Eric Niemann, Anette Strohmeyer – Hamburg Chinatown (Buch)

Ein traumatisierter Polizist, eine Tochter aus bestem Haus und ein Auftragsmörder aus China

Hamburg Chinatown
© Gmeiner

September 1927. An den Landungsbrücken beendet die SS Albis ihre vermeintliche Rekordfahrt, doch die schnellste Überfahrt von New York nach Hamburg wird um dreißig Minuten verfehlt. Deng Han wartet vergeblich am Hafen auf seinen Freund Ban Hu, der als Heizer auf dem Schiff arbeitete. Bei der Ankunft ist er allerdings bereits tot, ermordet von Li Lim, einem Auftragsmörder der Grünen Bande aus Shanghai, der in deren Auftrag den kommunistischen Anführer Anjing Mian töten soll, welcher nach dem Shanghai-Massaker im April in Hamburg untertauchte. Allerdings weiß Lim nicht, wie der gesuchte Mian aussieht.

Woo Chong ist der uneingeschränkte Herrscher über das Chinesenviertel in Altona und Besitzer des beliebten Restaurants Neu-China. Er sorgt sich um sein Viertel, denn die Polizei verstärkt ihre Razzien auf der Suche nach Opiumverstecken. Darunter befindet sich der Ordnungspolizist Peder Hansen, der aus einem ganz persönlichen Grund unterwegs ist. Vor zwei Jahren wurde sein geliebter Bruder Claas enthauptet und sein verbrannter Leichnam in einem Kellerraum in der Schmuckstraße gefunden. Diese bildet das Zentrum von Chongs Imperium, weswegen Peder die Chinesen für die Mörder seines Bruders hält und daher abgrundtief hasst.

Während es auf den Straßen in St. Pauli zunehmend unruhiger wird, gerät Tessa, die 22-jährige Tochter von Alfred Möller, unter Druck. Ihr Vater ist ein einflussreicher Reeder, zu seinen Schiffen gehört auch die SS Albis. Er möchte, dass seine einzige Tochter, die gerne anrüchige Tanzlokale aufsucht, endlich zur Vernunft kommt und heiratet. Am besten seinen Prokuristen Julius Seyffart, den Tessa allerdings nur widerlich findet.

So treibt sich in den dunklen Gassen des Chinesenviertels zahlreiches, zwielichtiges Gesindel ebenso wie viele Obdachlose herum. Als mehrere Morde geschehen wird klar, dass es neben Chong einen weiteren Kriminellen gibt, der seinen Einfluss auf das Viertel ausbauen möchte. Keyser, Cäsar und Phantom sind Namen, die plötzlich kursieren. Spät erkennen Lim, Peder und Tessa, dass sie gemeinsam handeln müssen. Doch kann gerade Peder einem Chinesen trauen?

Temporeiches Actionspektakel

Anette Strohmeyer, bekannt als Anne Nørdby, und Eric Niemann haben mit „Hamburg Chinatown“ ein packendes Actionspektakel vorgelegt, welches in das Jahr 1927 entführt. Damals florierte das Viertel, in dem rund zwei- bis dreitausend Chinesen lebten. Heute zeugen davon nur noch eine Gedenktafel und einige Stolpersteine in der Schmuckstraße als Erinnerung an die Verfolgungen während der Nazizeit. Es geht wild her, dort wo Gangster, Seeleute und junge Frauen aufeinandertreffen. Eigentlich ein Ort, an dem eine Tochter aus bestem Haus nichts zu suchen hat, aber Tessa ist eine selbstbewusste Frau, die ihren eigenen Weg gehen möchte, losgelöst von den Vorgaben ihres strengen Vaters. Das später zueinanderfindende Trio aus Tessa, Peder und Lim, welches zu unerwarteten erotischen Verwicklungen führt, könnte unterschiedlicher nicht sein, macht aber natürlich den besonderen Reiz des Romans aus.

Der Spannungsbogen ist konstant hoch, denn weitere Leichen werden entdeckt und zunehmend Fragen aufgeworfen. Wer ist der geheime Gegenspieler von Chong, wer der Mörder von Claas, wer der von Lim gesuchte Kommunist und wie kann Tessa den Heiratsplänen ihres Vaters entkommen? Das Leben auf der Straße wird eindringlich inszeniert, zumal Peder von seinen Kriegserlebnissen traumatisiert ist. Ein sogenannter Kriegszitterer, der seinen Körper nicht immer unter Kontrolle hat, daher aber mit den zahlreichen Bettlern mitfühlt, die zumeist ein noch schlimmeres Schicksal erlitten und jetzt für ihn wichtige Informanten sind. Obdachlose sind das Heer der Unsichtbaren, denn mit ihnen will die Masse nichts zu tun haben. So können sie unbemerkt auf dem Gehweg sitzen und unauffällig beobachten.

Zahlreiche Wendungen und damit einhergehende Überraschungen machen „Hamburg Chinatown“ zu einem respektablen Pageturner, wobei man sich ein wenig mehr Einblicke in das Hamburg Ende der 1920er Jahre gewünscht hätte. So bleibt man überwiegend im titelgebenden Viertel, was natürlich auch in Ordnung geht beziehungsweise nicht ganz inkonsequent ist. Unterm Strich ist der Roman abwechslungsreiche Unterhaltung, die – Achtung: Phrasenschwein – es schwermacht, das Buch aus der Hand zulegen. Und so soll es ja letztlich sein.

Autor: Eric Niemann, Anette Strohmeyer

Titel: Hamburg Chinatown

Verlag: Gmeiner

Umfang: 448 Seiten

Einband: Taschenbuch

Erschienen: September 2025

ISBN: 978-3-8392-0877-9

Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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