Springflut – Staffel 1 (Serie, 2 Blu-Ray)

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1990 wird eine junge, hochschwangere Frau am Strand der schwedischen Insel Nordkoster bis zu den Schultern eingegraben und der Springflut ausgesetzt. Sie ertrinkt, obwohl der achtjährige Ove die Szene heimlich beobachtet und seine Eltern zu Hilfe holt. Die drei Personen, die um die Eingegrabene herumstehen, kann er allerdings nicht identifizieren. Der Fall bleibt ungelöst.

25 Jahre später bekommt die Polizeischülerin Olivia Rönning genau diesen Cold Case als Studienübung zugewiesen. Die junge Frau ist die Tochter des Polizisten Anders Rönning, der damals, als Angehöriger einer Mordkommission unter der Leitung des Polizeikommissars Tom Stilton, zu den ermittelnden Beamten gehörte. Ihr Vater ist gestorben, während Tom Stilton von der ergebnislosen Ermittlung aus der Bahn geworfen wurde und vom Radar verschwunden ist. Untergetaucht wäre das passendere Stichwort, denn Stilton hat Schweden nicht verlassen, nicht einmal Stockholm: Er lebt dort unerkannt als Obdachloser, der nur Jelle gerufen wird.

Natürlich werden sich die Wege von Olivia und Tom kreuzen, nach ablehnenden Anfängen (seitens Tom) werden die beiden zu einem der ungewöhnlichsten Ermittlerpärchen der skandinavischen Kriminalliteratur. Die zunächst unbedarfte, aber hartnäckige und die richtigen Schlüsse ziehende junge Olivia, und der desillusionierte, angeschlagene Tom passen trotz ihrer Unterschiedlichkeit gut zueinander. Sie bügeln ihre Schwächen gegenseitig aus und unterstützen sich, ihre Schwächen zu überwinden. Ohne die psychosoziale Komponente dabei überzustrapazieren. „Springflut“ ist die Verfilmung des ersten Romans der Autoren Cilla und Rolf Börjlind . Mittlerweile war das Zweiergespann literarisch bereits viermal aktiv.

„Springflut“ verlangt Einiges vom Zuschauer. So scheint öfter hell die Sonne vom Himmel herab und die Settings sind lichtdurchflutet. Nicht nur bei den Szenen, die in Costa Rica spielen. Das in einer jener schwedisch/deutschen Koproduktionen, die bekannt sind für gedeckte oder kalte blaugraue Farbtöne. Sensationell.

Nicht alle Fragen werden geklärt, beziehungsweise werden schäbige Figuren, die teils gewichtige Nebenrollen spielen, mit ihrem schändlichen Treiben (vorerst) davonkommen. Mit dem ständig die, aus Faulheit, Dummheit und Eigeninteresse, Ermittlungen blockierenden Polizisten Rune Forss hat man zudem einen höchst unsympathischen und korrupten Polizisten ins Leben gerufen. Überzeugt in seiner kleingeistigen Ekelhaftigkeit, ohne kaltblütig Kollegen eliminieren zu müssen. Mit viel Mut zur Hässlichkeit überzeugend interpretiert von Kjell Wilhelmsen.

„Springflut“ lässt sich Zeit, führt eine Vielzahl von Figuren ein, die irgendwie miteinander in Beziehungen stehen, ohne dass dem Zuschauer eine genaue Zuordnung vorgekaut wird. Zwei gleichzeitig abgehandelte Kriminalfälle, die sich zudem aufsplittern, erfordern ebenfalls ihre Aufmerksamkeit. Neben dem Rätsel um die ermordete Schwangere wird besonders Tom Stilton von Jugendlichen gefordert, die Obdachlose brutal zusammenschlagen, dabei Handyvideos drehen und diese ins Netz stellen. Die Opfer sind durchweg Bekannte und Freunde Stiltons. Es dauert nicht lange, bis der erste Mensch totgeschlagen wird. Jemand, der Tom Stilton sehr viel bedeutete. Er beginnt auf eigene Faust – effektiver, weil engagierter als die Polizei – zu ermitteln und beschließt gleichzeitig, aus einer Mischung aus Interesse, Schuldgefühl und Beschützerinstinkt, der jungen Olivia beizustehen.

