu genießen, und mit „Madeleine Crumbles“ findet sich auch ein Song, der auf dem voraussichtlich im Herbst 2017 erscheinenden vierten Album vertreten ist.

3: Douglas Holmquist

Chris Hülsbeck meets Dance meets Jean Michel Jarre light. Synthesizermusik meets Computerspielmusik.

Heutzutage werden gerade im mobilen Spielesektor und im Casual-Game-Sektor leider oftmals nur noch Stock-Sounds verwendet – Musik und Effekte auf Basis einer eher niedrigen Einmal-Lizenzgebühr. Zwar werden heute zu den hochpreisigen Games auch gern Soundtracks mit namhaften Künstlern entwickelt, die man dann oft auch käuflich erwerben kann, aber wenn man sich an die Amiga-, Atari ST- und C64-Zeiten der 80er und Frühneunziger erinnert, hat man automatisch den Soundtrack zu diversen Spielen, die man damals stunden- und nächtelang gedaddelt hat, im Kopf, zumal die Kompositionen solcher Klangtüftler wie Chris Hülsbeck oder David Whittaker in der Spieleszene kleine Hits wahren („Turrican“ und „Turrican 2“, remember?). Das hatte schon etwas Magisches. Spätestens mit dem Aufkommen des WWW entwickelte sich eine bachtliche Chiptune- und Computerspielmusik-Szene, und viele entwickelten gar die Chiptunes und Computerspielmusik weiter – sogar in diversen Musikgenres (egal, ob Pop, Metal oder Hardcore) finden diese Sounds verstärkt ihren Platz.

Als ich auf meinem Android-Smartphone vor etwa zwei Jahren das Geschicklichkeitsspiel „Smash Hit“ spielte, war ich schon ein klein wenig begeistert von den spährischen, leicht technoiden Klängen, hier und da mit etwas Ambient versetzt, und fragte mich, von wem diese Musik stammt. Douglas Homquist, aha. Bandcamp-Seite angesteuert und die Musik auch dort – ohne Spielzwang – immer wieder gern gestreamt. Vor kurzer Zeit kam dann vom „Smash Hit“-Spieleentwickler Mediocre ein neues Spiel auf den mobilen Markt, nämlich „PinOut“ – ein Pinballspiel der speziellen Art, bei dem keine traditionellen Tische zum Einsatz kommen, sondern es sich um einen räumlich nach vorn endlosen Tisch handelt, bei welchem man so weit nach oben wie möglich gelangen muss. Jeder Abschnitt hat seinen eigenen Song – und unverkennbar war das Holmquists Handschrift.

Wenngleich es sich nicht um traditionelle Computerspielmusik handelt, hier und da dezente poppigere Jean Michel Jarre-Anleihen das Ruder übernehmen, der Sound deutlich moderner ist, eine leichte Dance-Note mitschwingt und Songs wie „Zero Dark Hundred“ und „Something Beneath“ auch mit Gesang daherkommen, kommt sofort wieder dieses nostalgische Gamer-Feeling auf, und man hört durchaus, bei wem Holmquist musikalisch in die Schule gegangen ist. Wer also melancholische, treibende Synthesizerklänge zu schätzen weiß, sollte unbedingt mal via folgendem Player reinhören. Und wer mit dem Begriff „Chiptunes“ noch immer nichts anfangen kann, der sei auf die letzten drei Bonustracks des Soundtracks verwiesen, die jedem Game Boy-Nerd ein Grinsen ins Gesicht zaubern.

