Milena Michiko Flašar – Der Hase im Mond (Erzählungen)

„Japanische Geschichten“ untertitelt Milena Michiko Flašar ihren Erzählband „Der Hase im Mond“. Japanisch sind die Settings der insgesamt neun Erzählungen, in denen die österreichisch-japanische Autorin ihre Leser:innen mit unterschiedlichen Themen und Genre-Elementen unterhält.

Den Auftakt macht „Die Füchsin“, eine Erzählung um einen Schriftsteller, der unerwartet einen Bestseller landet. Es fällt ihm schwer mit dem plötzlichen Erfolg zurechtzukommen. Dem vielgerühmten Roman sollen möglichst bald weitere Veröffentlichungen folgen. Er gerät in ein Spannungsfeld zwischen Kreativität und Schaffenskrise. In dieser Situation begegnet er Kaoru, der Füchsin, der idealen Verkörperung seiner eigenen Romanfigur. Ein raffiniertes Spiel mit verschiedenen Ebenen beginnt. Realität und Fiktion verschmelzen.

Auch in der zweiten Erzählung „Pianopianissimo“ gerät der Protagonist in eine ins Surreale abdriftende Realität.

                                                                                           

Ein vages Unbehagen. Das ist alles. Ein diffuses Gefühl, das
mich jeden Morgen, wenn ich die Augen aufschlage, wie ein kaum spürbarer
Lufthauch umfängt, und ich weiß selbst nicht, woher es kommt. Aus welcher Ritze
meines Lebens. Und ist es das überhaupt? Mein
Leben?“

Seite 25

Zwar ist er nach eigenen Angaben ein wahrer Glückspilz, dem alles zufällt, seit er mit der schönen Chizu eine Beziehung eingegangen ist, doch irgendwie erscheint ihm die Leichtigkeit, mit der er Zugang zu Karriere und Reichtum erlangt, selbst ein wenig seltsam.

Ungewöhnliche Beziehungen bilden eine Konstante bei Flašar, so auch in der Erzählung „Hawaiin Dreams“, in der ein Paar gemeinsam zu Voyeuristen wird. Flašar spielt mit Nähe und Distanz, Erwartungen und Projektionen, um die Entfremdung der beiden nachzuzeichnen.

Viele der Protagoni:innen in Flašars Geschichten hadern mit ihrem Alltag, wobei sie selbst die Ursachen ihres Unglücks kaum benennen können. Die Autorin überlässt es den Leser:innen der Unzufriedenheit der Figuren nachzuspüren. Geschickt platziert sie die gut verdrängten Geheimnisse, Sehnsüchte und Leidenschaften in den leise erzählten Zwischenräumen. Flašars Figuren arrangieren sich mit dem Vorgegebenen und verpassen dabei das eigene Leben („Tsunami“) oder die große Liebe („Hütte auf einem Grashügel“).

Dem melancholisch-tragischen Grundton ihrer Erzählungen fügt die Autorin abseitige Episoden hinzu, kunstvoll arrangierte Szenen, die dem nüchtern klingenden Realismus immer wieder unterwandern. So auch in der titelgebenden Erzählung „Hase im Mond“, in der der Erzähler das ihn verstörende Doppelleben seines verehrten Professors entdeckt. Oder in „Kudo (alias Kohn), in der der Freund des Erzählers sich bis zur Selbstaufgabe mit dem Schmerz der Holocaustopfer identifiziert. Absurd-komisch erscheint auch der Plot von „Ikebana“, der Inszenierung eines Gespräches zwischen Freunden, von denen der eine eine extrem verstörende Beobachtung gemacht hat.

„Spaghetti Napolitan“ beendet den Reigen der Erzählungen mit einer fast kammerspielartigen Inszenierung: Eine eingeschneite Bar, eine Kellnerin, ein geheimnisvoller Gast und eine tragische Lebensgeschichte.

Alle neun Erzählungen sind atmosphärisch absolut stimmig komponiert. Flašars Sprache ist leicht zugänglich ohne oberflächig zu wirken. Die Geschichten strahlen Leichtigkeit aus, selbst dort, wo komplex arrangierte Ebenen aufeinandertreffen. Das Abgründige, Tiefe, Tragische serviert Flašar  mit klaren Bildern und klugen Sätzen.

Einen Punkt möchte ich kritisch anmerken, da er sich mir nicht aus dem Erzählten erschloss: Die Autorin verharrt bei ihren Erzählstimmen, auch den weiblichen, immer auf einem männlichen Blick. Durch diesen an manchen Stellen unpassend eingesetzten male gaze entsteht eine Unstimmigkeit zum Nachteil der weiblichen Figuren, die dadurch eine latente Abwertung erfahren.

Im Gesamtbild wirkt sich diese Unstimmigkeit jedoch nur als ein kleiner Schönheitsfleck aus. Der Erzählband ist uneingeschränkt zu empfehlen. Die Geschichten sind abwechslungsreich, unterhaltsam und tiefgründig. Genau das richtige für Fans der kürzeren Form.

  • Autorin: Milena Michiko Flašar
  • Titel: Der Hase im Mond
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach GmbH
  • Erschienen: August 2025
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3803133793

Wertung: 12/15 dpt

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