
Der Wendepunkt kommt, als Alex mit seiner Frau die Familien einlädt, um die kleine, gerade erst drei Tage alte Tochter zu zeigen. Alex‘ Mutter Lisette ist ebenfalls eingeladen und schon bevor sie eintrifft, ist Alex mehr als nervös. Wie befürchtet scheint sie vorher Alkohol getrunken zu haben, die kleine Frances ignoriert sie vollkommen. Stattdessen greift sie mit ihren Fingern in ihr Tortenstück und reagiert beleidigt, als Alex sie darauf anspricht. Seit Jahrzehnten schweigt Alex zum Alkoholkonsum seiner Mutter, deckt ihn seit Kindheit an und richtet sein Leben danach. Autor Alex Schulman schreibt in „Vergiss mich“ autobiographisch – und das macht das Buch, das auf dem Cover auch nicht als Roman ausgewiesen wird, umso authentischer und trauriger.
Vergangenheit und Gegenwart sind eng verflochten in Schulmans Buch. Die Versuche als erwachsener Mann Mitte 30, die Mutter auf ihren Alkoholismus anzusprechen, sie zum Entzug zu überreden und sie gleichzeitig nicht zu verärgern. Die Ereignisse in der Kindheit, wenn die Mutter ihren eigenen Kindern fast nur noch manipulativ begegnet und diese ihren Alkoholismus stillschweigend unterstützen. Mit der Lektüre dieses Buchs wird unheimlich eindringlich klar, wie Co-Abhängigkeit entsteht. Alex und seine beiden Brüder entsorgen sogar die leeren Alkoholflaschen, die sie beim Spielen in einem Schrank zufällig entdecken. Als Erwachsener trinkt er mit ihr, wenn sie ausgehen, um ihre gute Laune zu erhalten. Nach außen hin schützen sie ihre Mutter davor, dass ihre Alkoholabhängigkeit auffällt.
Unzählige kleine Situation schildert Schulman und jede einzelne macht deutlich, wie der Autor als Kind und als Erwachsener beständig zwischen der Liebe zur Mutter und der Wut auf sie schwankt. Ein Dilemma, in dem Familienmitglieder von Suchterkrankten stecken, und ein einziges Gefühlschaos zwischen Sehnsucht, Schuldgefühlen und Hoffnung. Dass selbst der Vater den Alkoholkonsum nicht unterbindet, sondern dieser zum unterhaltsamen Teil des Abends zählt, macht die Sache umso schlimmer. Teilweise ist es nur schwer auszuhalten, wenn Alex Schulman davon erzählt, wie seine Mutter ihn als junges Kind ignoriert und ihn mit Missachtung scheinbar für etwas bestraft, dessen er sich nicht bewusst ist. „Sie hat das so oft mit mir gemacht. Immer wieder. Jedes Mal, wenn ich bei ihr in Ungnade fiel, gab es mich zu Hause plötzlich nicht mehr.“
Dabei springt die Handlung nahtlos zwischen der Gegenwart, in der Alex seine Mutter in der Entzugsklinik anmelden will, und der Vergangenheit, in der er als Kind die Veränderung seiner lebenslustigen, liebevollen Mutter zur kranken und verletzenden Frau erfährt, hin und her. So ergibt sich nach und nach ein immer detaillierteres Bild davon, wie sich die Beziehung zwischen Mutter und Sohn verändert. Erschreckend ist dabei, wie lange schon die Alkoholerkrankung das Leben des Erzählers prägt und beeinflusst.
Fazit:
„Vergiss mich“ von Alex Schulman ist ein autobiographisches Buch, in dem es so ehrlich und direkt um Alkoholsucht und Co-Abhängigkeit geht, dass man beim Lesen dann doch ab und zu eine kleine Pause einlegen muss. Inhaltlich ist das nur schwer zu verkraften, literarisch ist der Text extrem einnehmend, präzise und sehr gefühlvoll geschrieben.
- Autor: Alex Schulman
- Titel: Vergiss mich
- Originaltitel: Glöm mig
- Übersetzerin: Hanna Granz
- Verlag: dtv
- Erschienen: 05/2025
- Einband: Hardcover
- Seiten: 256
- ISBN: 978-3-423-28480-6
- Buchkritik in der Frankfurter Rundschau zu Alex Schulmans „Vergiss mich“
- Alex Schulmans „Vergiss mich“ bei dtv

Wertung: 14/15 dpt







