Wolfgang Herrndorf – Bilder deiner großen Liebe (Hörbuch, gelesen von Natalia Belicki)

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Wolfgang Herrndorf - Bilder deiner großen Liebe (Cover © argon hörbuch)Ist die posthume Veröffentlichung dieses unveröffentlichten Romans – oder wie es vielerorts heißt, Romanfragments – nun Leichenfledderei oder ist sie eine letze Ehrerweisung vor einem Schriftsteller, der trotz zuvor veröffentlichter außergewöhnlicher Werke wie „In Plüschgewittern“ und „Diesseits des Van-Allen-Gürgels“ erst mit „tschick“ den längst verdienten Erfolg genießen durfte? Wollte Wolfgang Herrndorf wirklich, dass „Bilder deiner großen Liebe“ noch in dieser Form das Licht der Welt erblickt? Denn vorliegender Romanbeginn ist nicht nur unvollendet hinsichtlich des Verlaufs der Geschichte, sondern auch in seiner Form – oft meint man zu vernehmen, dass einiges lediglich ein noch nicht zu Geschriebenem erblühter Gedanke war, der trotzdem festgehalten wurde.

In „Bilder deiner großen Liebe“ lernen wir die vierzehnjährige Isa Schmidt kennen. Oder besser: anders kennen. Denn „tschick“-Lesern dürfte der Name noch gut in Erinnerung geblieben sein, handelt es sich doch bei dem Mädchen um das „Mädchen von der Müllkippe“, auf welches die „tschick“-Protagonisten Tschick und Maik Klingenberg gestoßen waren und es eine Weile haben mitfahren lassen. Somit kann man diesen Roman als eine Art Spin-Off des mittlerweile auch als Schullektüre eingesetzten Jugendromans ansehen.

Man merkt sofort, dass Isa, die sich bei Romanbeginn auf dem Hof einer geschlossenen Anstalt befindet und ihre Flucht antritt, nicht ohne Grund in psychiatrischer Behandlung war, denn sie präsentiert sich frühzeitig ehrlich und schildert, was passiert, wenn sie ihre Tabletten nimmt – oder nicht nimmt. Doch sie verspürt den Drang nach dem Vorwärts, beschreitet diesen Weg barfuß, ohne Hab und Gut, und begibt sich hierbei auf eine ungewisse Reise durch ihr Leben außerhalb der Anstalt, versucht, dort draußen zu überleben. Schläft im Kornfeld. Schnorrt und stiehlt sich durch. Orientierungslos, wie sie ist, lässt sie sich immer wieder von fremden Menschen ein Stück mitnehmen und trifft dabei auf verschiedenartige Menschen: Einen LKW-Fahrer, einen Taubstummen, zwei Jungen, einen deprimierten Bauarbeiter – und in den ruhigen Passagen des Alleinseins immer wieder sich selbst.

Es ist les-/hörbar unleugbar, dass Isas geistige Verfassung labil ist und sie so gar nicht weiß, wohin ihre Reise führen mag. Und so offenbart sie Gedanken in einer Geschwindigkeit und Unberechenbarkeit, die gleichermaßen verstört wie fasziniert. Ebenso ist oft unklar, ob sie wirklich alles wie geschildert erlebt oder ob vieles davon nur in ihrem Kopf geschieht. Inmitten dieser auch zerebral erlebbaren Odyssee finden sich immer wieder schonungslose, philosophische Elemente, die so grundehrlich und entwaffnend sind, dass die Wirkung wie ein kleiner Schlag in die Magengrube erscheint – nahezu wie Erkenntnisse und kleine Lebensweisheiten, verpackt in das verbale Gewand eines psychisch stark angeknacksten, aber hochintelligenten Mädchens. Der Roman spielt zudem mit Kontrasten, die sich auch in der Wortwahl äußern, denn neben diesen kleinen philosophischen Anflügen entwickeln auch zahlreiche Kraftausdrücke eine literarische Urkraft und Ungeschöntheit, dass einem nicht selten der Atem stockt und ein heißes, undefinierbares Gefühl im Bauch entsteht. Ebenfalls eine ungeheure Wucht entwickeln die präzisen, intensiven Beschreibungen, die beim Leser beziehungsweise Hörer nahezu das komplette Sinnesspektrum ansprechen.

Leider erfährt man durch den freiwillig gewählten Tod Herrndorfs – er nahm sich, durch seinen bösartigen Gehirntumor (Glioblastom) bereits schwer krank,  im August 2013 das Leben -, nie, wohin der nächste Schritt der in der ersten Person erzählenden Protagonistin gegangen wäre, zumal „Bilder deiner großen Liebe“ wahrhaftig abrupt und mit einem Wort, das zu den letzten Atemzügen Herrndorfs nahezu perfekt passt, endet. Dies kann einerseits selbstverständlich traurig stimmen, doch andererseits bleibt es dem die Geschichte Konsumierenden auf eine morbid-positive Weise überlassen, wie er selbst den Roman weiterspinnen würde. Denn diese Ungewissheit birgt auch eine sonderbare Spannung in sich – das Letzte, was uns Wolfgang Herrndorf hinterlassen hat.

Die Schauspielerin Natalia Belitski („About:Kate“, „Vaterfreuden“ sowie diverse Episodenrollen in namhaften deutschen Kriminalfilmen) hat diesen ungekürzt und auf drei CDs vorgetragenen Roman mit derart viel Empathie für die Figur vertont, dass man beinahe das Gefühl haben muss, dass Belitski für diese Zeit schlichtweg Isa ‚war‘. Die mal warme, mal distanziert-kühle Stimme. Die Stimmungswechsel. Einerseits eine Rauheit auf den Stimmbändern, die Abgeklärtheit und ein erwachsenes Lebensgefühl demonstriert, und dann wieder der starke Kontrast in Form einer zerbrechlichen, kindlichen, jederzeit zu kippen drohenden Stimme als Zeichen der Verletzlichkeit. Das Leben im Hier und Jetzt, und vor sich die Gabelungen der Entscheidungen, gut oder schlecht, Realität oder Imagination, Sicherheit oder Gefahr. Und all das wirkt zu keiner Sekunde aufgesetzt.

Möglicherweise hat man, da man diesen Text nicht krampfhaft in eine fertige Romanform gepresst hat, Herrndorf noch nie so pur erlebt – vieles erscheint noch wie die Gedankenform von etwas Zukünftigem, wie ein erster Take im Film, wie eine verbal festgehaltene Skizze; das Manuskript wurde nicht nach dem Tod des Autors durch den Fleischwolf der Verkäuflichkeit gedreht, sondern aus Respekt vor seiner Arbeit als Rohprodukt in den literarischen Kosmos entlassen. Womit die eingangs gestellte Frage eigentlich geklärt sein sollte.

Cover © argon hörbuch

  • Autor: Wolfgang Herrndorf
  • Titel: Bilder deiner großen Liebe – Ein unvollendeter Roman
  • Verlag: argon hörbuch (Buch erschien bei rowohlt)
  • Erschienen: 7.10.2014
  • Sprecherin: Natalia Belitski
  • Spieldauer: 2:53 Stunden auf 3 CDs
  • ISBN: 978-3-8398-1355-3
  • Sonstige Informationen:
    Ungekürzte Lesung
    Produktseite des Hörbuchs
    Erwerbsmöglichkeiten
    Buch beinhaltet noch ein Nachwort von Katrin Passig und Marcus Gärtner

Wertung: 13/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Wolfgang Herrndorf – Bilder deiner großen…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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