Es werden Lücken geschlossen, Fäden gesponnen, alte Kontakte wieder aufgenommen, die Landeskripo unter Leitung der patenten Mette Olsäter wird mit einbezogen. Die Serie punktet durch ihre feine Figurenzeichnung und die komplette Abwesenheit von Hysterie und übertriebener Dramatik. Spannung entsteht aus dem Verfolgen der akribischen Arbeit, die sich durchaus frustrierend gestalten kann, mit Rückschlägen gepflastert und erst durch Ausdauer und Wachheit zu Erfolgen führt. Gelegentliche Ausbrüche von Gewalt wirken durch den geerdeten, nie überkandidelten Tonfall, umso erschreckender. Ab und an finden sich sogar Anflüge von Humor ein (Kerouac die tanzende Spinne).

Viel wird mit kleinen Gesten gearbeitet, mit Anmerkungen am Rande. Tom Stiltons schrittweise Befreiung aus der betäubten Lethargie, in der er sich eingerichtet hat, wird so beiläufig, mit wenigen Worten, dafür viel Gespür und Witz inszeniert. Die teilweise verschachtelten und ineinander verzahnten Nebenhandlungen überlagern die zentrale Geschehnisse nicht, sondern fügen sich nahtlos ein und sorgen dafür, dass man als Zuschauer falschen Fährten und solchen, die (vorerst) ins Leere laufen, gerne folgt. Das Ende sorgt für einige, teils abzusehende, Überraschungen, die glaubwürdig und wirksam bleiben.

Dass die Serie so gut funktioniert ist auch dem exzellenten Ensemble zu verdanken. Hervorzuheben ist eigentlich niemand, besondere Anmerkungen gehen an Johan Widerberg, der als Schlawiner Minken den ulkigen Sidekick gibt, der aber nie zur Witzfigur nie diskreditiert wird und an Dar Salim, dessen Ex-Krimineller und Messerkünstler Abbas el Fassi als privater Ermittler im Polizeidienst nach Costa Rica reist, und der nicht nur dort für ein wenig deftige und sehr befriedigende Action sorgen darf. Vin Diesel muss sich vorsehen. Außerdem gibt es ein rührendes Wiedersehen mit Björn Andrésen, unvergessen als Tadzio in Luchino Viscontis „Tod In Venedig“-Verfilmung.

„Springflut“ ist eine stimmige Serie, stark gespielt, ansehnlich fotografiert und solide inszeniert. Der Soundtrack kann ebenfalls punkten. Der Einstieg erfordert etwas Geduld, dafür wird man aber im weiteren Verlauf durch die sich stetig steigernde Spannung, gelungene Kniffe und ein passendes Maß an Komik und Action belohnt.

Kleine private Anmerkung: Beim Einstieg dachte ich, das zieht sich aber ganz schön für eine einstündige Folge. Erst bei Nummer drei habe ich die Lauflänge gecheckt. Das ZDF hat die im Original zehnteilige Serie á knapp 45 Minuten auf fünf Filme zu je anderthalb Stunden zusammengesetzt. Kein Wunder, dass es nach Sichtung von zwei Folgen hintereinander später als erwartet war…

Cover & Szenenfotos © edel:Motion/Glücksstern

  • Titel: Springflut
  • Originaltitel: Springfloden
  • Staffel: 1
  • Episoden: 5
  • Produktionsland und -jahr: Schweden 2016
  • Genre:
    Krimi//Drama
  • Erschienen: 01.12.2017
  • Label: edel Motion
  • Spielzeit:
    ca. 450 Minuten auf 3 DVDs
    ca. 450 Minuten auf 2 Blu-Rays
  • Darsteller:
    Julia Ragnarsson
    Kjell Bergqvist
    Johan Widerberg
    Cecilia Nilsson
    Helena Bergström
    Dar Salim
    Peter Carlberg
    Björn Andrésen
    Jessica Zandén
  • Regie:
    Niklas Ohlson
    Matthias Ohlsson
    Pontus Klänge
  • Drehbuch: Cilla und Rolf Börjlind (nach dem eigenen Roman „Die Springflut“)
  • Musik: Johan Söderqvist 
  • Extras: Trailershow
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9 – 1.77:1
    Sprachen/Ton:
    Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 5.1)
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1920x1080p (1.78:1) @23,976 Hz
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Schwedisch (DTS-HD MA 5.1)
  • Untertitel: Deutsch
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 11/15 Sonnenstrahlen im schwedischen Sommer

 

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Springflut – Staffel 1 (Serie, 2 Blu-Ray)…

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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