Alice in den Städten (Remastered) (Spielfilm, DVD)

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Wim Wenders ist, wenn man ehrlich ist, seit über 30 Jahren kein guter Spielfilm mehr geglückt. „Alice in den Städten“ ist nun gar schon 44 Jahre alt und bildete als erster Teil einer Trilogie einen wichtigen Beitrag zu Wenders‘ Selbstfindung, der im Roadmovie sein persönliches Heil fand. Die Reise zwischen Florida und Gelsenkirchen ist keineswegs ein Abenteuer wie für Alice im Wunderland oder zumindest ein Urlaub, sondern eine depressiv-verzweifelte Suche nach Nähe, Zugehörigkeit und Identität in einer Welt der Entwurzelung. Einprägsam in bedrückendem Schweiß-weiß-grau fotografiert (das in dieser Remastered-Version besonders zur Geltung kommt), beleuchtet „Alice in den Städten“ die dunkle Studie des Unterschieds zwischen den USA und Europa, bei dem vor allem Wenders’ spätere Wahlheimat Amerika erstaunlich schlecht wegkommt.

Der Film aus 1974 beginnt in einem Florida, das kaum als solches wiederzuerkennen ist. Im gewählten Schwarz-weiß sieht es aus wie ein x-beliebiger US-Landstrich und selbst die Palmen und der Strand sehen im matten grau schockierend trostlos aus. Der deutsche Journalist Philip Winter (Rüdiger Vogler) schreibt im Auftrag einer Zeitung eine Roadstory, doch nach Schreiben ist ihm überhaupt nicht zumute. Er mäandert durch das weite Land und beschäftigt sich lieber mit dem Fotografieren. Diese Arbeiten machen durchaus etwas her, doch in Winter scheinen sie das depressiv anmutende Loch genauso wenig zu stopfen, wie das Freiheitsversprechen der amerikanischen Highways. Der Auftraggeber findet das Ungleichgewicht zwischen Fotos und geschriebenem Wort gar nicht lustig, woraufhin der Journalist mit seinem letzten Geld nach München zurückfliegen will.

Durch einen Besatzungsstreik in Deutschland kann er allerdings erst für den nächsten Tag einen Flug nach Amsterdam bekommen und trifft in einem Flugbüro auf die kleine Alice (Yella Rottländer) und ihre Mutter. Auch sie wollen nach Deutschland und so bittet Alices Mutter Winter ihnen bis zum Abflug Gesellschaft zu leisten. Die Erwachsenen scheinen ausschließlich mit sich selbst beschäftigt zu sein, reden unentwegt aneinander vorbei, bleiben aber doch bis zum nächsten Morgen beieinander. Dann verlässt die Mutter Hals über Kopf das Hotel und bittet Winter, mit der Tochter nach Amsterdam vorzufliegen. In welch verzweifelter und leerer Verfassung muss sich eine Mutter befinden, die ihr Kind zurücklässt und in die Hände eines Fremden gibt? Jedenfalls muss die Welt, in der so etwas passiert, so aussehen wie in „Alice in den Städten“.

Es folgt eine Reise, die trotz der Ausgangssituation nichts Magisches an sich hat. Alice und Winter fliegen nach Amsterdam, wo sie auf die Ankunft der Mutter warten – vergebens. Verzweifelt versucht Winter ohne Kenntnis des Mädchennamens der Mutter herauszufinden, wo noch Angehörige des kleinen Mädchens wohnhaft sein könnten. Wuppertal, da scheint es bei Alice nach einiger Zeit zu klingeln, da wohnt doch die Oma. Die Schwebebahn ist das markante Wiedererkennungsmerkmal wie das Empire State Building in New York und bietet Orientierung. Doch auch wenn die Straßen durch das bergige Relief der Stadt auffälliger sein mögen, am Ende sieht für die beiden Suchenden doch wieder alles gleich aus. Das Haus der Großmutter finden sie nicht, Alice fällt schließlich ein, dass das nur der Ausflugsort der Familie war. Über ein Foto des Hauses kommen sie auf die Spur, dass vielleicht das Ruhrgebiet den erhofften Endpunkt der aufreibenden Reise darstellen könnte. Doch wo genau soll das Zechenhaus zu finden sein? In Essen? Duisburg? Oberhausen? Gelsenkirchen?

Das Mädchen und der Mann kommen sich nur selten näher, da sich Winter gegen aufkommende emotionale Bindungen zur Wehr setzt, was Alice aber als weiteren Beweis für die ablehnende Haltung der Erwachsenen gegen Kinder versteht. Das Zusammenleben ist von Misstrauen geprägt und die Menschen werden dieser Erwartung auch noch gerecht, entfremden sich zusehends voneinander. Die Zuschauenden müssen ihr Herz an jedem noch so kleinen Lächeln erwärmen, denn die fast zwei Stunden sind sonst kaum zu ertragen. Dabei ist die Reise auch für Winter eine zu sich selbst, der seltener fotografiert, weil er nicht mehr den Filter für die Welt oder wahlweise die Erinnerung an seine Existenz braucht, sondern ein Stück weit das bekommt, wonach er in seinem Leben und in Amerika gesucht hat. Und das liegt auch an Alice, die einfordert, dass man sich mit ihr wie mit einem Menschen auseinandersetzt. So kommen sich die ProtagonistInnen schlussendlich doch näher, auch wenn ihre Zukunft ungewiss ist. Die schauspielerischen Leistungen sind mitunter grauselig, doch dieser depressiven Welt verleihen sie etwas Wahrhaftiges.