4: Angelo Badalamenti

Kitsch mit Stil und Magie – der „Twin Peaks“-Soundtrack

Gewöhnungsbedürftig ist sie auch nach einem viertel Jahrhundert noch, diese sehr spezielle Fernsehserie, die damals über zwei Staffeln lang lief, bevor sie eingestellt wurde – ein kruder Mix aus Mystery, Crime, Horror und Soap Opera. Stutzt man anfangs noch bei der doch sehr sonderbaren Musik – hier jazzige Klänge und sanfter Swing („Audrey’s Dance“) , dort dunkle Synthesizerklänge mit erumpierender Klaviermelodie („Laura Palmer’s Theme“) , und dann wieder das, was man gemeinhin als Dream Pop bezeichnet („Nightingale“ mit Julee Cruise am Mikrofon) -, so ist man irgendwann irgendwie „mittendrin“. Denn all das mag zu Beginn extrem kitschig wirken, doch mit der Zeit entwickelt die in der Serie sehr intensiv eingesetzte Musik ein Eigenleben. Anfangs war ich verstört, weil es so gar nicht zu den Bildern passen wollte – manchmal musste ich, gerade bei den romantischen Szenen – beinahe lachen, auch was den zeitweiligen Zuckerguss einzelner Kompositionen betrifft. Das war manchmal dermaßen ‚drüber’…
Doch irgendwann legte sich in mir ein Schalter um, und in den Momenten, in welchen kurz zuvor noch die „Kitsch!“-Alarmglocken schrillten, machte sich auf dem Brustkorb eine eigenwillige Schwere bemerkbar, bis ich merkte, dass es das Gefühl der Überwältigung war angesichts der Schönheit, die in den Kompositionen inmitten all der Dunkelheit und Mysteriosität immer wieder selbstbewusst hervorblitzt. Ja, ich höre mich wahrscheinlich gerade an wie ein bekifftes Waldfeenwesen. Aber wie ein glückliches.

 

5: Thomas Giles

Die elektronische Spielwiese eines Progressiv-Krachmaten

Bei seiner Hauptband Between The Buried And Me, welche extremen Metal auf abenteuerliche Weise mit hochmelodischen, progressiven und experimentellen Elementen verbindet, sehr gern sehr viele Musikstile zitiert und mit ausufernden Songs in manchmal zweistelliger Minutenlänge das Gehirn des Hörers fordert, firmiert er als Tommy Rogers und bedient Keyboard und Mikrofon.

Auf seinen Soloalben bewegt sich der mit bürgerlichem Namen Tommy Giles Rogers, Jr. heißende Musiker und Multiinstumentalist allerdings auf ganz anderen Pfaden. War das eher unbekannte Debüt „Giles“ noch eine Art erster elektronischer Gehversuch, so war „Pulse“ eine atmosphärische, wabernde Mixtur aus moderner und Retro-Elektronik, viel Pop-Appeal und nur dezenten Gitarren (meist akustisch). Lediglich in einem Song wurde sie mal ausgepackt.Mit dem Nachfolger „Modern Noise“ bewegte sich Thomas Giles dann in einerseits rockigere, andererseits elektronischere Gefilde und lieferte hiermit wohl sein inhomogenstes Soloalbum ab. Die Songs wurden sperriger, und in manchen Kompositionen wurden manche Themen bis zum Gehtnichtmehr ausgereizt. Der Kniff dabei war: Intensivierung statt Totnudeln. Ganz anders und wohl musikalisch am reifsten präsentiert sich Thomas Giles dann auf seinem dritten offiziellen (aber eigentlich vierten) Album „Velcro Kid“, welches kompositorisch und stilistisch wohl das in sich geschlossenste ist. Die E-Gitarren sind wider Erwarten gänzlich verschwunden, und das steht dem Album überraschend gut zu Gesicht. Auf dieser Scheibe regieren zu 90% Synthesizer-Töne und starke Vocallines, und irgendwo in einem der Reviews im weiten Netz werden gar Einflüsse von Depeche Mode, John Carpenter und David Bowie ausgemacht, was nicht ganz abwegig ist. In die hochatmosphärischen Sounds kann man hier reinhören (das Label streamt das komplette Album, welches übrigens sämtliche Songs noch mal in instrumentaler Version beinhaltet):

Und das ist – wie auch bei seiner Hauptband – das Aufregende: Man weiß nie so wirklich, was folgen wird.

