Cynthia D’Aprix Sweeney – Das Nest (Buch)

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Cynthia D'Aprix Sweeney - Das Nest Cover © Klett-CottaEin Familienroman – eigentlich nicht mein typisches Genre, muss ich zugeben, aber sowohl die Lobeshymnen in der Presse als auch das hübsch gestaltete Cover haben mich neugierig gemacht.

Die Autorin
Die in Rochester geborene amerikanische Werbetexterin hat eine solide Grundlage, um über das Leben in New York zu schreiben, denn in Ihrem Beruf hat sie dort ganze 27 Jahre Jahre gelebt und gearbeitet. Mit Familie ging es nach dieser Lebensphase nach Los Angeles, und mit dem Studium des Kreativen Schreibens begann auch beruflich eine neue Karriere. Ihr erster Roman „Das Nest“ liegt nun auch in deutscher Sprache vor.

Die Ausgangslage
Der Roman spielt in New York, einer Stadt voller Individualisten, und das mitten in der Finanzkrise. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die ehemals zur Oberschicht gehörende Familie Plumb. Die vier Geschwister Melody, Jack, Bea und Leo sind in den Vierzigern und haben alle mit einer großen Erbschaft gerechnet, dem „Nest“. Dabei hat jeder eigene Pläne dafür gemacht, wie es sein würde, wenn der große Geldsegen plötzlich ins Haus stünde und sich mehr oder weniger auf das Erbe verlassen. Wenn die jüngste der Geschwister das entsprechende Alter erreicht hat, würde das Geld zu gleichen Teilen verteilt werden, und alle Sorgen würden der Vergangenheit angehören. Zumindest war so der Plan.

Das Problem
Doch dann baut Leo Mist, und zwar ganz gewaltig. Leo, der charismatischste der Geschwister, ist durch sein selbst gegründetes Medienunternehmen zu Geld gelangt, pflegt aber auch schon geraume Zeit einen entsprechenden Lebensstil. Nach einer kostspieligen Scheidung und Problemen mit Drogen sind auch seine Reserven beschränkt, und dann ist Leo in einen Unfall verwickelt, dessen Folgen für Leo die Familie nur durch sehr sehr viel Geld begrenzen kann. Der junge Unternehmer verschwindet daraufhin zu einem Drogenentzug in der Versenkung, und die Geschwister müssen die neue Situation erst einmal verarbeiten, denn von dem üppigen Nest ist nur noch ein Bruchteil übrig.

Die Plumbs
Die vier Geschwister werden durch die Erbschaft oder vielmehr durch deren Verlust wieder zusammengeführt und erwarten von Leo Lösungsvorschläge, um Ihnen das Geld zurückzuzahlen, das jedem einzelnen zusteht. Melodys Ein und Alles ist ihre Familie und das kleine gemütliche Haus, welches sie in liebevoller Handarbeit restauriert hat. Als Mutter zweier Töchter stellen die anstehenden Collegegebühren die größte finanzielle Herausforderung für sie dar, und natürlich sollte es für die beiden nur das Beste sein. Ein öffentliches College ist da nur eine Notlösung. Jack führt mit Herzblut ein kleines Antiquitätengeschäft, das mehr schlecht als recht läuft, doch sein Ehemann unterstützt ihn bei dessen Finanzierung. Das spätere Glück in Form eines Sommerhauses scheint gesichert, hätte Jack es nicht bereits ohne Wissen seines Partners verpfändet. Beatrice, die früher eine sehr enge Beziehung zu Leo hegte und sogar mit einer an sein Leben angelehnten Figur als Schriftstellerin erfolgreich wurde, hat schon seit Jahren nichts mehr veröffentlicht und schlägt sich mit anderen Jobs durch. Kurzum: Ein jeder hätte gute Verwendung für einen Batzen Geld.

Das Buch
Die Autorin versteht es wunderbar, jeden einzelnen der Charaktere so zu schildern, dass man sich dessen Lebensumstände, ja deren ganze Art, genauestens vorstellen kann. Das erreicht sie nicht durch überfordernd detailreiche Schilderungen, sondern durch gekonntes Umreißen der Figuren mit wenigen Sätzen. Hin und wieder erfüllen die Klischees im Kopf des Lesers den Rest oder eine Nebenfigur unternimmt einen Spaziergang durch New York und denkt währenddessen über den einen oder anderen der Plumb-Geschwister nach, um das Bild, welches sich der Leser macht, mit Details zu garnieren.

Die an und für sich simple Grundidee des Romans, vier grundverschiedenen Charakteren nach 40 Jahren zeitgleich den vermeintlich in Kürze kommenden Geldsegen vorzuenthalten und zu beobachten, was passiert, bildet nur das Grundgerüst für ein Geflecht aus sozialen Beziehungen und alltäglichen zwischenmenschlichen Baustellen, wie sie nicht banaler aber auch interessanter sein könnten. Beispiele gefällig?

Stefanie beispielsweise ist eine der interessanten Nebenfiguren. Selbst eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die mitten im Leben steht und sich die meisten ihrer Wünsche erfüllt hat, ringt sie plötzlich mit sich selbst und ihren Wünschen, als Leo bei ihr vor der Tür steht. Dieser Mann hat ihr nie gut getan und gibt ihr dennoch ein so gutes Gefühl.

Zwei weitere interessante Nebenfiguren sind die beiden Töchter von Melody, denen es wesentlich weniger wichtig ist, in einem riesigen Haus zu wohnen oder an ein Privatcollege zu gehen. Ihre Mutter verrennt sich in ihre eigenen Ansprüche an ein gutes Leben und droht sich daran aufzureiben.

Immer wieder werden am Rande des Geschehens moralische Fragen aufgeworfen, die man als Leser keineswegs immer leicht für sich auflösen kann. Beispiele sind hier schwer zu geben, ohne zu spoilern, deshalb führe ich das einfach mal als Pro-Argument an, ohne es zu belegen. Die zeitliche Einordnung der Handlung fiel mir zunächst schwer, denn einige der Schilderungen der Stadt New York und des Lebens dort wirken so seltsam verklärt, dass lediglich die Erwähnung von Onlineportalen und Smartphones dabei hilft, zu verstehen, dass es sich um eine Geschichte handelt, die jetzt so passieren könnte. Das mag vor allem an der Art und Weise der Autorin liegen, das Leben in den einzelnen Stadtteilen und deren Wandel zu beschreiben.

Fazit
Ein spannender Familienroman, mit zum Greifen nahen Figuren, bezaubernden Schilderungen des Lebens in New York und neben guter Unterhaltung durch leichtes Eintauchen in eine Geschichte, wie sie alltäglicher nicht sein könnte, auch ein wenig Stoff zum Nachdenken darüber, was wirklich wichtig ist im Leben.

Cover © Klett-Cotta

  • Autor: Cynthia D’Aprix Sweeney
  • Titel: Das Nest
  • riginaltitel: The Nest
  • Übersetzer: Nicolai von Schweder-Schreiner
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Erschienen: 2016
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 410
  • ISBN: 978-3-608-98000-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 dpt

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Über den Autor

David J. Weigel

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Zur Zeit darf ich im schönen Hannover studieren… Das ist diese unscheinbare aber irgendwie sympathische Halbmillionen-Stadt an der A7 zwischen den großen Metropolen. Besonders im Spätsommer, da kann man Glühwürmchen im Stadtpark sehen…

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von David J. Weigel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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