Lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende?
Mit dem Satz „Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.“ enden so manche Märchen der Gebrüder Grimm. Der Roman „Deadly ever after – Blut und Schnee“ von T.S. Orgel denkt über die glücklichen Enden der Märchenwelt hinaus. Und erzählt, wie die Geschichten von „Schneewittchen“, „Das tapfere Schneiderlein“, „Hans im Glück“ und „Der Froschkönig“ weitergehen könnten.
Die weiße Kaiserin, einst nannte man sie Schneewittchen, überzieht das Land mit Krieg und erobert ein Fürstentum nach dem andern. Sie macht Jagd auf alle Geschöpfe, die Magie wirken können und entzieht ihnen die Kraft mit Hilfe von Spindeln. Doch eine tapfere Armee stellt sich ihr entgegen, angeführt von Fürst Streich, der einst als tapferer Schneider berühmt wurde. Doch die Wilde Jagd stellt die Widersacher und die Rote Baronin statuiert ein Exempel auf dem Markt in Brechstein. Hilflos muss Streichs Neffe Tristan mit ansehen, wie sein Onkel gehängt wird und seine Mitstreiter mit magischen Fähigkeiten in eiserne Käfige gesperrt werden. Was kann Tristan, dem jegliches magisches Talent fehlt, nun tun?
Zufallsbegegnungen mit Linde, der Metzgerin, über die Gerüchte als böse Stiefmutter und Mörderin hört, und einer alten Zauberin, der Kneiss, verhelfen ihm aus der Schusslinie der kaiserlichen Truppen, der Rotkappen. Weil sich die Kneiss für ihre alte Hündin und für Tristan opfert, entkommt die Gruppe. Und macht sich auf die Suche nach Hulda, der Schwester der Kneiss. Sie ist vielleicht die Einzige, die die Weiße Kaiserin und ihre Schergen besiegen kann. Doch bevor es so weit ist, schließen sich Tristan, Linde und der Hündin weitere Mitstreiter wie Hans (aus „Hans im Glück“ und Hänsel und Gretel“) und Ran (aus „Der Froschkönig“) an. Ihre gemeinsame Abenteuerreise führt sie nicht nur in alternative Varianten bekannter und weniger bekannter Märchen, sondern an bizarre Schauplätze, in düstere Gefahren und aussichtslose Situationen. Werden Cleverness, Dreistigkeit oder einfach rohe Gewalt Tristan, Linde und ihre Gefährt:innen an den Kaiserlichen Hof bringen?
Alle können Held:innen sein
„Deadly ever after – Blut und Schnee“ von T.S. Orgel erzählt einen Roadtrip durch die Grimm’schen Märchenwelten mit Abstechern zu weiteren Sagen, zum Beispiel aus dem angelsächsischen und slawischen Sprachraum. Zugleich ist die Geschichte ein eigenständiges Abenteuer, das auch ohne Kenntnis der darin einfließenden Märchen funktioniert. Allerdings macht es Spaß, zu erleben, wie Tom und Stephan Orgel bekannte Märchen umgedeutet und ihnen unerwartete Wendungen verliehen haben. Insbesondere die Figuren brechen mit den stereotypen Bildern und zeigen gänzlich andere Seiten als die hinlänglich bekannten. Aus dem unschuldigen Schneewittchen wird eine clevere Tyrannin, die glaubt, das Richtige zu tun. Aus der bösen und eitlen Stiefmutter wird eine robuste und taffe Kämpferin mit Herz. Und Ran, der Froschkönig demonstriert, wie unrealistisch Gestaltwandler dargestellt werden, wenn sie stets die passende Kleidung tragen, sobald sie wieder die menschliche Form annehmen:
Tristan kommt ohne ein Vorbild aus der Märchenwelt aus und ist zunächst der typische Antiheld, der für seinen Onkel auf Rache sinnt. Aus Tollpatschigkeit entwickelt er eine Superkraft, mit der er aus verschiedenen Märchen stammenden Mitstreiter zu Teamwork motiviert und in der Interaktion über sich hinauswächst.
Ach, wie gut ist, das niemand weiß.
Nichts ist, wie es zunächst scheint in „Deadly ever after“. Nicht nur die Entwicklung der Figuren, sondern auch die der Handlung überrascht immer wieder. Schuldige werden zu Verbündeten und umgekehrt. Düstere Schauplätze, Intrigen und bisweilen bluttriefende Kämpfe wechseln sich mit skurrilen Ideen und witzigen Dialogen ab. Das ist es, was die Story spannend und abwechslungsreich macht und für Überraschungsmomente sorgt, die im klassischen Märchen eher selten zu finden ist.
Fazit
„Deadly ever after Blut und Schnee“ erzählt ein mitreißendes Abenteuer und populäre Märchen aus einer ungewohnten Perspektive. Anstatt auf einer Held:innenreise sind die Protagonist:innen auf einer Flucht vor Krieg und Verfolgung unterwegs. Anstelle guter Menschen und böser Kreaturen laufen, leben, leiden und lavieren hier Individuen, die den Charakter ihres märchenhaftes Vorbilds vertiefen und verwerfen. Und präsentieren Lesenden somit eine spannende, moderne und außergewöhnliche Sichtweise auf ein wertvolles und wichtiges Kulturgut – den Märchen und Sagen aus Europa.
- Autor: T.S. Orgel
- Titel: Deadly ever after-Blut und Schnee
- Verlag: Heyne
- Erschienen: 02/2026
- Einband: Hardcover
- Seiten: 416
- ISBN: 978-3-453-27556-0
- Sonstige Informationen:

Wertung: 12/15 dpt








