Julius Fischer – Ich hasse Menschen. Eine Art Liebesgeschichte (Buch)

Julius Fischer: Ich hasse Menschen. Eine Art Liebesgeschichte
(Cover © Voland & Quist)

Julius Fischer hasst Menschen. Noch immer. Die gleichnamige Fortsetzung von „Ich hasse Menschen“ trägt diesmal den Untertitel „Eine Art Liebesgeschichte“ – vielleicht versöhnt sich Protagonist Julius also doch noch mit der Welt?

Zur Handlung
Die Story beginnt in einem fast leeren Bus in die sächsische Provinz, nach Großmeuthen. Julius ist auf dem Weg zur Testamentseröffnung seines Großvaters und schon zieht ein menschliches Individuum seinen Unmut auf sich: die Apfelfrau.

Die Frau auf dem Zweier neben mir isst einen Apfel. Mit ihrem gesamten Gesicht. Mmmmh, wie das knackt, wenn die Zähen die kräftige grüne Schale teilen. Wie es malmt und schlurft, wenn das Stück in die Backen wandert. Als stünde ich auf einer zerklüfteten Klippe am Meer, wo tief unter mir die Wellen in in die seit Jahrhunderten vom Wasser ausgespülten Löcher und Höhlen schwappen. Super nervig.

Leserinnen und Leser von Teil 1 erinnern sich jetzt vermutlich an eine Möhre im Zug. (Vgl. dazu auch die Besprechung von Booknerds-Redakteur Chris Popp.)

Als Julius nach stundenlangem Gezuckel endlich am Ziel ankommt, wartet ein richtiger Knaller auf ihn: Julius erbt und das nicht zu knapp. Sein Opa vermacht ihm den Gasthof „Deutsches Haus“ im ostsächsischen Sucknitz, der seit mehreren Jahren vor sich hin vegetiert. Julius entschließt sich kurzerhand, das Erbe anzutreten und in Sucknitz seine neue Bleibe zu beziehen. Und dabei ist Julius doch ein richtiges Stadtkind, „born and raised“, wie er selbst sagt. Doch was bleibt ihm anderes übrig? Seine Frau, er nennt sie noch immer Peggy, lässt sich aktuell von ihm scheiden und erklärte Auto und Wohnung kurzerhand zu ihrem Eigentum. Da kommt ein Neuanfang gerade recht. Von da an beginnt Julius’ Reise der Ahnungslosigkeit (Wie restauriere ich einen Gasthof?), voller dörflicher Entschleunigung und Abhängigkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln. Und warum gerade Sachsen? „Sachsen ist Hass als Bundesland“, so der O-Ton des Autors, der in Leipzig lebt. Und dabei meint er das noch nicht einmal böse.

Und was ist mit Corona?
(Auszug aus einem Interview des Autors mit sich selbst, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Voland & Quist.)

Julius Fischer: Autor, Comedian, Musiker und Moderator. Foto: © Enrico Meyer
Julius Fischer: Autor, Liedermacher und Moderator aus Leipzig.
Foto: © Enrico Meyer

Sie haben den Roman im ersten Corona-Jahr geschrieben.

“Und ich habe tatsächlich überlegt, die Geschichte mit Corona abzuschließen. Alles würde auf die Eröffnung der Kneipe zusteuern und am großen Tag käme der Lockdown. Das fand ich sehr lustig. Bis zum zweiten echten Lockdown.”

“Also kein Corona-Roman.”

“Nee, damit sollen sich andere herumärgern. Ich habe genug Stoff auch ohne dieses Virus. In der Tat habe ich sehr viel erlebt in den letzten drei Jahren.
Viel Schönes, aber auch Schlimmes.
Das so zu bearbeiten, dass am Ende ein lustiges Buch herauskommt, war schwierig.”

“Aber es ist Ihnen gelungen?”

“Ich wäre dumm, wenn ich etwas anderes behaupten würde.”

Warum lesen?
Julius Fischer schenkt uns erneut ein Buch mit Haha-Effekt: Die Handlung ist geprägt von originellen Alltagsbeobachtungen und skurrilen Charakteren – gerade so skurril, dass alle durch die Bank weg als glaubwürdig durchgehen und beim Lesen immer wieder Situationen auftauchen, mit denen man sich absolut identifizieren kann.
Der Protagonist ist dabei ein Sympathieträger, den das Leben ordentlich gebeutelt hat. Wer zu empathisch liest, wird hin und wieder den Wunsch verspüren, Julius zu rütteln, um ihm zuzurufen: „Los jetzt!“ Denn Julius lässt sich ganz schön viel gefallen. Mit einer Engelsgeduld erträgt er die dreiste Exfrau und die neue Nachbarn, die zunächst lieber für sich bleiben:

Wer sind die Sucknitzer? Ganz normale Leute. Natürlich. Wie überall. Die wollen ihre Ruhe. Die sind nett, aber nicht zu nett. Also es bot bisher keiner seine Hilfe an.

Seine Strategie: Immer mit der Ruhe. Und so wird das Anbringen eines Regalbretts zur Tagesaufgabe.
Das Buch punktet im Vergleich zum Vorgänger durch stringente Handlung und durchdachte Erzählstränge: Rückblick-Sequenzen werden sinnvoll eingestreut und fügen sich gekonnt in die Gesamterzählung ein. Absolut unvergesslich sind die auftauchenden Figuren! Da gibt es zum Beispiel Herrn Schnieder, auf den Julius im Zuge der Restaurierung angewiesen ist und der gleich drei Funktionen innehat: Er ist das Amt für Bauen, Gesundheit und Denkmalschutz. Und so heißt auch sein Gedichtzyklus, den er Autor Julius gleich mal zusteckt. Oder Julius’ Verwandtschaft Connie, Ronnie und Donnie Zinnbauer, die als waschechte Thüringer natürlich oberste Priorität im Rostbratwurst-Braten sehen, und das zu jeder Gelegenheit.

Wer Wortspiele mag, wird Julius’ Buch lieben, denn er bleibt sich treu. Fans seines ehemaligen Poetry Slam-Duos „Team totale Zerstörung“ kommen textlich definitiv auf ihre Kosten. Und auch Kollege André Herrmann bekommt im Roman eine kleine Gastrolle auf den Leib geschneidert. In seiner Persiflage auf das ostdeutsche Landleben schafft es Fischer auch, auf urkomische Art mit den hiesigen Dorfnazis abzurechnen und setzt dabei ein Zeichen gegen Rechts, das ganz auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet: Er weiß eben einfach, wie Humor geht. Und allein für das großartige Finale des Buchs gibt es ein Wertungspünktchen extra.

Wer Julius Fischer live erleben möchte, findet auf seiner offiziellen Website alle Termine der aktuellen Lesereise ab September.


Wertung: 13/15 dpt


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