6 & 6,5: The Browning und It Lies Within

Hausputz mit der Schallwellenmethode

So, und nun wird es zum ersten Mal richtig krawallig. Diese beiden US-amerikanischen Bands führe ich anhand ihrer stilistischen Nähe zueinander gemeinsam auf. Im Netz kursieren zu der Musikrichtung, die diese Band zelebrieren sollen, unterschiedlichste Bezeichnungen. Electronicore. Trancecore. Im Grunde kann man sagen, dass sowohl The Browning als auch It Lies Within zwei Hauptelemente in ihrer Musik aufweisen, nämlich auf der einen Seite die elektronische in Form (dunkel-)technoider Klänge und auf der anderen Seite meist riff- und groove-orientierter Extremmetal. Beides zusammen schmatzt bei entsprechender Lautstärke herrlich brachial aus den Boxen, sodass man den Staub gar nicht erst von den Regalen wischen muss, denn der wird einfach von den Lautsprechern weggeblasen.
The Browning sind eher die harscheren Vertreter der beiden Bands und haben bislang drei Alben veröffentlicht. Neben den typischen Stakkato-Grooves und dem hart-elektronischen Geblubber ist es vor allem Jonny McBees aggressives Brüllen, das dem Sound der Jungs eine beachtliche Brutalität verleiht. Das erste Album „Burn This World“ aus dem Jahr 2011 war noch nicht ganz so variabel, zeigte aber durch reichliche Tempovariationen und krude Stilwechsel innerhalb der Songs schon, wohin die Reise gehen wird. „Hypernova“ (2013) war dann nicht nur hinsichtlich Produktion differenzierter, sondern stilistisch noch ein wenig vielfältiger – so fand sich hier und dort sogar Klargesang auf dem Album. „Isolation“ (2016) vereint dann die Stärken der beiden Vorgängeralben und hebt das Level gemeinsam mit ein paar neuen Ideen noch ein wenig an.

Hier könnt ihr die beiden Alben „Burn This World“ und „Hypernova“ streamen:

Leider erschien „Isolation“ bei einem anderen Label und kann nicht via Bandcamp gestreamt werden. Aber der Song des folgenden Videos repräsentiert bereits ganz gut das, wofür The Browning 2016/17 stehen:

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It Lies Within benutzen im Grunde dieselben zwei Grundbausteine in ihrer Musik. Dieses Fivepiece könnte man als „The Browning mit Pop und Glitzer“ beschreiben. Denn inmitten der elektronischen Klänge und des derben Groove-Gebretters finden sich auf dem zweiten Album „Paramount“ zahlreiche Melodien mit einem enormen Pop-Appeal, und während bei The Browning fast nur extreme, harsche Vocals vorherrschen, scheuen sich diese Herrschaften hier nicht, ihre Songs zusätzlich mit viel Klargesang zu veredeln. Dieses Album ist ebenfalls nicht als Stream verfügbar, doch nachfolgend könnt ihr Euch auf YouTube einen Eindruck des ILW-Sounds verschaffen, da das Plattenlabel drei Songs online gestellt hat:

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7: Igorrr

Meister des kruden Stilmixes.

