
Daniela Chmelik widmet ihren Roman „Die Bärin“ einer Frau, die durch den Verlust ihrer langjährigen Partnerschaft in ein schweres Gefühlschaos gerät.
Nach zehn Jahren Beziehung wird Dinah von ihrem Lebensgefährten verlassen, von jetzt auf gleich und wegen einer Jüngeren. Der Schmerz ist gewaltig, ihr Leben gerät völlig aus den Fugen. Sie kauft sich ein Bärin-Kostüm und macht ihren Ausnahmezustand sichtbar. Zugleich stellt sie obsessiv das Thema „Bär“ in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Das Kostüm, das sie anlegt, ist dabei nicht nur das sprichwörtlich schützende Fell, welches sie überstreift, sondern auch ein Instrument, um Distanz zu erzeugen, ebenso wie durch ihr teilweise befremdliches Verhalten.
Chmelik verdeutlicht diesen Wandel durch den Wechsel der Erzählperspektive: Aus der Ich-Erzählerin Dinah wird die dritte Person Singular, Dinah tritt hinter der Bärin zurück.
Er trennt sich.
Das Bärinfell ist bei der Post.
Ich hülle mich in den braunen Overall aus Fleece und
schreibe meine Notizen fortan unter dem Titel: Wie die Bärin ihren Kummer bewältigt.
Die Bärin bekommt von der freundlichen Ärztin in der
Gemeinschaftspraxis eine weitere Krankschreibung (…) und die Empfehlung, sich
einen Psychiater:in zu suchen.
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Ausführlich beschreibt Chemlik die Unvereinbarkeit der durch den emotionalen Ausnahmezustand freigesetzten Empfindungen. Dinah weiß, sie hängt an einem romantisiertem Idealbild, sie weiß, sie projiziert ihre Wunschvorstellung auf eine andere Person, sie weiß, man kann niemanden dazu zwingen einen zu lieben. Und doch will sie genau all diese Dinge tun.
Zum Glück wird sie in ihrem Kummer nicht allein gelassen. Familie und Freundinnen sind für sie da und so wird sie aufgefangen von ihrem sozialen Umfeld. Trotzdem muss Dinah ihre Lebenspläne vollkommen neu ausrichten und das bereitet ihr enorme Probleme.
An Dinahs Beispiel seziert Chmelik die Spannungen, die entstehen zwischen persönlichen Bedürfnissen einerseits und den Erwartungen andererseits, die durch gesellschaftliche Normen genährt werden. Dinahs Geschichte wird zum Ausgangspunkt für zahlreiche Reflektionen zum Thema Beziehung und „Liebe“. In den Gesprächen, die Dinah mit den Menschen in ihrer Umgebung führt, werden unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Ausführlich legt Chmelik offen, welche Schwachstellen hetero-normative Beziehungen besitzen können. Alternative Lebensweisen werden genannt, bekannte Feministinnen wie die Autorin Siri Hustvedt und die Philosophin Susan Sontag werden zitiert. Chmelik lässt ihre Bärin eine große Bannbreite unterschiedlicher Lebensentwürfe betrachten. Der Heilungsprozess wird zur Selbstfindung.
Sie fragt die Therapeutin: „Warum demontieren oder
dekonstruieren wir eigentlich mich und nicht das Patriarchat?” (…) „Ja, sagt
die Bärin. Es wäre doch viel nachhaltiger, das ganze beschissene System, das
Frauen entwertet und zur Selbstoptimierung aufruft, zu … dekonditionieren.“
Frau Schweig schweigt.
„Jetzt sagen Sie doch mal! Ja, Sie versuchen meine negative
Denke über mich selbst zu durchbrechen. Aber im Grunde muss doch das
Patriarchat durchbrochen werden. Das Patriarchat da draußen und“, die Bärin
denkt nach, „das Patriarchat in mir.“
Seite
94
Für ihren Roman hat Chmelik einen Sound kreiert, der permanant zwischen unterschiedlichen Gefühlslagen changiert. Mal klingt der Ton zärtlich, mal verletzt, dann wird er verletztend und grob, je nach Stimmungsbild der Protagonistin. Die Ambivalenz der Emotionen wird authentisch dargestellt und verlangt dabei auch den Leser:innen einiges ab. Denn Dinahs Schmerz ist langandauernd und exzessiv. Chmelik spart nicht an Redundanzen. Dabei versteht sie es sehr gut, Übertreibungen durch Humor aufzulösen. Das macht die Hauptfigur trotz aller schwer auszuhaltenden Widersprüchlichkeiten nahbar.
Auf den ersten Blick ist „Die Bärin“ vor allem ein sehr unterhaltsamer Roman über Liebeskummer, der die gesamte Klaviatur an Emotionen abdeckt. Aber das Buch ist noch sehr viel mehr. Chemlik ist ein grundfeministischer Roman geglückt, der Gewohntes in Frage stellt und zu neuen Denkweisen einlädt.
- Autorin: Daniela Chmelik
- Titel: Die Bärin
- Verlag: Ulrike Helmer Verlag
- Erschienen: Oktober 2025
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 200 Seiten
- ISBN: 978-3897414990

Wertung: 12/15 dpt






