Parasite – (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

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Bong Joon-hos Film “Snowpiercer” schilderte die rabiate Form des Klassenkampfes, der in einem Schnellzug stattfindet, der ohne Stopp durch eine vereiste Welt rast. Hinten im Zug hausen die Mittellosen, vorne residiert die Oberschicht. Gewalttätige Konflikte sind unausweichlich. In “Parasite” wird der Klassenkampf zurück in die Straßen Seouls geholt. Die umkreisten Gruppen sind kleiner, aber die Auseinandersetzungen ähnlich heftig. Blut wird fließen, nicht zu knapp.

Familie Kim wohnt in einer muffigen, kleinen Souterrainwohnung, vor deren Fenster betrunkene Passanten ihre Notdurft verrichten, und der WLAN-Empfang sich auf einen kleinen Flecken im Bad beschränkt. Die Eltern sind arbeits- die erwachsenen Kinder mangels Geldes (und trotz Talents) perspektivlos.

Die Situation scheint sich zu verbessern, als Sohn Ki-woo beginnt, in Vertretung eines Freundes, die Tochter der reichen Familie Park zu unterrichten. Da er pfiffig, findig und smart ist, bewältigt er den Job zur Zufriedenheit der anspruchsvollen Frau Park. Mit der Option auf einen kleinen Liebesbonus von Töchterchen Da-hye.
Wie es der Zufall will, braucht der traumatisierte Sohn der Parks alsbald eine neue Kunstlehrerin. Flugs wird Ki-woos Schwester Ki-jung als Studentin “Jessica aus Illinois” installiert. Vorher als begabte Urkundenfälscherin eingeführt, überzeugt sie mit Bravour. Zwei Intrigen später ist der Rest der Familie Kim untergebracht. Vater als Chauffeur und Mutter als Haushälterin. Es läuft so gut wie lange nicht mehr für die Kims. Bis das architektonische, aber aseptische Meisterstück, in dem die snobistischen Parks hausen, dunkle und weitreichende Geheimnisse preisgibt.

Während die Parks auf einem Kurztrip sind, schlagen die vier Bediensteten über die Stränge. Doch die kleine Hausparty läuft aus dem Ruder, als die ehemalige Haushälterin unvermittelt auftaucht, und wenig später ein Anruf ankündigt, dass die Parks unverrichteter Dinge den Rückweg angetreten haben.
Eine Ereigniskette wird in Gang gesetzt, an deren Ende die Zahl der Protagonist*innen sich deutlich lichtet. Beziehungsweise dezimiert wird.

“Parasite” war der überraschende und verdiente große Oscar- und Goldene Palme-Gewinner 2020. Eine schwarze Komödie, bitterkomisch, treffsicher, manchmal absurd, dann wieder realistisch, lakonisch und überbordend. Zum Finale eine ganz eigene Form des blutspritzenden Slashers kreierend. Visuell beeindruckend in genau bemessenen und gekonnt ausgeleuchteten Bildern umgesetzt. Interessanterweise startete “Parasite” nach seinem Oscargewinn in ausgewählten Kinos (als diese noch offen waren) in einer vom Regisseur erstellten Schwarzweißversion (“Wenn ich an Klassiker denke, dann sind sie alle in Schwarz-Weiß”, so Bong Joon-ho im Interview mit dem “Hollywood Reporter”), die hervorragend funktionieren soll. Fällt schwer zu glauben, angesichts der nicht nur konzeptionell ausgefeilten Farbdramaturgie. Wird spannend, diese Version zu Gesicht zu bekommen.

Architektur und Topographie spielen eine wichtige Rolle in Bong Joon-hos Film. Sei es die verranzte Souterrain-Wohnung der Familie Kim, oder das komplex designte Vorzeigeobjekt der Parks. Das eine mit dem Charme eines gern besuchten Urinals, das andere von geradezu unbelebter Kälte in äußerst attraktiver Form. Und Geheimnissen im Keller.

