The Crying Game (Remastered) (DVD/BD)

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Gangster verliebt sich in Frau des Opfers: Noch klischeebehafteter kann ein Plot nun wirklich kaum geschrieben sein. Trotzdem gelang dem sonst häufig unter seinen Möglichkeiten gebliebenen Regisseur Neil Jordan mit „The Crying Game“ sein bestes filmisches Werk, weil er sich Anfang der 1990er-Jahre trotz widriger Umstände heikle Themen einarbeitete und vor allem weil er einen der überraschendsten Plottwists der Filmgeschichte kreierte. Zwar sind trotz Oscargewinns einige Schwächen nicht wegzudiskutieren, doch was die Repräsentanz von Außenseitern angeht, hat sich Jordan ohen Frage verdient gemacht.

Neil Jordan begann seine Karriere Mitte der 1970er-Jahre als Autor und landete mit seinem Debütwerk „Night in Tunisia“ gleich einen Volltreffer. Anfang der 1980er zog es den Iren aber bereits ins Filmbusiness, in dem er mit „Angel“ 1982 Potenzial erahnen ließ. Sein Fantasy-(Kinder)-Film „Die Zeit der Wölfe“ wird bis heute geschätzt, doch so richtig wollte Jordans Filmkarriere nicht zünden. Vom Erfolg seines nächsten Projekts, das schließlich unter dem Titel „The Crying Game“ angegangen wurde, machte der Regisseur seine Zukunft als Filmschaffender abhängig. Unter schwierigsten Bedingungen konnte der Film 1992 schließlich abgeschlossen werden und bahnte sich irgendwie den Weg ins Kino.

Viele Freunde hatte sich Jordan nämlich mit seiner Idee nicht gemacht. „The Crying Game“ zeigt zu Beginn die Entführung des schwarzen britischen Soldaten Jody (Forest Whitaker), der in einem Vergnügungspark in Nordirland auf die blonde Jude (Miranda Richardson) hereinfällt. Jody findet sich schließlich in den Fängen der IRA wieder, die ihn als Druckmittel nutzt, um einen Kameraden freizupressen. Als Fergus, einer der Entführer, den Gefangenen alleine bewacht, versucht dieser mit allen Tricks, den Geiselnehmer auf seine Seite zu ziehen. Jody erzählt schließlich von seiner Geliebten und lässt seinen Entführer sentimental werden. Der Soldat findet aber letztendlich doch den Tod und Fergus taucht in London unter.

Dort löst er wiederum das Versprechen ein, Jodys Geliebte aufzusuchen und ihr auszurichten, dass sie es war, an die er in seinen letzten Stunden dachte. Als er Dil (Jaye Davidson) in einer Bar sieht, verliebt er sich Hals über Kopf in die Friseurin, die abends gerne zur Sängerin mutiert. Die Liebe wird allzu schnell erwidert, doch als die Geschichte schließlich im Bett landet, wird überraschend das Geheimnis entblößt: Dil ist ein männlicher Transvestit. Glücklicherweise ist das kein billiger Taschenspielertrick für mehr Aufmerksamkeit, sondern ein behutsam konstruierter Plottwist, der wichtige Fragen aufwirft.

In der ersten Hälfte wirkt „The Crying Game“ wie eine kein Klischee auslassende Kitsch-Romanze: Der Plot ist vorhersehbar, die Story rührselig und die von homosexuellen Untertönen schwangeren Bilder mit einem Übermaß an Weichzeichner bearbeitet. Doch mit dem enthüllenden Kunstgriff nach ziemlich genau einer Stunde führt Jordan die Zuschauenden ein Stück weit vor. Sind nicht auch wir wie Fergus auf die Geschichte hereingefallen, die sich wie von selbst geschrieben hat? Wollten wir nicht auch, dass der geläuterte IRA-Soldat sehenden Auges ins Dilemma läuft? Und haben wir in Dil nicht auch eine Frau gesehen?

Jordan gelang mit Jaye Davidson als Dil ein Besetzungscoup, denn nach einem langwierigen Casting fand sich mit ihm einen männlichen Transvestiten, dem man das Frausein phänotypisch abkaufen würde. Als die Katze dann aus dem Sack ist, muss sich der Zuschauende selbst hinterfragen und überprüfen, ob er/sie nicht selbst die offensichtlichen Zeichen erkannt hat. Beim zweiten Hinsehen ist zu erkennen, dass Dil etwas markantere Gesichtszüge trägt und eine eigentümliche dunklere Stimme sein/ihr Eigen nennt. Das führt zu der noch heute schmerzhaften Frage, wie mit Ambiguität umzugehen ist, aber auch mit welchen Vorurteilen wir anderen Menschen begegnen, sie konstruieren und wie sehr wir uns dabei an das binäre männlich/weiblich-System halten.

Es muss eine Entscheidung her, wie mit dem Gegenüber umgegangen werden soll und später auch, auf welcher Ebene die Beziehung mit der Person weitergeführt werden kann. „The Crying Game“ ist ein Beitrag zur Debatte, die zurzeit um das dritte Geschlecht und weitere Geschlechter geführt wird. Diesen kann sich nur genähert werden, wenn sie in einem ersten Schritt gesellschaftlich akzeptiert sind und dies gesetzlich verankert wird. Erst dann können Rollen ausgehandelt werden und eine Handlungssicherheit zwischen den unterschiedlichen Menschen aufgebaut werden kann. Erst in einer späteren Phase kann ein Versuch unternommen werden, die gesellschaftliche Konstruktion der Geschlechter abzubauen und jedem als Menschen zu begegnen.