Jetzt wird es aber so richtig bunt und wild. Igorrr ist das Projekt und Pseudonym des französischen Musikers Gautier Serre, der mit elektronischer Musik ebenso wenige Berührungsängste hat wie mit lauten, derben Gitarrenklängen. Serre hat seine Finger in reichlichen Musikprojeten, doch am bekanntesten dürften die Alben seines Projekts „Whourkr“ (extremer Metal mit Extras) sein und – noch mehr – das, was er unter dem Banner Igorrr fabriziert.
Auf einzelne Alben oder Songs einzugehen, würde an Wahnsinn grenzen. Sagen wir es mal so: Dieser durchgeknallte Mensch vermischt die widersprüchlichsten Genres miteinander. Barocke Klassik, diverse elektronische Stile von Trip Hop bis zum Breakbeat und Breakcore, Dark Wave, Metalgeschrote unterschiedlichster Machart. Swing. Kirchenmusik? Flamenco? Gebrüll? Operngesang von der bezaubernden Laure Le Prunenec, die genau so gut dreckig singen wie auch am Spieß schreien kann? Normaler Gesang? Wilde Stimmexperimente? Geht alles. Hintereinander, parallel, gleichzeitig. Notfalls auch mal in einem einzigen Song. Gemeinsam mit diversen anderen Musiker*innen zündet Gautier ein Feuerwerk der Stile. Mehr Worte über Igorrr zu verlieren ist reichlich sinnfrei – am besten ist es, sich selbst ein (akustisches) Bild davon zu machen.

Auch einen offiziellen YouTube-Kanal gibt es von Igorrr, und zwar hier.

Anspieltipps: „Tout Petit Moineau“, „Pavor Nocturnus“, „Vegetable Soup“, „Tendon“.

8: The Devil Makes Three

Bluegrass, Folk und Blues ohne Klischees

Sehr cool abgehangen ist das, was das Trio The Devil Makes Three aus den US of A auf seinen Alben darbietet. Am ehesten kann man die Musik der Band als eine Mixtur aus Bluegrass, Blues und Folk beschreiben, gewürzt mit Rockabilly und Rhythmn’n’Blues der 30er Jahre. Hierbei gehen die Herren und die Dame sehr eingängig und relaxt vor. Countryklischees werden höchstens augenzwinkernd verbraten. Hier und da – und das macht Spaß – kommt gar ein klein wenig „O Brother, Where Art Thou?“-Feeling auf, was stilistisch hier und da sogar als Fingerzeig funktioniert, wenn man beispielsweise mal dem Song „Worse or Better“ vom Album „I’m A Stranger Here“ lauscht, der entfernt an „Man Of Constant Sorrow“ von den Soggy Bottom Boys erinnert.

In folgender Box könnt ihr das Album „I’m A Stranger Here“ aus dem Jahr 2015 – mein persönlicher Favorit –  streamen. Wenn ihr direkt auf die Bandcamp-Seite geht, könnt ihr unter ‚Discography‘ noch in weitere Veröffentlichungen reinhören, unter anderem auch in das 2016 erschienene neue Album „Redemption & Ruin“.

9: Ruby My Dear

Barockotronic? Elektronischer Wahnsinn.

Jazzfreunde werden den Bandnamen als Songtitel kennen, ist „Ruby, My Dear“ doch eine der legendären Jazzbaladen aus der Feder des ebenso legendären Musikers Thelonious Monk. Mit Jazz hat dieses französische Projekt allerdings nicht viel zu tun, außer vielleicht hinsichtlich Experimentierfreude und Komplexität.

Die Stützpfeiler der meisten Veröffentlichungen Ruby My Dears sind Barockklassik, etwas World Music und eine ganze Kiste voller Elektronik. Liebliche klassische Klänge sorgen für einen angenehmen Harmonieanteil, doch genau so gern wird hier zerstört oder Chaos gestiftet. Da donnern auf einmal hektische Jungle- und Breakbeats in komplexen Arrangements über den Hörer hinweg, es wird sogar die Techno- und Acid-Keule rausgeholt, anschließend Dubstep, dann aber wieder kommen Streicher oder ganz unerwartet auch mal Reggae-Tunes zum Einsatz. Auch Trip Hop wird hier und dort gern in den Songs verbaut. All das geschieht aber derart homogen und atmosphärisch dicht, dass die Veröffentlichungen wie aus einem Guss klingen.
Mein persönlicher Favorit ist die „Gingko“-EP, die ziemlich gut die Essenz dieses Projekts heraushebt. Direkt auf der Bandcamp-Seite gibt es auch noch eine Handvoll weiterer Höreindrücke.