Kein unaufhaltsamer Aufstieg, den die Familie Kim anstrebt, sondern einer mit Fallstricken, Unebenheiten und finsteren Überraschungen. Zunächst stellen sich die vermeintlichen Loser äußerst raffiniert und angemessen heimtückisch an, um ihre Arbeitgeber zu infiltrieren. Der Erfolg stellt sich alsbald ein, ein bisschen freundliche Anerkennung, selbst ein kleines Liebesgeplänkel sitzen drin. Doch bevor sich die Kims allzu behaglich einrichten können macht ihnen das Wetter und die geheime Geschichte der perfide aus dem Weg geräumten, ehemaligen Haushälterin, einen Strich durch die Rechnung. Bald wird der Versuch der parasitären Vereinnahmung zu einer Zerreißprobe.

Geschickt lässt der Film dabei offen, ob tatsächlich die Kims die Parasiten des Titels sind, oder eher die reiche Familie Park, mit ihrem alerten Patriarchen als Oberhaupt, während sich seine Ehefrau, beziehungsweise Kindsmutter, scheinbar mit ihrer Rolle als Statussymbol und Organisatorin der eigenen Leere zufriedengegeben hat. Vielleicht sind aber auch Moon-gwang, die verdrängte Haushälterin und ihr Gatte, die parasitäre Lebensform. Die beiden haben die Kunst der verstohlenen Okkupation auf jeden Fall perfektioniert.

Bong Joon-ho vermeidet seine Ansammlung übergriffiger Figuren als Horde unsympathischer Freaks zu verzeichnen. Die Handelnden werden nicht schnöde diskreditiert, sondern mit Empathie in Szene gesetzt. Man kann das schäbige Verhalten, den Dünkel und die rücksichtslose Übernahme fremden Lebens nicht gutheißen, aber nachvollziehen. Ein Gutteil zum Gelingen des Tanzes zwischen Groteske, Sozialdramedy und Horror trägt die exzellent agierende Besetzung bei, die das Bizarre zwar hofiert, aber nicht in jenen Modus hektischen Overactings ausbricht, der in zahlreichen Werken des asiatischen Kinos allzu gerne zelebriert wird.

Wie überhaupt das Spiel mit Plakativität genussvoll und mit großer Könnerschaft betrieben wird. Das Geld nicht stinkt, Armut hingegen schon, wird nachhaltig bebildert. Gerade, weil ein Flüstern, ein leichtes Naserümpfen, das verstohlene Öffnen eines Fensters auf der einen Seite, der waidwunde Blick, das verschämte Lächeln auf der anderen, reicht, um Machtverhältnisse und Befindlichkeiten klarzustellen.

“Parasite” ist ein großartiger Film, hochunterhaltsam, Cineplextauglich und mit genügend Widerhaken und Schichten bestückt, um weit über ein launiges guilty pleasure hinauszugehen. Mehrfachsichtung intendiert und möglich.

Cover & Szenenfotos  © Koch Media

  • Titel: Parasite
  • Originaltitel: Parasite
  • Produktionsland und -jahr: Südkorea,  2018
  • Genre: Drama, Komödie, Thriller, Horror
  • Erschienen: 05.03.2020
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    ca. 101 Minuten auf DVD 
    ca. 132
    Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller: 
    Song Kang-ho
    Jo Yeo-jeong
    Choi Woo-sik
    Park So-dam
  • Regie:
    Bong Joon-ho
  • Drehbuch:
    Bong Joon-ho
    Jin Won Han
  • Kamera:
    Kyung-pyo Hong
  • Musik:
    Jaeil Jung
  • Extras:
    Teaser OmeU; Character Teaser 1 OmdU / Deutsch; Character Teaser 2 OmdU / Deutsch; Trailer OmdU / Deutsch; Koreanischer Trailer OmdU u.v.m.
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2.39:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch,Koreanisch, Dolby Digital 5.1
    Untertitel:
    Deutsch
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2.39:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    : Deutsch, Koreanisch, DTS HD-Master Audio 5.1
    Untertitel: 
    Deutsch
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink Blu-Ray
    Wertung: 10/15 dpt

Über den Autor

Jochen König

Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman “Mitternachtsblues” (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Parasite – (Spielfilm, DVD/Blu-Ray)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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