Die Vergangenheit lässt einen nicht los

September 2023 in den Westfjorden. Kriminalermittlerin Hildur hilft beim Schafabtrieb in Strandir, der eine schockierende Wendung erfährt. Auf einem Pass wird die Leiche einer jungen Frau gefunden, deren Gesicht völlig zerhackt ist. Offenbar wurden Raben durch eine glitzernde Perlenkette besonders angelockt. Nach einem Presseaufruf meldet sich eine Freundin der Toten, die diese anhand der beschriebenen Kleidung erkennt. Es handelt sich um die dreiundzwanzigjährige Paula Wolf, die seit zwei Jahren für ein Hotel in Reykjavik arbeitet. Zuletzt saß sie in der Psychiatrie, nachdem sie ihr gerade geborenes Kind in einer Mülltonne im Innenhof des Hotels aussetzte.
In der Hauptstadt erfährt Hildur, dass bei ihrem ersten Fall im Jahr 2002 offenbar ein gravierender Fehler unterlaufen ist. Ihr damaliger Kollege und Freund James Jensson, dem sie nach einer bitteren Trennung nie mehr wiedersehen wollte, hatte beim Tod eines jungen Mädchens vorschnell auf einen Selbstmord oder Unfall getippt. Die Ermittlungen wurden eingestellt, doch jetzt sieht Hildur, dass Hekla, das damalige Opfer, schwanger war. Die Orte, an denen Heklas und Paulas Leichen gefunden wurden, ähneln sich zudem. Der alte Fall wird neu aufgerollt und erneut ist James wieder dabei, nachdem er aus dem Ausland zurückgekehrt ist.
Während Hildur in Reykjavik ermittelt, soll ihr Kollege Jakob in Isafjördur eine isländische Drogenkurierin aus Finnland zurückholen und ihr einen Deal anbieten, um an die Hintermänner heranzukommen. Gleichzeitig versucht Hildurs geliebte Tante Tinna herauszufinden, was es mit dem Verschwinden ihrer älteren Schwester Hulda auf sich hat. Diese verließ 1975 Island in Richtung Dänemark, lebte später auf den Färöern, wo sie starb. Aber warum kehrte sie nie zurück, warum hat sie sich nie mehr bei Tinna gemeldet?
Fünfter Fall für Jakob und Hildur
Die ursprünglich als Trilogie angelegte Serie geht in ihren fünften Fall, in dem es gleich mehrere Fälle zu lösen gilt. Der aktuelle Mord an Paula, jener gut zwanzig Jahre zurückliegende Mord an Hekla, die brutale Misshandlung und Erpressung einer Jugendlichen, alte kriminelle Machenschaften in einem Jugendheim und nicht zuletzt Huldas Verschwinden, welches ebenfalls einen kriminellen Aspekt bietet. „Das Tal der Schuld“ heißt im Original „Tinna“ und weist darauf hin, dass es einmal mehr tiefe Einblicke in Hildurs Familiengeschichte geben wird. Bereits zu Beginn der Serie kam die Frage auf, was aus ihren jüngeren Schwestern Björk und Rosa wurde, die eines Tages nicht von der Schule heimkamen. Auch der Unfalltod ihrer Eltern Rakel und Rúnar hinterließ Fragen, die im letzten Band „Die Toten am Meer“ (Originaltitel “Rakel“) beantwortet wurden. Was mit Björk und Rosá geschah ist ebenfalls bekannt, sofern man denn die Vorgänger kennt. Da das private Umfeld Hildurs einen nicht unwesentlichen Umfang einnimmt, gleiches gilt mit geringerem Umfang auch für Jakobs Familiengeschichte, sollte man die Vorgänger kennen. Ansonsten hinterlassen diesbezügliche Verweise überwiegend Fragezeichen zurück. Allerdings kann man die Romane auch unabhängig voneinander lesen, wenn einem die privaten (aber teils durchaus kriminellen) Aspekte nicht so wichtig sind. Fans skandinavischer Krimikost werden und sollten die Reihenfolge einhalten.
Es gibt das vertraute Setting in Isafjördur, wo Hildur als Kriminalermittlerin arbeitet. Polizeichefin der Westfjorde ist Beta, deren Zeit aber abläuft, was den Platz frei macht für Jakob, der anders als Hildur an dem Job interessiert ist. Es bleibt also spannend in einem möglichen und sehr wahrscheinlichen sechsten Teil, wenn die beiden mit neuem Rollenverständnis zusammenarbeiten werden. Bis dahin darf über einige Seiten gesurft (Híldur) und gestrickt (Jakob), so wie in Gegenwart und Vergangenheit recherchiert werden. Wie der Buchtitel im Original vorwegnimmt, nimmt Tinna einen größeren Teil der Handlung mit ihren „Ermittlungen“ ein. Am Ende werden viele Auflösungen präsentiert, sowohl hinsichtlich der Kriminalfälle wie des Familienlebens. Allein, Rosá fühlt sich zum Leidwesen Hildurs im Gefängnis wohl und schweigt sich über die wahren Täter des illegalen Handels mit Stutenblut aus, wenngleich auch hier von unerwarteter Seite Hilfe naht. Gekonnt wird das Leben Hildurs und ihrer Familie weitererzählt, gleiches gilt für Jakob, dessen Freundin Gudrun neuerdings auf Familiennachwuchs drängt, was dieser vermeiden möchte. Die dramatischen Ereignisse rund um seinen Sohn Matias wirken noch nach, wenngleich dieser nach dem Tod seiner Mutter seit fast zwei Jahren in Island lebt und sich gut zurechtfindet.
Abschließend noch mal kurz zum Krimiplot: In Island werden, so ist es im Nachwort der Autorin zu lesen, viele Geschichten über ausgesetzte Säuglinge erzählt, die den Lebenden später als Gespenster erscheinen. Das Thema „Aussetzungen“ war der Ausgangspunkt von „Das Tal der Schuld“. Es gibt mehrere Verdächtige, die den Spannungsbogen hochhalten, das Tempo ist flott und wird selbst durch die zahlreichen privaten Einsprengsel nur bedingt gedrosselt, da man – zumal als Fan der Serie – ja wissen möchte, welche Geheimnisse noch gelöst werden. Nicht zuletzt überzeugt einmal mehr Island selbst mit seiner gewaltigen Hintergrundkulisse als heimlicher Star der Erzählung. Wäre es nicht so weit weg, man würde sich umgehend auf Spurensuche vor Ort begeben.
- Autorin: Satu Rämö
- Titel: Hildur – Das Tal der Schuld
- Originaltitel: Tinna. Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
- Verlag: Heyne
- Umfang: 432 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: September 2026
- ISBN: 978-3-453-44412-6
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Wertung: 12/15 dpt







