Fünfter Fall für den grantelnden Inspektor Emmerich

Der letzte Tod
© Limes

September 1922. Kriminalinspektor August Emmerich kann es nicht fassen. 120 Kronen für Zigaretten, genauer gesagt, für eine einzige. Vor dem Krieg kostete eine Zigarette lediglich einen Heller. Auch sonst treibt die Inflation ihr Unwesen. Ein Kilo Schweinschmalz gibt es für 33.000 Kronen, eine Preissteigerung gegenüber dem Vorjahr von über 90 Prozent. Dabei geht es Emmerich noch gut, hat er immerhin eine eigene Wohnung für sich und die ehemalige Nackttänzerin Irina, die er in einem früheren Fall kennenlernte. Jetzt kümmert sich Irina um Emmerichs drei Stiefkinder, von denen besonders Paul große Probleme bereitet. Jetzt will er auch noch einen Mann auf dem Spielplatz getroffen haben, der behauptet, sein Vater käme ihn bald holen. Was nicht sein kann, denn seit dem Tod von Emmerichs großer Liebe Luise, sitzt deren Ex-Mann Xaver Koch als deren Mörder lebenslänglich ein.

Beruflich plagen Emmerich gleich zwei Sorgen. Ein Leichenfund im sogenannten Stromhafen, der es in sich hat. Die mumifizierte Leiche liegt bereits seit knapp zwei Jahren in einem kleinen Tresor eingesperrt, in der das männliche Opfer elendig erstickte. Am Tatort treffen Emmerich und sein Mitarbeiter Ferdinand Winter auf das zweite Problem im Person des schneidigen Dr. Sándor Adler. Dieser ist Psychoanalytiker und soll nach Entscheidung von Oberinspektor Gonska den Ermittlungen zur Seite stehen, um praktische Berufserfahrung bei der Erforschung des Bösen im Menschen zu sammeln. Emmerich ist entsetzt, denn wenngleich die Psychoanalyse in Amerika und England bereits erste Erfolge verzeichnet, lehnt er diesen Psychokram gänzlich ab. Freud hin oder her.

Großartige Serie mit packender Atmosphäre

Die tragischen Entwicklungen in Emmerichs Privatleben, die sich im Vorgänger „Das schwarze Band“ ereigneten, finden in „Der letzte Tod“ ihre kongeniale Fortsetzung. Durch einen Trick, dies sei verraten, gelingt Xaver Koch die Flucht und sogleich beginnt die Jagd auf Emmerich, die diesen bis nach Budapest führen wird, wo er eher durch Zufall entdeckt, dass der gesuchte Mörder in Wahrheit ein Serienmörder ist. Adler sagte dies voraus, aber Emmerich braucht lange, um mit Adler warm zu werden, zumal dieser noch einen weiteren Auftrag zu erfüllen hat, der Emmerich den Blutdruck in die Höhe schießen lässt.

Das Prinzip der Schuld wird grundsätzlich infrage gestellt. Was, wenn diese Anschauung auch zu uns herüberschwappt? All die Schweine, die ich und meine Kollegen im Laufe der vergangenen Jahre vor Gericht gebracht haben – und glaub mir, das sind viele -, sie alle hätten plötzlich eine Möglichkeit, ihr Urteil anzufechten.“ „Amerika ist weit weg. Und hat nicht dieser Karl Kraus einmal gesagt: „Wenn die Welt untergeht, dann geh nach Wien. Dort passiert alles zehn Jahre später.“?

Der zynische, meist grantelnde, aber ziemlich sicher immer schlecht gekleidete Emmerich, erlebt im aktuellen Fall erneut eine gut austarierte Mischung aus Privat- und Berufsleben, wobei insbesondere seine Einstellung zur politischen Lage einer schweren Bewährungsprobe unterliegt. Ärgert er sich zunehmend über die Inflation auf der einen und die Kriegsgewinnler auf der anderen Seite, so stellt er sich erstmals seiner Familiengeschichte; sprich er lernt seinen Vater kennen, von dessen Identität er im letzten Fall erfahren hat. Zu allem Überfluss handelt es sich um einen waschechten Baron.

Alex Beer alias Daniela Larcher gelingt es in ihrer mehrfach preisgekrönten Reihe beeindruckend, die Stadt Wien mit ihrer gesellschaftlich angespannten Lage in Szene zu setzen. Die Preise sind exorbitant, man kann sein Geld nicht schnell genug ausgeben, und auch die Wohnungssituation ist verheerend. Kein Wunder also, dass es immer wieder zu gewalttätigen Protesten kommt, worunter einmal mehr auch die jüdische Bevölkerung Wiens zu leiden hat. Zudem sind die traumatischen Kriegserlebnisse noch längst nicht überall verarbeitet.

Man kann nur hoffen, dass die toten Kameraden drüben im Jenseits nicht sehen müssen, unter welchen Umständen wir armen Schweine heute dahinvegetieren – ohne Obdach, Arbeit und Sinn. Und dass sie den Niedergang unserer einst so glorreichen Nation nicht mitanschauen müssen, sonst wüssten sie nämlich, dass sie umsonst gefallen sind. Dass sie vergebens gelitten und ihr Blut vergossen haben.

Früh scheint der Fall gelöst, denn ein Verdächtiger legt ein Geständnis ab, bevor er in den Tod springt. Emmerichs Bauchgefühl sagt ihm, dass irgendetwas nicht stimmt und so nimmt der weitere Verlauf noch überraschende Wendungen.

Erneut großes Kino und am Ende ein gekonnter Cliffhanger.

  • Autorin: Alex Beer
  • Titel: Der letzte Tod
  • Verlag: Limes
  • Umfang: 380 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: September 2021
  • ISBN: 978-3-8090-2749-2
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite  


Wertung: 13/15 dpt


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