Modernes Plädoyer für die Freiheit eines Volkes

© Diogenes
Cover: Tell (c) Diogenes

Der neue Roman von Joachim B. Schmidt ist Lesevergnügen pur. Mit seiner multiperspektivischen Erzählweise haucht er der bekannten Legende um den Schweizer Nationalhelden Tell völlig neues Leben ein.

Die Story ist bekannt: Die Schweizer Bevölkerung leidet unter der Willkürherrschaft der Habsburger, die durch den Landvogt Gessler und seinen brutalen Hauptmann Harras repräsentiert werden. Das ohnehin schon entbehrungsreiche Leben der Einheimischen wird durch das grausame Verhalten der fremden Soldaten, unerträglich. Als sich der Bergbauer Tell der Autorität widersetzt, wird er dazu verurteilt, seinem Sohn aus großer Entfernung einen Apfel vom Kopf zu schießen …

Schmidt übernimmt das Grundgerüst der Tell-Legende, arrangiert die einzelnen Facetten jedoch komplett neu. Mit jedem Kapitel wechselt er die Erzählstimme, schlüpft blitzschnell von einem Kopf in den nächsten und lässt so seine Leserschaft direkt teilhaben an den Gedanken und Emotionen eines jeden seiner zahlreichen Protagonisten.

Die Mehrstimmigkeit dominiert das Erzählen. „Tell“ wird zu Geschichte, die mit vielen hundert Mündern erzählt wird. So lenkt Schmidt seine Leser*innen von der Legende direkt zurück zu deren Ursprung.

Er entstaubt die Tell-Legende von jeglichem romantisierendem Helden-Kitsch. Schmidts Tell ist kein edler Idealist, im Schiller‘schen Sinne, der für die gute Sache kämpft und dadurch zur Leitfigur wird. Tell ist einer von vielen. Er ist ein Mensch, der unterdrückt und misshandelt wird und schließlich aufbegehrt.

Mit den Figuren von Gessler und Harras demaskiert Schmidt die Motive der Habsburger als reine menschenverachtende Machtpolitik. Gessler, der sich nach einem friedlichen Leben im Privaten sehnt, erfüllt nur widerwillig seine Rolle als Anführer. Der Politik seines Kaisers kann er keinen Sinn abgewinnen. Die Brutalität seiner Soldaten, angeführt von Hassler, lehnt er im Grunde ab. Hassler verkörpert die Figur des skrupellosen Söldners, der in einem Feldzug nicht mehr als die Gelegenheit sieht, seine eigenen Gewaltphantasien zu befriedigen, wofür ihm die Politik den Vorwand liefert.

So steht auch Schmidts Tell-Geschichte ganz in der ursprünglichen Tradition des Freiheitskampfes. Sein Roman ist ein Plädoyer für die Unabhängigkeit eines Volkes. Es sind die Unterdrückten, denen er Stimme und Gesicht verleiht. Dabei idealisiert Schmidt nie, er individualisiert. Sein Tell ist kein stereotyper Held und soll es auch niemals sein. Ebenso wenig ist das unterdrückte Volk eine anonyme Opfermenge. Schmidt zeigt sie uns als sehr lebendige Individuen, die unsere Empathie einfordern.

„Sie sind alle Tell.“

Am Ende siegt der Freiheitswillen über die Besatzer. Sterbend liegt Gessler am Boden. Seine letzten Gedanken gehören Tell, der ihn erschossen hat. „Tell. (…) Er ist also der Heckenschütze. Ausgerechnet. Aber es hätte jeder beliebige Bauer sein können, jung oder alt, Mann oder Frau, es wäre ganz egal und hätte mich nicht überrascht, denn niemand will uns hier, alle wollen in Ruhe gelassen werden. Sie leben nach ihren eigenen Gesetzen und verteidigen sich in der Not eben selbst.“ (Seite 245/246)

Zeilen, deren humanitäre Bedeutung gerade jetzt vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges, auf einmal eine besondere Explosivität erhalten.

Zeilen, die Schmidts „Tell“ zu einem ebenso hochpolitischen wie zeitlos aktuellen Roman machen.

Klare Leseempfehlung!

  • Autor: Joachim B. Schmidt
  • Titel: Tell
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: Februar 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3257072006


Wertung: 13/15 dpt


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