Ansonsten, so zeigt es auch der Film, werden Transvestiten, Transsexuelle und co. dazu verdammt bleiben, „dazwischen“ zu leben, was nicht selten in Abhängigkeiten, kriminellen Handlungen und einer Pathologisierung durch andere endet. Dil ist ein höchst verunsicherter Mensch, der sich nur im Club wirklich wohlfühlt, wo die Spielregeln klar zu sein scheinen. Dadurch bleibt sie an Männer gebunden, lebt in sexuell geprägten Beziehungen und kann sich nicht wie andere ausleben. Dadurch, dass auch Fergus ihr bis zum Schluss die Wahrheit vorenthält, bleibt sie ein Opfer, das sich aufgrund seiner verzweifelten Suche nach Anerkennung und Zuneigung noch viel mehr der Ausbeutung durch Männer anbietet als Frauen.

Jude ist eine solche und auf den ersten Blick wirkt sie stärker als Dil. Sie ist es, die ein falsches Spiel mit Jody spielt und ihn „mit den Waffen einer Frau“ schlägt. Ihr Auftreten ist häufig fast männlich, sie zeigt auch kein Mitleid mit Jody, doch auch sie wird von den männlichen Anführern der IRA (auf sexualisierter Ebene) ausgenutzt. Zumindest ist ihr bereits vergönnt, an der Rebellion teilzunehmen, doch letztendlich steht sie für eine von Männern angeführte Idee ein. Jude begibt sich von der einen in andere Unmündigkeit und inkorporiert diese Rolle auch noch. Frieden, so kann der Film auch gelesen werden, wird auch deswegen verhindert, weil es an Gleichberechtigung und Toleranz fehlt.

Für sein Drehbuch erhielt „The Crying Game“ einen Oscar und das durchaus verdient, denn mit Blick fürs Detail überträgt Neil Jordan seine Fähigkeiten als Autor in die Filmwelt. Geschickt konstruiert er einen simplen, aber doch vielschichtigen Plot um verschiedene Minderheiten, die sich auf ihre Weise Verhör verschaffen wollen. Anfang der 1990er – so beschreiben es auch die Beteiligten im Bonus Material – bewerteten die Studios sowohl die Geschichte eines Transvestiten als auch die eines empathischen IRA-Kämpfers als Kassengift und versagten dem Projekt ihre Unterstützung. Wie so häufig in der Filmgeschichte fand sich (in diesem Fall in Miramax) schließlich doch noch ein Geldgeber und „The Crying Game“ wurde zum Überraschungserfolg.

Sicherlich profitiert der Film von den starken Leistungen seines Casts. Alle spielen sie die Figuren am Rande der Gesellschaft mit Bravour und Einfühlungsvermögen – und selten bewies jemand mit einer Kapuze auf dem Kopf so viel Ausdrucksvermögen wie Forest Whitaker. Das kann zwar nicht wettmachen, dass „The Crying Game“ dann doch konstruiert und die Ausgangssituation etwas weit hergeholt wirkt und der Film auch visuell keine Meilensteine setzt. Dennoch ist Neil Jordans bester Film ein viel überzeugenderer und anspruchsvollerer Außenseiter-Film als manch ein Oscar-Gewinner dieser Tage.

Fazit: „The Crying Game“ mag kein Meistwerk sein, doch Filmgeschichte hat er definitiv geschrieben. Neil Jordan konstruiert in seinem besten Filmwerk einen starken Plottwist, der die gesamte Handlung auf den Kopf stellt und auch die Zuschauenden dazu bringt, sich selbst und die eigenen Reaktionen zu hinterfragen. Der Film stellt unangenehme Fragen zur gesellschaftlichen Konstruktion von Rollen vor allem von Geschlechtern und deren Einfluss auf das Handeln der Menschen. Ohne visuell durchweg zu überzeugen, beweist Jordan Feingefühl für die Belange der Außenseiter, die in höherem Maße vom Zwang geprägt sind, sich anpassen zu müssen. „The Crying Game“ zeigt, was passieren kann, wenn wir nicht auch andere Kategorien zulassen, in denen Menschen ihre Identität finden können.

Cover und Szenebilder © Arthaus

  • Titel: The Crying Game
  • Produktionsland und -jahr: USA/GB 1992
  • Genre:
    Drama
    Thriller
    Romanze
  • Erschienen: 20.12.2018
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    ca. 112 Minuten auf 1 DVD
    ca. 112 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Stephen Rea
    Jaye Davidson
    Forest Whitaker
    Miranda Richardson
  • Regie: Neil Jordan
  • Drehbuch: Neil Jordan
  • Kamera: Ian Wilson
  • Schnitt: Kant Pan
  • Musik: Anne Dudley
  • Extras:
    Making Of (51 min.); Audiokommentar von Regisseur Neil Jordan; Featurette „Northern Trouble“ über den politischen Hintergrund des Films, den Nordirland Konflikt; Alternatives Ende; Wendecover
  • Technische Details (DVD)
    Video: 2,35:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,35:1 (1080/24p Full HD)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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