© Kunstmann Verlag

Um Sex und Sexualität herrscht eine große Doppelmoral: Während Werbungen durch sexuelle Anspielungen unser Interesse wecken und Männer durch Pornos ein verzerrtes Bild von Sex erlernen, darf die Sexualität der Frau nur objektifiziert und kommerzialisiert werden, um als akzeptabel zu gelten. Selbstbestimmung, Selbstrespekt und Selbstliebe in Form von sexueller Selbstbestimmung und Masturbation sind nämlich noch immer Tabubrüche, die den Wert von Frauen mindern und dazu führen, dass Väter ihr “Gesicht verlieren” oder Frauen “selbst schuld” sind.

Diese patriarchalen Strukturen führen dazu, dass zu viele Frauen eine (Ab-)Scheu vor Masturbation entwickelt haben, die dann im Rahmen von Partnerschaften und Sex immer wiederkehrende Fragen aufwerfen: Ist es heiß, wenn ich so stöhne? Bin ich eng genug – feucht genug? Was, wenn er nicht kommt? Hat er das eine nicht-weg-rasierte Schamhaar entdeckt? 

Das sind keine Fragen, die sich damit beschäftigen, ob man gerade etwas macht, das einem gefällt und ob man sich gerade wohl in seiner Haut fühlt, sondern stellen den Mann und seine glorifizierte Ejakulation in den Vordergrund – obwohl er in den meisten Fällen nicht mal weiß, wo die Klitoris zu finden ist.

Deswegen hat es sich Julia Pitrie mit ihrem Sachbuch “Mit Fingerspitzengefühl” zur Aufgabe gemacht, gegen diese Doppelmoral vorzugehen und Frauen zu helfen, selbstbestimmter mit dem umzugehen, was zwischen ihren Beinen jahrhundertelang ignoriert und beschämt wurde.

“Mit Fingerspitzengefühl” wurde 2021 durch den Kunstmann-Verlag veröffentlicht und thematisiert das Stigma um die weibliche Masturbation, indem über 6.000 Erfahrungsberichte von Frauen gesammelt und zu praktischen und realistischen Ratschlägen zusammengefasst wurden. Dazu wurde Statistiken erhoben und Frauenerfahrungen in ihrem Buch direkt zitiert, um ein möglich facettenreiches Bild davon zu malen, was es bedeutet weiblich gelesen zu werden (eine Frau zu sein).

Gerade wegen dieser praktischen Herangehensweise hat mir dieses Buch unglaublich gut gefallen – nicht nur, weil die realen Erfahrungen von Frauen am besten praktische und ehrliche Ratschläge geben können, sondern auch, weil gängige Sach- und Selbsthilfebücher meistens einen esoterischen und spirituellen Grundton haben, der einem durch kosmischen Energien einen Superorgasmus verkaufen wollen oder sich damit beschäftigen, wie man garantiert fickbar für den Mann wird. So variieren die Tipps darin, wie man kosmische Energien in seiner Mitte (wehe, man verwendet den medizinisch korrekten Begriff) katalysiert oder, dass man Beckenbodenübungen machen soll, um schön eng für den Partner zu werden und dass das Vorspiel einem dabei helfen soll, keine Schmerzen beim Sex zu haben. Dass die Beckenbodenübungen auch bei der eigenen Lustgewinnung hilfreich sein können und das Vorspiel nicht das Vorspiel, sondern Teil des Sex sein soll, wird nicht erwähnt.

Deswegen gefällt mir Pietris Herangehensweise: Anstatt dem Leser ein Ideal vorzukauen, dem man entsprechen soll, erklärt sie, wie Körper mit einer Klitoris funktionieren und lässt die Erfahrungen tausender Frauen authentisch und ehrlich für sich selbst sprechen.

Dadurch ist Pietri etwas gelungen, woran viele andere Bücher gescheitert sind: und zwar ein realistisches Bild darüber zu malen, was normal ist. Das Frausein normal ist.

So klärt sie darüber auf, dass die Klitoris physisch der Ursprung der weiblichen Lust ist und zeigt sie wortwörtlich in ihrer ganzen Glorie. Pietri zeigt, wie unterschiedliche Frauen sich selbst und ihre Lust wahrnehmen, wie sie mastrubieren und wie Stress und sexueller Missbrauch ihr Verhalten verändert.

Zum Schluss teilt sie Techniken und Quellen, um das gelernte selbst anzuwenden und um weitere Recherchen zu ermöglichen.

So ist das Buch ein Schatz für alle, die sich ein realistisches Bild über die weibliche Lust machen wollen und alte Denkweisen hinterfragen möchten. Dadurch ist dieses Buch auch verdammt politisch, denn es kann als Grundlage dazu dienen, diese toxischen Entwicklungen in unserer Gesellschaft zu erkennen und so selbstbestimmte und aufgeklärte Entscheidungen über den eigenen Körper und so auch über das eigene Leben zu treffen.

  • Autor: Julia Pietri
  • Titel: Mit Fingerspitzengefühl – Kleine Anleitung zur Mastrubation
  • Originaltitel: Le petit guide de la mastrubation féminine: Au bout des doigts
  • Übersetzer: Sina de Malfosse
  • Verlag: Kunstmann 
  • Erschienen: 2021
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 144
  • ISBN: 978-3-95614-487-5
  • Sprache: Französisch
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten


    Wertung: 14/15 dpt


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