Samuel W. Gailey – Komm mit mir (Buch)

Eine Leiche zu Karfreitag

Karfreitag 1988.In dem verschlafenen Black Walnut in Pennsylvania wird Pastor Cap vom lauten Geschrei etlicher Krähen geweckt. Als es ihm gelingt, die Vögel zu verscheuchen, erkennt er den Anlass für das Spektakel. Eine Blutlache und ein toter Mensch. Erschossen auf Kirchengelände.

Rückblende: Fünfzehn Tage zuvor kann Cap in letzter Minute die junge, gehörlose Frau namens Tess aus ihrem Wagen ziehen, bevor dieser einen Abhang hinunterstürzt. Dabei war dies kein Unfall im herkömmlichen Sinn. Vorübergehend nimmt Cap sie in der alten Pfarrwohnung auf, was schon bald zum Stadtgespräch wird und für Unruhe sorgt. Auch andere Bewohner von Black Walnut haben es schwer. Die achtundzwanzigjährige Robin zum Beispiel, die nicht weiß, wie sie ihre drei Kinder durchbringen soll. An zwei Tagen arbeitet sie in der Kirche, während ihr Mann das wenige Geld versäuft und oft zu häuslicher Gewalt neigt. Bei der fünfzehn Jahre älteren Maggie hängt der Haussegen ebenfalls gewaltig schief, ebenfalls dank des Ehemanns, der sich wiederholt zu anderen Frauen hingezogen fühlt und dann wäre noch Sohn Butch, der von Mitschülern täglich schikaniert wird. Den ebenfalls mitwirkenden Sheriff Lester kennt man übrigens aus „Tiefer Winter“, hier wie da spielt er eine kleine Nebenrolle.

Die Idylle der Kleinstadt trügt, sofern es sie jemals gab. Bald ereignen sich erste Todesfälle, nicht alle sind natürlicher Art. Dann wären in der ohnehin aufgeheizten Stimmung noch wichtige Fragen zu klären: Wer ist das Opfer vom Karfreitag? Wer der Mörder? Und nicht zuletzt: Vor wem oder was läuft Tess eigentlich weg?

Kleinstadthölle unter dem Brennglas

Nach „Die Schuld“ und „Tiefer Winter“ ist der vorliegende Titel bereits der dritte im Polar Verlag erschienene Roman von Samuel W. Gailey, der es versteht, außergewöhnliche Geschichten ebenso zu konstruieren. Das Setting ist ein Erlebnis, wenngleich es natürlich keine neue Erfindung ist, dass die Handlung mit einem Mord respektive dem Auffinden einer Leiche beginnt. Danach folgen gut zweihundert Seiten Rückblenden bis die eingangs gestellten Fragen beantwortet werden. Bis dahin gibt es aufgrund der erwähnten Gemengelage mehrere Personen, die gleichermaßen als Täter wie Opfer in Frage kommen.

„Du solltest mit so was echt zu Doc Pete.“

„Der stellt zu viele Fragen. Zu viele Wie und Warum.“

Selbst Cap fragt sich nach Auffinden der Leiche, ob er womöglich selbst der Mörder war? Er sollte nicht jeden Tag zu allen Uhrzeiten große Mengen Whisky in sich hineinkippen, nur, weil sein Leben auf einer Lüge basiert. Schließlich wollte er nie Pfarrer werden, die Nachfolge seines Vaters sollte sein Bruder antreten. Doch es kam auf tragische Weise anders und nun hängt Cap nicht nur an der Flasche, sondern auch in Black Walnut fest. Dabei ist er keineswegs ein frommer Mann und ein noch viel größeres Geheimnis lässt ihn seinen Kummer ertrinken wollen.

Wie die Familientragödien immer mehr eskalieren, betrachtet Samuel W. Gailey detailliert. Er zeigt die trügerische Idylle als Kleinstadthölle, seziert mit einem Brennglas, welche kaum grundlegende Themen auslässt. Rache, Missbrauch, Betrug, Verrat, aber auch die zärtlichen Pflanzen namens Vertrauen und Freundschaft wirken gewaltig – mitunter gar gewalttätig. Am Ende liegen alle Geheimnisse auf dem Tisch und völlig überraschend stehen nicht alle Protagonisten vor einem finalen Scherbenhaufen.

  • Autor: Samuel W. Gailey
  • Titel: Komm mit mir
  • Originaltitel: Come Away From Here. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf
  • Verlag: Polar
  • Umfang: 288 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: April 2026
  • ISBN: 978-3-910918-46-7
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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