Ernst Bloch – Geist der Utopie (Buch)

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Ernst Bloch - Geist der Utopie (Cover © Suhrkamp)Immer, wenn nationale und nationalistische Diskussionen geführt werden, ist von Zukunft meist keine Rede bzw. nur in einem revisionistischen Sinne, dass diese oder jene Nation wieder zu „alter“ Stärke, Macht und Einfluss gelangen soll. Als produktiv und nachhaltig haben sich diese Diskurse seltenst erwiesen. Das ist nicht nur heute so, sondern war auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall. Während die Alten die Jungen in den Tod schickten und diese darüber auch noch jubelten, bevor ihnen Kugeln und Gas den Garaus machten, lehnte sich ein junger Intellektueller mit seinem Erstlingswerk Geist der Utopie weit aus dem Fenster.

„Es ist genug. Nun haben wir zu beginnen. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Was jetzt war, wird wahrscheinlich bald vergessen sein. Nur eine leere, grausige Erinnerung bleibt in der Luft stehen. Wer wurde verteidigt? Die Faulen, die Elenden, die Wucherer wurden verteidigt. Was jung war, mußte fallen; aber die Erbärmlichen sind gerettet und sitzen in der warmen Stube. Ein stickiger Zwang, von Mittelmäßigen verhängt, von Mittelmäßigen ertragen. Der Triumph der Dummheit, beschützt vom Gendarm, bejubelt von den Intellektuellen, die nicht Gehirn genug auftreiben könnten, um Phrasen zu liefern.“

Diese Sätze, die Ernst Blochs Werk eröffnen, darf man sich gerne auf der Zunge zergehen lassen. Sie tragen viel von seinem jugendlichen Ungestüm, seinem Furor in sich – etwas, was er sich leider nicht lange erhalten hat.

Zwar entwirft Bloch in diesem Band keine konkrete Utopie im Sinne eines Thomas Morus oder eines wie auch immer gearteten paradiesischen Zustands, dennoch stellt er das metaphysische Nachdenken über die Zukunft auf philosophische Beine. Nicht ganz zu Unrecht darf er als Mitbegründer philosophischer Utopien genannt werden.

Bleibt er in seiner Vorrede ganz im realen Leben und gelingt es ihm immer wieder lebendige Beispiele aus der Gegenwart 1918 zu schildern und als Ausgangspunkt seiner Überlegungen heranzuziehen, so verliert er sich und damit seine Leser allzu oft und allzu schnell in tiefen akademischen, philosophischen Fragestellungen, deren Antworten nicht minder schwer verständlich sind. Vor allem heutige Leser benötigen ein solides geschichtliches Wissen, um die zahlreichen Referenzpunkte, auf die Bloch Teile seiner Argumentationsketten stützt, zu erkennen.

Dennoch ist es sinnvoll, sich dieses Werk noch einmal genauer anzuschauen. Auch wenn hier kein konkreter Gegenentwurf entwickelt wird, sind es doch die Idee und Energie, die Bloch nicht nur kennzeichnet, sondern beim Leser auch inspirierend wecken kann. „Alternativlos“ stand nie wirklich zur Wahl und zeigt nur eine falsche und fast schon pathologisch verstandenen Amor Fati. Ganz in Nietzsches Sinne begreift Bloch hier das Schicksal als etwas, mit dem er produktiv umzugehen hat, und nutzt seine Energien dazu, es kreativ und auf die Zukunft ausgerichtet zu gestalten. Der Mensch, so Bloch, sei ein radikal zur Utopie begabtes Wesen – doch allzu selten nutze er diese Begabung.

Ob der Mensch damit dann gleich gottgleich werde bzw. in sich die Fähigkeit dazu trage, an Gottes Statt die Welt zu bauen, wie Bloch unter Verweis und Interpretation des Johannes-Evangeliums ausführt, sei dahingestellt und muss sicher hinsichtlich eines modernen oder individuellen Gottesbegriffs oder Gottesverständnisses relativiert werden.

Dennoch gibt es zahlreiche Aspekte, die eine Wiederveröffentlichung nicht allein aus dokumentarischen Zwecken rechtfertigen. In vielen Ideen und Impulsen ist Bloch – wieder – aktuell. Sein Plädoyer, Geschichte zu gestalten und nicht nur geschehen zu lassen, und seine Begabung, Alternativen, Gegenentwürfe und Utopien zum Leben zu erwecken, bleibt evident. Zwar verfeinert Bloch seine Theorie der Utopie im Laufe seiner philosophischen Karriere, doch steckt in seinem Debüt Geist der Utopie jede Menge Feuer und Inspiration, die es nicht nur heute, sondern, so anstrengend das für den Einzelnen auch immer sein mag, stetig braucht. 

Cover © Suhrkamp

  • Autor: Ernst Bloch
  • Titel: Geist der Utopie
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 2018
  • Einband: Broschiert
  • Seiten: 437 Seiten 
  • ISBN: 978-3-518-58722-5 
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Dominik Nuese-Lorenz


Dominiks Nerd-Schreibtisch

Als gebürtiger Freiburger und aufgewachsener Rheinländer bin ich inzwischen seit doch einigen Jahren im Dreieck Bamberg-Bayreuth-Nürnberg gelandet. Nach fast zehn Jahren als Pressepsprecher eines Kinder- und Jugendbuchverlages kam 2012 die Zeit, in der ich meine angedache Doktorarbeit endlich realisieren wollte und beschäftige mich daher gerade mit – grob gesagt – Postnationalen Entwürfen der deutschen Gegenwartsliteratur.

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Ernst Bloch – Geist der Utopie (Buch)

von Dominik Nuese-Lorenz Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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