Nnedi Okorafor – Tod der Autorin (Buch)

Geschichten überdauern das Ende der Menschheit

Nnedi Okorafor - Tod der Autorin (Buch) ©Ullstein
Cover© Ullstein

In „Tod der Autorin“ von Nnedi Okorafor ist die schwarze und querschnittsgelähmte Literaturwissenschaftlerin Zelu Onyenezi-Onyedele an einem Tiefpunkt angekommen. Ihr Job an der Universität wurde gekündigt, ihr Buch beim Verlag abgelehnt. Ihre aus Nigeria stammenden Eltern trauen ihr kein eigenständiges und erfolgreiches Leben zu, erst recht, als sie aus finanziellen Gründen wieder ins Elternhaus einzieht. Auch zu ihren Geschwistern ist das Verhältnis überwiegend angespannt. Zelu kifft, pflegt wechselnde Männerbekanntschaften und möchte genau so leben – ungebunden, frei und selbstbestimmt.

Auf der Hochzeit ihrer Schwester Amarachi lernt sie Msizi kennen, einen Südafrikaner, der ein Start-up in Durban betreibt. Ein Seelenverwandter. Diese Begegnung schenkt ihr den Mut und die Motivation, ein neues Buch zu schreiben, die Geschichte der „Rusted Robots“.

Von allen Robotern der Automatisierung, von den primitivsten Maschinen bis hin zu immateriellen KIs, sollten Humas den Menschen am ähnlichsten sein. Dennoch gab es Dinge, die wir Humas im Gegensatz zum Menschen nicht konnten, wie Sex haben, organische Materialien verdauen, Kinder gebären und Geschichten schreiben. Wir Humas lieben das Geschichtenerzählen über alles. Aber keine Automatisierung, weder KI noch Maschine, konnte Geschichten erzählen. Keine echten.S. 42

„Rusted Robots“ erzählt eine postapokalyptische Science-Fiction-Geschichte, die in Nigeria spielt. Die Menschheit ist nahezu ausgerottet, verschiedenartigste Roboter bevölkern die Erde. Die Huma Ankara gehört zu den Gelehrten, denn sie zieht umher und sammelt Geschichten. Ein Signal führt sie in die ehemalige Menschenmetropole Lagos, eine Stadt, die sich die Natur zurückeroberte.

Udide, die Roboter-Spinne, warnt Ankara vor einer Bedrohung durch die sogenannten Schwärmer, Weltraumroboter, die verrückt wurden. Sie drohen, die gesamte Erde zu vernichten. Bevor Ankara nach Cross River City gelangen und die Warnung an andere Humas weitergeben kann, wird sie von Ghosts beinahe zerstört. Ghosts oder NoBodies, wie sie sich selbst nennen, sind KIs, die wechselnde Körper nutzen. Ankara erwacht bei Ngozi, der letzten Menschenfrau, die sie wieder zusammenbaut. Und sie für ihr Überleben mit einer KI vereinigt. Der größte Konflikt der Roboter, Ghosts gegen Humas, findet nun im Körper der Gelehrten Ankara statt.

Zelu öffnete die Augen und lächelte. Fünfzehn Minuten waren verflogen, während sie Teile ihres Romans in Gedanken noch einmal gelesen hatte. Die rostenden Roboter ihrer Geschichte standen für Weisheit, Patina, Akzeptanz, das Annehmen dessen, was man ist, Narben Schmerz, Fehlfunktionen, notwendige Ersatzteile, Fehler. Das, was einem mitgegeben wurde. Das Endliche. Rostende Roboter starben nicht so wie Menschen, aber sie feierten die Sterblichkeit. Oh, sie liebte diese Geschichte und dass sie sich so wahr anfühlte.« S. 82

Zelus Buch „Rusted Robots“ wird ein Bestseller und sie selbst ein gefeierter Social Media Star. Doch der Ruhm zieht Erwartungen nach sich, die Zelu nicht erfüllen möchte, Entwicklungen, die ihr immer mehr entgleiten.

Herkunft und Identität

Auf dem Cover der deutschsprachigen Ausgabe von „Tod der Autorin“ wird George R. R. Martin in einem Blurb zitiert: „Hier steckt alles drin“. Es steckt zumindest sehr viel drin in diesen Geschichten. Unterteilt ist der Roman einerseits in Kapitel, die aus Zelus Sicht aus ihrem Leben erzählen: von ihrer Arbeit als Autorin, über ihre Rolle im Marketing um das Buch, ihr Beziehungsleben und ihre Kindheit. Und vor allem von ihrem Familienleben. Ihre Eltern stammen aus Nigeria. Ihr Vater stammt der Igbo-Ethnie ab, ihre Mutter ist eine Yoruba. Die unterschiedlichen Historien und Werte der beiden Volksgruppen prägen nicht nur das Leben der Eltern, sondern auch der Kinder. Die zudem ihre Identität als US-Amerikaner: innen mit ihren nigerianischen Wurzeln in Einklang bringen müssen.

