Raffaella Romagnolo – Wir gehen mal los (Roman)

Auf den ersten Blick ist es keine wirklich neue Geschichte, die uns die italienische Autorin Raffaella Romagnolo mit „Wir gehen mal los“ präsentiert. Giandomenico begibt sich mit seinem Tennie-Sohn Amedeo auf eine zweitägige Bergtour. Er will den nach dem Unfalltod der Mutter aus der Bahn geworfenen Jugendlichen ins Leben zurückholen und die zwischen ihnen verloren gegangene Nähe wiederherstellen. Amedeo hat keinen Bock und bringt das auch deutlich zum Ausdruck. Doch der Vater setzt sich durch und die beiden ziehen los, um den Gipfel des Punta Liberté zu erreichen.

Die alpine Kulisse wird zum Spiegel ihrer Befindlichkeiten: Giandomenico ergeht sich in verklärter Nostalgie. Als Jugendlicher hat er diese Wanderung mit seinem Vater unternommen und dieses Erlebnis hat ihn nachhaltig geprägt. Er wünscht sich, auch sein Sohn möge die Schönheit der Natur als heilsam empfinden. Amedeo hingegen betrachtet die Berge als eine Bedrohung für die eigene, zerbrechliche Existenz. Die Tour entwickelt sich in vielerlei Hinsicht zu einer enormen Herausforderung.

„Der Weg ist schmaler geworden, kaum mehr als eine Zunge aus
Staub und Steinchen: rechts die steile Felswand, links nur gähnende Leere.
Und geradeaus geht es nicht weiter.

S. 52

Während die beiden ihren Weg fortsetzen, skizziert uns die Autorin die tragische Vorgeschichte in kleinen, leisen Rückblenden, die die Haupthandlung regelmäßig unterbrechen. Wir sehen eine liebevolle Familie aus Vater, Mutter und zwei Söhnen. Das Verhältnis zwischen Mutter und Amedeo war sehr vertraut. Völlig unaufgeregt zeigt Romagnolo uns die kleinen kostbaren Momente des Alltags, die in ihrer Summe das Glück dieses Famlienlebens definieren. Ein einfühlsames Bild entsteht. Romagnolo verzichtet völlig auf große, dramatische Szenen. Sogar das Unglück, welches die Familie trifft, lässt sie bestürzend beiläufig passieren, was die Hilflosigkeit der trauernden Protagonisten umso stärker zum Ausdruck bringt.

Sehr einfühlsam porträtiert die Autorin die verschiedenen Gesichter der Trauer. Während der Erwachsene seinen Schmerz verdrängt, indem er die Rolle des für alles Verantwortlichen annimmt, der zu funktionnieren hat, bedeutet für den Jugendlichen der Verlust eines geliebten Elternteils fehlenden Halt in einer Lebensphase, in der es mehr denn je Halt und Orientierung bräuchte.

Wie es Romagnolo gelingt, die komplexe Emotionalität ihrer Protagonisten abzubilden ohne klischeehaft zu dramatisieren, zeugt von großer Erzählkunst. Die kurze Form des Romans gereicht ihr dabei zum Vorteil. Nicht alles wird auserzählt, vieles wird nur angestossen.

„Wir gehen mal los“ hinterlässt trotzdem ein positives Gefühl, denn die Autorin lässt ihre Protagonisten ebenso wenig im Stich wie diese einander. Liebe, Zusammenhalt und Vertrauen, so die Botschaft, werden zur Rettung in schwierigen Zeiten.

  • Autorin: Raffaella Romagnolo
  • Titel: Wir gehen mal los
  • Originaltitel: Respira con me
  • Übersetzer: Peter Klöss
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: Mai 2026
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 176 Seiten
  • ISBN: 978-3257073898

Wertung: 13/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share