Aber noch etwas ist – wenn auch auf morbide Weise – schön an „Alice in den Städten“: Die Bilder! Die poetischen Aufnahmen der verschiedenen Städte brennen sich mit Nachdruck ein und erdrücken einen förmlich, als wenn sie selbst tonnenschwer wären. Sie erinnern an Jim Jarmusch und seine frühen Stadtfilme, was sicher auch daran liegt, dass er in den 1980ern mit Robby Müller denselben Kameramann verpflichtete wie Wenders bereits in den 1970ern. Wie in der Psyche der Charaktere ist alles gleichsam dumpf und überfordernd, wie im Delirium. Alice und Winter sind ständig rastlos in Bewegung, in Autos, in Zügen, in Flugzeugen, zwischen Motels, Hotels und anderen Unterkünften, werden von Fernsehen und Radio beschallt und betäubt. Durch die zahlreichen Schwarzblenden nach den kurzen Episoden wirkt es so, als würden einem ständig die Augen zufallen, als seien die Charaktere in einem chronischen Jetlag gefangen. Von den Städten kriegen sie kaum etwas mit und wollen das auch gar nicht. Alice ist zwar in den Städten, aber eigentlich vielmehr zwischen ihnen.

Vieles ist ungewöhnlich an „Alice in den Städten“: Der amerikanische Traum wird frustriert zum Platzen gebracht, die Magie entzaubert und selten ist ein Kind im Kino so vielschichtig und traurig gezeigt worden. Immerhin zeigt Alice in ihrer Langeweile immerhin den Antrieb, ihr Leben gestalten zu wollen, hat Hunger und Durst, während die anderen zwar wütend sind, aber auch verkrampfen und nichts, was sie anfangen, zu Ende bringen. Keiner ist mit sich im Reinen, weil weder Vergangenheit noch Zukunft etwas Tröstendes an sich haben. Sie sind Getriebene auf der verzweifelten Suche nach Halt. Es ist kein abenteuerliches Roadmovie, wie die amerikanischen Vorgänger es verklärend vorgemacht haben – so wie es Amerikanern auch mit dem Träumen und ihren Städten gelungen ist. Doch obwohl Winter (wie auch Wenders) das Fernsehen unerträglich findet, weil es selbst zur Werbung geworden ist, scheint auch er auf das Versprechen der unbegrenzten Möglichkeiten reingefallen zu sein. Eine verführerische Faszination!

Der Soundtrack besteht aus Liedern aus dem Radio, einem Ausschnitt von einem Chuck Berry-Konzert, das Wenders mitfilmte und einigen Stücken von Can, größtenteils sind es aber die Geräusche der Städte, die den Ton des Films setzen. Alles rumpelt, hupt und zischt, es ist das Grundrauschen der Stadt, das vielleicht auch zum Abstumpfen seiner BewohnerInnen beträgt. Wenders zeigt aber, dass sie faszinierend sein können, wenn denn die Zeit und Muße da ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Das heißt, sich eben auch mit sich selbst auseinanderzusetzen. „Alice in den Städten“ ist ein Plädoyer dafür, die Orientierungslosigkeit und Entwurzelung der modernen Welt nicht einfach hinzunehmen, sondern die Zukunft selbstbestimmt und nicht von anderen beeinflusst in die Hand zu nehmen. Auch wenn die Bergbausiedlungen abgerissen werden und die Geschichte der deutschen Steinkohle Ende 2018 ein Ende fand: Heimat kann sich jeder zu einem guten Teil auch selbst schaffen.

Fazit: „Alice in den Städten“ ist ein außergewöhnliches Roadmovie, das mit den verklärenden Tendenzen der USA bricht und den amerikanischen Traum zum Platzen bringt. Ein Mann und ein Kind werden auf sich zurückgeworfen und suchen in einer trostlosen Welt nach Identität, Nähe und Orientierung. Wenders erster Teil seiner Roadmovie-Trilogie überzeugt mit morbid-schönen Bildern, konsistentem Stil und der Message, dass wir lieber wieder zu uns selbst zurückfinden sollten, bevor wir uns von anderen sagen lassen, was wir wollen.

P.S.: Die besprochene Version wurde 2014 remastered und enthält im Bonus Material drei Kurzfilme, einer über Wenders erste Schritte im amerikanischen Filmbusiness und zwei eher experimentelle aus seiner Zeit an der Münchener Filmschule.

  • Titel: Alice in den Städten
  • Produktionsland und -jahr: USA, D, 1974
  • Genre:
    Drama

    Roadmovie
  • Erschienen: 10.01.2019
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    ca. 107 Minuten auf 1 DVD
  • Darsteller:
    Rüdiger Vogler
    Yella Rottländer
    Didi Petrikat
    Lisa Kreuzer
    Edda Köchl
  • Regie: Wim Wenders
  • Drehbuch:
    Veith von Fürstenberg
    Wim Wenders
  • Kamera:
    Robby Müller
    Martin Schäfer
  • Extras:
    Audiokommentar von Wim Wenders, Rüdiger Vogler und Yella Rottländer; Fotogalerie; Kurzfilme: Silver City, Same Player shoots again, Reverse Angle
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,33:1 (4:3 Vollbild)
    Sprachen/Ton
    :
    D
    Untertitel:
    D
  • FSK: 6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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