Bret Anthony Johnston – We Burn Daylight (Buch)

Es ist eines jener Geschehnisse, die die Welt erschüttern: Am 19. April 1993 sterben 76 Menschen im Flammeninferno von Waco. Der Hintergrund: Aufgrund des Verdachts auf unerlaubte Schusswaffen initiiert das ATF am 28. Februar 1993 eine Razzia auf dem Mount Carmel Center der Branch Davidians-Sekte um David Koresh. Es kommt zu einem Schusswechsel, bei dem mehrere Beamte und Sektenmitglieder sterben. Nach einer 51-tägigen Belagerung durch US-amerikanische Behörden kommt es zur Katastrophe. Auf dem Gelände brechen mehrere Feuer aus, in dem der Großteil der Sekte, Kinder eingeschlossen, ums Leben kommt. Bis heute ist unklar, wer für den Brand verantwortlich ist.

Bret Anthony Johnston erinnert an dieses dunkle Kapitel der amerikanischen Geschichte mithilfe eines Romans, der uns an einen Vorfall heranführt, der den meisten Menschen heute unbegreiflich sein dürfte.

Roy ist der Sohn des hiesigen Sheriffs. Der Bruder befindet sich im Auslandseinsatz, die Mutter verliert sich in ihrer Arbeit als Pflegekraft, um sich von der Angst um ihren ältesten Sohn abzulenken. Roy ist ein stiller Typ, der zumeist auf sich allein gestellt ist und sich im Knacken von Schlössern übt. Bis er Jaye trifft.

Jaye und ihre Mutter lernen durch Zufall den charismatischen Perry kennen, der sich bald Lamb nennt. Das Lamm. Sein Einfluss auf ihre Mutter ist so groß, dass sie ihm nach Waco/Texas folgen, um dort innerhalb der Branch Davidians zu leben. Jaye, die Perry skeptisch gegenübersteht, findet sich nur schlecht in die Strukturen ein und glaubt nicht an die Lehren, die er verbreitet. Auf ihren Streifzügen außerhalb des Geländes trifft sie auf Roy. Doch während zwischen den beiden Jugendlichen eine zarte Verliebtheit entsteht, schlagen die Entwicklungen rund um das Mount Carmel Center eine bedrohliche Richtung ein. Aufgrund des Verdachts auf unbefugten Schusswaffenbesitzes und des Vorwurfs des Missbrauchs Minderjähriger gerät Perry immer mehr ins Visier der Behörden. Bis das ATF das Gelände stürmt.

Das, was Bret Anthony Johnston seinen LeserInnen bietet, ist eine gelungene Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität. Während er sich genauestens an die historischen Ereignisse um Waco hält, setzt er die erfundenen Figuren Jaye und Roy in das Geschehen ein, um neue Perspektiven zu eröffnen. Vermutlich erinnert sich jede/r an die Bilder aus Waco. Dabei bleibt vor allem eine Seite im Dunkeln: Wie erlebten die EinwohnerInnen den Ausnahmezustand, deren Stadt nun zum Mittelpunkt in den Nachrichten wurde? Wer kümmerte sich um die Bewohner, die nichts mit den Geschehnissen zu tun hatten, aber zu nah waren, um nicht betroffen zu sein? Roy füllt mit seiner Familie eine Lücke aus, die bislang unsichtbar war.

Klug agiert der Autor bei der Rolle des Sektenführers. Anstelle Koreshs beruft er sich hier auf die künstlerische Freiheit und ersetzt den realen Propheten, wie Koresh sich bezeichnete, durch den fiktiven Sektenführer Perry. Dadurch umgeht er mögliche Fehler in der Beschreibung der Persönlichkeit und beweist gleichzeitig, dass David Koresh kein Einzelfall sein muss.

Was dem Autor zudem gelingt, ist das Ablehnen eines Urteils. Nicht nur die Sekte, auch das ATF und das FBI standen unter Kritik, nachdem es zum Äußersten gekommen war. Immer wieder drängt sich die Frage auf: War es nötig? Waren die Maßnahmen der Behörden noch angemessen? Und welcher Mensch lässt seine Anhänger im Feuer sterben? Johnston reagiert auf diese Fragen, indem er seiner Leserschaft eine freie Meinungsbildung zumutet. Dies erreicht er mit dem Protokoll des Podcast Über das Lamm. Hierin lässt er zu Beginn seiner Kapitel Beteiligte aller Seiten zu Wort kommen, sodass sich ein umfassendes Bild ergibt, jedoch keine einfache Antwort zulässt.

Wozu braucht es heutzutage noch Romane, die sich solcher schweren Themen annehmen und die LeserInnen doch mehr in Trauer zurücklassen als in dem guten alten Wohlgefühl des Sonntagskrimis, der sich gemütlich auf der Couch lesen lässt? Um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Um zu erinnern. Um zu mahnen. Um das kritische Urteilsvermögen zu aktivieren. Um die Menschen anzuhalten, selbst zu denken und sich in die Perspektive anderer hineinzuversetzen. Vorurteilen ist einfach. Es ist das vernünftige Urteil, das manchmal überfordert.

  • Autor: Bret Anthony Johnston
  • Titel: We burn daylight
  • Verlag: C.H.Beck
  • Umfang: 493 Seiten
  • Einband: gebundenes Buch
  • Erschienen: 2025
  • ISBN: 978-3-406836923

Wertung: 15/15 dpt

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