Yade Yasemin Önder – Wir wissen, wir könnten und fallen synchron (Buch)

Wild-virtuos zusammengefügtes Mosaik

Coverbild: wir wissen, wir könnten, und fallen synchron (c) Kiepenheuer & Witsch

Önders Protagonistin, das erfährt man früh, ist Tochter eines türkisch-kurdischen Vaters und einer deutschen Mutter. Der Vater stirbt jung durch einen tragischen Unfall beim Sägen und lässt Frau und Tochter zurück. Das Trauma des frühen Vaterverlustes, die problematische Beziehung zur Mutter, die Identität zwischen den Kulturen mit der fast schon selbstverständlich einhergehenden Ausgrenzung in Schule und Familie, bereiten der Ich-Erzählerin eine Kindheit und Jugend im ständigen Krisenmodus. Die anfangs noch Heranwachsende, später junge Erwachsene, erkrankt psychisch. Sie leidet an Bulimie, verliert sich in toxischen Beziehungen und selbstverachtender Promiskuität. Die lieblose Mutter-Tochterbeziehung bietet ihr keinen Halt. Die Protagonistin wirkt wie jemand, die sich in einer permanenten Bewegung des Fallens befindet, ohne dass eine Rettung in Sicht wäre.

Die spärlich geschilderte Biografie der Hauptfigur bildet die Rahmenhandlung ab, sie dient jedoch lediglich als Klammer, um die zahlreichen Einzelelemente zusammenzuhalten. Önder bündelt die gesamte Erzählung im Kopf ihrer Ich-Erzählerin. Deren Wahrnehmung und Reflexionen verwandeln sich zunehmend zu immer realitätsferneren Phantasien.

Mit ihrem eigenwilligen expressiven Stil spiegelt Önder das emotionale Chaos ihrer Protagonistin wider. Sie splittet ihr Erzählen in Miniaturen auf, von denen jede einzelne für sich alleine stehen könnte, die als Ganzes aber ein Mosaik aus funkelnder Komplexität ergeben, dessen Einzelteile sich alles andere als harmonisch zusammenfügen.

Önder inszeniert Sprünge sowohl in der Chronologie als auch zwischen den Bedeutungsebenen. Die Leser*innen sind aktiv gefordert, die einzelnen Versatzstücke miteinander in einen Zusammenhang zu bringen.

Widersprüchlichkeiten sind gewollt und rufen zur eigenen Interpretation auf. Nicht jedes ihrer Bilder löst die Autorin auf. Die dadurch entstehenden Brüche wirken wie spitze Splitter, an denen man als Leser*in hängenbleibt und sich zu schneiden droht.

Önder spielt mit Redundanzen, sie provoziert durch drastischen Realismus, sie löst durch phantastische Elemente die Grenzen ihrer Prosa auf. Manche ihrer Miniaturen verdichten sich zu Lyrik. Es gibt Textstellen, da ist eigentlich kein Durchkommen mehr.

Das größte erzählerische Wagnis geht Önder am Ende ihres Romans ein: Denn sie überlässt den Ausgang ihrer Geschichte ganz der Phantasie ihrer Leserschaft. Der Ton der Ich-Erzählerin hat sich inzwischen verwandelt. Erleichterung und Befreiung haben Verzweiflung und Schmerz verdrängt. Die Protagonistin scheint ihre Traumata und ihre Erkrankung überwunden zu haben. Die letzte Szene des Buches liest sich wie ein Ankommen, wie ein Zu-sich-kommen nach langer Reise.

Önders Debüt ist alles andere als eine leichte Lektüre. Die Autorin fordert ihre Leserschaft stark heraus. Doch der Mut für ihre unkonventionelle Erzählweise zahlt sich aus. Bis zum Ende überrascht sie mit immer neuen phantasievollen Szenen. Das Ergebnis ist eine virtuos angelegte Bilder- und Szenenflut, mit der sie gleichermaßen verwirrt wie verzaubert.

„Wir wissen, wir könnten und fallen synchron“ bemüht sich erst gar nicht darum, eine breite Leserschaft zu erreichen. Aber diejenigen, die sich auf das unkonventionelle Lese-Erlebnis einlassen, werden definitiv nachhaltig beeindruckt sein.

  • Autor: Yade Yasemin Önder
  • Titel: Wie wissen, wir könnten, und fallen synchron
  • Verlag: Kiepenheuer&Witsch
  • Erschienen:  März 2022
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 256 Seiten
  • ISBN: 978-3462001563


Wertung: 13/15 dpt


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