Philipp Möller – Bin isch Freak, oda was?! (Hörbuch, gelesen von Christian Ulmen)

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Philip Möller - Bin isch Freak, oda was?! (Hörbuch) Cover © Lübbe AudioBeim Debüt „Isch geh Schulhof“ war das Missverhältnis zwischen Cover und Titel auf der einen und Inhalt auf der anderen Seite sehr deutlich. Denn wenngleich es auch zahlreiche Szenen zum Schmunzeln in diesem literarischen Mitschnitt des möllerschen Aushilfslehrerseins gab, war einer der Grundcharakteristika jenes Buches scharfe Kritik an Schulsystem, Ignoranz und auch respektlosen Eltern. „Bin isch Freak, oda was?!“ greift den abgeschnittenen Faden seines Vorgängers zunächst auf, und Möller lässt seine Lehrerzeit noch einmal Revue passieren – wobei ihm besonders der bauernschlaue, aber doch irgendwie stets richtig liegende Kollege Rolf Geier, liebevoll „Geierchen“ genannt, ans Herz gewachsen war.

Möller dachte zuletzt, dass seine Unterrichtszeit wie bei den letzten Malen kurz vor knapp noch verlängert werden würde, doch da hat der Autor die Rechnung leider nicht mit der knallharten Realität gemacht, denn von jetzt auf gleich ist der Berliner Pädagoge arbeitslos – passende Stellenangebote finden sich nicht, das Aufsuchen der Agentur für Arbeit lässt sich nicht vermeiden, und so versucht er „dank“ Vermittlung, sich beispielsweise als Callcenter-Mitarbeiter durchzubeißen. Er stellt fest: Deutschland ist nicht etwa das Land der Dichter und Denker, sondern ein kunterbunter Haufen von Freaks – doch wie definiert sich das Freaksein? Und: Ist Möller selbst einer dieser Freaks oder entpuppt er sich als Spießer?

Mit viel Feinsinn geht der Ex-Lehrer der Sache auf den Grund und begegnet dabei deutschen Urlaubern im Ausland, optisch auffälligen Individuen, Bios und Veganern, Vereinsmeiern, Trendallergikern und -intoleranzlern, Fitnesscenterbesuchern, ehemaligen Kollegen, neuen Kollegen, Medienleuten, Punks, Gothics – und sich selbst. Bei seiner menschlichen Reise, die die ein oder andere Skurrilität und Absurdität zu bieten hat, schwingen auch in seiner neuen Veröffentlichung einige gesellschaftskritische Töne mit, und auch seine Einstellung zu Glaube und Religion, besonders im Kontext zur Jetztzeit, findet Erwähnung.

Im Vergleich zu „Isch geh Schulhof“ ist „Bin isch Freak, oda was?!“ entschieden lockerer und entspannter geschrieben und weiß durch zahlreiche komische Situationen bestens zu unterhalten. Sympathisch hierbei ist, dass Möller nicht etwa die mit dem Finger auf andere zeigende Schiene fährt – und wenn, dann eher ironisch behaftet -, sondern immer auch reflektiert an das Erlebte herangeht – nicht nur passiv, sondern auch aktiv, sprich selbstreflektierend. Und – Bonuspunkt! – selbstironisch, wie zum Beispiel in einer bestimmten Buchpassage, in welcher sich Termine ungünstig häufen, aber dennoch eingehalten werden wollen.

Christian Ulmen, als Satiriker, Schauspieler und Moderator aus zahlreichen Produktionen bekannt, ist die optimale Wahl für die Hörbuchausgabe, denn der gebürtige Rheinland-Pfälzer trägt die Erlebnisse und Gedankengänge Möllers sehr lebendig und mit wohldosierter Emotionalität vor, sodass der Hörer sich fast persönlich im Geschehen wähnt – und somit all die Kriterien, die ein gutes Hörbuch in seiner Gesamtheit ausmachen, erfüllt werden.

Man kann es nichht oft genug sagen: Auch wenn der Titel – wie es beim Vorgänger oder bei Sophie Seebergs „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey!“ ja auch der Fall war – im zerebralen Assoziationszentrum grellbunt „schlechte Privatfernsehen-Eigenproduktion!“ aufblinkt, so sollte man sich von der Verpackung nicht in die Irre führen lassen und in den Buchhandlungen die Einsortierung in „Unterhaltung“ ignorieren, denn wenngleich zahlreiche sehr unterhaltsame Szenarien und Szenen fester Bestandteil dieses Buches sind, ist „Bin isch Freak, oda was?!“ alles andere als ein Comedy-Buch, sondern hat neben der Unterhaltung erheblichen Mehrwert vielfältiger Natur – speziell, was die ernsten Zwischentöne betrifft.

Cover © Lübbe Audio

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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2 Kommentare

  1. Mich hat ehrlich gesagt auch der etwas schräge Titel abgeschreckt. Und das, wo ich „Isch geh Schulhof“ ziemlich gut fand. Aber nach deiner Rezi werde ich mir das Buch wohl doch mal genauer anschauen.

    LG Michaela

    • Chris Popp

      Ja, bescheuert, oder? Mit dem jüngst rezensierten Schakkeline-Buch ist’s ja genau so…. Da kann Marketing manchmal ganz schön viel kaputtmachen, bspw. durch Vorurteile, die entstehen können. Ich war mit mir auch am Hadern, war dann aber doch froh, es mir angetan zu haben.

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Philipp Möller – Bin isch Freak, oda was?…

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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