Auch ein Hör auf der Klangwolke lohnt sich, denn – Obacht! – es gibt dort auch ein paar Ausschnitte aus der „Maigre“-EP zu hören. Was an ihr so besonders ist? Es handelt sich hierbei um eine Kollaboration mit eben genanntem Stilmetzger Igorrr. Wer sich also das ohnehin schon wilde Zeug von Ruby My Dear gepaart mit dem exzentrischen Wahnsinn Igorrrs geben möchte, kann das hier gern tun!

10: Laokoongruppe

NDW, Indietronica und Singer/Songwriter polygam

Ganz sonderbar ist dieses Projekt des Österreichers Karl Schwamberger. denn (Zitat aus meiner Rezension für musikreviews.de):

Auf der einen Seite stehen modernere Stile wie Avantgarde Pop, progressiver Techno, Videospielmusik, Lo-Fi-Indie und allerlei experimentelles Geplinker, Gefiesel und Geknatter, dem gegenüber stehen allerdings Schlager, Blasmusik, Heimatmusik und Klassik. Liest sich krank und klingt auch so, doch wer nun bei letzteren Genres ans Musikantenstadl denken muss, darf beruhigt durchatmen, denn Schwamberger benutzt diese Elemente in meist bitter-zynischenm und galgenhumorigem Kontext. In Verbindung mit den eindringlichen politischen und sozialkritischen, in astreinem Hochdeutsch vorgetragenen Texten, die diesen Zynismus und Sarkasmus auch in lyrischer Form vermitteln, entsteht ein Stück Ton- und Textkunst, das so einige Liedermacher oder thematisch ähnlich gelagerte Bands aus anderen Genres, sprich alles von HANNES WADER und ATTWENGER bis zu ernsteren DIE ÄRZTE manchmal wie angepasste Lutscher wirken lässt.

All das wird künstlerisch wertvoll vorgetragen, mit Liebe zum Detail und immer laid-back und mit reichlich Understatement. Eigenwillig ist das alles schon, und letztendlich kann man sagen, dass die Laokoongruppe-Klänge eher für Minderheiten gedacht sind, die sich weit über den Tellerrand hinauswagen.

 

Jenes Album ist auch mein Favorit der Band. Anspieltipp: „Kapital Chacha“. Und dann könnt ihr noch folgenden Link besuchen:

 

11: Astronoid

Rasende Leichtigkeit oder: Stacheldraht aus Zuckerwatte

Das Füngergespann Astronoid aus Boston, Massachusetts ist hinsichtlich seiner Stilmixtur die Homogenisierung der Heterogenität, denn sie vereinen Gegensätze zu einem neuen Ganzen. Wie auf ihrer Facebookseite schon recht treffend umrissen, reicht die Bandbreite der Einflüsse von Devin Townsend über Mew und Jesu bis hin zu Alcest und Cynic, und es wird selbstbewusst geklotzt statt vorsichtig gekleckert. Wie sich das Ganze dann anhört? Vielschichtig.

Eine der Hauptkomponenten der astronoidschen Klangkunst ist die ozeanbreite Gitarrenwand, die meist aus mehreren Texturen besteht – tieffrequente offene Riffs und schwebende Halbmelodien bilden das Fundament der Saitenkunst, und hier und dort fegen Melodien wie leichte Brisen oder heftige Winde über den harten Boden. All das findet mal in schwelgerisch langsamen, dann wieder in rasant rasenden Abschnitten statt. Erwartet man extremen Gesang, so wird man doch heftig überrascht sein, denn Brett Boland krönt die atmosphärischen Songs, bei denen Melodie ohnehin an erster Stelle steht, mit seinem hochfrequenten, glockenklaren Gesang, der – auch wenn es hier der Studiotechnik zu verdanken ist – zum Teil mehrstimmig vorgetragen wird. In das Debütalbum „Air“ kann man hier reinlauschen:

12: Corpo-Mente

Klassischer Frauengesang, Shoegaze, Dark Wave, Post Rock, französischer Folk, Electronica und Jazzflöckchen im Paket

Die Unter-Überschrift beschreibt den Stilmix eigentlich schon ganz passend. Zusammen mit Musiker*innen aus dem Igorrr-Dunstkreis (ja, eigentlich kann man das unter einem Igorrr-Spin-Off laufen lassen, zumal Gautier Serre hier die Kompositionen liefert, die Gitarre bedient und Laure de Prunenec einmal mehr für den Gesang sorgt) begeben sich Corpo-Mente auf meditative, ruhige Pfade. In langsamen, tragenden Songs, die auf ihre Art und Weise minimalistisch und angenehm unaufdringlich vor sich hin treiben und dennoch mit vielen kleinen Details und Steigerungen die Spannung aufrecht erhalten, wird besonders eine Person zur schillernden Figur, nämlich Frau de Prunenec, die auch unter dem Pseudonym Ricïnn (unter welchem sie ebenfalls ein Album veröffentlicht hat) firmiert. Einerseits tönt die junge Frau wie eine große, erfahrene Opernsängerin, die die in einer schwer definierbaren romanischen (gar fiktionalen?) Sprache verfassten Texte mit unglaublich viel Gefühl und Größe darbietet und dabei einen Frequenzbereich von Alt bis Mezzosopran locker abdeckt. Dann wieder gibt es die Momente, in denen sie dermaßen rebellisch, inbrünstig und dreckig in das Mikrofon singt, dass man nur noch staunen kann. Also: Hören und staunen. Und träumen.

13: Dan Terminus

Aufgebohrte Computerspielmusik?

Ja, als das kann man wohl das titulieren, was der sich hinter dem Pseudonym versteckende Projektnamensgeber Dan Terminus mit diesem vollelektronischen Einmannprojekt fabriziert – wenngleich er auf seiner Facebookseite äußert: „I make cyberpunk electronic music.“
Das ist doch unangebrachtes Understatement.
Die klanglichen Wurzeln liegen eindeutig in der Computerspielmusik von den mittleren 80ern bis in die 90er, wobei es dem Musiker offenhörlich vor allem die Kompositionen der großen Programmierer wie David Whittaker oder Chris Hülsbeck (again…) angetan zu haben scheinen, insbesondere von denen, die den Daddel-Soundtrack zu Amiga 500- und Atari ST-Spielen lieferten, als die ersten Sound-Samples und „echten“ Klänge Einzug in die digitale Musikprogrammierung nahmen. Waren die vorhergehenden Dan Terminus-Alben zwar schon verhältnismäßig prall hinsichtlich Sound, so war noch eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, doch auf dem derzeit aktuellsten Album „The Wrath Of Code“ werden die Regler ein wenig weiter aufgerissen. Die rein instrumentalen, sehr abwechslungsreichen Stücke sind meist in treibendem Midtempo komponiert und vereinen hämmernde Rhythmen mit raffinierten Basslinien, schneidenden Synthesizern und starken Melodien – manchmal geht es mit Dan Terminus richtig durch and it’s getting really epic. Das Nerdherz macht bei Songs wie „Avalanche“ regelrechte Hüpfer. Dann gibt es digitale Abrissbirnen wie „Restless Destroyer“, Stampfer wie „Death By Distortion“ oder das mystisch-gebremste, hypnotische „The Chasm“, das ein weiteres der vielen Gesichter des Musikers zeigt. Immer wieder überraschend hierbei ist die Melodiosität, mit der der teilweise ganz schön dicke Soundwall durchbrochen wird. Durch die moderne Produktion und den sehr fetten Sound tönt „The Wrath Of Code“ nie antiquiert oder pseudo-retro, sondern zeigt schlichtweg eine Version dessen, wie Musik aus dem Game-Genre heuer klingen kann.