In eingefügten Intermezzi erzählen Zelus Eltern, ihre Geschwister und ihr Partner Msizi über das Zusammenleben mit und ihre Beziehung zu Zelu. Intime Einblicke und kontroverse Standpunkte sorgen für Tiefe und Vielschichtigkeit in der Charakterzeichnung der Protagonistin; eine kluge, neugierige und zukunftsorientierte Frau, die bisweilen stur und wütend agiert. Deutlich zeichnet sich das Bild einer zerrissenen Familie ab, mit Zelu als Projektionsfläche von familiärer Erwartung und kulturellen Diskrepanzen. Für Zelu bedeutet dieses Spannungsfeld zwischen westlichen, post-kolonial geprägten Strukturen und nigerianischer Kultur Scheitern und Kampf gegen innere Dämonen. Dem gegenüber steht ihr kompromissloser Glaube an die Kraft der Veränderung und ein leidenschaftlicher Mut, sich nicht mit Schicksalsschlägen und Einschränkungen abzufinden.

Mythos und Zukunftstechnologie

Andererseits erzählt der Huma-Roboter Ankara in „Rusted Robots“ die Geschichte um zerstörerische Konflikte zwischen Robotern in einer transhumanen Ära. Insbesondere die Geschichte zweier künstlicher Lebensformen, dem menschenähnlichen Huma Ankara und der KI und NoBody IJele, ist eine zutiefst menschliche. Nämlich eine Geschichte darüber, wie Gemeinschaft und Freundschaft ideologische Grenzen überwinden, Brücken bauen und versöhnen.

Ein typischer Nnedi Okorafor Roman – und doch anders

Wie man es von der Autorin kennt, schreibt Nnedi Okorafor ihre beiden Geschichten in „Tod der Autorin“ ganz nah an den Protagonisten. Allein dadurch erscheinen ihre Figuren nahbar, auch wenn sie nicht zu Identifikationsfiguren werden. Zelu erinnert manchmal die Protagonistin Phönix aus Okorafors Science-Fiction Roman „Das Buch des Phönix“, die wiederum ein wenig an die „X-Men“ erinnert. So gelingt das Überspringen von Genregrenzen, vom Familien-Drama zur Postapokalypse. Ein detailverliebtes Worldbuilding lässt die Schauplätze lebendig wirken. Egal ob sich Zelu durch die turbulente City Chicagos bewegt, am ruhigen Seeufer des Lake Michigan oder durch die Igbo-Dörfer in Nigeria auf den Fußspuren ihrer Familie. Oder Ankara durch das postapokalyptische Nigeria streift, durch die von der Natur überwucherte ehemalige Metropole Lagos, oder durch das erblühende, posthumane Cross River City. 

Ankaras und Ijeles Geschichte führt zu mythologischen Elementen, denen Nnedi Okorafor immer einen Platz in ihren Romanen einräumt. In „Tod der Autorin“ begegnen wir der Spinne Udide. Sie stammt aus der Igbo-Mythologie und stellt die höchste Künstlerin dar, die aus gesammelten Fragmenten etwas Neues erschafft. Nnedis Leser:innen kennen sie aus Büchern wie „Akata Witch“ und „Lagune“.

Fazit

Nnedi Okorafor verwebt in „Tod der Autorin“ ein mitreißendes Familiendrama und eine postapokalyptische Robotergeschichte zu einem Roman über das Geschichtenerzählen. Die Kapitel um die Protagonistin Zelu thematisieren einerseits das Entstehen, aber auch über die Demontage der Geschichte um die „Rusted Robots“. Welches Narrativ überlebt den Hype und den Shitstorm und verbleibt im kollektiven Gedächtnis? Ankaras und Ijeles Geschichte hebt den verbindenden und heilenden Charakter von Geschichten hervor. „Tod der Autorin“ verbindet Moderne, Mythos und Zukunftstechnologie mit persönlichen Schicksalen nigerianischer Einwanderer in den USA. Sowie mit Fragen rund um die Verantwortung für unser kulturelles Erbe. Dabei ist „Tod der Autorin“ vor allem eins: eine leidenschaftliche Hommage an die Kraft des Geschichtenerzählens.

  • Autorin: Nnedi Okorafor
  • Titel: Tod der Autorin
  • Übersetzerin: Corinna Rodewald
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 01/2026
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 528
  • ISBN: 978-3-550-20439-5
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt

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