14: Foxy Shazam

Rock’n’Soul, der die Hüfte ausrenkt

Die Band rund um Bühnentier Eric Sean Nally hat gleich in ihren frühen Jahren eine interessante Entwicklung durchgemacht, denn das erste Album der Band, „Flamingo Trigger“, war noch so ganz anders und zeigte die Band noch sehr vom Post-Hardcore beeinflusst, doch schon damals wollte man sich nicht festlegen. Aber bereits das zweite Album „Introducing“ zeigt einen Beinahe-Stilbruch, denn fortan performten die Herren aus Cincinnati/Ohio einen episch-dramatischen, extrem groovigen Mix aus Hard Rock und Soul, gepaart mit dezenten kleinen stilistischen Ausreißern. Nicht selten wird der Band auch eine Nähe zu Queen und Meat Loaf nachgesagt, wobei Ersteres wohl hauptsächlich an Nallys stimmlicher Nähe zu Freddie Mercury liegen mag, vielleicht auch durch sein exzentrisches Auftreten, Letzteres eher an der Melodramatik, der Epik und dem Bombast, zu dem sich Foxy Shazam gelegentlich hinreißen lassen. Doch die Band auf diese beiden Elemente herunterzubrechen, wäre nicht fair, denn die kleine Band mit dem großen Sound weiß ihre hitpotenzialgetränkten Stücke sowohl eigenständig als auch extrem variabel darzubieten. Songs wie „Holy Touch“, The Streets“ (beide von „The Church Of Rock’n’Roll“), „Unstoppable“ (vom selbstbetitelten 2010er Album) oder „A Dangerous Man“ (von „Introducing“) bieten da schon einen guten Querschnitt dessen, was die Band so drauf hat. Oder einfach durch folgende Youtube-Playlist klicken:

15: Phyllotaxis

Ja, eigene Songs schreibt er auch!

Bei dem Projekt Phyllotaxis (Website) handelt es sich um ein Quasi-Einmannprojekt des US-Amerikaners Ravi, das vor allem auf YouTube populär ist. Der Multiinstrumentalist und Sänger, der sich nur gelegentlich Mitmusiker ins Tonstudio holt, errang hauptsächlich Bekanntheit, indem er Songs aus dem Alternative-Bereich (Faith No More, Deftones, Nine Inch Nails, Soundgarden, Alice In Chains, Filter, Pearl Jam, The Mars Volta, Radiohead, Fair To Midland), aber auch von Johnny Cash, Simon & Garfunkel, CCR, Gorillaz, Ricky Nelson und Pink Floyd auf originelle Weise covert – was sich langweilig liest, ist in der Praxis ein suchtartiges Durchklicken der Videos, was er denn nun aus DEM oder DEM Song gemacht hat. Neben zahlreichen Fremdkompositionen hat Ravi (mittlerweile auch ein Teil der Band The Vagus Nerve) unter dem Banner Phyllotaxis aber auch zwei beachtliche Alben mit Eigenkompositionen veröffentlicht, die er auf der Website als Kaufdownloads anbietet – und zum Teil auch auf YouTube streamt. Wenn man die Klangfarbe eines Chris Cornell mag, wird man sich mit der Stimme dieses leider viel zu unbeachteten Ausnahmekünstlers sehr wohl fühlen…

 

So, das war es erst mal. Ich hoffe, für Euch war diese musikalische Reise interessant. Wie die nächste soundnerds-Kolumne von mir aussehen wird, weiß ich selbst noch nicht. Ob sie nur ein Genre behandelt? Oder ob sie mit einem bestimmten Motto zu tun hat? Ob es ein Länderspecial sein wird? Ob es sich um ausschließlich nicht-englisch- und nicht-deutschsprachige Künstler*innen handelt? Gute Frage. Lasst Euch überraschen. Von mir oder von all den anderen, die ihren Teil zu dieser Kolumne beitragen werden!

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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soundnerds – Die Musikkolumne #1: Popp-Mus…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 19 min
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